Sie ist das Sternchen im Schkeuditzer Kreuz, die kleine Kesse, die bis jetzt ein bisschen im Schatten der fünf Jungs stand, die das Schkeuditzer Kreuz zu einer durchaus über Leipzig und Schkeuditz hinaus wahrgenommenen Lesebühne gemacht haben. Und für zwei von ihnen gibt es in Franziska Wilhelms Buch auch freundliche Anspielungen. Für einen gleich im Titel.

Denn bei den „Schönsten Abgründen des Alltags“ klingen natürlich „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure“ von Julius Fischer an, der mit Franziska natürlich genauso ambitioniert im Lesebühnenrampenlicht steht wie Kurt Mondaugen, Hauke von Grimm und Micha Schweßinger, nicht zu vergessen André Herrmann, der den Begriff Hypezig in die Welt gesetzt hat, den sich Franziska dann in ihrem Text „Hypezig“ vorknöpft – nicht den André, der kann ja nichts dafür.

Dafür den Bürgermeister im Rathaus, der ein bisschen verantwortlich ist für diese schrille Wahrnehmung der armen Stadt Leipzig und ihrer Attraktion in den Augen der Welt. Was man eben so Hype nennt und was in der Regel dann in Quatsch ausartet, wenn sich die überbezahlten Eventmanager in dieser Stadt wieder irgendwelche Aufreger einfallen lassen, mit denen sie meinen, die Aufmerksamkeit der Welt auf dieses überdrehte Städtchen im westlichen Sachsen lenken zu müssen.

In diesem Fall mit einem schnell mal vom örtlichen Dosenclub arrangierten Weltraumflug (so etwas kann man da), zu dem natürlich so ein echtes Mädchen aus dem Leipziger Kultur-Orbit starten muss. Was Franzi (es gibt auch eine Geschichte, wo sie einer schrecklichen Verwechslung mit einer berühmten Schwimmerin zum Opfer fällt) dann in eine schrecklich peinliche Situation bringt, der sie nicht mehr entfliehen kann. Die Überredungskünste des Bürgermeisters sind ja gnadenlos …

Franziska Wilhelms Geschichten leben vom Wahnsinn des Alltags. Den man sonst eher so hinnimmt, sich gefallen lässt. Die ganzen Zumutungen, die sich andere Leute ausdenken, damit sie uns abkassieren können – aber möglichst wenig dafür investieren. Wie bei den armen Päckchenboten, die losgeschickt werden, uns den ganzen bestellten Müll zu bringen, zu dem wir in Online-Shops überredet werden.

Wir sind ja nicht ganz schuldlos daran, dass die Welt immer bekloppter wird, dass das Gesundheitswesen immer teurer wird – wir aber schlicht keinen Arzt mehr finden, wenn wir wirklich in Not sind. Wir haben sozusagen ein Gesundheitssystem, das sich nur noch mit sich selbst und den Renditen der Schwerverdiener beschäftigt, die Ärzte und Schwestern, die man aber eigentlich braucht zur Grundversorgung, heimlich aus dem System entfernt.

Eine Erfahrung, die ja nicht nur Franziska Wilhelm macht. In ihren Texten tauchen mehrere dieser Seltsamkeiten auf. Etwa die riesige Industrie, die uns permanent belatschert, wir müssten online dies und jenes tun – Franziska setzt dem einen durchaus entlarvenden Offline-Kurs entgegen, der zeigt, wie sehr diese technische Penetranz uns längst zu Zombies und Süchtigen gemacht hat.

Bei den Senioren-Reiseangeboten mit ihren völlig überzogenen Behauptungen geht es weiter, bei Smoothie-Makern und jener heiligen Kühe-Diskussion um „unsere“ Werte und Kultur, die Franziska Wilhelm mit einem Zwangskurs zur bürgerlichen Existenz aufs Korn nimmt. Der sich zwar lustig liest, aber eigentlich alptraumhaft ist, weil er durchblicken lässt, was für eine bedrohliche Bevormundung dieser heilige bürgerliche Bravsinn ist, den junge Menschen nur noch als einengenden Unfug erfahren.

