Martin Schulze Wessel erzählt, wie der Prager Frühling aus einer langen, spannenden Vorgeschichte entstand

Für alle LeserIrgendwie beschäftigen sich zumindest die Medien in diesem Jahr mit diesem besonderen Jubiläum: 1968. Das war nicht nur eine Kette von Demonstrationen, Tumulten und Studentenunruhen im Westen. Das war auch der Prager Frühling, den die Menschen in der CSSR gar nicht so nannten. Es ist ein westlicher Begriff, der regelrecht verklärt, dass hier wirklich ein Experiment stattfand, den Sozialismus menschlicher zu machen.

Wobei schon das Wort Experiment falsch ist. Es ist ein erstaunliches Buch, das der Münchner Historiker Martin Schulze Wessel hier vorgelegt hat, weil der Spezialist für osteuropäische Geschichte etwas gemacht hat, was man so aus der westlichen Geschichtsperspektive kaum erwartet: Er hat die Entwicklungen in der CSSR als eigenständigen Vorgang betrachtet und direkt aus den tschechischen, slowakischen und russischen Quellen rekonstruiert.

Wenn wir heute auf den Prager Frühling schauen, dann dominiert oft das Bild vom Reformer Alexander Dubcek, der im Frühling 1968 irgendwie aus eigenem Antrieb begann, die CSSR zu reformieren und einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu entwerfen. Das Ganze wird irgendwie zur Tat eines einzigen Mannes, der dann im August nur den sowjetischen Panzern weichen musste – eine Heldengeschichte also. Wie üblich.

Aber sie inszeniert eine Geschichte, die so nicht stattgefunden hat – und die vor allem eines negiert: Dass der Ostblock seine eigenen historischen Kulissen und Spielregeln hatte. Es ist erstaunlich, wie sehr das heute schon vergessen ist. Das betrifft auch die einstige DDR und die Friedliche Revolution. Am liebsten wird die Geschichte als „Wunder“ erzählt, gar als kirchliche Bewegung. Die Akteure in der SED-Spitze werden abgewertet oder weggewischt. Als hätten sie einfach nur versagt.

Dabei ähnelte der Herbst 1989 erstaunlich dem Prager Frühjahr 1968. Binnen eines halben Jahres rollte ein brodelnder gesellschaftlicher Prozess ab, mit dessen Wucht anfangs niemand gerechnet hatte.

Nur begann in Prag alles schon viel früher. Nicht erst im Dezember 1967, als Alexander Dubcek eher aus Verlegenheit zum neuen Chef der KPC gewählt wurde, weil er der einzig mögliche Kompromisskandidat für die beiden Flügel in der Parteiführung war – den konservativen Flügel, der am alten stalinistischen Kurs festhalten wollte, und den reformwilligen, der es an der Zeit sah, dem in der Krise steckenden Land Wirtschaftsreformen zu verpassen und gleichzeitig auch endlich mit der stalinistischen Vergangenheit aufzuräumen.

Denn alle Ostblockländer hatten diese finstere Frühgeschichte, in der mit Schauprozessen nach Moskauer Vorbild nicht nur die alternativen linken Strömungen (vor allem die Sozialdemokratie) ausgemerzt werden sollten, sondern auch jeder Reformwille innerhalb der (Einheits-)Partei. Deswegen landeten zu Hunderten führende Spitzenfunktionäre der KPC vor Gericht, wurden zu langen Zuchthausstrafen verurteilt oder hingerichtet. Der Slansky-Prozess war der wichtigste dieser Prozesse. Doch während in der DDR die stalinistische Frühzeit bis 1989 ein Tabu-Thema blieb, begann die Beschäftigung in der CSSR mit diesen Prozessen und der Rehabilitation der Verurteilten schon früh.

