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Heiner Geißlers Fragen zum Christsein in einer Welt mit einem völlig unberechenbaren Gott

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    Da wundert man sich, dass in erstaunlich vielen Schriften zur Religion immer wieder gemutmaßt wird, die Atheisten hätten irgendwie ein Problem mit dem Sinn des Lebens, ohne Gott und Glauben würde ihnen ein Halt im Leben fehlen. Und dann kommt dieser nach wie vor ungemein kluge und nachdenkliche Heiner Geißler daher, und stellt nüchtern fest: Das Problem haben eigentlich die Christen. Und es ist gar nicht neu.

    Eigentlich ist das, was er hier vorlegt, eine kleine Streitschrift, so, wie diese kleinen handlichen Bücher aus dem Ullstein Verlag allesamt kleine Streitschriften zur Zeit sind – mal für Europa, mal für gelebte demokratische Tapferkeit. Hier also als klares Bekenntnis eines Christen: Da stimmt was nicht mit unseren Kirchen von heute. Und zwar vor allem mit dem Gott, den sie verkünden. „Das Rätsel um diesen Gott zieht sich durch die gesamte Menschheitsgeschichte und lässt viele Menschen schier verzweifeln“, schreibt Geißler. Denn augenscheinlich kann (oder will) dieser Gott die Übel in der Welt nicht verhindern. Er schickt Seuchen und Plagen über die Menschen, lässt Ungeheuer in Menschengestalt auf sie los, die Kriege und Völkermorde initiieren, lässt Sklaverei und Zerstörung der Welt zu. Kann er es nicht verhindern? Will er es nicht?

    Schon seit Jahrhunderten beschäftigen sich Theologen mit diesem unlösbaren Problem. Denn Gläubige stellen ja zu Recht die Frage: Warum werden sie für ein gottgefälliges Leben nicht belohnt? Die größten Philosophen haben sich mit der Frage beschäftigt – von Pascal bis Kant. Und vor 300 Jahren hatte scheinbar ein kluger Bursche aus Leipzig die richtige Idee: Er erklärte mit höchster Logik, dass die Welt gar nicht anders sein konnte, denn Gott habe unter allen möglichen Welten die bestmögliche ausgewählt und verwirklicht. Das Übel sei notwendiger Bestandteil dieser besten aller möglichen Welten. Der Bursche hieß ja bekanntlich Leibniz. Und seine Idee wiegte Europa ein knappes halbes Jahrhundert in Ruhe. Bis dann eine der christlichsten Städte Europas 1755 von einem Erdbeben in Schutt und Asche gelegt wurde. Das Erdbeben von Lissabon war der letzte Auslöser für Voltaires genialen Widerspruch zu Leibniz: „Candide oder der Optimismus“.

    Das Erdbeben erwähnt Heiner Geißler, Voltaire nicht. Aber beides kann man in der Geschichte der Aufklärung nicht ohne einander denken. Denn mit „Candide“ hat Voltaire die alte Frage der Theodizee in aller satirischen Schärfe neu gestellt. Gültig bis heute: Was ist das für ein Gott, der so viel Böses in die Welt bringt? Der sogar Christen zu Verbrechern und Massenmördern macht – Geissler erwähnt die Kreuzzüge, die Judenverfolgungen des Mittelalters, die Inquisitionen und die organisierten Vernichtungszüge gegen die Katharer. Wer an diesen Gott glauben will, wird eigentlich in reine Verzweiflung getrieben: Dieser Gott ist weder gütig noch gerecht noch liebevoll.

    Es ist genau der Gott, an dem Martin Luther verzweifelte – und erst Erlösung fand, als er in den Briefen des Paulus den liebevollen Gott des Jesus Christus fand. Den übrigens auch Heiner Geißler ausnimmt aus der ganzen tyrannischen Gotteserzählung der Bibel. Nicht nur Geissler hat ja entdeckt, dass der Gott der Bibel größtenteils ein Tyrann ist.

    Wer das komprimiert nachlesen will, der findet die Geschichte dieses (alten) Gottes in Heinz-Werner Kubitzas „Der Gotteswahn“.

