Wie Arzneien in unserem Körper wirken und wie Pharmakologie erst zur Wissenschaft wurde

Je mehr Starthilfen die Edition am Gutenbergplatz Leipzig veröffentlicht, umso deutlicher wird, wie umfassend unser heutiges Wissen schon ist und wie komplex viele Einzelwissenschaften, die von Politikern behandelt werden, als wären es nur überflüssige Bauteile in einem Hochschulsystem, auf die man aus „Effizienzgründen“ einfach mal verzichten kann. Pharmazie zum Beispiel.
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In Leipzig gerade noch mal gesichert, weil die zuständige Sozialministerin die Streichungspläne nicht befürwortet hat. Aber eigentlich ist die Schließung wieder nur vertagt, andere Fächergruppen wurden gestrichen, gekürzt, zusammengelegt. Wissen wird quasi zur  Stopfmasse. Besonders bei „weichen“ Fächern geht der Rotstift ruckzuck durch die Spalten. Da müsste sich in Leipzig wahrscheinlich noch ein Ableger des Springer Wissenschaftsverlages finden, um hier ein sichtbares Bollwerk zu schaffen, auch für die gebeutelten Geisteswissenschaften, um den von Finanzzwängen getriebenen Politikern deutlich zu machen, was da verloren geht.

Im naturwissenschaftlichen Bereich hat Jürgen Weiß dieses kleine Bollwerk geschaffen, als er nach dem Verschwinden des berühmten Teubner Verlages am Gutenbergplatz die kleine Edition EAGLE gründete, die nicht nur die Geschichte und den Geist des einst führenden deutschen Wissenschaftsverlages am Leben erhält, sondern wichtige Titel und Reihen aus dem verschwundenen Teubner-Programm weiterführt. Dazu holt er dann auch Titel wieder aus der Versenkung, die heute so wichtig sind wie damals, als sie bei Teubner zum ersten Mal erschienen. So wie diese Einführung in die Pharmakologie.

Das ist die Lehre von den Wechselwirkungen zwischen Stoffen und Lebewesen. Es ist Grundlagenwissen nicht nur für angehende Pharmazeuten, die ja wissen müssen, wie Präparate auf den menschlichen Körper wirken, sondern auch Ärzte, die natürlich wissen müssen, wie die von ihnen verschriebenen Pillen und Tropfen im Körper wirken. Eine uralte Wissenschaft, aber auch eine junge. Denn bis aus dem gesammelten Wissen um die Wirkung von Wirkstoffen aus der Natur überhaupt eine erste Vorstellung davon wurde, dass man Wirkung und Wirkstoffe überhaupt erst einmal erforschen müsste, dauerte es bis zum berühmten Philippus Theophrastus Aureolus Bombastus von Hohenheim, genannt Paracelsus, der nicht ganz zufällig im Zeitalter von da Vinci, Luther und Erasmus von Rotterdam lebte. Hier wurde nicht nur die religiöse Reformation geboren, sondern auch die der Wissenschaften. Erst Männer wie Paracelsus sorgten dafür, dass das ewige Wiederkäuen der antiken Schriftsteller aufhörte und die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Natur nach und nach systematisiert wurde.

Auch wenn es dann doch noch bis ungefähr 1850 dauerte, bis auch die Pharmakologie auf einem ersten belastbaren wissenschaftlichen Fundament stand. Was auch daran lag, dass einige Schwesterwissenschaften erst einmal so weit reifen mussten, dass die Wirkmechanismen von Stoffen im Körper überhaupt begreifbar wurden. Allen voran natürlich die Biologie mit ihrem Wissen um den Blutkreislauf, die Funktionsweise von Galle, Leber, Magen und Darm bis hin zum Stoffwechsel der Zellen.

Günter Fred Fuhrmann, Mediziner, Biochemiker und Pharmakologe, der 1999 diese Einführung in die Pharmakologie schrieb, spricht zwar davon, das vor allem Humanmediziner und angehende Pharmazeuten mit diesem Buch eine Einstiegshilfe in das Studienfach finden. Aber auch andere an Naturwissenschaft Interessierte erleben hier, wie umfassend mittlerweile das Wissen um die Stoffwechselvorgänge im Körper, seinen Organen und Zellen ist. Und nicht nur das, denn auch das Wissen um die Wirkstoffe ist seit dem 19. Jahrhundert rasant gewachsen. Viele Gifte aus der Natur, die man vorher mühsam gewinnen musste, konnten durch chemische Entwicklungen ersetzt oder ergänzt werden. Die natürlichen Gifte (und jeder Stoff ist ein Gift, wie schon Paracelsus betont, es kommt nur auf die Dosierung an) wurden analysiert. Man lernte, welche Bestandteile tatsächlich welche Wirkung haben, man sammelte Erfahrungen über Nebenwirkungen.

