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Konfetti im Bier: Das erste Buch direkt aus der Ultra-Szene von St. Pauli

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    Man wartet die ganze Zeit auf das Konfetti. Man verbindet Ultras im Fußball ja nicht unbedingt mit Konfetti und Pappnasen, eher mit Bengalos und geharnischten Polizeieinsätzen. Und man erwartet natürlich nicht, dass ein richtiger Ultra sich hinsetzt und ein dickes Buch über seine Abenteuer schreibt. Vielleicht hinterher? Toni Gottschalk war seit 2001 dabei. Da war er 20. Seit 2006 hat er die Ultras vom FC St. Pauli aktiv begleitet.

    Da hat sich eine Menge Erfahrung angesammelt. Und fremd war ihm das Schreiben auch nicht: Er arbeitet als Redakteur. Was noch nicht heißt, dass man aus der Stofffülle von zwölf Jahren im harten Kern der Fußball-Fanszene einfach mal einen Roman macht. Weshalb Gottschalk froh ist, im Leipziger Liesmich Verlag einen echten Partner gefunden zu haben. Denn dieser spezielle Verlag hat es sich zum Ziel gesetzt, in ehrenamtlicher Arbeit besondere Buchprojekte zur Veröffentlichungsreife zu bringen. Deswegen kommen eher weniger Titel heraus, dafür solche, die wirklich etwas Besonderes haben. So wie 2014 als erstes der „Pedalpilot Doppel-Zwo“, der seine Leser erstmals mitnahm in die sehr eigene Welt der Radkuriere.

    Da kam man schon ins Grübeln: Gibt es nicht noch viel mehr Welten, von denen wir nichts wissen? Von denen wir nur die Oberfläche kennen? Bei geringstem Nachdenken fallen einem da gleich dutzende Welten ein. Und die Welt der Fußball-Ultras gehört natürlich dazu. Die sind zwar in unseren Medien seit Jahren immer wieder präsent, weil Politiker, Fußballpräsidien und Polizeichefs deren Erscheinen stets hart und deftig kommentieren und man das Gefühl hat, es gehe immer gewalttätiger zu in unseren Stadien oder davor. Auch Leipzig bekommt ja fast jedes Fußballwochenende so einen Belagerungszustand, ganze Straßen und Plätze werden von Polizei besetzt, um die ankommenden Fan-Kolonnen aufzufangen und die verfeindeten Hardcore-Fans zu trennen.

    Und die Ultras, die unbedingt ihre Bengalos und Transparente mit ins Stadion nehmen wollen, stehen ja regelrecht als Buhmänner an der Wand. So heftig angefeindet, dass man sich fragt: Sind das denn nun nur noch wilde Raufbolde? Ist unsere Gesellschaft an der Stelle schon völlig ausgetickt?

    Die Frage muss sich jeder Leser/jede Leserin selbst beantworten. Denn Toni Gottschalk singt zwar am Ende des Buches noch einmal einen feurigen Fan-Gesang auf die Ultra-Szene, aber sein Buch selbst ist ein Roman, komprimiert, mit deftiger Atmosphäre angereichert und oft sehr emotional. Wie sehr er dabei seine Freunde und Freundinnen aus der Ultra-Szene des FC St. Pauli verfremdet hat, können nur sie selbst einschätzen. Denn eins macht Gottschalk nicht: Er heroisiert das Ultra-Sein nicht. Dazu war es ihm selbst zu wichtig.

    Und unter Garantie steckt er auch in mindestens einer dieser zumeist schwarz gekleideten Gestalten, die in aller Herrgottsfrühe aufbrechen, um den Tag mit ihrem Club zu organisieren oder gar eine Überlandreise in den wilden Osten nach Dresden zu machen, wo es im zweiten Teil des Buches um ein wichtiges Aufstiegsspiel des Hamburger Vereins geht. Im ersten Teil ist man mittendrin in St. Pauli, erlebt die krachende Rivalität mit dem Vorortclub mit den drei Buchstaben mit und lernt die wichtigsten Akteure erst einmal kennen – bis auf Walter, der augenscheinlich den Tag dazu nutzt, sich von einer Theke zur anderen durchzusaufen.

