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Eine Banane mag ich nicht oder Die Farben der richtigen Erinnerungen

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    Wenn man so nach und nach ein bisschen älter wird, dann hat man was zu erzählen. Zumindest, wenn man Augen und Ohren aufgesperrt hat und aufmerksam war für die Schicksale seiner Mitmenschen. Aber wer tut das noch? Wer bewahrt noch die Geschichten seines Lebens auf? Setzt sich hin wie Claudio Kellnhofer und tut sich schwer mit der Schreibfeder?

    Dabei ist sie Lehrerin, lebt mit ihrer Familie in Niederbayern in der Nähe von Regensburg. Und es verblüfft nicht, wenn man in ihren Geschichten Menschen begegnet, die nun eindeutig nur in Bayern zu Hause sein können, wenn auch mehr so an der bayerisch-tschechischen Grenze, wo die Autorin aufgewachsen ist und wo ihre stolze Mutter einen Kramladen betrieb. Es sind tatsächlich kleine Geschichten, keine Erzählungen. Darum ging es der Autorin auch nicht. Es ging ihr ums Aufbewahren und Erinnern.

    Denn wer erinnert sich künftig noch an die Menschen in dieser Welt, die sich von unserer heutigen so deutlich unterscheidet? Es war keine reiche Welt. Das Märchen sitzt ja in den Köpfen vieler Zeitgenossen, die die Jahrzehnte nach dem Krieg einfach verklären und so tun, als könnten sie alles zurückdrehen und dann wieder goldenere Zeiten bekommen.

    Zeiten ohne Zentralheizung, ohne Auto, ohne Supermarkt. Zeiten, in denen man noch aus Wollresten Strümpfe und Kleider strickte und die Leute Schlange standen im Kramerladen, wenn eine neue Büchse Fisch aufgemacht wurde, wo die Postbotin eine Standesperson war und der Auftritt von Akrobaten auf dem gespannten Hochseil eine Attraktion. Als Kinder noch zuhörten, wenn die Eltern (die noch lange keine Alten waren) vom Krieg erzählten. Der viel kürzer her war, als heute die untergegangene DDR.

    Natürlich sind es ihre Kindheitsjahre, die Claudia Kellnhofer hier zu erzählen versucht. In lauter kleinen Geschichten, denn so erinnert man sie ja. Man zupft an einem Wollfaden – und dann tauchen die Bilder, die Stimmen, die Erinnerungen wieder auf. Tauchen auch die Menschen wieder auf, die einen prägten. Die Eltern natürlich. Zu denen einem dann auf einmal viele kleine Erlebnisse einfallen, die erst aus der Distanz eigentümlich wirken, staunenswert. Im besten Sinne eigentlich sensationell, weil sie an tiefe Gefühle rühren.

    Auch wenn darin keine Sensationen passieren. Auch gar nicht passieren müssen. Denn wer es genau erzählt und auch so farbenreich wie Claudia Kellnhofer, der lässt eine Vergangenheit wieder lebendig werden, die nichts mit dem üblichen Erinnerungskitsch zu tun hat. Aber viel mit einer Realität, die im Moment der Ereignisse noch nicht verrät, wie vergänglich sie ist. Denn all die Menschen, die einen als Kind beeindrucken und regelrecht respekteinflößend sind, die verschwinden irgendwann.

    Wenn wir Glück hatten, haben wir ihre Lebensgeschichte kennengelernt und können sie erzählen. Und damit aufbewahren. Und – was die Autorin auch mit Feingefühl zeigt – darin vieles wiedererkennen, was uns heute prägt. Etwa den Stolz und das Selbstbewusstsein von Frauen, die eigentlich vom Leben gebeutelt wurden, sich aber trotzdem immer wieder aufgerappelt haben, um die Dinge am Laufen zu halten.

    Oder den Laden am Laufen zu halten, der die kleine Familie ernährt. Man merkt schon: Das ist eine andere Welt, als sie viele Menschen mit der heutigen Vollkasko-Mentalität im Kopf haben. Vielleicht hat sogar genau das Anteil daran, dass so viele Menschen verzagen, sich hilflos fühlen und machtlos in der Welt. Sie sehen nicht mehr das Machbare in ihrem Alltag, all die kleinen Handgriffe, mit denen sie ihre eigene Welt am Laufen halten. Oder die Schreinerei, mit der der Vater sein Geld verdient, nachdem sie ihm einmal völlig abgebrannt ist.