Unsere braven Kleinbürger haben sich augenscheinlich in einer Welt eingemummelt, die mit der lebendigen Wirklichkeit da draußen nichts mehr zu tun hat. Da kann man nur die nächste Gelegenheit zur Flucht nutzen.

Eigentlich ist das auch nur einer dieser witzigen Slam-Texte, in denen die Autorin eine kleine, boshafte Idee immer weiter dreht und die Zuhörer mitnimmt in die Phantasiespirale, bis am Ende offen ist, ob es zu einer herrlich matschigen Katastrophe wird oder zu einem ironischen Plopp. Aber man merkt auch, dass all diese kleinen Absprünge aus einem oft genug durch andere vorgegebenen Alltag sich als Denkanstoß erweisen, diese ganzen grimmigen Erwartungen einmal zu Ende zu denken.

Das Fazit ist nicht erst nach der „Bewerben“-Geschichte, dass man diesen Irrsinn eigentlich nicht aushält, auch nicht diese idiotischen Personal-Castings für irre „coole“ Unternehmen und am Ende nur ausbeuterische Jobs für alle, die den Spuk auch noch mitmachen. Dass Franziska dann in „Bitch sein“ eine exemplarische Vertreterin dieser „coolen“ Unternehmenswelt auch noch zur Heldin einer Geschichte macht, war zu erwarten.

Denn Frauen, die sich so gefühllos wie die meisten Männer in solchen Positionen benehmen, die haben natürlich „Erfolg“. Das, was in unserem Land nun einmal als Erfolg verkauft wird: fette Kohle machen, indem man die Umwelt zerstört und die Mitmenschen wie Scheuerlappen benutzt.

Es kann also sein, dass es bei Franziskas Vorträgen nicht immer lustig wird, manchmal auch ein bisschen böse und erhellend, weil man bei allen Überzeichnungen merkt, dass sie tatsächlich von den Abgründen unseres heutigen Alltags erzählt – und dem, was diese Abgründe mit uns anrichten. Es hat also (so guckt sie auch auf dem Cover) auch etwas Schelmisches.

Um diese Abgründe zu überleben, braucht man einen abgrundtiefen Humor und Überlebenswillen. Und jede Menge Widerstandskraft. Denn wenn dann auch noch die besten Freunde anfangen, ihre Perfektion auf den Alltag zu übertragen (wie in „Gründlichkeit“) oder die besserbetuchten Rentner mit ihrem Fitness-Wahnsinn anfangen, selbst die beschaulichsten Inseln in Leistungs-Parcours zu verwandeln („Rentnerinseln“), dann braucht es die Ruhe eines Sufi-Priesters, um nicht aus der Haut zu fahren.

Denn sie sind überall. Das muss man wohl nicht betonen. Auch die Groupies (die in diesem Fall den Slam-Kollegen Michael Bittner anhimmeln) und die Stupiden in der Provinz, die noch nicht mal gemerkt haben, dass man das Ding im Kopf benutzen kann. Ihnen ist – wie sollte es anders sein – die Weihnachts-Krippengeschichte gewidmet.

Was bleibt am Ende? Eine gewisse sanft lodernde Wut, weil man alle diese Abgründe irgendwie kennt. Und sich jeden Tag aufs Neue wünscht, es gäbe sie nicht, man wäre nicht von lauter Zombies und Robotern umgeben, sondern von netten, lebenslustigen Menschen.

Ist leider so nicht. So stimmt dann das Angebot auch wieder, die Texte als Survivaltexte zu benutzen und den Honks mit gleicher Münze zu begegnen. Und noch einen draufzusetzen. Bis. Sie. Merken. Wie. Bekloppt. Das. Ist. Was. Sie. Da. Die. Ganze. Zeit. Machen. Punkt.

Franziska Wilhelm Die schönsten Angründe des Alltags, Zwiebook, Dresden 2018, 10 Euro.

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