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Donnerstag, 21. Januar 2021

Ein dicker Roman über den nicht kleinzukriegenden Apostel Paulus

Von Ralf Julke

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    Es ist ein durchaus ehrgeiziges Projekt, das sich der St. Benno Verlag da vorgenommen hat mit der Sammlung von Romanen über bekannte biblische und religiöse Gestalten. Sozusagen ein thematisch gebündeltes Lesefutter für Leute, die sich gern hineinversetzen wollen in diese Gestalten: Wie war das damals wirklich? Eine ganz verzwickte Frage. Auch beim Apostel Paulus.

    Obwohl gerade über Paulus mehr bekannt ist als über alle anderen in der Bibel erwähnten Personen. Die Apostelgeschichte beschreibt große Teile seines Lebens und seiner Missionsreisen. Und in seinen Briefen an die Korinther, Thessalonicher, Römer usw. wird sein Wirken sichtbar, sein Ringen mit Widerständen, sind die Konflikte in den frühen Gemeinden nachlesbar, genauso der Dissens mit der Urgemeinde in Jerusalem.

    Und Hermann-Josef Zoche kennt seine Bibel. Er ist Augustinerpater, Theologe, Philosoph und Managementberater. 14 Jahre, so teilt er selbst mit, hat er zur Person von Paulus geforscht. Wissend, dass nicht alles in der Bibel steht. Und nicht alles, was da steht, auch wissenschaftlichen Standards entspricht, sondern selbst Konstrukt ist, ein literarisches auf jeden Fall. Und zwar gerade in Bezug auf Paulus, der mit seinen Schriften und seiner Mission der eigentliche Begründer des Christentums wurde, so, wie wir es heute verstehen. Auch davon muss so ein Roman zwangsläufig erzählen. Denn dass Paulus Ärger mit der Altgemeinde um Petrus und Jakobus in Jerusalem hatte, hat auch mit dem Ursprung dessen zu tun, was ursprünglich Nazaräertum genannt wurde und sich als eine innerjüdische Bewegung verstand. Eine von vielen übrigens. Jerusalem war zu dieser Zeit ein Hexenkessel, in dem immer neue Splittergruppen auftauchten, immer neue Propheten verkündeten, endzeitliche Glaubensgruppen genauso von sich Reden machten wie radikale jüdische Bewegungen wie die Sikarier.

    Und Paulus selbst, damals unter seinem jüdischen Namen Saul, war selbst ein Fanatiker, der die häretische Gruppe der Nazaräer verfolgte, rücksichtsloser agierte, als es sich die zerstrittenen Mitglieder des Sanhedrin vorstellen konnten. Im Grunde ein Typus, der durch seine Gnadenlosigkeit berufen ist, der Vollstrecker einer radikalisierten fundamentalistischen Bewegung zu werden.

    Umso frappierender wirkt ja bis heute sein Wandel, den man platterdings mit „vom Saulus zum Paulus“ auf der Straße nach Damaskus beschreibt, was anhand der Quellen so nicht belegbar ist. Das Damaskus-Erlebnis schon. Irgendetwas muss den fanatischen Verfolger zu einem Mann gemacht haben, der mit tiefster Überzeugung die Lehre eines Jesus Christus vertritt und verbreitet. Nur Paulus hieß er auch damals schon, es war sein römischer Name, den er von Geburt an trug als römischer Bürger. Nur scheint er ihn erst auf seinen Missionsreisen in Kleinasien und Griechenland verwendet zu haben.

    Es ist eins dieser Details, die Zoche im Nachspann noch extra anmerkt. Ein Nachspann, der nicht ganz unwichtig ist, denn die Erzählung zwingt Zoche zu Kompromissen. Denn kaum eine der Personen, die hier namhaft auftreten und die jeder aus der Bibel zu kennen glaubt, hieß tatsächlich so. Was an der langen Reise dieser Geschichten vom Griechischen und Hebräischen ins Lateinische zu tun hat. Selbst in Paulus’ Briefen taucht der Apostel Petrus konsequent als Kephas auf („der Stein“), erst später bekam er seinen latinisierten Namen, unter dem ihn heute die Meisten kennen. Das Gleiche gilt selbst für Jesus und die anderen Jünger.

    Und das macht zumindest dem aufmerksamen Leser bewusst, dass auch die Paulus-Geschichte schon eine bearbeitete und überhöhte ist. Zoche macht den Arzt Lukas zum Begleiter von Paulus und zum Autor nicht nur des Lukas-Evangeliums, sondern auch der Apostelgeschichte. Womit also quasi der Berichterstatter gleich mit drin ist in der Geschichte. Übrigens genauso wie (Johannes) Markus, dem das entsprechende Evangelium zugeschrieben wird.

