1989, Lieder unserer Heimat: Ein kompaktes Buch über das Jungsein am Ende der DDR

Für alle LeserSo fliegt die Zeit: 2014 war das, als Schwarwel seinen ersten großen Trickfilm zum Jahr 1989 herstellte: „1989. Unsere Heimat sind nicht nur die Städte und Dörfer“. Wenig später ließ er mit Mitstreiterinnen und Mitstreitern gemeinsam ein ganzes Buch zum Film folgen. Fast schon ein Lesebuch für die Schulen. Denn 25 Jahre waren vergangen seit der Friedlichen Revolution. Höchste Zeit, die Erinnerungen festzuhalten. Aber auch die Erinnerungen an das, was die DDR mal gewesen war, beginnen zu verschwinden.

Was ja 2017 vielen Menschen erst so richtig bewusst wurde. Denn das war das Jahr, in dem die Berliner Mauer genauso lange verschwunden war, wie sie einst gestanden und ein Land abgeschottet hatte. Künftige Generationen werden sich kaum noch vorstellen können, wie es sich in einem Land lebt, das mit martialischen Grenzanlagen abgesperrt ist und das seine Bürger daran hindert, die Welt zu erkunden. Vielleicht, muss man an der Stelle sagen. Denn seither sind anderswo noch viel mehr Mauern und Grenzanlagen gebaut worden, die Menschen voneinander trennen und Grenzen unüberwindlich machen.

Mauern sind Zeichen der Schwäche, heißt es an einer Stelle im Buch in jenem Kapitel, in dem es um Reise(un)freiheit und die vielen hundert Toten an der deutsch-deutschen Grenze geht. Über 30 Beiträge erkunden die Erinnerung an das Land namens DDR, dessen Ende vor 30 Jahren begann und das mehrere Generationen von Ostdeutschen prägte. So sehr prägte, dass Sozialwissenschaftler sogar ganz ernsthaft versuchten herauszukriegen, worin sich der typische Ostdeutsche vom Westdeutschen (oder in mancher Sicht auch: dem „typischen Deutschen“) unterscheidet.

Eine Stelle, die geradezu dazu auffordert, den größten Trugschluss in dieser Debatte zu benennen, der wie ein fetter schnaufender Elefant im Raum steht – aber die Experten weigern sich, ihn zu sehen.

Weil sie selbst konditioniert sind – was einer der Autoren im Buch nun ausgerechnet dem Hallenser Psychologen Hans-Joachim Maaz vorwirft, den er gleich mal in die rechte Ecke rückt, weil Maaz so viel Verständnis für die derzeit renitenten Ostdeutschen zeigt.

„Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“, heißt es dazu in der Bergpredigt (Matthäus 7,3). Das müssen nicht nur Soziologen beachten, auch Journalisten.

Gut möglich, dass auch Maaz mit Scheuklappen schaut. Was ich aber nicht für verwerflich halte, wenn es die meisten genauso machen und glauben, sie würden im westdeutsch sozialisierten Bundesbürger nun das richtige Maß für alles finden. Eigentlich wissen das Soziologen: Der Mensch ist das Produkt der Verhältnisse, in denen er aufwuchs. Und die meisten Prägungen bekommt er unbewusst, wird zum Rädchen oder zum Konsumenten gemacht, zum Willfährigen oder zum Radikalen, zum Duckmäuser oder – viel zu selten – zum Aufrechtgehenden.

Deswegen fehlt nach wie vor die Beleuchtung des westlichen Landesteils und seiner Sozialisationen. Über den Osten weiß man (auch durch Leute wie Maaz) längst viel mehr. Die DDR ist – soziologisch betrachtet – eigentlich kein Rätsel mehr, eher ein Konstrukt, in das jeder hineinhängt, was ihm beliebt. Und das sich verändert, je weiter es in die Geschichte entrückt. Höchste Zeit, dass all jene sich noch einmal zielgerichtet erinnern, wie es war, die wirklich drin gelebt haben und aufgewachsen sind.

Jüngere zumeist. Das fällt auf. Es ist der Kosmos von Menschen, die Schwarwel nah sind. Die auch 1989 fast alle noch jung waren. Oder gar noch jünger, aufgewachsen in diesem mürben Danach, in dem mal wieder die üblichen Besserwisser behaupteten, diese junge Generation würde im deutsch-deutschen Kuchenteig aufgehen und die Herkunft im Osten würde für diese jungen Leute gar keine Rolle mehr spielen.