Und die Befürchtung Fuhrmanns ist greifbar, dass die Komplexität dieses Wissens wieder verloren gehen könnte, weil mittlerweile die genetischen Forschungen die Hauptaufmerksamkeit in der modernen Biologie auf sich ziehen.

Dabei ist die Geschichte der Pharmakologie im 20. Jahrhundert eine Erfolgsgeschichte. Egal, ob Streptokokken-Infektion, Bluthochdruck oder Diabetes: Ohne die Entwicklung neuer Präparate ist der medizinische Fortschritt von heute nicht begreifbar. Man lernt auch ein wenig über die strengen Zulassungsregeln neuer Präparate – aber auch über die komplizierte Festlegung notwendiger Dosierungen. Fuhrmann spricht lieber von Konzentrationen. Denn eigentlich hat man es ja mit Chemie zu tun. Wenn das heute alles noch vorkommt im Schulunterricht, wird sich Mancher an die zuweilen recht anspruchsvollen Stunden zu Stoffwechsel und Zellaufbau, Blutkreislauf und Funktionsweise von Leber und Darm erinnert fühlen. Pharmakologen müssen das alles wissen – plus die ganzen schönen Sachen um Rezeptoren, Durchlässigkeit von Membranen, Blutaustausch und die Fett- und Wasserlöslichkeit von Substanzen.

An einigen berühmten Giften – wie dem Pfeilgift Curare – schildert Fuhrmann beispielhaft den Weg vom reinen Jagdgift zur wirksamen Arznei. Er beleuchtet die völlig unterschiedliche Wirkung auf verschiedene Körperteile, die scheinbar ähnliche Stoffe haben, aber auch die lange Suche nach einem richtigen Verständnis der Funktionsweise von Zellmembranen. Am Ende gibt es auch noch eine Portion Mathematik, wenn er die Suche nach der richtigen Dosis für neue Medikamente beschreibt. Denn wenn man die chemischen Grundlagen und die konkreten Reaktionen des Körpers auf bestimmte Wirkstoffe kennt, kann man auch die Wirkzeit von Substanzen recht genau berechnen.

Da bekommt man dann auch eine Ahnung davon, warum man auf die Dosierungsanweisung der Ärzte oder Apotheker am besten wirklich gut achten sollte. Auf die heutigen Normalfälle, dass einige Patienten etliche Medikamente parallel zueinander einnehmen, geht der Autor dann nicht mehr ein. Es soll ja eine Einführung sein, eine echte Starthilfe für alle, die sich ein grundsätzliches Bild von der Pharmakologie machen wollen. Und eigentlich sollten es auch alle lesen, die gern verstehen wollen, wie und warum Arzneien eigentlich wirken.

Eigentlich wäre es sogar gut, wenn man es vorher weiß, bevor die eigene Körperchemie ihre Probleme bekommt, weil wir bei allem Stress und aller Gefräßigkeit keine Rücksicht darauf genommen haben. Reparieren können das Medikamente dann oft nicht mehr. Sie helfen dann meist nur, den zerstörten Ausgleich wieder herzustellen. Und das ist ein Wissen, das wohl heute wirklich wieder mehr Verbreitung braucht, auch über die Hochschullehre hinaus. Denn der moderne Lebenskonsument verlässt sich ja gern darauf, dass er sich auch Gesundheit kaufen kann. Ohne ein bisschen Ahnung davon zu haben, welche chemischen Prozesse die ganze Zeit ablaufen in seinem Körper. Und was unsere Körperorgane die ganze Zeit leisten. Es ist ein hochkomplexes System, in das auch Ärzte und Apotheker nur mit großer Vorsicht eingreifen. Wohl wissend auch, dass jedes Mal eine ganze Reihe von Organen direkt betroffen sind und keine Wirkung ohne Nebenwirkung zu haben ist.

Wie in der Wirtschaftswissenschaft. Aber im Vergleich zur Pharmakologie ist die Wirtschaftswissenschaft noch irgendwo im Mittelalter. Ärzte gibt es da jede Menge, aber über Klistiere, Blutegel und Brechmittel sind sie noch nicht hinausgekommen. Vielleicht findet sich dort auch einmal ein Paracelsus.

Bis dahin studiert man wohl besser Pharmazie. Das hat mehr mit Wissenschaft zu tun.

Günter Fred Fuhrmann EAGLE-Starthilfe Pharmakologie, 2. Auflage, Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2016, 14,50 Euro.

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