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Jens Rübner holt die Stuntmen der DEFA-Filmfabrik aus dem Nebel des Vergessens

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    Mit Jens Rübner lebt ein richtiger DEFA-Film-Verehrer in Leipzig, einer, der DEFA-Filme nicht nur als spätabendlich gesendetes Nostalgie-Bonbon für traurige Ostzonen-Bewohner goutiert, als Sehnsuchtsort für wehmütige Couchpotatoes. Dazu hat die DEFA in der Zeit ihres Bestehens zu viele zu gute Filme gedreht. Mit exzellenten Schauspielerinnen und Schauspielern. Und hochprofessionell bis hin zu jenen kühnen Männern, die im Abspann gar nicht erwähnt wurden.

    Aber es gab sie, jene trainierten Doubles, die dann zum Einsatz kamen, wenn es bei den Dreharbeiten tatsächlich brenzlig und gefährlich wurde. Man hat die DEFA-Filme ja eher als ruhig und auf keinen Fall sinnlos mit Action vollgepackt in Erinnerung. Aber bei genauerem Hinschauen ging es den Regisseuren im Osten nicht anders als denen im Westen: Auch sie konnten Szenen, in denen ihre Aktricen und Akteure stürzten, kämpfen, klettern und schwimmen mussten, nicht ganz vermeiden.

    Und in einigen Filmen gehörte es sogar regelrecht dazu. Und eigentlich gab es im Osten nur einen, der auch diese herausfordernden Szenen selbst spielte: Gojko Mitic, den sportlichsten aller Indianer, die je auf deutsche Leinwände kamen. Er hatte auch die Voraussetzungen dazu, wurde als begabter Sportstudent in Jugoslawien entdeckt, wo damals auch die Karl-May-Filme der westdeutschen Filmstudios gedreht wurden. Er konnte alles. Und war damit im Grunde sein eigener Stuntman in zehn beliebten Indianerfilmen der DEFA.

    Natürlich taucht er am Rande auch in Jens Rübners Spurensuche auf. Denn als Rübner begann, Material über die Stuntmen bei der DEFA zu suchen, fand er erst einmal – nichts. Gar nichts. Weder kamen sie im Abspann der vielen DEFA-Filme vor, noch gab es in Babelsberg eine eigene Abteilung für diese mutigen Frauen und Männer, noch hat sich bislang ein Filmenthusiast dieses Themas im Fall DEFA angenommen.

    Dass das auch im Westen lange Zeit wirklich eine Welt der Unsichtbaren war, zeigt die späte Einführung eines entsprechenden Filmpreises auch für gute Stunts und Actionfilme im Jahr 2007. Rübners Glück war, dass er schon bei den Recherchen seiner früheren DEFA-Bücher Kontakt zu einigen Leuten gefunden hatte, die ihrerseits über Kontakte in die Welt der DEFA verfügen.

    Denn ganz so unauffällig waren auch die zumeist sportlichen Männer nicht, die auch von der DEFA angerufen wurden, wenn mal wieder Können und Akrobatik gefragt waren. Oder schlicht Szenen zu drehen waren, für die die engagierten Stars schlicht zu teuer waren, sodass man nicht riskieren konnte, dass ihnen bei waghalsigen Fahrten oder gar in Reiterschlachten etwas passierte.

    Reiterschlachten bei der DEFA? Tatsächlich. Nicht nur in einigen der Indianerfilme, auch in Filmen über die Lützower oder in der legendären Verfilmung von „Sachsens Glanz und Preußens Gloria“ findet man sie. Filme, die man einfach so gesehen hat und sich selten fragte: Wie haben die das gemacht? Wo kommen die Pferde her? Oder gar: War das denn nicht richtig gefährlich?

    Selbst im Weihnachtsklassiker „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ sieht man eigentlich beeindruckende Reitszenen mit Libuše Šafránkova, die das Aschenbrödel spielt. Aber die beliebte tschechische Schauspielerin ist gar nicht selbst geritten, jedenfalls nicht in den doch nicht ganz so harmlosen Reitszenen am Drehort Moritzburg. Wer da wirklich in ihrem Mantel durch die verschneite Landschaft reitet, hat Rübner genauso akribisch zusammengetragen wie die Namen jener Männer, die an Gojkos Seite auf wilden Pferden durch die südeuropäischen Wiesen ritten.

    Oder auch mal durchs ferne Turkestan. Mit Anrufen und Anfragen bei Leuten, die jemanden kannten, der damals dabei war, erschloss er sich eine sportliche Welt von Männern, die oft völlig andere Berufe erlernt hatten, manchmal durch Zufall zum Film kamen, oft aber auch, weil sie genau das wollten: Mit richtig abenteuerlichen Einlagen beim Film ihren Beruf zu schaffen (den es offiziell gar nicht gab) und davon vielleicht auch zu leben.