    Man hat also eine Menge Stoff, aus dem man tatsächlich ein ganzes Leben voller Reisen, Schwierigkeiten, Konflikte und Begegnungen machen kann. Und man kann versuchen, es aus der gleichnishaften Sprache der Bibeltexte zu übersetzen in einen fast dokumentarischen Roman im Stil Stefan Zweigs. Übrigens auch im Versuch, sich tief in die Psychologie des Helden zu versenken, wie es Stefan Zweig ja auch gemacht hat.

    Das hat einen doppelten Effekt: einerseits die intensive Identifikation des Autors mit seinem Helden, andererseits aber auch das Schwinden kritischer Distanz. So kann man – wie Zweig – auch durchaus umstrittene historische Gestalten in Figuren verwandeln, mit deren Motiven und Handlungszwängen sich der Leser komplett identifiziert. Was durchaus legitim ist. So werden deren Leben und ihre Zeit auch wesentlich greifbarer. Und auch eigentlich negativ gewertete Heldinnen und Helden der Geschichten werden als Menschen begreifbar, die ihrerseits in Zwängen stecken und – frei nach Luther – nicht anders können.

    Viele historische Persönlichkeiten handelten wesentlich weniger frei, als es einige Heldenepen ihnen zuschreiben. Übrigens ein Thema, das auch alle Versuche begleitet, zum Beispiel die Jesus-Geschichte mit heutigen Erzähltechniken zu schreiben. Die meisten Autoren scheitern schon an der wuchtigen Architektur der vier Evangelien, die den Blick darauf verstellen, dass sie das Leben von Jesus schon dramatisch überhöht und gleichnishaft aufgeladen haben.

    Mit Paulus aber haben wir genau den Mann vor uns, der die eigentliche Jesus-Geschichte erst formte, auch wenn es anfangs nur eine Heidenmission war, mit der Paulus Anhänger für die neue Christus-Lehre gewinnen wollte außerhalb des Judentums. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, auch für die Urgemeinde in Jerusalem, wo man die Geschichte um Jesus Christus als alleinige innerjüdische Angelegenheit betrachtete. Logisch, dass es zu heftigen Spannungen zwischen dieser Urgemeinde und der Missionstätigkeit des Paulus kommen musste – aber auch zu Spannungen mit den jüdischen Glaubensvertretern selbst, die sich in den Briefen des Paulus dann heftig entladen. Konflikte, die Zoche nicht ganz entschärfen kann, auch wenn er im Nachspann extra betont, warum er nicht immer von „den Juden“ spricht, sondern lieber von Thorachristen und Hebräern, wissend, dass sich diese alte Wut des Paulus auf „die Juden“ bis heute in rassistischen Vorurteilen manifestiert.

    Wobei er eine Konnotation übersieht, die für einen wie Paulus ja völlig anders gelagert war, er war ja selbst Jude und wäre wohl nie auf die Idee gekommen, über die Juden als Volk oder Glaubensgemeinschaft zu wettern. Aber gewettert hat er trotzdem, denn er bekam natürlich die Wut und den Verfolgungseifer der alten, jüdischen Orthodoxie mit. Die gegen Paulus ganz ähnlich agierte wie zuvor gegen Jesus. Und wahrscheinlich auch noch gegen viele andere, die versuchten, gegen das als überholt und erstarrt empfundene Establishment aufzubegehren. Fundamentalisten reagieren immer wieder mit demselben rabiaten Verfolgungseifer. Paulus wusste es ja nur zu gut, er war ja selbst einmal einer der Feurigsten gewesen.

    Umso peinlicher, wenn heute diese orthodoxen Fanatiker (die übrigens auch in der Jesus-Geschichte gemeint sind, wenn dort von „den Juden“ die Rede ist, die die Bestrafung von Jesus verlangen) einfach im geschichtlichen Vergessen abtauchen, während ein ganzer Schwarm rabiater Rassisten ihren Hass auf „die Juden“ auslebt.

    Das macht natürlich auch Zoches Annäherung an diesen unermüdlichen Paulus nicht leicht, der Torturen und Strapazen auf sich nimmt, um seine Sicht auf die Geschichte von Jesus zu verbreiten – mit jener deutlichen Abweichung vom Alten, dass die frohe Botschaft nun auch den Heiden verkündet werden soll, ohne all die über Jahrhunderte entstandenen jüdischen Riten und ohne Beschneidung. Solche „Kleinigkeiten“ sorgen noch heute für heftige theologische Fehden, weil gerade den Vertretern alter Hierarchien jede Kleinigkeit in den alten Ritualen wichtig ist, während einer wie Paulus selbst den Leuten in Galatien, der Troas und Mazedonien als Einer erscheinen musste, der tatsächlich eine neue Religion brachte. So neu, dass selbst Luther 1500 Jahre später noch geschockt war über den Kern der Botschaft – dass Menschen nämlich nicht der Gnade meist unberechenbarer Götter ausgeliefert waren, sondern von ihrem Gott so akzeptiert wurden, wie sie waren. Keine Opfergaben mehr, kein Tempelfleisch, keine Lebensfurcht vor der himmlischen Rachsucht.