    In den heutigen Kirchen wird zwar gern ein anderer Gott verkündet, eben der Gott der Liebe. Aber selbst Heiner Geißler hält das nicht mehr aus. Denn wenn der Gott der Christen so ist, wie er in den Kirchen verkündet wird, dann ist es eindeutig nicht der Gott, der die Welt regiert. Denn der ist eindeutig ein manischer Zerstörer, einer, der die Unschuldigen zu Millionen tötet – und die Verbrecher triumphieren lässt. Da stimmt also etwas nicht.

    Er findet auch keinen Trost bei Luther. Deshalb hat er das Büchlein auch als Mahnung zum Luther-Jahr geschrieben. Der kluge Politiker kann mit Luthers These, alle Menschen seien als Sünder geboren, nichts anfangen. Er kann es auch nicht akzeptieren. Und er spricht den Pfarrern das Recht ab, den Gläubigen in der Sonntagspredigt ihre Sünden vorzuhalten und ein schlechtes Gewissen zu machen. In wessen Namen eigentlich? Im Namen eines Gottes, der augenscheinlich selbst die allerschlimmsten Schandtaten auf dem Gewissen hat?

    So richtig ist auch Luthers kleiner Schritt kaum angekommen in den Kirchen – auch nicht in den protestantischen: Dass der Gläubige sich von seinen Sünden nicht freikaufen muss, sondern längst in Gnade lebt.

    Aber das glauben augenscheinlich auch die meisten Christen nicht.

    Aber woher nehmen sie dann noch Trost, wenn sie mit ihrem Gott augenscheinlich einen Unberechenbaren anbeten, von dem nicht mal sicher ist, ob es ihn überhaupt gibt?

    Für Geißler besteht das Christsein eben nicht (mehr) darin, einen derart rätselhaften oder unfasslichen Gott anzubeten. Für ihn ist die Liebesbotschaft von Jesus das Zentrum des Christseins. Denn dieser Jesus hat augenscheinlich das Gegenteil dessen gepredigt, was der allmächtige oder ohnmächtige Gott die ganze Zeit tut: Er hat die Liebe zum Nächsten gepredigt. Und für Geissler sind die großen Religionen vor allem Landschaften der Hoffnung. „Wer nicht glauben kann, dem bleiben Hoffnung und Liebe, die nach Auffassung des Apostels Paulus größer ist als der Glaube“, schreibt er.

    Und beschreibt damit eigentlich auch die Tatsache, dass man an gar keinen Gott glauben muss, um ein zuversichtlicher Mensch zu sein.

    Aber genau das ist die Angst, die auch Luther nicht aus der Kirche fegen konnte.

    Nicht die Atheisten sind es, denen etwas fehlt, wie so gern behauptet wird. Es sind die Gläubigen. Das wird deutlich, wenn Geißler auf eine These kommt, die heute sogar in der politischen Diskussion immer wieder auftaucht und die christliche Kirche zu einer Säule der westlichen Zivilisation erklären will: „Milliarden Menschen verfielen in Hoffnungslosigkeit oder Gewaltexzesse, wenn sie nicht die Hoffnung auf ein besseres, jenseitiges Leben hätten.“

    Das ist der Punkt, an dem schon Kant seine Kopfschmerzen hatte. Denn wie kein Anderer beschäftigte er sich ja mit der Frage: Wie kommt die Moral in die Welt? Und was sorgt dafür, dass sich Menschen freiwillig nach ethischen Normen verhalten?

    Kant brauchte dazu noch eine höhere moralische Instanz, quasi den alten Moses-Gott, der den Menschen die Gesetze gegeben hat, nach denen sie sich zu richten haben. Diese Vorstellung lebt heute noch in den christlichen Kirchen.

    Auch Geißler möchte nicht darauf verzichten: „Schon aus praktischen Gründen wäre es eine für die Menschheit schlechte Entwicklung, wenn die Religionen ihre Kernbedeutung verlören, den Menschen eine Perspektive für ein anderes Leben zu erhalten.“

    Ein Gedanke, den gestandene Atheisten einfach nicht fassen können. Denn selbst Geißler stellt ja fest, dass es eine feine und verlogene Ausrede ist, wenn die Menschen hier auf Erden gequält, unterdrückt und gebrandschatzt werden – und ihnen das bessere Leben irgendwo im Jenseits als faules Versprechen vorgehalten wird. Vertagt also: Jetzt bitte erst mal ducken, arbeiten und Maul halten. Belohnung gibt’s im Jenseits.

