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„Was soll vergrabenes Gold …“ – Der Zankapfel Lipsk und die Fakenews der Mächtigen

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    Für FreikäuferNa gut, den 800-Seiter wird nicht jeder im Urlaub schaffen. Es sei denn, es gibt jetzt noch sechs Wochen Regenwetter. Selbst dann wird es nicht leicht, denn Joachim Oelßner hat sich mit diesem Buch zu einem der spannendsten Kapitel der Leipziger Geschichte eine Herkulesaufgabe gestellt. Denn vor 800 Jahren war in Leipzig richtig was los. Zutaten: ein König, Markgrafen, Bischöfe, Ritter. Und ein berühmter Minnesänger.

    Es geht um jenes rätselhafte Kapitel in der Stadtgeschichte, das vor allem in den Pegauer Annalen seine Spuren hinterlassen hat. Zu denen man immer wissen muss: Pegau war Ausland, gehörte zum Bistum Merseburg, das um das Jahr 1212 eine Menge Aktivitäten entwickelte, sich in der Mark Meißen Land zu sichern. Auf nachweislich fragwürdige Art. Die Dokumente, die den Merseburger Anspruch auf das kleine Städtchen Lipsk festhalten, haben sich als gefälscht erwiesen. Kirchenfürsten wie dem Bischof in Merseburg oder dem Erzbischof Albrecht in Magdeburg war jedes Mittel recht, mehr Macht und Einfluss zu erreichen.

    Joachim Oelßner, 1948 in Leipzig geboren, studierter Afrikanist und Ökonom und einst im DDR-Außenministerium beschäftigt, hat sich sehr umfassend beschäftigt mit dieser Epoche, in der der Machtkampf zwischen Papst und Kaisern die deutsche Geschichte bestimmte. Erzbischöfe gehörten zu den mächtigsten Fürsten im Reich – und sie nutzten ihre kirchliche Macht, um weltliche Interessen durchzudrücken, exkommunizierten auch mächtige weltliche Fürsten wie Dietrich, den Markgrafen von Meißen, den die Geschichte später Dietrich den Bedrängten nennen sollte, und auch Ludwig, Landgraf von Thüringen, der nach Dietrichs frühem Tod die Vormundschaft über den minderjährigen Heinrich übernahm.

    Und Leipzig gehörte zu den großen Bedrängnissen Dietrichs. Sein Vater, Otto der Reiche, hatte der Stadt erst 50 Jahre zuvor das Stadtrecht verliehen. Es war eine Wettiner Gründung. Doch vom Stadtbrief existiert heute nur noch eine kleine Kopie mit falsch herum eingedrücktem Reitersiegel, die schon Generationen von Historikern zum Grübeln brachte. Was ist damals passiert? Wirklich ein Bürgeraufstand der Leipziger? Aber die Pegauer Annalen erwähnen besonders die Ministerialen als treibende Kraft des Aufruhrs. Ministeriale aber waren Bedienstete der Landesherrschaft – Vögte, Burgverwalter, Ritter, von denen es in Oelßners Buch geradezu wimmelt.

    Man merkt, dass er sich durch Berge von Literatur zum Thema gewühlt hat – viele Bücher zur sächsischen und Leipziger Geschichte, aber auch übergreifende Bücher, die die deutsche Geschichte dieser Zeit einordnen. Immerhin gab es immer wieder auch Gegenkönige – hier der gewählte Kaiser Otto aus dem Haus der Welfen, mit dem Dietrich anfangs verbündet war, dort der aufstrebende Friedrich II., der Herausforderer.

    Noch besitzen die Wettiner die Mark Meißen nicht endgültig, noch ist es nur ein Lehen, das der König jederzeit einziehen kann. Sie können also nicht so frei agieren, müssen Bündnisse eingehen oder gar wechseln, Kompromisse schließen und sich manchmal regelrecht freikaufen. Auch das ist verbürgt. Tonnenweise opferten sie das bei Freiberg gewonnene Silber, um die Gier der Bischöfe zu befriedigen.