    Es ist viel Bier im Spiel (im zweiten Teil auch durchaus trinkbares sächsisches), meist notgedrungen aus Plastikbechern getrunken. Es gibt jede Menge durchwachter Nächte und man hat schnell dieses verschwitzte Kribbeln auf der Haut, das alle kennen, die so eine Nacht in Bars, in Flugzeugen, auf Bahnhöfen oder mit der Vorbereitung auf eine dieser Aktionen durchgemacht haben, die ganz früh am Morgen stattfinden müssen.

    Denn gerade beim FC St. Pauli ist Ultra-Sein auch in hohem Maße politisch. Und gerade Jette hat im ersten Teil des Romans zu tun, denn am selben Tag, an dem das Lokalderby der Jugendmannschaften stattfinden soll, findet auch noch ein Naziaufmarsch in Hamburg statt. Und während die von Jette organisierte Aktion am frühen Morgen noch fast planmäßig läuft, wird der Nazi-Aufmarsch dann eher zu einem Debakel. Zumindest für Subbe, der sich als Kreativer bei Kloppereien eher zurückhält, was aber nicht verhindert, dass er auch mal am falschen Platz ist, wenn die Polizei ihre Beifänge macht.

    Eigentlich ist der dritte Teil im Buch der zweite, denn er erzählt vom Flug der Gruppe zu einem befreundeten Fan-Club in Genua, der wenige Monate später zur Gruppenlegende geworden ist. Das ist wichtig, weil gerade das sichtbar macht, wie Ultra-Szenen eigentlich funktionieren und warum sich junge Leute zu dieser Szene hingezogen fühlen, wo es nicht nur um Gewalt geht oder Attacken auf die Polizei, sondern auch um so ein Gefühl, in einer durchnormierten Welt noch etwas erleben zu können, richtig körperlich gefordert zu sein und vor allem, sich mit ganzer Seele zu etwas zu bekennen, was auch dann noch funktioniert, wenn es seine Spiele verliert und absteigt.

    Fußball wird da sogar fast zur Nebensache – in diesem Buch auf jeden Fall. Dafür wird etwas am Phänomen Fanszene sichtbar, was man als Außenstehender nicht sieht oder vor dem wir gelernt haben, uns regelrecht zu fürchten, weil das Dabei-Sein und das Zeichen-Setzen viel wichtiger sind als braves Benehmen. Und die wichtigsten Zeichen sind die gemeinsam organisierten Choreographien, kurz: Choreos, für die sich Leute wie Subbe besonders pfiffige Provokationen ausdenken, die nicht nur im gegnerischen Block, sondern auch in den Medien für Aufmerksamkeit sorgen sollen.

    Dafür binden sich die Beteiligten auch mal ganze Tage ans Bein, organisieren, dass alle Utensilien ins Stadion kommen, und setzen alles daran, das wichtige Spiel auch ja nicht zu verpassen. Was dann allein schon zu regelrechten Reisetorturen führt, die Gottschalk aus eigener Erfahrung schildern kann, denn das Reisen zu Fußballspielen ist mehr als ein Abenteuer, egal, ob man zusammen im Auto anreist (und riskiert, dass die Karre dann abgefackelt wird), im Fan-Bus (wo man auch neben Fans landen kann, die einem die Fahrt zur Qual machen können) oder gar im Regionalzug, den am Ziel schon die geharnischten Polizeieinheiten erwarten.

    Es gibt auch jede Menge Adrenalin, weil meist schon die (falsche) Kleidung reicht, zum Angriffsziel der anderen Ultras oder ideologisch anders gestrickter Raufbolde zu werden. Was jetzt chaotischer klingt, als es sich liest, denn was man beim Eintauchen in die Welt von Jette, Subbe, Merks und Marco schnell merkt, ist, dass es hier Regeln gibt, die einen verblüffen, weil es viele Regeln sind, Regeln für eine Welt, in der sich jeder auf den anderen verlassen können muss.

    In der auch die Älteren – wie Jette – eine wichtige integrative Rolle spielen. Und in der es jede Menge Debatten gibt – bei der Planung, während der Fahrten und erst recht, wenn irgendetwas schiefgegangen ist. Und man hat irgendwie das Gefühl: So fremd sind diese Regeln denen der braven Bürger im sonstigen Leben gar nicht. Im Gegenteil: Sie sind sehr elementar, weil sie erst den Raum schaffen, in denen einige junge Menschen etwas ausleben können, wozu es in unserer geordneten Gesellschaft kaum noch Platz gibt.

