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Das Zynische Wörterbuch gibt’s jetzt in einer neuen endgültigen Ausgabe

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    Manchmal vergisst man es ja beinah: Aber die Weltliteratur ist tatsächlich voller Pessimisten und Zyniker, voller scharfzüngiger Herren und Damen, die irgendwann keine Lust mehr hatten, sich einzureden, die Menschheit sei überlebensfähig oder gar eine vernunftbegabte Spezies. Aber je älter man wird, umso öfter erwischt man sich dabei, dass man ihnen zuzustimmen geneigt ist: Menschliche Dummheit ist leider endemisch.

    Wem das Wort jetzt irgendwie fremd vorkommt: Wir haben unterm Text den kleinen Wikipedia-Beitrag zu Endemie verlinkt. Das Büchlein selbst hat schon eine richtige Karriere hinter sich. 1978 erschien es erstmals als „Das zynische Wörterbuch“ bei Diogenes, erweitert und vermehrt nahm es 1989 der Haffmanns Verlag in sein Programm auf als „Das endgültige zynische Wörterbuch“, bevor es 2003 der Reclam Leipzig in einer wieder veränderten Fassung brachte.

    Gerd Haffmanns war nicht nur Verleger des Büchleins, er war auch Mitautor des Literaturwissenschaftlers und Linguisten Dr. Jörg Drews, der dieses Buch in seiner Konzeption verantwortete. Und wer es liest, merkt, dass eine Menge Haffmanns-Autoren drin vorkommen: von Oscar Wilde (der ja genug Grund hatte, zum Zyniker zu werden) bis zu Arthur Schopenhauer (von dem bei Haffmanns eine maßgebliche Werkausgabe vorliegt). Seit 2002 erscheinen die Haffmanns-Titel bei Zweitausendeins. Und jetzt war mal wieder Zeit, das Zynische Wörterbuch aufzufrischen. Die Zeiten sind ja bekanntlich nicht besser geworden. Oder um Oscar Wilde zu zitieren: „Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur Erfahrung – das ist so ziemlich dasselbe.“

    Denn die Namen unter den vielen mit Sorgfalt ausgewählten Stichpunkten – von A wie Abendland bis Z wie Zynismus – bestätigen es: Zyniker sind nüchterne Welt-Beobachter. Sie versuchen sich alle aus dem Getriebe der Welt möglichst herauszuhalten, sich eine eigene und unabhängige Meinung zu bilden und sich dem Gerede der Leute zu entziehen, diesem mehligen Man-sagt-so, diesem Geschwätz, aus dem die meisten Zeitungen, Bücher und Parlamentsdebatten bestehen. Denn es verdummt, es macht Menschen zu Schwätzern, Nachbetern und Opportunisten. Man braucht eine verdammt dicke Haut, um sich dem zu entziehen. Und verdammt starke Nerven, um das auf die Dauer auszuhalten.

    Vielleicht war es genau diese mit Facebook, Pegida und AfD auftauchende Debatte, dieses Sarrazinsche „Muss man ja mal sagen dürfen“, das Gerd Haffmanns dazu animierte, das kleine Wörterbuch noch einmal in Arbeit zu nehmen. Was nicht nötig gewesen wäre, wenn all die pausbäckigen deutschen Kultusminister ihre Worte über Bildung jemals ernst gemeint hätten. Haben sie nicht. Dazu ist Politik viel zu abhängig von Meinungen. Oder noch genauer: Öffentlicher Meinung. Zu der der tschechische Dichter Bohumil Hrabal zu sagen weiß: „Sie wird von Idioten und Trinkern gemacht.“

    Muss man ja mal sagen dürfen.

    Ist doch so, nicht wahr?

    Aber nicht nur in Tschechien, sondern auch in Polen, Österreich, Frankreich (ja, die großen französischen Zyniker von Chamfort bis Diderot kommen auch drin vor – Voltaire leider nicht. War der zu zynisch?) und England sind stark vertreten in der Auswahl. Aus Frankreich und England erfrischenderweise viele (verstorbene) Politiker von Rang und Namen. Die mussten es wissen. Und sie nahmen, wenn sie ihre Memoiren schrieben, gern mal die spitzere Feder. Das ist Futter für Goldgräber. Was nicht bedeutet, dass die Deutschen nichts beizutragen gehabt hätten. Nur: Wer liest die grandiosen Zyniker aus hiesigen Landen? Arno Schmidt und – hoppla – Bert Brecht? War das nicht so ein schrecklicher kommunistischer Dramatiker?

    War er. Wäre er nicht so berühmt gewesen, hätte ihn Ulbricht ganz bestimmt entweder aus dem Land geekelt (wie Mayer und Bloch, beides freilich keine Zyniker) oder ins Loch gesteckt. Dabei haben wir eine große, beeindruckende zynische Literatur. Ob sie an Schulen und Universitäten überhaupt noch erwähnt wird, weiß ich nicht. Ist auch egal. Dass ein Arthur Schopenhauer Philosophie-Lehrstühle sowieso für Unfug hielt, ist bekannt. Nietzsche (wohl der heftigste unserer Zyniker) hat ja nicht lange professiert. Und Georg Christoph Lichtenberg war ja Physik-Professor. Seine zynischen Kommentare zum Menschsein vertraute er lieber seinen Sudelbüchern an.