Auch deshalb ist auch Petra Köpping im Buch mit vertreten, die klarer als viele andere Politiker im Osten erkannt hat, dass die Trennung 1990 ganz und gar nicht beendet war, dass viele Ostdeutsche noch immer das Gefühl in sich tragen, nur Bürger 2. Klasse zu sein, von Gleichberechtigung oder gar gleichen Chancen – keine Spur. Eher machen sie die wiederholte Feststellung, dass ihnen von dem, was sie gern Heimat nennen, gar nichts (mehr) gehört.

Gerade weil die vier Herausgeber so viele Autorinnen und Autoren gewonnen haben, um die 13 Liedtexte, die Schwarwel im Film bebildert hat, mit Erinnerungen und Analysen zu unterfüttern, wurde ein vielstimmiges Buch daraus, eines, das einmal nicht in ostalgische Wehmut verfällt, das aber auch nicht nur die verächtliche Masche von der „zweiten Diktatur“ spielt. Auch wenn natürlich viele Autoren ihre Erfahrungen im „sozialistischen Erziehungssystem“, im Sportsystem, mit überforderten (aber emanzipierten) Müttern oder dem zermürbenen Wehrdienst in der NVA schildern.

Da die Autoren eher im Alter Schwarwels waren, sind es vor allem die 1980er Jahre, die in ihrer Erinnerung präsent sind, Jahre, die man gerade als Jugendlicher als Jahre der Stagnation, der Rebellion und der zunehmenden Gleichgültigkeit gegenüber dem erlebte, was die alten, grauen Funktionäre seit Jahren als Sozialismus anpriesen. Von Kommunismus ganz zu schweigen. Und für die eher unbelesenen Leser im Westen gibt es auch den kleinen wissenschaftlichen Ausflug zu Karl Marx, der nur eine einzige Gesellschaftsordnung gründlich analysierte und wusste, wie sie funktioniert: den Kapitalismus. Wie Sozialismus oder gar Kommunismus funktionieren sollten, darüber findet sich bei dem alten Rauschebart kein Wort.

Was einer der elementarsten Widersprüche in diesem Land hinter der Mauer war: Wer sich wirklich mit Marx beschäftigte, bekam es mit den Funktionären und ihrem Sicherheitsapparat zu tun. „Schnauze! Warum der Ossi gar nicht existiert!“, betitelt der Politikwissenschaftler Robert Feustel seine Untersuchung zum Konstrukt des „Ostdeutschen“. Oder landläufiger: des Ossis.

Und Monika Herdmann schildert – aus eigenem Erleben – wie schwer es den ach so vorbildlichen Westdeutschen nach 1990 fiel, ihre eigenen verkorksten Sozialisationen zu erkennen. Denn die ostdeutschen Frauen waren zwar alles Mögliche, aber blind für den überlebten Sexismus westdeutscher Männer waren sie nicht (genauso wenig wie für die Lernunwilligkeit der eigenen Männer). Und es hat tatsächlich auch fast 30 Jahre gedauert, bis dieser Sexismus überhaupt mal zur gesellschaftlichen Debatte wurde, während es etwas kürzer dauerte, einige ostdeutsche „Errungenschaften“ wie Kindergarten und Krippe und Poliklinik gesamtdeutsch als etwas zu begreifen, was man doch gleich hätte übernehmen können. Wenn man denn nicht so voller Vorurteile gewesen wäre.

Und diese Vorurteile, die oft genug auch nur das Unvermögen waren, die Welt der nun Neuen und Anderen als gleichwertig zu begreifen, bekamen auch Künstler und Musiker zu spüren. Weshalb selbst die bei jungen Leuten in der DDR beliebten Untergrundbands 1990 fast alle ihr Ende fanden. Was vorher noch als Protest gegen das „Regime in Ostberlin“ gern wahrgenommen wurde, fiel nun im gesamtdeutschen Kunstbetrieb unter die Räder. Den Filmemachern ging es ganz ähnlich.

Es ist schon erstaunlich: Auch durch dieses Buch wühlt sich ein gewisser Zorn. Ein Zorn, der seine Wucht auch aus dem Erlebten zieht. Und aus dem Widerspruch, dass denen, die 28 Jahre hinter der Mauer abgesperrt waren, jetzt auch noch Schuldgefühle gemacht wurden, dass das so war, als hätten sie 1989 diesen Überwachungsstaat mit seiner Unfähigkeit, auch nur die Wirtschaft ordentlich zu organisieren, nicht selbst hinweggefegt. Was keinen neuen Menschentypus ergibt, aber eine Gemeinschaft von Menschen, die gemeinsame Erfahrungen und Erinnerungen teilen. Und zwar ziemlich starke.

