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Der Roman über die letzten Monate im Leben des Malers Nicolas de Staël mit frappierenden Illustrationen aus einem Leipziger Atelier

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    Es gab eine Zeit, da gab es tatsächlich ein Europa des Geistes, der Begegnungen, der großen intellektuellen Auseinandersetzungen: in der Kunst, der Literatur, der Philosophie. Da las man auch in Deutschland noch italienische und französische Autoren, war dieser Kontinent kein zum „Wirtschaftsraum“ reduziertes Projekt. Wie lang das her ist, merkt man selbst beim Lesen dieser Geschichte über eine große Liebestragödie.

    In den einschlägigen Kurzbiografien zu Nicolas de Staël, die man im Internet findet, wird dieser Teil seiner Geschichte meist weggelassen. Da wird von der Schaffenskrise des 1914 in St. Petersburg geborenen Künstlers erzählt, der sich 1955 in Antibes das Leben nahm. Eigentlich auf dem Gipfel seines Ruhmes. Er hatte sich mit seinen großen, farbigen und abstrakten Bildern längst einen Namen gemacht. Er war verwurzelt in der Szene der Künstler von Paris, der Dichter René Char war mit ihm befreundet. Auch über Char hat Laurent Greilsamer eine große Biografie verfasst.

    Auf Greilsamers Biografie fußt auch Nathalie Chaix’ Roman, der hier nun nicht nur in der Übersetzung aus dem Französischen vorliegt, sondern auch in einer künstlerischen Anverwandlung. Denn die Illustratorin Christina Röckl, die in Leipzig lebt und arbeitet, wollte das Buch über einen großen Maler nicht einfach nur illustrieren. Sie wollte die Atmosphäre einfangen, hat die letzten Lebensstationen de Staëls bereist – und sich augenscheinlich auch mit seiner Malerei beschäftigt, die so abstrakt nicht ist, eher von ungeheurer Expressivität, eigentlich auch poetischer Wucht.

    Dass so ein Mann, der in den letzten Monaten seines Lebens den größten Teil seiner Bilder geradezu herausschleudert, seinem Leben nicht einfach ein Ende setzt, weil er sich in einer Schaffenskrise fühlt, das ahnt man schon. Aber es wird deutlicher, wenn man dem – wie Greilsamer und Chaix – bis in seine persönlichen Verhältnisse folgt und die Frau sucht und findet, die das alles angerichtet hat. Sie ist die Jeanne in diesem Buch, Frau eines Apothekers, Mutter dreier Kinder – aber zwischen ihr und dem Maler, der ebenfalls Frau und Kinder hat, geschieht, was einst so unausweichlich schien und in vielen eindrucksvollen Romanen und Filmen gerade aus Frankreich Thema war. Schon das wirkt wie ein Sprung zurück in eine Zeit, als ein Jean Paul Belmondo die Frauen begeisterte, der Roman Noveau die jugendlichen Leser in Aufregung versetzte, Romy Schneider und Michel Piccoli die Leinwandstars in Frankreich waren. Als der französische Süden noch eine Entdeckung war für Reisende, genauso wie das mit Kunst aufgeladene Italien. Beide Landschaften kommen in diesem Roman über die letzen Monate des Malers vor, der seine Leidenschaften nicht bändigen kann, eines Typen, wie einem Roman von Andrea de Carlo entsprungen. Auch wenn es ihn wirklich gab, diesen großen, nicht zu bremsenden Russen, der seiner Geliebten am Ende auch noch Majakowskis „Wolke in Hosen“ vorliest.

    Hat es Nathalie Chaix nur erfunden? Denn als sich Majakowski 1930, gerade mal 36 Jahre alt, erschoss, erschütterte das die literarische Welt wie ein Aufschrei: Der Mann hatte nicht nur seine Poesie mit aller Vehemenz gelebt, er hatte auch sein Leben so gelebt. Und mit Lili Brik stand möglicherweise auch eine Frau im Mittelpunkt seiner letzten großen Verzweiflung.