    Denn das Leben auf Erden muss anders werden. Christ ist man dann, so Geißler, wenn man die Jesu’sche Nächstenliebe selbst praktiziert. „Die Nächstenliebe ist eine Pflicht“, schreibt er. „Neoliberale und die selige Maggie Thatcher, die im letzten Fünftel ihres Lebens gefüttert werden musste, nannten sie Gefühlsduselei und Gutmenschentum. Aber erst Nächstenliebe und solidarisches Handeln geben dem menschlichen Leben einen Sinn.“

    Willkommen bei uns, lieber Heiner Geißler. Genau da hätte er einfach einen Punkt setzen können. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

    Aber so ganz wird er doch nicht fertig mit diesen Atheisten. Denn auch ihm wurde jahrelang immer wieder gepredigt: Wer nicht an Gott glaubt, dessen Leben hat keinen Sinn.

    Doch. Hat es. Und zwar ohne Rituale und Mummenschanz. Alle Eltern wissen es: Es geht darum, eine Welt zu bewahren, die einmalig ist, und die wir unseren Kindern und Enkeln in all ihrer Schönheit hinterlassen müssen. Das ist der eigentliche Kategorische Imperativ, den Kant in die Formeln gepackt hat: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

    Das ist der eigentliche Kern aller Aufklärung.

    Und der steckt auch in einem Spruch, der so oft verkürzt zitiert wird, weil selbst den Zitierenden oft nicht klar ist, dass er am Anfang der internationalen Beschäftigung mit dem großen Thema Nachhaltigkeit steht, 1974 vom australischen Politiker Moses Henry „Moss“ Cass formuliert: „We rich nations, for that is what we are, have an obligation not only to the poor nations, but to all the grandchildren of the world, rich and poor. We have not inherited this earth from our parents to do with it what we will. We have borrowed it from our children and we must be careful to use it in their interests as well as our own.“

    Meist verkürzt auf: Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern nur von unseren Kindern geliehen.

    Wir haben keinen Gott als Ausrede und keine „von oben“ verliehenen Gesetze. Wir sind nur Teile einer Kette von Liebenden und Bewahrenden, die aus ferner Vergangenheit in eine unfassbare Zukunft reicht. Aber wir haben versagt, wenn wir diese Kette reißen lassen, wenn wir die Lebensgrundlage künftiger Generationen zerstören – aus Gier, Überheblichkeit, Ignoranz und was der falschen Tugenden mehr sind.

    Und wir wissen, dass wir die Grundlage gerade zerstören. Oder um noch einmal Heiner Geißler zu zitieren: „Die Nächstenliebe, das heißt die Pflicht, denen zu helfen, die in Not sind, sprengt nationale, kulturelle und religiöse Grenzen. Sie gilt allen Menschen unabhängig von Klasse, Rasse, Geschlecht, Nation und Vermögen.“ Wer das weiß, der weiß auch, dass die Kirchen mit ihrem „Eiapopeia vom Himmel“ (Heinrich Heine) meistens versagen, sich wegducken, wenn es richtig ernst wird und sich hinter hornalten Konzilbeschlüssen verstecken, wenn es um echte Taten geht.

    Nächstenliebe geht ganz ohne Gott, geht sogar – Heiner Geißler bestätigt es ja – sogar viel besser ohne Gott und Kirchenapparate. Das ist schon mal ein hübscher Fehdehandschuh zum Reformationsjubiläum.

    Das mit dem Atheismus, dem in Wirklichkeit gar nichts fehlt, behandeln wir an anderer Stelle noch ausführlicher.

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    1 KOMMENTAR

    1. „Aber erst Nächstenliebe und solidarisches Handeln geben dem menschlichen Leben einen Sinn.“
      Ja, eindeutig. Ich wüßte nicht, was mehr Sinn machen könnte. Kluger Mann.

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