Schulze Wessel kann spätestens ab 1963 ein breites Panorama unterschiedlichster Entwicklungen zeichnen, in denen nicht nur die jüngste Geschichte aufgearbeitet wurde, sondern auch Vorarbeiten für Wirtschaftsreformen und ein neues Verhältnis zum Menschen in der sozialistischen Gesellschaft geschaffen wurden. Für Letzteres steht die Kafka-Konferenz, die auch in der DDR bei den Intellektuellen für entsprechende Furore sorgte, denn am Schriftstellerkongress nahmen ja auch ostdeutsche Schriftsteller teil.

Doch während mit der Kafka-Konferenz die gesellschaftliche Diskussion in der CSSR und der KPC erst begannen und im Lauf der nächsten fünf Jahre eine eigene Dynamik entfaltete, kam der kurze moralische Aufbruch in der DDR schon 1965 zum Erliegen, hagelte es Verbote und die nach wie vor stalinistisch orientierte Partei setzte auf verstärkte Repression. Deswegen wurde, als in Prag die Reform gefeiert wurde, in Leipzig die Paulinerkirche gesprengt.

Sehr anschaulich zeigt Schulze Wessel, wie die tschechoslowakische KP ab einem bestimmten Punkt geradezu in die Rolle einer Reformpartei gedrängt wurde. Ausgangspunkt war die Aufarbeitung der stalinistischen Prozesse. Wichtige Funktionäre, die jahrelang im Gefängnis gesessen hatten, kehrten in Parteiämter zurück. Und auf einmal waren sie gefragt, weil die CSSR seit 1962 in der Wirtschaftskrise steckte. Man hatte – wie das Vorbild Moskau – auf Schwerindustrie gesetzt, die Konsumgüterindustrie aber völlig vernachlässigt. Ein Fehler, den alle osteuropäischen Regierungen machten.

Und es führte überall zum selben Phänomen: Dem Zusammenbruch der Versorgung mit wichtigen Gütern, Schlangen vor den Geschäften und der Suche nach einer neuen ökonomischen Politik. Schon lange vor 1968 entwickelten Ota Sik und Radovan Richta ihre Konzepte für eine andere Ökonomie – gerade Richtas Vision einer „Zivilisation am Scheideweg“ erregte weit über die CSSR hinaus Aufmerksamkeit – gerade im Westen. Er war es, der den Begriff der „wissenschaftlich-technischen Revolution“ einführte – eigentlich ursprünglich als Zukunftsentwurf gedacht gegen die alte, extensive Wirtschaftsweise, die im Osten dominierte und nicht nur die Ressourcen verschlang, sondern auch die Umwelt zerstörte.

Man überlegt beim Lesen schon: Warum gab es das alles nicht auch in der DDR? Vielleicht gab es das. Nur berichteten die gleichgeschalteten Zeitungen der DDR nicht darüber. Und das große Buch zur Geschichte der DDR, das so wie hier Schulze Wessel wirklich auf die interne Entwicklung von Macht und Ökonomie eingeht, fehlt bis heute. Alle haben sich regelrecht berauscht an diesem Herbst 1989 – und völlig beiseite gefegt, dass bis 1988 im Ostblock nichts geschah, ohne dass die Besatzungsmacht Sowjetunion sich einmischte. Erst 1988 hob Gorbatschow die Breshnew-Doktrin auf, die im August 1968 in Prag angewendet worden war.

Und auch hier verändert sich mit Schulze Wessel die Sichtweise, denn wirklich überraschend war der Einmarsch der Panzer nicht. Seit Jahresbeginn war der KP-Spitze klar, dass Moskau die Entwicklungen in der CSSR mit Argusaugen beobachtete. Und nicht nur Moskau. Genauso misstrauisch schauten die Polen und die DDR-Regierung. Die Polen hatten zur selben Zeit genauso mit Studentenunruhen zu kämpfen, die das kommunistische Regime ins Wanken brachten. Und Walter Ulbricht in der DDR erwies sich schon frühzeitig als Hardliner, der ein hartes Eingreifen in Prag forderte – auch zu einem Zeitpunkt, an dem der sowjetische KP-Chef Breshnew noch zögerte. Von mehreren Treffen der Ostblock-Spitzen kann Schulze Wessel erzählen – Dubcek und Genossen waren sich sehr wohl bewusst, dass sie eigentlich keine Spielräume hatten für Reformen.

