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Das Leben und die Tragik des Verlegers Alfred Ackermann-Teubner

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    Es ist noch keine große Biografie, eher eine kleine. Gerhard Ackermann und Jürgen Weiß ging es eher um das Jubiläum, das eigentlich keines ist. Eher einer der tragischen Momente in der Geschichte des Teubner Verlags in Leipzig, als Alfred Ackermann-Teubner vor genau 100 Jahren aus dem Verlag ausschied. Womit der Teubner Verlag seine Spitzenposition als Mathematik-Verlag einbüßte.

    Oft genug lebt ein Verlagsprofil von den Persönlichkeiten, die die Geschicke des Verlags lenken, Autoren an sich binden und über Jahrzehnte daran arbeiten, das Profil zu schärfen. So wie es Alfred Ackermann tat, der 1876 als Lehrling in den Verlag eintrat. Nicht ganz zufällig, denn sein Vater Albin war ja schon Teilhaber. Ihn hatte noch der Verlagsgründer Benedictus Gotthelf Teubner in den Verlag geholt, obwohl Albin eher eine kleine Vermittlung suchte. Er war Ingenieur und suchte eine Firma, die ihn als Techniker brauchen konnte. Da vermittelte Teubner lieber nicht, sondern holte den Burschen in seine Firma. Denn Druckmaschinen hatte er selbst. Und einen Mann, der ihm bei der Herstellung hochwertiger Printerzeugnisse half, brauchte er auch.

    Die Verbindung der Familien Ackermann und Teubner ist schon deutlich älter. Das erzählen Ackermann und Weiß etwas ausführlicher, um den Weg zu zeigen, wie die Ackermanns in das Teubnersche Unternehmen kamen und es bis zum ersten Weltkrieg prägten. Bis zu jenem Tag, an dem Alfred Ackermann-Teubner aus dem Verlag austrat, gerade 59 Jahre alt. Was sich nicht recht erschließt, wenn man erfahren hat, wie sehr er das mathematische Profil des Verlags prägte, wie er die besten Mathematiker der Zeit an den Verlag band. Heute klingeln Mathematikern die Ohren, wenn sie Namen lesen wie Felix Klein, Riemann, Minkowski, Bolyai, Neumann. Aber auch die großen Physiker wie Einstein und Planck veröffentlichten bei Teubner.

    Und das gibt einer einfach ab? Es scheint eine gravierende Unstimmigkeit zwischen den damaligen Gesellschaftern Alfred Ackermann und seinem Vetter Alfred Giesecke gewesen zu sein, die zu dieser Trennung führte. Von „disjunktiven Meinungen“ schreibt Heinrich Krämer. Eine Trennung mit Folgen, denn so riss der Kontakt zu den namhaften Mathematikern ab – sie wechselten zum Springer Verlag, der damit über Nacht in die Weltspitze der Mathematik vorstieß.

    Alfred Ackermann zog sich mit seiner Frau Marie, geborene de Liagre, auf sein Gut Gundorf zurück. Wer seine Spuren sucht, findet sie auch noch im Dom zu Wurzen, wo bis heute ein Domherrenstuhl an Ackermanns Zeit als Domherr erinnert. Und selbst an der Domkanzel ist er zu sehen, dargestellt als Apostel Philippus.

    Aber das Buch wäre nicht vollständig ohne das letzte Kapitel, denn auch der Teubner Verlag geriet in sämtliche Untiefen des Nazi-Reiches. 1935 kündigte die Inhaberlinie Roßbach/Giesecke des Teubner Verlages den Komplementären der Linie Ackermann, „bereinigte“ sozusagen den Verlag im nazistischen Sinn. Dabei ging es gar nicht mal um Alfred Ackermann, sondern um seine Frau Marie und den Druck, den die Nazis wegen ihrer „nichtarischen Abstammung“ ausübten. Was 1938 noch ein heftiges Nachspiel hatte, weil Ackermann so auch zum Verkauf des Gutes Gundorf an die Stadt Leipzig gezwungen war.

    Viele Bilder bereichern das Buch, ergänzen, was im Text im Grunde nur skizziert werden konnte. Die Skizzen deuten erst an, wie gravierend die Einschnitte in die Verlagsarbeit waren. Mehrere kleine Fotos zeigen auch die eindrucksvollen Gebäude des Teubnerverlages – erst am Augustusplatz, später in der Poststraße/Querstraße. Es war Teubner, der den ersten Baustein für das Grafische Viertel gesetzt hatte. Und sein Verlag gehörte bis zum 2. Weltkrieg zu den führenden Wissenschaftsverlagen der Welt. Die Verlagsgebäude wurden dann im Bombenhagel des 2. Weltkrieges zerstört. 1952 wurde der Leipziger Verlag dann auch noch enteignet, die Verlagsspitze wechselte nach Stuttgart und startete dort neu, so dass es in den nächsten Jahren zwei Teubner-Verlage gab – bis zur Verlagswiedervereinigung 1991. Und dann kam der eigentlich tragische Verkauf 1999, der das Ende der Leipziger Verlagsgeschichte bedeutete.

