Mit diesem Buch des schwedischen Autors Marten Melin stößt der Klett Kinderbuchverlag nach „Etwas mehr als Kuscheln“ zum zweiten Mal in den Bereich Jugendliteratur vor. Auch das ein Feld, auf dem allerlei Regeln und Erwartungen und Stereotype herrschen. Selbst im eigentlich so freizügigen Schweden. Da diskutieren die Erwachsenen heftig über Melins Bücher. Die Kinder lesen sie mit Begeisterung.

Möglicherweise als Ratgeber. Denn Melin thematisiert so schreckliche Dinge wie erste Liebe, Eifersucht, Sex. All das Zeug, das junge Menschen wahnsinnig machen kann, wenn der Körper anfängt, seine Hormonausschüttungen zu steigern und den pubertierenden Körper auf all das vorzubereiten, was 70 Prozent der ganzen Jugendliteratur durchglüht. Ist ja auch schrecklich, diese Zeit. Und die schlichte Wahrheit ist: Die meisten Erwachsenen können damit nicht umgehen.

2.000 Jahre Gehirnwäsche haben das Thema in etwas verwandelt, was man nicht mal als Tabu bezeichnen kann. Eher in ein Wechselbad der Extreme – auf der einen Seite eine geradezu besessene Sexualisierung fast aller Medien und Lebensbereiche, eine mal verkappte, mal völlig unverstellte Pornografie, die vor allem Frauen und Mädchen zum reinen Sex-Ojekt stilisiert.

Und auf der anderen Seite die ganze bürgerliche Prüderie, die so tut, als würden junge Menschen mit 13 Jahren nicht in die Pubertät kommen und in lauter Zwangslagen geraten, weil sie nicht wissen, wohin mit dem hormonell gesteuerten Bedürfnis. Natürlich besteht immer die Gefahr, die vor allem Eltern sehen: Dass ihre Tochter schwanger werden könnte oder Sohnemann zum Vater. Wobei auch immer mitspielt, dass sich die zumeist jungen Eltern einfach nicht vorstellen möchten, dass ihre Kinder jetzt auf einmal selber Sex haben. Gar noch im Kinderzimmer, wo noch die Elfenbilder an der Wand hängen.

Das eher Ungewöhnliche an Melins Buch ist, dass er diesmal nicht in die Rolle von Manne schlüpft, sondern in die von Isa, dessen Kindheitsfreundin, die nicht nur eine große Sehnsucht in sich trägt, sondern auch das kesse Selbstbewusstsein eines ganz modernen Mädchens. Na ja. Was man so für modern hält. Denn die modernen Jugendwelten sind ja nicht wirklich von Jugendlichen gemacht, auch wenn sie das glauben und dabei versuchen, den Rollen zu genügen, die fortwährend von allen möglichen Medien produziert werden, die in jungen Nutzern vor allem eine Konsumentengruppe sehen, der man allen möglichen Schnickschnack verkaufen will.

Das scheint auch heutigen Jugendbuchautoren oft gar nicht bewusst zu sein, wie sehr dieser allgegenwärtige Zugriff von „Jugendmedien“ das Welt- und Selbstbild junger Menschen prägt, verändert, noch viel schwieriger macht. Denn wenn zum eh schon komplizierten Gefühlsleben dann auch noch die inszenierten Status- und Zickenkriege dazukommen, dann landet man zwar in einer dieser völlig schrillen Highschool-Komödien – aber was richtet das mit jungen Menschen an, die in dieser Lebensphase eigentlich das Wichtigste über sich selbst, ihre Gefühle und ihr Selbstbewusstsein lernen müssen?

Denn es ist eine harte Lernphase, auch wenn Isa das sehr zielstrebig und überlegt angeht. Immerhin braucht es clevere Strategien, wenn man den Jungen seiner Wahl bekommen möchte, überzeugen möchte, dass das jetzt richtig ist. Was ja auch schiefgehen kann, mehrfach, denn der Junge könnte durchaus anders denken, die Freundinnen könnten das ebenso völlig anders sehen. Und wie war das eigentlich damals mit dem schrecklichen Vorfall, der Amanda dazu brachte, die Schule zu wechseln?