Und spätestens ab März 1968 hatten sie ein Problem, da entfalteten ihre ersten Reformschritte eine Eigendynamik, die die KP nicht mehr kontrollieren konnte. Statt die Reformen in aller Ruhe gestalten zu können, wurde man auf einmal zum Getriebenen. Da halfen auch alle Warnungen aus Moskau und ein erstaunlich bildhaftes Treffen an der Grenze nichts – die Dinge nahmen ihren eigenen Lauf. Gleichzeitig drängten Gomulka in Polen und Ulbricht in Ostberlin. Am Ende genügte ein einziges Manifest, in Moskau die Entscheidung zu bringen. Die Truppen des Warschauer Pakts marschierten ein (außer die der DDR, die mussten an der Grenze stehen bleiben).

Aber selbst diese Bilder trügen heute, denn die Prager diskutierten tatsächlich mit den sowjetischen Soldaten auf den Panzern. Man empfang die Sowjetarmee, die ja immerhin 1945 die CSSR von den Nazis befreit hatte, nicht als Besatzungsmacht, sondern nach wie vor als Verbündete. Und die Prager akzeptierten auch nicht wirklich, dass die zaghaften Versuche, die Gesellschaft in der CSSR zu öffnen und die Wirtschaft zu reformieren, in Moskau als Konterrevolution betrachtet wurden.

Natürlich weiß niemand, wohin Dubcek das Land wirklich geführt hätte – oder ob er auch ohne Einmarsch ein Getriebener einer Entwicklung gewesen wäre, die das Land letztlich doch aus dem Ostblock katapultiert hätte. Immerhin eine Perspektive, die mit der heute dominierenden westlichen Geschichtsschreibung immer wieder als einzig mögliches Fortschrittsmodell dargestellt wird. Diese Widersprüche wurden auch schon 1968 deutlich, schreibt Schulze Wessel, als der westdeutsche Revolutions-Überschwang in Prag nur auf pures Unverständnis stieß.

Auch die Bevölkerung der CSSR scheint davon ausgegangen zu sein, dass eine Veränderung der Gesellschaft hin zu einem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ durchaus machbar war – auch innerhalb der engen Parameter, die Moskau setzte. Zeitweilig scheint man in der CSSR kaum noch mitbekommen zu haben, wie das Misstrauen in Moskau, Warschau und Ostberlin wuchs. Was nicht unbedingt an der CSSR lag, wo im März die Zensur gefallen war und die Medien ausgiebig über den Reformprozess berichteten. Es waren ja die anderen Staaten, die praktisch keine Berichterstattung zum Prager Frühling zuließen. Und die Diskussionen der Parteispitzen fanden hinter verschlossenen Türen statt.

Man lernt schon so einiges über die Funktionsweise dieser seltsamen Bruderstaaten, die selbst voneinander so abgeschottet waren, dass man schon verdammt nah dran wohnen musste, um überhaupt mitzukriegen, was im Nachbarland vor sich ging. Und Ulbricht hatte wohl zu Recht Angst, die DDR-Bürger könnten von dem, was da in Prag möglich war, angesteckt werden. In den Biografien der wichtigsten Akteure im Herbst 1989 spielt Prag 1968 eine wichtige, meistens sogar die zündende Rolle. Denn Prag zeigte, dass auch der verordnete Sozialismus keine für immer und ewig erstarrte Gesellschaftsordnung war.

Etwas, was Schulze Wessel sehr anschaulich beschreibt: Auf einmal wurde aus dem doktrinär erstarrten Zustand, in dem man leben musste, wieder eine Gesellschaft, die Visionen für eine lang ausgreifende Zukunft entwarf. Gerade Radovan Richtas „Zivilisation am Scheideweg“ steht dafür.

