Michael Oertel ist ein Meister der scheinbar so einfachen Gedanken, die die ganze Kompliziertheit unseres menschlichen Daseins einfangen. Denn eigentlich ist es ganz einfach, sich wie ein guter Mensch zu verhalten und der Welt Gutes zu tun. Aber warum tun wir es nicht? Warum lassen wir uns doch immer wieder von Regeln treiben, von denen wir inwendig alle wissen, dass es falsche und unmenschliche Regeln sind?

Im Juli erst eröffnete Oertel in Leipzig die „allerkleinste Galerie der Welt“. Sie trägt den Namen „MaMOGalerie ert3mste“, kommt mit 0,6m² und 0,3m³ aus, besteht aus zwei Räumen und einem Wandelgang in der 1. Etage. Im ersten Zyklus waren in dieser wirklich kleinen und tragbaren Galerie die Fotoserien „Edgars_Ge(H)-Danken(!)-Welt“ und „Egdars_Anadalusien“ zu sehen, die später weiteren Ausstellungen weichen werden.

Ein kleiner Filmclip auf Youtube gibt einen Einblick in die „MaMOGalerie“.

Und natürlich sieht man dort auch, dass „ Edgars_Ge(H)-Danken(!)-Welt“ zuerst als Fotoserie entstand. Denn Edgar kennen Oertel-Leser schon aus dem Buch „Edgars Welt“. Die ja letztlich Michaels Welt ist. Manchmal braucht man so ein Alter Ego, um die Welt auch einmal aus einer etwas anderen Perspektive zu beschreiben und zu schauen, ob das stimmt, was man sonst so denkt über die Welt. Könnte ja sein, man irrt sich. Und Irren ist eben leider menschlich und häufig.

MaMoGalerie – Michael Oertels Kunstprojekt

Wenn der richtige Moment kommt

„Du bist, was du sagst? NEIN: Du bist schon, was du denkst“, fasst es Michael Oertel in einem Aphorismus zusammen, den er neben eine Langzeitaufnahme nächtlicher Lichter gestellt hat. Sein neues Buch ist deshalb mehr als nur ein Fotoband, obwohl es auch als Fotoband schon funktionieren würde.

Denn als Fotograf hat sich Michael Oertel auf die überraschenden Schönheiten unserer Umwelt spezialisiert, die Dinge, die wir meistens übersehen, weil wir im Detail und im Moment keine Überraschung erwarten. Obwohl sie genau da liegen. Was eigentlich jeder weiß, der sich mal mit Blüten, Insekten, Spiegelungen oder Lichterspielen beschäftigt hat. Unsere Welt ist voller Licht. Farben leuchten. Manchmal werden Orte und Ecken zur Bühne, stutzt man im Weiterlaufen und sucht schnell die Kamera in der Tasche.

Denn der Moment will festgehalten werden. Manchmal als Schnappschuss, manchmal auch akribisch vorbereitet, mit langer Belichtungszeit. Denn so kommt auch die Bewegung ins Bild, reduziert sich zum Beispiel eine Attraktion vom Rummelplatz in leuchtende helle Streifen, einfach so in den abendlich blauen Himmel gezeichnet. Wo sind die Menschen?

Welt der Lichter

Menschen sind meistens nur indirekt im Bild, erzählen rostige Autos, Leuchtreklamen, akribisch aufgetürmte Kiesel davon, dass hier Menschen tätig waren. Manchmal geht Oertel auch mitten hinein in eine von Leuchten illuminierte Stadt wie Leipzig und hält einfach drauf, wo diese Lichterspiele zu Lichtspielen werden.

Noch einen chromatischen Filter darüber, und auf einmal wird deutlich, dass wir eigentlich in lauter Festbeleuchtung leben. Unsere Antwort auf lange Nächte und frühe Sonnenuntergänge. Was Oertel nicht abhält, auch die vielen verschiedenen Sonnenuntergänge einzufangen bei Spaziergängen am See oder Reisen in die Welt.

Und auch von den Reisen bringt er seine kleinen fotografischen Schätze mit, bunte Entdeckungen am Wegesrand, die davon erzählen, dass Menschen selbst einfache Dinge nutzen, um Farbe in ihr Leben zu bringen. Denn eigentlich sind wir anders. Und die meisten wissen es auch. Und begegnen einander auch so: Mit offenem Lächeln, gastfreundlicher Geste, Neugier und Offenheit.

Wir haben ja jetzt jede Menge Bücher über Pilger und Wanderer besprochen, die jedes Mal staunen darüber, dass das genau so ist und wie viel Hilfsbereitschaft sie finden, wenn sie – zu Fuß – losgehen in einer Welt, von der wir doch täglich in den Nachrichten beigebracht bekommen, dass es darin hart, rücksichtslos und unerbittlichen zugeht, weil alle mit allen in einem erbitterten Wettbewerb stehen.

Der Trug einer alternativlosen Zeit

Aber dieser Wettbewerb ist weder gesetzmäßig noch zwingend. Er erzählt von einer Sackgasse, in der wir gerade unsere Lebensgrundlagen zerstören. Und nicht ganz zufällig auch das, was uns als Menschen eigentlich ausmacht: Nähe, Herzlichkeit und Vertrauen.

Wir haben den Geist aus der Flasche gelassen, der uns nun regiert und uns einredet, diese Zerstörung des Gemeinsamen und Vertrauten sei alternativlos. Es ginge nicht anders. Wir müssten wachsen wie blöde und konsumieren wie die Irren, und wir dürften nicht aufhören, immerfort noch schneller zu rasen.