    Man spürt natürlich, wie so eine Botschaft gerade die alten Priesterkasten verunsichern musste und als Frevel betrachtet wurden. Und man spürt auch, warum Luther später gerade bei Paulus die rettenden Worte für sich selbst fand. Und warum das dann wieder wie ein Angriff auf die alten Hierarchien wirkte.

    Hermann-Josef Zoche verwendet viel Akribie darauf, die antiken Städte, Häfen und Lebenswelten lebendig werden zu lassen. Man merkt schon, dass er sich intensiv mit der Zeit, den römischen Machtstrukturen, dem Alltag, dem Handel und dem Wirtschaften im 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung beschäftigt hat und versucht viele Ereignisse aus dem Neuen Testament möglichst detailgetreu in einer historischen Rekonstruktion zu verorten. Was ihm in weiten Teilen auch gelungen ist, da und dort natürlich kräftig dramatisiert. Das muss er bei Stefan Zweig gelernt haben. Denn die meisten menschlichen Dramen finden ja gar nicht auf offenen Plätzen statt, sondern hinter den Kulissen und vor allem: im Kopf der Menschen. Erst die inneren Dramen produzieren die dramatischen Entwicklungen in der äußeren Welt. Und wie Zweig versucht ja auch Zoche, diesen Mann zu verstehen, der sich von den schlimmsten Widrigkeiten nicht abhalten lässt, seinen Weg zu gehen, oft auch die Konfrontation zu suchen und die Begegnung mit Situationen, vor denen er sich eigentlich fürchtete.

    Da und dort kann es auch Zoche nicht vermeiden, dass ihm das heutige Verständnis vom Funktionieren der Welt in die Sätze rutscht. Immerhin ist sein Buch ein hochkomplexer Versuch, eine ganze antike Welt zu rekonstruieren – mitsamt Gerichtswesen, römischen Statthaltern, Schifffahrt, dem Stand der Medizin und den Bedingungen von Reisen in den römischen Provinzen. Zumindest lernt man, dass Paulus ein harter Knochen war, der zuweilen selbst unerbittlich sein konnte, gerade wenn es um für ihn wichtige Streitfragen ging. Was nicht jeder seiner Begleiter aushielt. Also in gewisser Weise ein ziemlich furioser Missionar, eher biblisch als christlich. Einer vom alten Prophetenformat, der auch schon mal stundenlang predigen konnte – bis der eingeschlafene Jüngling aus dem Fenster fällt.

    Vielleicht ist es eine sehr moderne Interpretation dieses Apostels, eine die ihn mit heutigen Augen versucht, begreifbar zu machen. Was ja auch den Versuch einschließt zu begreifen, warum ausgerechnet das Christentum seitdem so Furore machte und einen wie Luther eine Freiheit finden ließ, wie sie in der pompösen Kirchenhierarchie seiner Zeit nicht (mehr) zu finden war. Ein in gewisser Weise auch recht moderner Paulus, der auch die geistige Auseinandersetzung suchte – was orthodoxe Religionsvertreter noch nie vertragen und akzeptiert haben.

    Sah er das in seiner eigenen Zeit genauso? Wahrscheinlich nicht. Was die Sache hübsch kompliziert macht, denn wenn man sich eigentlich als Reformer mitten im Judentum begreift, werden Auseinandersetzungen über Glauben und Riten zu ziemlich umstürzlerischen Konflikten. Und zu ziemlich gefährlichen für die, die die alte Religion erneuern möchten. Die Märtyrergeschichten der katholischen Kirche sind ja voll davon. Ob Paulus selbst zum Märtyrer wurde, weiß man nicht wirklich. Dass er gelitten hat, eingekerkert und ausgepeitscht wurde, erzählen seine Briefe und die Apostelgeschichte. Und so oft, wie ihm das geschah, staunt man schon, wie er sich immer wieder auch aus tiefster Depression herausarbeitete, neue Ziele steckte und mit ungebremstem Elan weitermachte. Ein Mensch eben mit einer Mission. Vielleicht auch das sehr heutig hineininterpretiert. Aber damit wird dieser harte Knochen eigentlich erst begreifbar und bekommt das ziemlich dicke Buch einen Zug, der einen dann doch weiterlesen lässt, wenn man nach elend zermürbenden Märschen durchs eisige Hochland oder heftigen Schiffbrüchen doch weiterblättert und wissen will, ob das geschundene Häuflein Mensch nun klein beigibt oder sich doch wieder berappelt und die Leute überzeugt, dass seine Botschaft mal wirklich was Neues ist.

    Hermann-Josef Zoche Der Apostel, St. Benno Verlag, Leipzig 2016, 24,95 Euro.

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