    Man versteht sogar diese Lust am gelebten Anarchismus ein wenig. Wobei es bestimmt auch Leser geben wird, die von sich sagen, dass sie so eine Phase niemals hatten im Leben. Aber die meisten, die ich kenne, hatten so eine Phase, auch wenn die wenigsten davon zu Fußballfans geworden sind und auch kaum einer bei den Ultras landete. Aber in jedem jungen Menschen steckt so ein Stückchen Rebellion. Andere reisen als Hardcore-Fans ihrer Lieblingsband hinterher oder stürzen sich in die Clubszene ihrer Stadt.

    Es scheint auch ein Stück Lerneffekt darinzustecken. Denn eins hat so eine Szene immer für sich: Die Beteiligten sind mit Leib und Seele dabei, sie merken, was für ein Gefühlskarussell das ist, wenn man sich einer Sache wirklich von Herzen verschreibt. Und weil das dann am Höhepunkt der geglückten Choreo lauter Adrenalin freisetzt, ist allein das schon Belohnung für all die Mühen, fürs frühe Aufstehen, die stundenlangen Fahrten im Zug, die Rückfahrt in verschwitzten Abteilen.

    Man ahnt zumindest, warum junge Leute unbedingt dabei sein wollen und auch harte Begegnungen mit der Polizei in Kauf nehmen. Was man nicht erfährt ist, in welchem Job oder Beruf die Hauptfiguren arbeiten. Bei Subbe, Jette und Marco erfährt man zumindest, dass sie schon auf dem Absprung sind, dass es sie in ein anderes Leben treibt. Noch hängen sie mit ihren Gefühlen an der Truppe. Aber man feiert in der Ultra-Kurve nicht seinen 40. Geburtstag.

    Was natürlich mit Trennungsschmerzen verbunden ist. Denn das Leben für die Kurve ist natürlich auch sinnstiftend, so seltsam das für brave Bürger klingen mag. Aber genau das hält die Truppe zusammen, bringt sie dazu, sich gegenseitig zu helfen und auch zuzuhören, wenn es beim anderen mal brennt. Was eigentlich auch wieder ein Schlaglicht auf unsere Gesellschaft wirft, die nicht wirklich viele Anknüpfungspunkte für Sinnstiftung bietet. Das muss für gewöhnlich jeder für sich allein irgendwie hinkriegen. Und vielen geht das sehr bald schon verloren, viele landen in den einsamen Schleifen der Ego-Gesellschaft, in der man sich in gar keiner Gruppe mehr für irgendetwas engagiert und begeistert.

    Vielleicht führt das über die drei Geschichten, die Toni Gottschalk mit seinen Protagonisten erzählt, schon hinaus. Aber das glaube ich nicht. Im Gegenteil: Das Gefühl sagt einem, dass die Ultra-Bewegung tatsächlich für eine Leerstelle in unserer Gesellschaft steht, die mit Konsum und Karriere nicht zu füllen ist. Und dass man ihr mit Polizeimethoden allein nicht beikommt, weil Restriktion Gefühle nicht beseitigen kann. Und wenn es nur das Gefühl ist, sich für eine Sache wirklich begeistern zu dürfen. So wie in der Szene, als die Truppe im Dresdener Hauptbahnhof aus dem Zug quillt und aus voller Kehle in den Bahnhof der Gegner brüllt: „St. Pauli!“

    Termintipp: Toni Gottschalk liest bei „Leipzig liest“ zu vier verschiedenen Gelegenheiten aus „Konfetti im Bier“:

    Am Donnerstag, 21. März, 21 Uhr in den Cammerspielen Leipzig (Werk 2, Kochstraße 132) , am 22. März um 20 Uhr im Dr. Seltsam (Merseburger Straße 25), am 23. März um 12:30 Uhr bei Hugendubel (Petersstraße 12-14) und am 23. März um 19:30 Uhr im Ost-Passage Theater (Konradstraße 27).

    Toni Gottschalk Konfetti im Bier, Liesmich Verlag, Leipzig 2019, 14,95 Euro.

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