Und so ganz zart am Rande scheint eine kleine Erkenntnis auf, die für 1968 und 1989 genauso gültig zu sein scheint wie für 2018: Menschen halten erstarrte Zustände und alternativlose Regierungen eigentlich nicht aus. Sie werden aktiv und putzmunter, wenn ihre Gesellschaft wieder beginnt, Zukunft zu gestalten und erstarrte Zustände aufzulösen.

Und in der CSSR fiel das auf einen fruchtbaren Boden, weil das Land schon seit 1963 erlebt hatte, dass Veränderung denkbar war, dass auch ein menschlicher Sozialismus denkbar war. Ob er auch umsetzbar war, konnte ja niemand beweisen. Das unterband im August 1968 der Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen. Dubcek wurde noch ein bisschen geduldet, bevor man Gustav Husak als neuen linientreuen KP-Chef installierte. Die wenigen Lockerungen aus dem Frühjahr 1968 wurden allesamt wieder zurückgenommen, fast alle Reformen kassiert.

Aber das Wissen um die Möglichkeit von Veränderungen blieb – wenige Jahre später ja mit der „Charta 77“ in Text gefasst. Und auch die Polen vergaßen nicht, wie schnell eine betonierte Partei in Bedrängnis zu bringen ist, wenn erst einmal viele Menschen streiken und auf die Straße gehen.

Und dann schaut man sich das „Wunder“ von 1989 an und sieht: Es war keins. Der Herbst 1968 folgte derselben Logik wie der Prager Frühling. Nur dass in Moskau kein Breshnew mehr saß, der bereit war, das Sowjetimperium mit Panzern zu sichern. Deswegen fehlte auch den Machthabern in der DDR die Macht, den Selbstermächtigungsprozess des Volkes zu unterbinden und die Dinge aufzuhalten. Prag 1968 steht tatsächlich für einen Moment der Möglichkeiten, für das wiedergewonnene utopische Element dieser sozialistischen Gesellschaft. Und natürlich für eine Utopie, die mit Panzergewalt unterbunden wurde, für den „Aufbruch in eine neue Welt“, der wenig mit den Zielen der westeuropäischen Studentenrevolten zu tun gehabt hätte.

Prag funktionierte, „weil die Akteure den Prager Frühling zugleich als ein neues, zukunftsweisendes Projekt für die Gesellschaft entwarfen“, schreibt Schulze Wessel. Plus Rehabilitierung der Justizopfer, plus Wirtschaftsreformen. Das überforderte die Dubcek-Regierung schon frühzeitig und machte sie auch deshalb handlungsunfähig. Womit man eigentlich auch etwas über „die Kräfte der Geschichte“ lernt und ihre Unbeherrschbarkeit. Wer Reformen anstößt, weiß nie, was am Ende dabei herauskommen wird, gerade dann, wenn die Idee „die Massen ergreift“.

So gesehen, bleibt Prag 1968 ein utopisches Element in einem Kapitel der osteuropäischen Geschichte, das seine Gültigkeit selbst über den Ostblock hinaus bewahrt hat. Auch in der Botschaft, dass Gesellschaften auf Krisen mit Visionen reagieren müssen – wirtschaftlichen, kulturellen, moralischen.

Denn der Mensch hält viele Dinge nicht aus – Bevormundung, Erstarrung, Zukunftslosigkeit allen voran. In guter Politik steckt immer ein utopisches Element. Das war für die Tschechen 1968 spürbar und erlebbar – und für die Ostdeutschen 1989. So gesehen ist Schulze Wessels Buch hochaktuell – gerade weil er sehr detailliert die lange und beeindruckende Vorgeschichte des Frühjahrs 1968 erzählt. Und wie Menschen, die nie auf die Idee gekommen wären, eine Reform zu machen, auf einmal zu Reformern wurden.

Martin Schulze Wessel Der Prager Frühling, Reclam Verlag, Ditzingen 2018, 28 Euro.

Warum das Jahr 1968 erst der Anfang war und die AfD ihre Probleme mit einer emanzipierten Bundesrepublik hat

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