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Michael Oertels nachdenkliche Essays über die Verrücktheit unserer Zeit

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    Man merkt schon, dass der Buchmarkt ganz schön im Eimer ist. Autoren, die nicht in die gerade bestsellerverdächtigen Schubladen passen, müssen sich immer wieder neue Verlage suchen. Mit diesem Buch ist der Leipziger Michael Oertel nun in Aachen gelandet. Aber wo stellt es die Buchhändlerin hin? Zu den philosophischen Büchern, wo es keiner sucht? Zur Esoterik, wo es nicht hingehört? Zu den Lebensratgebern, wo es falsch stünde?

    Nicht, weil es kein Lebensratgeber wäre. Nur: Es hat mit den üblichen Ratgebern nichts zu tun. Dafür viel mehr mit den alten Philosophen, die auch keiner mehr liest, weil keiner mehr Zeit hat. Worüber Oertel natürlich auch schreibt. Er gehört zu jenen Zeigenossen, die noch wissen, dass das Leben erst richtig anfängt, wenn man sein Smartphone und die Flimmerkiste ausgeschaltet hat, wenn man den Blick hebt und den Mitmenschen vor und neben einem wieder in die Augen schaut. Bitte nicht erschrecken: Es sind Menschen.

    Und es passiert so viel Menschliches. Und es passieren Gefühle. Darauf sind wir nicht vorbereitet. Deswegen haben wir so viele Ablenker in unserer Umgebung, die unsere Aufmerksamkeit abziehen und uns wegbeamen, weg aus der mit Emotionen aufgeladenen Gegenwart in lauter schrille, unverbindliche Welten von Bildern und Nachrichten und (falschen) Aufregungen.

    Und man muss bei jedem einzelnen der Essays, die Michael Oertel in diesem Buch versammelt hat, auf die Jahreszahl schauen. Denn er schreibt solche Texte ständig, quasi lebensbegleitend. So, wie Blaise Pascal damals seine „Pensées“ schrieb, Gedanken, in denen er sich mit Gott und der Welt beschäftigte. Daraus sollte dann ein großes Buch zum Lob des christlichen Glaubens werden. Es sind die „Pensées“, die zum großen Buch wurden. Einem Buch, das moderne Philosophen immer wieder verwirrt, weil dieser Pascal irgendwie nicht ordentlich an einem Denkgebäude arbeitete. Und immer irgendwie nach einem Anker suchte, nach einemKompass im wilden Meer des Lebens: Was gibt uns Menschen eigentlich einen Halt? Was gibt uns einen Faden durchs Leben und ein Richtmaß für unser Tun?

    Das ging für ihn nicht ohne Religion und Gott. Ohne ein Leben in Gott. Worunter er mehr verstand als den Glauben. Denn darin steckt die Urfrage: Wie bin ich eins mit mir? Wie komme ich in Einklang mit meinem Leben und der Welt? Wann bin ich glücklich?

    Diese Fragen sind heute noch immer aktuell. Und die Antworten haben nur am Rande mit Glauben zu tun. Zentral aber mit Emotionen, Aufmerksamkeit, Respekt. „Keine Gefühle haben zu dürfen, das ist eine Strafe, nicht nur im Umgang mit sich selbst.“ Das schreibt nicht Pascal. Aber solche Sätze findet man natürlich auch in den „Pensées“. Geschrieben hat es Michael Oertel, den die Leipziger schon des Längeren als engarierten Mit-Menschen kennen. Das meint der Bursche ernst. Denn es ist das Ernsteste, worauf man sich als Mensch einlassen kann: Menschen als Seinesgleichen zu begreifen, ihrer Nähe und ihre Lebendigkeit als Bereicherung zu verstehen: das Wichtigste im Leben.

    Von dem wir uns immerfort ablenken lassen. Es gibt ja immer wieder eine neue größere Sau, die durchs Dorf getrieben wird und unsere Aufmerksamkeit und unsere Kräfte bindet. Alle diese falschen Versprechen von Glück und Reichtum, über „Werte“ und die ach so knappe Zeit, die wir sparen sollen oder nicht haben.

    Obwohl alle diese Dinge in einer virtuellen Welt vonstatten gehen, die mit unserem Leben nichts zu tun hat. Schon 1998 hat Oertel gestutzt. Und sich gewundert über das, was mit uns passiert, mit unseren Mitmenschen, die immer mehr zu Eiligen und Eilenden wurden, getrieben von einer Panik, die sie nicht mehr zur Ruhe kommen lässt, weil allerorten lauter Signale piepen, die sie immer schneller rennen lassen, weil die sonst Zeit verlieren oder Geld oder beides.

    Die Erfindung der (A-)sozialen Netzwerke, wie er sie nennt, haben das nur noch verstärkt. Und er nennt sie schon länger so, weil er gemerkt hat, wie das alles funktioniert, dass dieses Werbenetzwerk, das den Nutzern etwas verspricht, was es eigentlich nur im realen Leben gibt, tatsächlich nur zwei Dinge wirklich kann: Menschen richtig einsam zu machen, weil sie nur noch mit ihrem Gerät und in der Blase allein unterewegs sind. Und Menschen auszusondern: „Bin ich schon eingeloggt?“ heißt ein Essay von 2014, der zeigt, wie so ein Essay normalerweise funktioniert: Er beginnt mit einem Stutzen, untersucht den Gegenstand des Stutzens und stellt dann etwas Verblüffendes fest. In diesem Fall: Die sogenannten „sozialen Netzwerke“ sind Netzwerke, die Menschen ausgrenzen. Wer nicht eingeloggt ist, ist draußen.