    Wenn Oelßner also Erzbischof Albrecht von Magdeburg und den Domherrn und späteren Bischof Ekkehard von Merseburg zu mächtigen Spitzbuben macht, die in der grenznahen Stadt Leipzig intrigieren und auf einen Umsturz hinarbeiten, dann klingt das naheliegend. Man merkt, dass Oelßner versucht, den historischen Ereignissen eine Logik zu geben. Denn wenn man das Mächtespiel der Zeit ausblendet, wird es schwer verständlich, dass ausgerechnet die Bürger einer erst kurz zuvor von den Wettinern gegründeten Stadt gegen den Landesherrn rebellieren und gar einer Belagerung standhalten. Die Belagerung lässt Oelßner weg. Sein Dietrich ist ein um den Frieden besorgter Landesherr.

    Ein kluger, machtbewusster Fürst war er. Keine Frage. Er taucht ja auch bei Sabine Ebert auf in ihrer jüngst gestarteten großen Mittelalter-Reihe „Krone und Schwert“. Aber schon einmal war die Mark Meißen vom Kaiser als Lehen wieder eingezogen worden. Die Begehrlichkeiten sind groß. Die historisch verbürgten Nachrichten sind rar gesät, auch wenn der Giftanschlag auf Dietrich verbürgt ist und dessen zeitliche Nähe zum Aufstand in Leipzig.

    Aber was geschah wirklich in der Stadt? Wer hatte dort die Macht? Wer konnte die Strippen ziehen? Die Bürger selbst hatten noch keinen eigenen Rat und keinen eigenen Bürgermeister. Wenn die Idee einer „Freien Reichsstadt“ auftauchte, dann sprach daraus der Wunsch nach mehr Selbstverwaltung. Der möglicherweise, so Oelßner, zuerst von den Kaufleuten ausging. Denn Leipzig war eine Kaufmannssiedlung. Die wichtigste Kirche war Nikolaus, dem Schutzheiligen der Kaufleute gewidmet. Sie war die zentrale Kirche der irgendwann um 1165 gegründeten Stadt. Logisch, dass Oelßner etliche Kaufleute zu seinen Helden macht – auch die beiden tatsächlich historisch verbürgten Ripertus und Godefridus. Dazu Handwerker im Schatten der Burg, selbstbewusste (Ehe-)Frauen, Huren, Bettler, Knechte … Er versucht, ein ganzes Ensemble dieser frühen Stadtgesellschaft zu malen, einer Stadt, die wohl erst um die 1.000 Einwohner hatte. Überschaubar also. Auch wenn wir über die Struktur dieser Stadt noch wenig wissen.

    Selbst über den Zustand der riesigen Lehmgrube, die in den Überlieferungen als „Loch“ auftaucht, rätseln die Historiker. Wann wurde daraus der Marktplatz der Stadt? Wie sahen die Burgen aus, die Dietrich errichten ließ, nachdem er 1217 durch eine List doch noch in die Stadt gekommen war und die Mauern schleifen ließ? Waren es seine eigenen Ministerialen, die den Aufstand anführten?

    Die Erwähnung in den Pegauer Annalen wirft Rätsel auf. Auch beim Herstellen von Fakenews waren die kirchlichen Schreiber erfindungsreich. So erfindungsreich, dass noch bis in die jüngere Gegenwart viele Urkunden als echt galten, die sich mittlerweile als dreiste, aber gekonnte Fälschungen erwiesen haben.

    Dass an den Pegauer Annalen Manches nicht stimmen kann, sagt die Logik. Es passt nicht richtig. Man schrieb ganz im Sinne der eigenen (auch sehr gierigen) kirchlichen Interessen.

    So dass Oelßners Buch auch eine Art versuchter Rekonstruktion ist: So hätte es gewesen sein können. Und damit die Leser seinen Gedankengängen folgen können, wird er sehr ausführlich. Viele, viele Seiten seines Buches nehmen die Gespräche der unterschiedlichen Akteure ein – der Kaufleute, der markgräflichen Berater, der Kirchenfürsten, aber auch der „einfachen Leute“, etwa des Kutschers Arno, der im Buch eine steile Karriere hinlegt und am Ende die Stadt retten wird.