    Und damit wählt sich Nathalie Chaix auch einen Helden, wie er rar geworden ist in Filmen und Büchern. Im deutschen gab es ihn wohl auch nie, genauso wenig wie diesen unbändigen Hunger, das Leben wirklich ganz leben zu wollen, mit aller Leidenschaft. Obwohl es das gibt, keine Frage. Aber wohl kaum ein Land begegnet dieser ungezähmten Lebenslust (bei Frauen wie bei Männern) mit derart viel Misstrauen wie Deutschland. Was nichts mit geistiger Unterkühlung zu tun hat, wohl eher mit einem antrainierten Gefühlsverbot. Nur ja keine Grenzen überschreiten, nur ja nicht zu Gefühlen stehen und den Leidenschaften im Leben einen Raum geben. Was übrigens zu vielen, vielen Missverständnissen gegenüber unseren Nachbarn führt, die zwar den deutschen Ordnungssinn bewundern, über den deutschen Zuchtmeister aber oft genug entsetzt sind.

    Ein Zuchtmeister, der aber eigentlich nur eine riesige Angst hat vor Kontrollverlust. Das, worüber die großen italienischen und französischen Schriftsteller so oft und so fasziniert schrieben. Denn natürlich versteht man es nicht. Es geht über alle Regeln hinaus, ist zerstörerisch und oft so übermächtig, dass es auch die Helden der Geschichte zerstört. Wie in diesem Fall den Maler Nicolas de Staël, der in Jeanne die Frau seines Begehrens findet und nicht mehr loskommt von dieser Leidenschaft, der sie ganz besitzen will und dafür auch seine Familie opfern würde. Doch Jeanne will weder ihre Familie opfern noch sich besitzen lassen. Sie ist im Grunde der Prototyp genau jener modernen Frau, über die damals Simone de Beauvoir schrieb und die in so vielen Romanen die verstörende Hauptrolle spielte. Denn das war nicht mehr Madame Bouvary, die sich verführen lässt und die Zerstörung ihrer gesellschaftlichen Existenz auf sich nimmt.

    Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau. Foto: Ralf Julke
    Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau. Foto: Ralf Julke

    Diese Jeanne gesteht das auch nicht dem geliebten Maler zu. Sie will nicht seine Gala sein, sich nicht besitzen lassen. Ob es wirklich so war, wird wohl nur die echte Jeanne gewusst haben. Aber es liegt nahe. Es muss Spuren geben in den Briefen und Erinnerungen der Menschen, die mit Nicolas de Staël zu tun hatten und auf deren Grundlage Laurent Greilsamer sein Buch „Le Prince foudroyé“ schrieb (das auf deutsch dann „Ein Leben im Taumel hieß“). Auf das sich Nathalie Chaix bezieht, auch wenn sie versucht, diese Amor fou eigentlich sogar im Stil des roman noveaux zu erzählen, auch wenn es der Verlag nicht betont. Es ist eine dichterische Annäherung an diese Begegnung, die man gar nicht romanhaft ausschmücken muss, die in der knappen Schilderung von Momenten, Eindrücken, Szenen greifbar wird. Und natürlich immer wieder in Bildern. Denn was der Maler in diesen Monaten einer verzehrenden Leidenschaft gefühlt hat, das hat er in riesigen Bildern festgehalten, verwandelt, samt seiner Geliebten, die er in unzähligen Aktbildern gemalt haben muss. Die in der Schweiz erschienene französische Ausgabe war dann auch nach dem Bild „Grand nu orange“ benannt. Der Kunstanstifter Verlag hat für den deutschen Buchtitel lieber den „Liegenden Akt in Blau“ genommen.

