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Maria von Wedemeyer und ihre unerfüllte Liebe zu Dietrich Bonhoeffer

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    Die großen protestantischen Liebesgeschichten sind sein Thema. Über Luther und seine Katherina hat Fabian Vogt schon geschrieben. Eigentlich hat er sogar mit einem Theaterstück angefangen. Und so war es auch bei der großen Liebe Dietrich Bonhoeffers zu Maria von Wedemeyer, die gerade deshalb so berührt, weil sie unerfüllt blieb.

    Fabian Vogt hatte daraus ein Bühnenstück gemacht, ein Solo-Stück für eine begabte Schauspielerin, das vor allem dadurch Brisanz gewann, dass die später als Informatikerin erfolgreiche Maria darüber reflektiert, ob diese Liebe zu Bonhoeffer eigentlich ihr eigenes Leben und ihre späteren Ehen überschattet hat – und möglicherweise zum Scheitern gebracht.

    Denn ausleben konnte sie ihre Liebe zu dem noch heute so verehrten Theologen nicht. Anfangs, weil ihre Mutter Einspruch erhob gegen diese Partnerschaft, dann durch Bonhoeffers Verhaftung im Umfeld des Attentats vom 20. Juli. Der erkämpften Verlobung folgte also nichts von dem, wovon Liebende eigentlich träumen. Die beiden hatten nur die streng überwachten Besuche im Gefängnis. Ihre Emotionen, Wünsche und Geständnisse vertrauten sie den Briefen an – einige davon geschmuggelt, so dass auch einmal ohne Zensur geschrieben werden konnte.

    Aber die Briefe zeigen schon, wie wichtig Bonhoeffer sein Glaube war und dass für ihn wohl vor aller irdischen Liebe immer erst Gott kam. Das muss auch eine Frau erst einmal verkraften, wenn ein Geliebter so rigoros etwas Anders an erste Stelle setzt und dafür sogar auf den Versuch einer Flucht aus dem Gefängnis verzichtet, also auch auf die Frau. Denn dass ihn die Nazis freigeben würden, das war nicht zu erwarten. Dazu war ihnen der aufrechte Theologe zu suspekt, zu deutlich in der Ablehnung all dessen, was sie taten. Die wirklich belastenden Dokumente, die ihn mit den Verschwörern vom 20. Juli in Verbindung brachten, fanden sie erst später – und handelten dann rücksichtslos und definitiv, richteten Bonhoeffer noch kurz vor Kriegsende im KZ Flossenbürg hin.

    Auch das muss eine Frau erst einmal verkraften. Dass Maria von Wedemeyer schließlich nach ihrem Studium Deutschland für immer verließ, wird damit zu tun haben. Ihr Briefwechsel mit Dietrich Bonhoeffer wurde erst 15 Jahre nach ihrem Tod veröffentlicht. Aber in diesem Buch spielt er die zentrale Rolle, denn in ihm ist die ganze unvollendete Liebesgeschichte lebendig. Wie kann man sich von einer Liebe lösen, die so unerfüllt blieb? Die aber auch so groß war und einen Briefwechsel hervorbrachte, der auch die Nachgeborenen noch berührt. Logisch, dass die Frage aufkommt, wie die beiden ihr Leben gestaltet hätten, wenn Bonhoeffer überlebt hätte.

    Aber es ist viel komplexer. Was Fabian Vogt mit einem stillen Gast deutlich macht, einem Jesuitenpater, der selbst in lauter Zweifeln steckt und nur zu gern erfahren hätte, wie Dietrich Bonhoeffer es geschafft hat, standhaft zu bleiben, den Glauben zu bewahren und nicht zu zerbrechen, obwohl er wusste, was ihm blühte.

    Die Fragestellung zwingt Maria, sich selbst noch einmal ausgiebig mit ihrer großen Liebe zu beschäftigen und mit ihrer Sicht auf Bonhoeffer – die durchaus nicht ungebrochen ist. Denn dass er auf sie verzichtete, um im Gefängnis standhaft auszuharren und ein Vorbild zu sein, das war ganz bestimmt eine Last fürs Leben. Daran kann man verzweifeln. Aber es kann einen auch so belasten, dass man sein eigenes Leben nicht mehr lebt. Es ist also auch eine Art später Abschied, den Vogt hier gestaltet, ein sehr emotionaler Abschied, in dem Maria sich gegenüber dem übermächtigen Geliebten neu positioniert, auch distanziert, weil sich anders nicht leben lässt. Aber sie versteht ihn auch irgendwie – und auch, warum sie ihn gerade dafür liebt.

    Das mit der menschlichen Liebe ist schon ein komisches Ding. Aber gerade da, wo sie so eindrücklich und verwirrend wird, berührt sie uns auch. Und irgendwie lernt man so – auf eher emotionale Weise – dass es Mut und Zuversicht nicht ohne Mühe und Kämpfe gibt. Gedichte, die Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis schrieb, erzählen davon, zeigen auch, dass er Verzagen und Verzweiflung durchaus kannte. Aber dadurch gewinnt er jene tiefe Menschlichkeit, die ihn erst greifbar macht. Auch für Maria, die sich zwar nicht von ihrem stillen Gast verabschiedet, aber in einem vehementen Abschiedsbrief von Dietrich.

    Fabian Vogt hat viele Züge seines Bühnenstückes mit Absicht übernommen in dieses Buch. Dadurch rückt gerade die mit sich und ihrer Liebe ringende Maria in den Mittelpunkt, die durchaus auch manchmal ganz unerwartet handelt. Als säße der Gast gar nicht in ihrem Wohnzimmer. Aber so ungefähr geht ja irgendwie jeder im Kopf mit seinem Leben um – mit einer gescheiterten Liebe, die ihm oder ihr wichtig war, sowieso. Oder könnte es tun, wenn ihm der geliebte Mensch nicht wirklich gleichgültig war. Aber gerade da berühren sich die Welten: Wenn  Menschen einander wirklich berühren. Und sei es nur mit Worten, wenn es anders nicht geht.

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