    Die Edition am Gutenbergplatz Leipzig versucht an diese Teubner-Tradition anzuknüpfen und auch die Erinnerung an den berühmten Teubner Verlag wachzuhalten – mitsamt der Erinnerung an dessen prägende Verlegergestalten und die berühmten Autoren, die einst stolz waren, bei Teubner im Programm zu sein. Was den Verlag auch heute noch zu etwas Einzigartigem macht, denn damit prägte der Verlag von 1811 bis 1999 auch ein ganzes Kapitel der Geschichte der Naturwissenschaften.

    Er steht für eine ganz andere Entwicklungslinie Deutschlands – eine kluge, analytische, für Forschung auf Weltniveau. Und das bietet Stoff für noch ganz andere Studien – bis hin zu einer, die etwa im Sinne Bernt Engelmanns untersucht, wie sehr die bräsige Dummmeit der Nazis auch die Laufbahnen von Teubner-Autoren zerstörte oder dafür sorgte, dass sie das Land verließen und für andere Länder die Nobelpreise holten. Am Beispiel Alfred Ackermanns wird schon einmal deutlich, wie diese staatlich manifestierte Dummheit auch den Teubner Verlag betraf. Der nicht der einzige war, der unter der Fuchtel der Nazis irreparable Schäden erlitt. Auch das wäre ein eigenes Thema im großen Kapitel „Buchstadt Leipzig“: Wie die Unternehmenslandschaft der alten Buchstadt im Nazi-Reich schon massiv beschädigt wurde.

    Wenn man genauer hinschaut, hat die Gleichschalterei der Nazis vor allem Eines bewirkt: Sie hat der Stadt lauter Menschen gekostet, die man so beiläufig Persönlichkeiten nennt – Verlegerpersönlichkeiten in diesem Fall. Das waren Leute, die das zur modernen Großstadt wachsende Leipzig prägten – auch mit ihrem gesellschaftlichen Engagement und ihren unternehmerischen Ideen. Von dieser Gleichschalterei hat sich Deutschland bis heute nicht erholt. Denn was da nach all den Gleichschaltungen und Arisierungen übrig blieb, das war zum größten Teil funktionierender Opportunismus.

    Die Lücke wurde nie wieder gefüllt. Im Gegenteil. Das Dumpfbackentum gärt wieder und schwadroniert von „Volksgemeinschaft“. Auch weil es kaum noch Instanzen gibt, die vermitteln, dass nur die Förderung von echter Elite ein Land wettbewerbsfähig macht. So, wie es B. G. Teubner eigentlich wollte, als er die Bücher für diese anspruchsvolle Bildung bereitstellte, wohl wissend, dass auch die Volksbildung besser werden muss, wenn die besten Köpfe noch besser werden sollen. Und ganz elementar betraf das zu Teubners und Ackermanns Zeit die aufkommenden Naturwissenschaften. Was eigentlich bis heute gilt, auch für die von Alfred Ackermann so geliebte Mathematik.

    Es wird zwar jede Menge schwadroniert über Leistungsbereitschaft in Deutschland. Dass dazu aber zuallererst die – von guten Lehrern vermittelte – Freude an der Ausbildung geistiger Fähigkeiten liegt, das wird meist vergessen. Was schon verblüfft. Man redet von Digitalisierung und Informationsgesellschaft, behandelt aber die Köpfe der Kinder, als wären es Müllabladeplätze und als wäre es egal, ob sie ihre Fähigkeiten zum (selbstständigen) Denken nun trainiert haben oder nicht.

    Man ahnt schon, warum die Edition am Gutenbergplatz solche Bücher herausbringt. Es ist nicht nur der Schmerz um den verlorenen Verlag, der tiefsitzt. Es ist auch die Ahnung, dass der hohe Anspruch eines B. G. Teubner an seine Leser und an die Gesellschaft verloren geht, einfach unter die Räder kommt, weil eine Normierung und Effizienzsteigerung im deutschen Schulwesen leichter zu haben ist als ein Bildungssystem, das Kinder zum qualifizierten Denken erzieht.

    Gerhard Ackermann, Jürgen Weiß Alfred Ackermann-Teubner (1857-1941), Edition am Gutenbergplatz Leipzig, Leipzig 2016, 19,50 Euro.

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