    Stuntmen, wie im Westen, durften sie sich lange nicht nennen. Deswegen bürgerte sich der an die französische Filmwelt angelehnte Name Kaskadeure ein, der auch ein wenig an den Zirkus erinnert, der in der DDR ja bekanntlich auch noch eine Faszination ausstrahlte, die er heute schon längst nicht mehr hat. Deswegen überrascht es auch nicht, dass einige dieser tollkühnen Männer auch direkt aus der Zirkuswelt kamen.

    Wobei das Wort tollkühn in die Irre führt. Denn die Akrobatik am Zirkus wurde zentral und professionell ausgebildet. Und die Stunts bei DEFA-Dreharbeiten wurden von diesen Männern akribisch geplant. Sie waren keine Hasardeure, sondern – was auch in ihren Wortmeldungen deutlich wird – Leute, die stolz darauf waren, auch die kompliziertesten Aktionen so gut durchgerechnet zu haben, dass möglichst nichts schiefgehen konnte.

    Schief ging es nur dann, wenn Regisseure oder Schauspieler ihr Können überschätzten. Da und dort erlaubt Rübners Buch einen kleinen Blick hinter die Kulissen, wird die oft tage- und wochenlange Vorbereitung für oft sekundenkurze Szenen sichtbar. Da wünschte man sich natürlich noch viel mehr Fotos im Buch, die es bestimmt in einem DEFA-Archiv irgendwo noch gibt.

    Aber Jens Rübner ist kein bezahlter Forscher. Seine Bücher sind jedes Mal eine ganz persönliche Hommage an die Menschen, an deren Filme er sich mit inniger Freude erinnert. Und im Grunde macht er Kärrnerarbeit, wenn er mit diesen Büchern daran erinnert, dass auch die große Welt der DEFA nicht in die Kramkiste „Ostalgie“ gehört, sondern wertvoller Teil der deutschen Filmgeschichte ist.

    Und einige der von Rübner namhaft gemachten Stuntmen sind nach 1990 auch nicht einfach in der Versenkung verschwunden. Ohne sie sind einige der großen Freilichtbühnen-Inszenierungen der jüngeren Zeit von den Störtebeker-Festspielen bis zu den Karl-May-Festspielen nicht denkbar. Einige haben ihre bravourösen Auftritte in großen Hollywood-Produktionen gehabt, andere sind weiter als Ausbilder tätig.

    Und man erfährt auch, wie wichtig auch jene Menschen waren, die sich mit Pferden beschäftigten. Denn sie waren immer gefragt, wenn Pferde in den Filmen auftauchten, erst recht, wenn auch noch anspruchsvolle Reitszenen gedreht wurden. Von einem Pferd erfährt man zumindest den Namen: Kalif, jener Filmlegende, die auch im „Aschenbrödel“ in Aktion trat.

    Andererseits sind natürlich viele dieser Kaskadeure heute hochbetagt. Es wurde höchste Zeit, mit ihnen zu reden, denn auch ihre Erinnerungen verschwinden mit ihnen. Die Zeit der DEFA ist schon lange Geschichte. Selbst jene Schauspieler und Schauspielerinnen, die sie doubelten, sind entweder schon hochbetagt oder auch schon verstorben. Noch kennt man sie, noch sind sie bei den Älteren beliebt.

    Und noch lässt sich nachempfinden, wie die Filmfabrik des Ostens ihre großen Filme produzierte, wie trickreich die Regisseure sein mussten, wenn die Filmhandlungen entweder in der Karibik oder gar in den USA lagen, sie aber alles irgendwo im Osten drehen mussten. Und wie sie auf diese gut trainierten, waffengeübten und einfallsreichen Männer angewiesen waren, die auch die gefährlicheren Szenen professionell in Handlung setzen konnten, hoffend darauf, dass der Kameramann alles beim ersten Mal im Kasten haben würde.

    Rübner hat wohl die Wichtigsten dieser Abenteuerlustigen aus dem Dunkel geholt, ihnen eine Namen und eine Geschichte gegeben – manchmal zurückgreifend auf Artikel in Regionalzeitungen, die selbst stolz waren, wenn sie einen dieser Unsichtbaren ins Porträt bekamen. Nun sind sie da. Ein Buch erzählt von den „Kaskadeuren der DDR“ und die Geschichte der DEFA ist um eine wichtige Facette reicher geworden. Danach sieht man dann einige der beliebten Filme logischerweise mit mehr Aufmerksamkeit gerade für die Stellen, an denen die Helden in brenzligen Situationen landen.

    Jens Rübner Unsichtbaren. Kaskadeure in der DDR, Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2019, 19,90 Euro.

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