    Hier barmt niemand. Hier packt jeder nur an und macht – trotz alledem – doch wieder etwas Vernünftiges draus. Und weil das Dorf klein ist, kennt jeder jeden. Man glaubt wohl, dass die Autorin noch viel mehr solcher Geschichten zu erzählen hat. Aber diese verflixte Schreibfeder …

    Da kann man Lehrerin sein und trotzdem merken, wie schwer es ist, sich diszipliniert hinzusetzen und Erinnerungen in Sätze zu fassen. Denn Claudia Kellnhofer ist abgelenkt. Das gehört wohl zusammen. Wer früh schon lernt, dass das Leben voller Geschichten ist, und dabei Phantasie entwickelt hat, der gerät auch schnell ins Philosophieren. Was die zweite Hälfte des Buches zunehmend dominiert.

    Denn da macht sich bemerkbar, dass ein gelebtes Leben auch eine zweite Hälfte hat. Eine, in der man nicht mehr ganz so verwundert auf den Anfang guckt, dafür mit einer seltsamen Neugier auf das mögliche Ende. Denn wenn man die zuweilen eindrucksvollen Sterbefälle im Dorf erzählen kann, dann liegt ja auch die Frage nahe: Wie willst du eigentlich deinen eigenen Ausgang aus dem Leben gestalten?

    Die Kinder und Enkel von Claudia Kellnhofer können es in diesem Buch nachlesen. Aber dabei belässt sie es nicht. Denn wenn man schon mal an den Tod denkt, dann darf man auch an die mythische Dimension dabei denken – an einen glücklichen Sisyphos zum Beispiel, die Rolle von Lilith oder die von Tutenchamun. Denn alle die alten Mythen erzählen ja auch wieder von unserem Menschsein. Und dem Wert, den wir unserem Leben und uns selbst beimessen. Oder wie aufmerksam wir dafür sind, was um uns herum passiert.

    Da hat sie also mit den Findlingen aus ihrer Kindheit begonnen und landet im großen Strom der Mythen und der Frage nach dem richtigen Tod. Was auch nicht zufällig ist, nicht nur wegen der christlichen Rahmung einiger dieser Kindheitsgeschichten, sondern auch wegen zweier dieser erinnerten Geschichten. Gab es den Mann wirklich, der da irgendwo in Bayern in seinem Garten eine richtige Arche Noah gebaut hat? Und den Mann, der sein Leben darauf verwendet hat, eine richtige Pyramide zu bauen?

    Möglich ist das schon. Besser kann man ja gar nicht aussteigen aus diesen ganzen Erwartungen, die unsere Kauf-und-schmeiß-weg-Gesellschaft an die Menschen richtet. Und damit wohl Generationen hervorbringt, die künftig mal nichts zu erzählen haben. Weil sie gar nicht die Ruhe und die Aufmerksamkeit hatten, den Geschichten der anderen zuzuhören und Menschen in ihre Gedankenwelt hineinzulassen.

    Claudia Kellnhofer ist noch in einer Welt aufgewachsen, in der man diesen Raum der Aufmerksamkeit füreinander hatte – Pech für ihre augenscheinlich doch sehr verschlossene Mutter. Denn dann bekommt man als Kind trotzdem vieles mit. Vieles, das irgendwann erzählt sein will. Wie eine Flaschenpost für jene, die dieses Buch mal in die Hand bekommen. Manchmal spricht sie die Autorin auch an, als säße man gerade beisammen und würde sich etwas erzählen aus unvordenklichen Zeiten.

    Diese unvordenklichen Zeiten liegen aber gerade einmal ein halbes Jahrhundert zurück. Und wenn wir nicht aufpassen, erzählen uns die Nix-Merker, wie das damals war. Deswegen sind diese Erinnerungsgeschichten so wichtig. Weil sie wirklich erzählen, was war. Und es war nicht schlecht, es war aber auch kein Schlaraffenland. Es war genau das, was Menschen einen Halt gibt, wenn sie ihren Erinnerungen vertrauen.

    Und dass es strenge alte Damen gab, die Bananen aus Prinzip nicht essen wollten, weil sie mit dem Bild der bananenpflückenden Schwarzen nicht zurechtkamen, gehört auch zu dieser Geschichte. Und zu dem Wissen, dass die Welt sich fortwährend verändert. Eine Welt, die bei genauerer Betrachtung auch immer ganz anders war, als die Leute so daherreden, wenn der Tag lang ist und der Empörungspegel hoch.

    Claudia Kellnhofer Eine Banane mag ich nicht, Einbuch Buch- und Literaturverlag, Leipzig 2018, 13,40 Euro.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 59 ist da: Zwischen Überalterung und verschärftem Polizeigesetz: Der Ostdeutsche, das völlig unbegreifliche Wesen

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