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Mit der Kamera durchs Lutherland

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    Mit zehnjährigem Anlauf strebt das Reformationsjubiläum in diesem Jahr auf seinen Höhepunkt zu. Am 31. Oktober werden es tatsächlich 500 Jahre, die sich Luthers Thesenanschlag jährt. Die Bücher zu Luther, zur Reformation und zur Lutherzeit stapeln sich. Politiker werden zuhauf in Kirchen strömen, um weihevolle Reden zu schwingen. Dabei ist doch gerade das alte Lutherland so schrecklich ungläubig geworden. Oder?

    Kommt wohl drauf an, wie man es betrachtet. Wenn man diverse Parteien und Politiker anschaut, dann ist dieser schreckliche atheistische Osten längst wieder zu einem pietistischen Kirchenstaat geworden. Wenn mal über Moral debattiert wird, wird die Bibel hochgehalten. Es werden katholische und evangelische Kirchentage gefeiert. Politiker aller Couleur betonen, wie christlich sie sind.

    Und Atheismus erscheint in den Statements der Weihevollen geradezu wie des Teufels schreckliche, trostlose Heimatlosigkeit. Daher kommt doch wohl diese ganze rumorende Renitenz, die da auf (ostdeutschen) Straßen herumläuft, oder? Jedenfalls vermutet das der Publizist Christian Schüle in seinem Vorwort. Warum hat man diesen Mann gebeten, so ein Vorwort zu schreiben? Es hat nichts, aber auch gar nichts mit den Fotos zu tun. Und es steckt voller falscher Behauptungen. Angefangen von „selbst der Atheist ist ein homo naturaliter religiosus“ bis zur Behauptung, der Mensch brauche „eine transzendente Heimat, ein metaphysisches Obdach, eine spirituelle Antwort, sonst könnte er verloren gehen“.

    Ich lese prinzipiell die Vorworte zu solchen Büchern. Und gute Bildbände haben gute Vorworte, die den Betrachter und Leser hineinführen in die Ambition des Fotografen, vielleicht noch ein wenig einordnen, Hintergrundinformationen liefern und das Thema erläutern. Lutherland in diesem Fall. Was man heute auch als Mitteldeutschland begreifen kann: die Landschaft, in der Luther wirkte, wo man auf Lutherwegen wandeln kann und wo mal das Kernland des Protestantismus war.

    Im Grunde die Landschaft, die Jörg Gläscher mit der Kamera bereist hat. Plus noch eine Ecke Niedersachsen, denn da kommt er her, aus Osnabrück. Ein Eckchen Hamburg, ein bisschen Baden-Württemberg. Lutherland kann ganz schön groß sein.

    In Leipzig hat Gläscher an der HGB studiert und arbeitet hier als Fotograf. Mitten im alten Lutherland. Mitten in dem Land, das aus der Fernperspektive wie ein atheistisches Nirwana aussieht. Was so nicht ganz stimmen kann. Bis zu 20 Prozent der Ostdeutschen sind nach wie vor kirchlich gebunden. Gläscher hat einige der Orte, wo dieses religiöse Leben stattfindet, besucht. Egal, ob eine Hochzeit in Blankenburg, ein Freakstock Festival in Allstedt oder ein Krippenspiel in der Leipziger Peterskirche. Es gibt dieses Leben. Es versteckt sich nicht. Und zur Wahrheit gehört auch: Es lebt nicht im Konflikt mit einer atheistischen Umwelt.

    Im Gegenteil: Bis weit in die atheistische Umwelt hinein greift die Erinnerungskultur zu Luther und Reformation. Luther wusste es eigentlich. Es war Teil seines Ringens: Man kann sich seinen Glauben nicht aussuchen. Man ist entweder tief gläubig (und leidet darunter, wenn der Gott ein strafender Wüterich ist) oder man sucht eben nicht nach Transzendenz.

    Das ist die einzige Stelle in Schülers Vorwort (das eindeutig kein Vorwort ist), die stimmt: Welches Verhältnis Menschen zur Religion gewinnen, wird in den ersten vier Lebensjahren angelegt. Wie alle Lebensmuster, die das Verhältnis von Menschen zu ihrer Umwelt prägen. Übrigens auch emotionale Grundhaltungen wie (Selbst-)Vertrauen. Aber da Schüler nur den Blick auf eine obskure Wissenschaft wie die Neurotheologie hat, ignoriert er die komplette moderne Kognitionswissenschaft. Denn es ist nicht der Glaube an einen Gott, der Menschen das Grundvertrauen fürs Leben gibt, sondern die Beziehung zu den Eltern: Starke Eltern machen Kinder fürs Leben stark. Ob sie dann religiös werden oder mit ganzem Selbstvertrauen mutige Wissenschaftler, Skeptiker und Selberdenker werden, ist eine ganz andere Frage.