    Die schöne Überraschung ist eher, dass in diesem Büchlein auch Goethe als Zyniker zu entdecken ist. Von Tucholsky wissen wir es ja. Und dass der Wanderer Johann Gottfried Seume einer war, gilt es ebenso zu entdecken. Nur: Wer liest ihn noch? Und wer hat das richtige Einstein-Zitat? Dass er in seiner Einstellung zum Menschengeschlecht sehr zynisch werden konnte, ist nachlesbar. Eine Reihe Beispiele bietet Wikiquote (siehe unten).

    Aber gerade das berühmte Zitat zur Unendlichkeit menschlicher Dummheit, das man im Bändchen findet, stammt wohl gerade nicht von ihm. Und wenn, dann hat er geniale Vorläufer zitiert. Walter Hehl zitiert bei seiner Suche nach dem Ursprung des Zitats zum Beispiel Gustave Flaubert (der übrigens auch berechtigterweise im Wörterbuch vorkommt und noch dazu ein alter Haffmanns-Autor ist): „Aber wer weiß? Die Erde hat Grenzen, aber die menschliche Dummheit ist unendlich.“ Und den französischen Philosophen Ernest Renan: „Nicht die Unermesslichkeit des Sternenhimmels kann uns die vollkommene Idee des Unendlichen liefern, sondern eher die menschliche Dummheit.“

    Hehl spricht von einem Mem.

    Die Aussage ist so treffend, dass man sie einigen Leute einfach zutraut. Sie könnten es gesagt haben. Es passt zu ihnen. Und: In immer neuer Form pflanzt sich der Gedanke fort. Eigentlich wissen wir es. Aber: Es ändert sich nichts. Deswegen fehlt natürlich einer der größten Zyniker unter den Romanautoren auch nicht – Jonathan Swift, dessen Buch „Gullivers Reisen“ eigentlich eine Generalabrechnung mit menschlicher Torheit und Ignoranz ist. Nur weiß das nach all den blödsinnigen Hollywood-Verfilmungern keiner mehr.

    Was an Typen wie Harvey Weinstein liegt, der in Hollywood genauso wenig eine männliche Ausnahme ist wie Donald Trump in Washington oder unsere eigenen, hausgemachten Chauvinisten im Bundestag. Das Problem ist nämlich nicht der Umgang mit Frauen – das ist nur ein Symptom für etwas anderes: nämlich unseren alltäglichen Beifall für Dummheit in all ihren Formen. Und unserem verflixten Opportunismus den dummen Kraftmeiern gegenüber. Trump hat es doch bewiesen: Dummheit findet Beifall und Mehrheiten. Sie muss nur laut und rücksichtslos daherkommen, dann wird sie für Genialität und Durchsetzungskraft gehalten. (Herzliche Grüße nach Österreich.) Je griffiger die Plattitüden sind, mit denen sie dem Volk die kompliziertesten Dinge auf Parolenlänge einkürzt, umso lauter ist der Beifall. Umso seliger gucken die Reporter im TV, die tatsächlich glauben, Dinge ließen sich in 30 Sekunden erklären. Julio Cortazar (ein argentinischer Schriftsteller) zu diesem Thema: „Ausländer zu lynchen ist die Pflicht jeder Volksmenge, die auf sich hält.“

    Einfach sacken lassen.

    Da waren die Argentinier nicht anders als die Sachsen oder andere vom Volks-Geschwätz besoffene Völker. Deswegen ist jetzt auch das Abendland mit im Wörterbuch. Und der Kohl-Kopf ist dafür rausgeflogen. Kein Mensch macht mehr Kohl-Witze. Aber das braucht es auch nicht mehr. Den Part haben andere Leute mit Bravour übernommen, auch wenn die Sache nicht mehr so lustig aussieht und man über einige dieser Flachflieger lieber keine Witze reißt, sonst wird man morgen am Flughafen verhaftet. Natürlich wegen Terrorismus. Wegen was denn sonst?

    Für die Dummköpfe der Weltgeschichte ist jeder Spaß auf ihre Kosten ein Terrorakt. Auch wenn sie in diesem Wörterbuch nicht zitiert werden, weil sie einfach zu blöd sind, zitierfähige gute Sprüche rauszuhauen, all diese Erdogan und Trump und … ich hätte jetzt beinah auch noch ein paar deutsche grimmige Politiker genannt. Aber lieber nicht. Denn diese Typen schicken zwar nicht unbedingt ihre Schlägertrupps, dafür ihren Rechtsanwalt: „Sie haben gesagt, ich zitiere: …“

    Deswegen stehen auch nicht mehr so viele freche Sprüche in den Zeitungen wie zu Tucholskys Zeiten. Das kann sich kein Verlag mehr leisten. Und Zyniker findet man in deutschen Redaktionen auch nicht mehr. Die sind ins Kabarett abgeschoben worden, wo sie niemandem wehtun können. Kabarett ist – zum Glück für die Opportunen – wieder das, was es vor Neunundachtzig gewesen ist: Ein schöner Blitzableiter für all die Leute, die den dummen Eindruck haben, wir lebten gar nicht in einem Land, in dem „alle gut und gerne leben“.

    Darf’s 50 Gramm mehr sein? – Aber immer.

    Und für den Hund?

    Für den bitte ein kleines Wörterbuch und die fünfbändige Schopenhauerausgabe. Er hat Kopfschmerzen und braucht was gegen den Kater.

    Jörg Drews & Co. „Das neue endgültige zynische Wöterbuch“, Haffmanns Verlag bei Zweitausendeins, Leipzig 2017, 7,90 Euro

    Die neue LZ Nr. 48 ist da: Zwischen Weiterso, Mut zum Wolf und der Frage nach der Zukunft der Demokratie

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