Und viele der Autoren standen diesem Bauwerk DDR ganz und gar nicht gleichgültig gegenüber, sondern suchten ein Leben und ein Werk abseits vom Reglementierten, engagierten sich in Friedensgruppen, versuchten die Flucht, schrieben ihren Zorn in Liedtexte, suchten in Hiphop, Punk und Metal eine andere, freiere Welt oder sorgten gar dafür, dass Geschichten, Bilder und Filme über die Grenze kamen, in die westdeutschen Sender, wo die Ostdeutschen dann abends ein Stück Wirklichkeit aus ihrem Land sehen konnten.

Gut möglich, dass der Osten nie eine Solidargemeinschaft war. Aber gerade weil die Autoren aus ihrem eigenen Werdegang erzählen, wird deutlicher, wie sehr dieser Druck zur Anpassung tatsächlich dazu führte, dass spätestens die dritte Generation aufbegehrte, nicht mehr mitspielen wollte und ausbrach aus den Erwartungen. Und wie der Versuch, ein ganzes Volk gleichzurichten, schon im Ansatz gescheitert war und nur noch Frust hinterließ, einen tiefen Widerwillen, immer wieder die gleichen Rituale mitzumachen. Womit wir eigentlich wieder beim Versuch wären, einen „Ossi“ zu uniformieren und die Eigenwilligkeit und das Selbstbewusstsein all derer, die sich dieser Gleichmacherei entzogen, zu ignorieren.

Natürlich sind das tragende Gerüst dieses Buches die 13 Lieder aus Schwarwels Feder, kantig, rockig, störrisch. Auf der Website zum Buch kann man sie alle anhören und mit dem Comic-Zeichner in eine Zeit eintauchen, als er in der Subkultur des Ostens seinen Weg heraus aus Tristesse und Bedrücktheit suchte. Denn wer noch lebendig war, den deprimierte der erstarrte Zustand des Landes nur noch, dem war irgendwann auch die Allgegenwart von Partei, Stasi und Polizei egal. Der suchte seinen Weg, sich lebendig zu fühlen. Und auch klarer zu sehen, wie selbst das Land in seinem Selbstbetrug lebte – im Buch exemplarisch abgehandelt am Thema der Nazis, die es ja nach offizieller Doktrin in der DDR nicht gab.

Die Friedliche Revolution fehlt natürlich nicht. Wie kann es anders sein? 1989 beendeten die mutigsten DDR-Bürger diesen Spuk auf sehr kreative, hochemotionale und mitreißende Weise. Die Wucht der Friedlichen Revolution versteht vielleicht wirklich nur, wer das Vorher miterlebt hatte, diesen gräulichen Quark aus Ignoranz und Bevormundung, dem am Ende sogar der Inhalt abhanden kam, der alte Traum von einer menschlicheren Gesellschaft … wobei: Stimmt eigentlich nicht ganz. Nicht nur die Untergrundschriften der Opposition erzählten davon, denn das war immer der Maßstab, an dem sich die Gräulichen messen lassen mussten.

Und in Bruchstücken oszilliert dieser Anspruch noch heute durch die mühsam zusammengeflickte Nation. Man denke nur an die Debatten um Paragraph 218 und die Gleichberechtigung der Frauen. Es gibt ein paar Zungenschläge im Buch, die durchaus andeuten, dass der Osten die alte Bundesrepublik auch ein bisschen verändert hat. Obwohl das die bräsige Mehrheit niemals wollte. Gerade der Anspruch der Friedlichen Revolution hätte noch viel mehr bewirken können. Denn dass heute wieder so viel Trübsal herrscht, hat auch damit zu tun: Dass dieser verflixte deutsch-deutsche Dialog nie wirklich zustande kam. Nicht weil die Gesprächspartner unterschiedliche Sprachen sprechen, sondern weil man zur Augenhöhe auch gleiche Tischhöhen braucht. Mit sich selbst haben die Ostdeutschen viele erfolgreiche Runde Tische hinbekommen, mit ihrem westdeutschen Vermieter logischerweise nicht.

Aber das Buch ist da und gibt allen, die wissen wollen, wie die damals Jungen das Ende der grauen Zeit erlebten, jede Menge Stoff zum Lesen, Reinhören und Nachempfinden. So viel Stoff, wie er heute in keinem Geschichtsschulbuch steht. Reich bebildert mit Filmsequenzen von Schwarwel, die auch die Emotionen zeigen, mit denen man damals umgehen musste, wenn man jung war und nichts anderes wollte als eine offene Welt mit freien Menschen.

Schwarwel, Sandra Strauß, Tobias Prüwer, Robert Feustel „1989. Lieder unserer Heimat, Glücklicher Montag, Leipzig 2019, 29,90 Euro

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