    Deswegen enttäuscht das „Vorwort“ auch an dieser Stelle, denn es tut so, als ginge es bei Luther und im Lutherland nur um Religion. Als hätte Luthers Wirken nicht dazu geführt, dass sich komplette Gesellschaften geändert haben und protestantisches Denken auch völlig ohne Theologie in alle Bereiche vorgedrungen ist. Das Luthersche „Hier stehe ich“ weist weit über das enggefasste religiöse Denken Schüles hinaus. Und – das ist ja das eigentlich Besondere an diesem Luther: Es steht für widerständiges Denken, gerade im alten Lutherland ganz exemplarisch. Denn die Friedliche Revolution steckt voller Luther-Bezüge, ist völlig geprägt von widerständigen Denkhaltungen. Vielleicht war Gläscher da die Leipziger Nikolaikirche zu sehr aufgeladen mit Symbolik. Aber genau dafür steht dieser Luther. Pfarrer wie Friedrich Schorlemer, Christian Führer und Christoph Wonneberger stehen genau in dieser Lutherschen Tradition, die heute viel zu kurz kommt. Denn der Mann hat eben nicht nur die Kirche reformiert, sondern auch die Gesellschaft, das Verhältnis der Untertanen zu ihrer Obrigkeit. Wer an alten Hierarchien zu zweifeln beginnt, der beginnt immer das Ganze zu verändern, ob er will oder nicht. Genau das, was 1989 passiert ist.

    Wenn von dieser Widerständigkeit 2017 nicht mehr viel zu sehen zu sein scheint, dann hat das auch damit zu tun, dass die Probleme im Osten schon wieder gern mit goldigen Parolen zugekleistert werden und Kirche als romantische Fluchtinstitution verkauft wird, gar als moralische Hauptinstanz. Da wäre auch Martin Luther ausgeflippt, weil der aufrechte Mensch im Mittelpunkt seiner Reform steht, der selbstverantwortliche Mensch, nicht der Duckmäuser vor dem Herrn.

    Die Fotos von Jörg Gläscher deuten das nur an, zeigen im Grunde einige ausgewählte Aspekte durchaus greifbaren kirchlichen Lebens in diesem verwunschenen Osten, den Ernst, mit dem einige Menschen ihren Glauben leben. Das ist sogar tröstend, wo man nun hunderte Bildbände gesehen hat, in denen Christen vor lauter Freude gar nicht mehr auf die Erde kommen. Es ist ein irdisches Leben, versonnen, sehr ernsthaft. Den Abgebildeten ist es wichtig, es ist ein wesentlicher Teil ihrer Welt. Deswegen wirken die Schüleschen Seitenhiebe auf unglückliche Atheisten so seltsam. Sie werden Polemik, wo eigentlich der Raum zur Erkundung wäre.

    Denn Vieles im Osten, was überhaupt nicht kirchlich ist, ist trotzdem echtes Luthertum. Ohne mystischen Talmiglanz. Vielleicht erschreckt das den Publizisten so sehr: Dass es da draußen eine Welt von Menschen gibt, die ohne Mythen und Rituale auskommen und auch in eine von wissenschaftlicher Neugier erforschte Welt mit vollstem Urvertrauen schauen. Sie werden eher misstrauisch, wenn ihnen dann mit religiösem Zinnober eine Politik zugemutet wird, die sich schafsmäßig religiös gibt, aber mit ihrer Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Protestantismus hat nun einmal auch eine ganz irdische Seite. Die eine, die dann übrigens auch in Alt-Lutherland zur Seele der frühen Sozialdemokratie wurde: Man erwartet keine Erlösung mehr von Gott oder Kaiser, sondern fordert eine gerechtere Welt auf Erden. Hier und jetzt. Und bitte ohne Weihrauch.

    Wer das so weit denkt, der ahnt, wie lebendig dieser Luther im Osten tatsächlich noch ist. Herrlich durchexerziert mit den Leipziger Disputationen in der Thomaskirche, wo man ganz genau weiß, wie weit dieser Luthersche Anspruch des „Hier stehe ich …“ reicht, dass das heute alle unsere gesellschaftlichen Ebenen durchdringt. Und dass das einen Dialog auf Augenhöhe braucht, nicht diese quasi-religiöse Schönmalerei, die die Hoffnung auf Gerechtigkeit ins Himmelsreich verweist. Auch das ist Luther in Lutherland: Hier auf Erden muss sich der Mensch beweisen als Mensch, nicht erst im Himmel.

    Die Fotos in diesem Bildband mit ihrem tiefen Ernst passen dazu. Das etwas seltsame Vorwort leider nicht.

    Jörg Gläscher LutherLand, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2017, 25 Euro.

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