    Und das Verblüffende ist: Das ist gar nicht schlimm. Schlimm ist eher die Einbildung, dass man dabei wäre, wenn man eingeloggt wäre. Aber das tatsächliche Leben spielt sich draußen ab, wo man richtige Menschen trifft, mit denen einem viel mehr passiert als bei einem dummen Twitter-Kommentar.

    In einem Essay von 2016 erzählt er dann, was das auch mit unserem Umgang mit den Menschen zu tun hat, die seit 2015 bei uns Zuflucht gefunden haben. Denn der Hass, die Panik, die Ängste, die toben sich in den (A-)sozialen Netzwerken aus. Aber die da toben, zumindest verbal, haben sich nicht auf die reale Begegnung eingelassen. Vor der ein Michael Oertel als Menschen-Arbeiter sowieso nicht zurückscheut. Er mag Menschen. Und unterhält sich mit ihnen auch dann, wenn er ihre Sprache nicht versteht.

    Und mindestens zwischen den Zeilen liest man: Das macht glücklich. Beide Seiten.

    Nichts macht glücklicher, als wenn Menschen Emotionen zeigen dürfen.

    Dürfen sie das? Ja, sagt Oertel in unterschiedlichsten Varianten. Sie dürfen Kriegstreiber und Rüstungslobbyisten für Wahnsinnige halten und lautstark fordern: „Panzer zu Kondomen!“

    Sie dürfen auch zugeben, dass sie Glück und Frieden nicht gefunden haben. Aber gesucht. Und wer in sich hineinhorcht, der weiß, dass die glücklichsten Momente immer die Zeiten der Suche waren und sind.

    Was man natürlich nur aufschreiben kann, wenn man sich die Zeit genommen hat, sich zu wundern und über die seltsamen Dinge des Lebens nachzudenken. Und die des Sterbens. Es hat etwas mit dem Loslassenkönnen zu tun. Denn Glück kann man (auch wenn es allerlei dubiose Firmen behaupten) nicht kaufen, auch nicht festhalten oder erzwingen. Es hat auch gar keinen Platz in uns, wenn wir „alle Ecken zugestellt“ haben „mit Unrat, mit Unnützem und Überflüssigem“. Deswegen sind Millionäre nicht glücklicher als Menschen ohne viel Geld. Vielleich weniger unglücklich, das kann sein.

    Aber weniger Unglück heißt ja nicht Glück.

    Manchmal heißt es sogar: noch weniger Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.

    Kein Wunder, dass Oertel auch einen Abstecher zu den Hopi macht und dem grandiosen Film von Godfrey Reggio „Koyaanisqatsi“. Der stammt von 1982. Da begann die neoliberale Aufheizung der Welt gerade. Geändert hat sich am Empfinden dieses „verrückten Zustands“ nichts. Außer dass noch mehr Menschen „verrückt“ geworden sind und Menschen wie Michael Oertel dasitzen und nur den Kopf schütteln. Denn das, was uns zu Menschen macht, geht dabei sichtlich verloren: Leidenschaft, Respekt, Toleranz … und die lebendige Welt obendrein.

    Der Essay „Noch pfeifen es die Spatzen von den Dächern“ wirkt, als hätte ihn Oertel nach den 2017er Nachrichten zum großen Insektensterben geschrieben. Doch diese stille Beschreibung dessen, was in Leipzig noch zu hören und zu sehen ist an lebendigen Tieren, stammt von 2008 …

    So schnell übersieht man, was uns gerade verloren geht.

    Wir sind mittendrin im“verrückten Zustand“. Und wir verlieren uns selbst darin, wenn wir den falschen Verheißungen der „Glücksverkäufer“ folgen. Oertels Essays sind ein einziges, aufmerksames Plädoyer für Aufmerksamkeit, Respekt und Mitmenschlichkeit. Das sogar in einer dicken fetten Pointe gipfelt: Oertels Beschäftigung mit den sieben biblischen Todsünden, mit denen er so gar nichts anfangen kann. Deshalb sucht er für jede Todsünde ein positives Gegenstück. Denn wenn man Dinge besser machen will, dann redet man nicht immer nur vom Falschen, sondern benennt das Gute.

    Dinge, die dann als Demut, Freude am Teilen, Liebeslust, Vergebung, Gemeinsamkeit, Gelassenheit und Aufmerksamkeit zu entdecken sind.

    Hinterher kommen noch ein paar Gedichte. Aber in seinen Essays kann Michael Oertel all das, was ihm so ein- und auffällt, viel besser sagen. Und in der Sammlung sind seine Essays wieder so ein Buch, mit dem sich Leser das Herz erwärmen können oder einfach mal Ausklinken aus dem verordneten Wahnsinn, wieder herunterkommen in die eigene, menschliche Wirklichkeit. Vor der so Viele augenscheinlich davonlaufen, weil sie voller Angst vor richtigen Begegnungen sind, dem richtigen – weil unberechenbaren – Leben. Einer „Blackbox“ eben, bei der man nie weiß, was drin steckt und einen überrascht. Also ein Lebens-Ratgeber, den man ruhigen Gewissens unters Kopfkissen legen kann. Oder in der Straßenbahn liest, umgeben von Menschen, die wie besessen auf ihre bläulich leuchtenden Bildschirme starren.

     

    Michael Oertel „Blackbox fürs Leben“, Shaker Media, Aachen 2017, 19,90Euro

     

    Veranstaltungstipp: Buchpremiere für „Blackbox fürs Leben“ mit Michael Oertel und Malu Tasdelen ist am Freitag, 9. März, um 19 Uhr im Theaterhaus Schille (Otto-Schill-Straße 7). Musik: Matthias Kraut.

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