    Man hat so das Gefühl, hier kommt der Autor durch, der seine Erfahrungen aus dem politischen Leben verarbeitet. Denn viele dieser Gespräche wirken sehr modern – wie Blitzlichter aus einer Welt, in der immerfort jeder eigenen Machtinteressen folgt und versucht, neue Bündnisse zu schließen und gegen andere zu intrigieren. Was aber so fern nicht liegt: So weit entfernt von der Bündnisschmiederei des Mittelalters sind wir heute auch nicht, auch wenn an die Stelle der päpstlichen Machtansprüche heute andere Mächte getreten sind.

    Es ist durchaus möglich, dass man mit heutigen Erfahrungen einiges entschlüsseln kann, was in den Annalen des 13. Jahrhunderts eher nur verklausuliert erscheint, durch die Brille der Machtinteressen gesehen. Aber auch uns geht es ja heute nicht anders: Wer um Macht und Einfluss buhlt, der trickst, täuscht und stellt die Dinge immer eingefärbt dar. Es ist eher erstaunlich, dass eine Menge Leute glaubt, Einseitigkeit wäre dann die neue Objektivität.

    Oder die Wahrheit, die in diesem Buch mehrfach zitiert wird. Die Zeile „Was soll vergrabenes Gold …“ stammt aus einem Gedicht Heinrich von Morungens, jenes Minnesängers, der seinen Lebensabend im Leipziger Augustinerstift verbrachte und der – der Legende nach – auch eine Reliquie des Apostels Thomas aus dem fernen Indien mitgebracht haben soll. Die in diesem Buch auch eine Rolle spielt, gerade in jenen Kapiteln, in denen es um den Herrschaftsanspruch der Kirche geht und um die aufbrechenden Konflikte dieser von Macht besessenen Kirche. Mit Feuer und Schwert ließen die Päpste jede Ketzerbewegung niedermachen –– doch gleichzeitig ließen sie neue Orden wie den der Dominikaner zu, die dann irgendwie zum Ventil für die offenen Fragen der Zeit wurden. Im 13. Jahrhundert ist längst angelegt, was mit der Lutherschen Reformation drei Jahrhunderte später zum Durchbruch kommen sollte.

    Jede Menge Stoff also, der sich geradezu aufdrängt, daraus einen dicken historischen Roman zu machen. Sehr dick in diesem Fall. Auch weil Oelßner versucht, alle verbürgten Leipziger Ereignisse aus dem Zeitraum von 1211 bis 1224 logisch miteinander zu verknüpfen. Im Anhang bietet er dann auch noch eine Zeittafel, die die Leipziger Ereignisse einordnet in die Geschichte der Markgrafschaft, die Reichsgeschichte und auch die Kirchengeschichte.

    Denn nicht nur in den Leipziger Ereignissen fällt die Dichte von historisch verbürgten und berühmten Persönlichkeiten auf, dasselbe gilt auch für die Geschichte der Markgrafschaft. Während Heinrich von Morungen von Markgraf Dietrich protegiert wird, handelt der sich beim noch berühmteren Walter von der Vogelweide eine ganze Kanonade von Schimpfliedern ein.

    Was noch auffällt, ist natürlich, dass Oelßner versucht, die historischen Wohn- und Lebensbedingungen genauso detailreich zu erzählen wie die Kleidung seiner Protagonisten und die Ess- und Trinksitten. Was dann zum Genuss von erheblichen Mengen diverser Weine und von viel Grutbier führt. Im Grunde also eine sehr opulente Rekonstruktionen jenes Leipzig im frühen 13. Jahrhundert, das sich binnen weniger Jahrzehnte zu einer Handelsstadt entwickelt hat, die gewaltige Begehrlichkeiten gerade bei den benachbarten Kirchenfürsten erweckte.

    Am Ende stellen dann die diversen Akteure fest, dass die Sache mit der Wahrheit wohl doch nicht so einfach ist. Gerade dann, wenn alle Nachrichten interessengesteuert sind und einige Mächtige sichtlich kein Interesse daran haben, dass die wirklichen Zusammenhänge publik werden.

    Tja, irgendwie wie heute, könnte man sagen. Und fühlt sich bei einem Großteil der politischen Personage doch erstaunlich ans Mittelalter erinnert, das zwar ungemütlich, aber nicht wirklich finster war. Eher sehr modern, wenn man es aus der Perspektive der Machtspiele betrachtet.

    Joachim Oelßner Was soll vergrabenes Gold …, Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2017, 19,80 Euro.

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