Heranwachsende können ziemlich gemein sein. Erst recht, wenn sie nicht gelernt haben, mit ihren Gefühlen souverän umzugehen. Das ist eigentlich dran in dieser Zeit. Aber was Melin da erzählt, zeigt eigentlich eine Welt, in der die Jugendlichen mit sich und ihren Gefühlen ziemlich allein sind. Und auch wenige Erwachsene da sind, die ihnen ein bisschen Gelassenheit vermitteln. Isas Vater gehört dazu. Isas Mutter schon nicht. Man landet mittendrin in einer ganzen Reihe peinlicher Situationen, die so typisch sind und die viele Jugendliche so aus eigener Erfahrung kennen.

Was die Sache ja nicht weniger verzwickt macht. Denn wie sollen junge Menschen Souveränität lernen, wenn nicht mal die Eltern souverän agieren, eher mit den alten Schablonen aus Omas Zeiten, als das alles noch viel strenger war und die Sache mit der sexuellen „Aufklärung“ noch viel weiter verschoben war ins Erwachsenenleben und noch mit viel mehr moralischen Restriktionen verbunden?

Aber unübersehbar leben Isa und ihre Freundinnen in einer Welt, in der man mit 13 schon eine Menge mehr weiß als die Eltern und Großeltern in dem Alter. Nur eines hat sich augenscheinlich nicht geändert: die Ratlosigkeit aller Beteiligten, wie man mit diesen erwachenden Gefühlen umgehen soll. Auch die sonst so freien Schweden scheinen da doch sehr ratlos zu sein und lieber auszublenden, dass diese ganze Chose mit all ihren Verwirrungen nun einmal bei den meisten Kindern mit 13 beginnt.

So eine stille Botschaft von Melins Buch ist eigentlich: Lasst euch nicht irre machen, Kinder. Das ist normal. Und: Lebt eure Liebe und eure Verwirrung. Auch wenn es nicht gleich toll wird oder souverän. Auch die Anderen tun meistens nur so. Und die mit der größten Klappe haben meist die wenigste Ahnung. Aber alle tun so. Wir leben auch in einer Welt, in der Sex und Liebe zum Wettbewerb verkommen sind, okkupiert von Leuten, die hier eigentlich nichts zu suchen haben – aber mit ihren Magazinen, Filmen und anderen Werbeplattformen fortwährend ein schlechtes Gewissen produzieren, wenn einer keinen Sex, Sex-Appeal oder tolle Sex-Partner hat.

Isa nimmt es später gelassen, hat ein paar Dinge gelernt über diese Hummeln im Bauch und die Ehrlichkeit unter Freunden, aber auch über Trauer, denn mit dem Hund Tanja kommt auch noch das Elementarste am Leben mit ins Spiel. Es gibt Küsse und Tränen, innige Nähe und richtigen Ärger unter Freundinnen. Verständlich, dass sich viele junge Schweden in Melins Büchern wiedererkennen. Und dass Erwachsene sich schwertun, was viel damit zu tun hat, dass 90 Prozent dessen, was in unserer Gesellschaft so als „Coolness“ verkauft wird, nicht mehr als schöner Schein und große Klappe ist. In Wirklichkeit kommen auch die meisten Erwachsenen nie wirklich aus der Pubertät heraus, müssen dann aber eines Tages so tun, als hätten sie das hinter sich.

Vielleicht sollte dieser Melin auch mal in die Rolle von Isas Eltern schlüpfen. Da könnten wir vielleicht noch ein bisschen mehr lernen über Irrungen und Wirrungen. Und die Narretei einer Gesellschaft, die sich aufgeklärt und kindisch gibt, aber in Herzensdingen herumdruckst wie – na ja – eine Jugendliche in der Verwirrung der Hormone.

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