    Wer eintaucht in die Geschichte, begegnet natürlich nicht nur dieser schwebenden Geschichte einer unlösbaren Leidenschaft. Er begegnet auch den Gedanken Jeannes, die diese Begegnung annimmt wie etwas Unausweichliches, die aber sehr wohl ihre Grenzen zieht und sich von den Wutausbrüchen der Männer auch nicht einschüchtern lässt. Leidenschaft, ja. Aber keine bedingungslose. Frauen haben das früher begriffen als Männer. Männer hätten wohl lieber diese ganzen leuchtenden 1950er Jahren mit ihrer leidenschaftlichen intellektuellen Emanzipation wieder gelöscht aus den Büchern. Was für ein Rückschritt da passiert ist, sieht jeder, der den heutigen deutschen Film mit den großen französischen Filmklassikern vergleicht.

    Aber auch das Drama von Nicolas wird sichtbar, der in diesen letzten Monaten seine intensivste Schaffensphase erlebt, auch weil er seine Not und seine grenzenlose Liebe in riesige Bilder verwandelt. Er rast regelrecht, opfert seine Nächte, kann sich nicht bremsen und kann auch nicht akzeptieren, dass die Frau, die er so rasend liebt, nein sagt zu seinen Forderungen. Es ist eine Geschichte voller Poesie, voller Tragik und am Ende mit einem unerbittlichen Absturz, der auch durch immer dichtere Bildfolgen sichtbar wird, die Christina Röckl in den Text eingebaut hat. Dabei greift sie die scheinbar abstrakte Farbwucht des Malers auf, übernimmt das sinnliche Kolorit des Südens und macht am Ende der Geschichte, als auch Nathalie Chaix in immer kürzere poetische Feststellungen wechselt, etwas, was man so noch nicht gesehen hat: Sie schafft es – mit scheinbar ebenso abstrakter Expressivität – den Sturz des Malers fassbar zu machen. Der „Sprung durch die Zeit“ wird beim Umblättern frappierend erlebbar. Bis hin zu diesem weiten, aufgehenden Blick in die endlos treibenden Wolkengebirge, die über den Ort der Tragödie hinziehen und sie damit erst zum großen Drama machen. „ein mann der fällt“, scheinbar endlos fällt und der damit doch nur eine Überwältigung beendet, die er nicht mehr aushalten wollte.

    Denn was er wirklich fühlte, wissen wir nicht. Die meisten Briefe hat er wohl verbrannt. Vielleicht hat er auch nie gesagt, was in den poetisch kurzen Kapiteln dieses Romans anklingt. Vielleicht war er wie so viele Männer, die platzen vor Ungesagtem – es aber nie zur Sprache bringen, lieber in riesige Bilder verpacken, damit alle Welt was zu erraten hat. Eine „letzte abstraktion“. Aber auch eine letzte große Einsamkeit. So wirft sich einer aus der Welt. Und das ist nicht sensationell, sondern von einer atemberaubenden Stille. Die so zufällig nicht daherkommt, denn auch Nicolas de Staël war in diesen letzten Monaten im Süden immerfort auf der Suche nach großen, atemlosen Eindrücken von Himmel, Landschaft und Meer. Er wird also – in Röckls Interpretation – eins mit seinen Bildern, die seine ganze Leidenschaft aufgenommen haben. Mitsamt dem Moment, der Menschen (wohl gerade Männer) verzweifeln lässt, weil das Absolute nicht zu erlangen ist. Und weil Frauen einfach „Nein“ sagen. Nein zur Vereinnahmung. Daran kann Mann sich so schwer gewöhnen, das ist so schwer zu akzeptieren. Und es ist der Stoff, aus dem die großen Tragödien gemacht werden, die wirklich großen. Nicht dieser Kleingeist, der heute die Leute besoffen zu machen scheint.

    Nathalie Chaix Liegender Akt in Blau, Illustrationen von Christina Röckl, Kunstanstifter Verlag, Mannheim 2016, 26 Euro.

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