Und andere zu übertrumpfen, vom Markt zu fegen, uns ihrer zu entledigen, weil sie missgünstige Konkurrenten sind. Wir haben es in den Köpfen. Und 40 Jahre Gehirnwäsche zeigen Wirkung. Sie lassen uns nämlich denken, wir könnten gar nicht anders. Alles müsse so sein.

„Woran lässt sich Neoliberalismus erkennen?“, fragt Oertel. Und gibt selbst die Antwort: „Egoismus wird als Solidarität deklariert.“

Wenn die Haifische solidarisch werden …

Was sie ja nicht werden. Sie verkaufen sich nur so. Ihr Lächeln ist aus Gold. Und für die „Solidarität“ gibt es eine fette Rechnung.

Worum geht es wirklich?

Die Welt, von der Oertel erzählt, ist eine andere Welt. Eine, die wir meist erst entdecken, wenn wir uns herausnehmen aus der Jagd nach dem goldenen Dukaten. Innehalten und das, was noch ein bisschen heil ist an unserer Welt, mit aufmerksamen Augen betrachten.

Um das Schöne zu sehen, das wir mit jeder Flächenversiegelung, jeder Autobahn, jeder neuen Eigenheimsiedlung verlieren. Weil wir Menschen Natur nicht mal gut imitieren können. Denn die überfordert uns – schon seit Adams Zeiten. Diese Vielfalt. Diese bizarre Selbstverständlichkeit des Lebens.

Denn das, was wir glauben, dass es alternativlos sei, bläst sich auf, versucht sich für alles zu erklären, das alles, aus dem wir nicht mehr herausdürfen. Obwohl unser wirkliches Leben darin gar nicht stattfindet. Neben das Foto einer riesigen Wohnanlage, über die sich ein Lichtstreifen zieht, schreibt Oertel den simplen Satz: „Kapitalismus schnell erklärt: Es geht ums Geld.“

Manche glauben ja wirklich, das sei dann alles. Es sei der Gipfel des Erstrebenswerten. Und wundern sich dann, wie schnell Egoismus einsam macht: „Einsamkeit und Einsamkeit ergibt mitnichten Zweisamkeit“, stellt Oertel fest. Man kann sein Buch also auch wie einen Ratgeber lesen, einen kleinen Wegführer durchs Jahr, in dem man sich immer wieder erdet. Denn – ein paar erleuchtete Telefonzellen machen es bildhaft: „Nähe finden und das Gespräch suchen, das ist das Leben.“

Die da oben und wir, oder?

Und dass die so gern verketzerte Solidarität eben kein gnädiges Geschenk von Regierungen ist, die auch mal spendabel „Wohltaten verteilen“, wie das im neoliberalen Sprech so unanständig klingt, macht Oertel ebenso in einem simplen Satz deutlich: „Sorge dich nicht, sondern sorge.“

Natürlich steckt da ein völlig anderes Denken drin über das, was wir so gern Gesellschaft nennen, obwohl eine in lauter Einsame zersplitterte Gesellschaft eigentlich keine mehr ist. Eher eine Versammlung von Verarmten, Verlorenen und Ratlosen. Die all ihre noch verbliebene Hoffnung auf „die da oben“ richten, obwohl sie auf „die da“ nur noch wütend sind. Als kämen das Glück und das Vertrauen ins Leben von oben, ausgekippt wie Manna in der Wüste.

Obwohl wir es alle in der eigenen Hand haben – bis auf die großen Gelder. Die fließen in einer von Ellenbogen besessenen Gesellschaft immer zu denen, die sich rücksichtslos bedienen. Was sie dann Freiheit nennen. Noch so eine Verirrung der Gegenwart.

Und die Anderen? Wir also? Was bleibt uns da? Neid? Beleidigtsein, weil uns keiner mit trickreich beiseite geschafften Geldern überschüttet? Nein, eigentlich bleibt uns sogar mehr. Aber dazu müssen wir unser Schneckenhaus verlassen und Andere suchen. Andere, die ebenso Nähe und Vertrauen suchen. Mit-Menschlichkeit also. Auf ganz irdischer Ebene.

Denn auch das stimmt: „Wer Egoismus sät, der wird Einsamkeit ernten.“ Das sagt nämlich viel über den Zustand unserer Gesellschaft aus, so, wie sie jetzt ist. Und sich viele wünschen, dass sie so nicht mehr wäre, aber nicht wissen, wie man da rauskommt, wo wir doch ständig im Wettbewerb gegen irgendwen bestehen müssen.

Die Märkte der Eitelkeit

Müssen wir das? Oder lassen wir uns das nur einreden, weil das so schön einfach klingt: Wenn wir nur selber ordentlich dreinhauen, dann bekommen auch wir einen Siegerpokal?

Ist das ein Leben? Und was macht das mit unseren Träumen, wenn wir das Mögliche immer nur sehen im Niedermachen der unliebsamen Anderen?

Dabei kann ich es eigentlich bewenden lassen. Denn Fotos und Sinnsprüche in diesem Buch erzählen von einem anderen Menschsein. Einem, das einem viel lebendiger, farbenfroher und wärmer begegnet als das, was uns da auf den Märkten der Eitelkeit jeden Tag verkauft werden soll. Also doch lieber jeden Tag eine Seite aufschlagen in diesem Buch und mit Hingabe nachdenken über Sätze wie: „Wer träumt – der lebt!“

Michael Oertel Ge(H)-Danken(!)-Welt, Shaker Media, Düren 2021, 39,90 Euro.

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