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Sonntag, 17. Januar 2021

Nina: Lauter turbulente Abenteuer aus Ninas fünfeinhalbtem Lebensjahr

Von Ralf Julke

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    Emi Guner muss Mutter sein. Es geht gar nicht anders. Ihre Buchheldin Nina ist wie aus dem Leben gegriffen, ein echtes, eigensinniges Mädchen von 5 1/2 Jahren, quicklebendig, aber von Gefühlen überwältigt, wenn sie kommen. Und sie kommen immer unverhofft, schnappen zu, und – schwups – sitzt das Mädchen auf dem Baum und will nicht wieder runterkommen, obwohl es Frühstück gibt und sie gleich in den Kindergarten muss.

    Oder besser darf: Wir sind ja hier in Schweden. Da sind zwar die Kinder nicht anders, aber die Erwachsenen. Ein bisschen wenigstens, sodass es auffällt, dass es auch ohne Stress, ständige Drohungen, Verzweiflungen und Nötigungen geht. Zumindest bei Ninas Eltern, die wahrscheinlich noch nicht vergessen haben, wie das mal bei ihnen war. Und dass so manche Frustattacke eigentlich ganz normal ist. Da reagiert ein Kind nun einmal impulsiv, ist ruckzuck stinkesauer und opponiert. So heftig, dass manche Eltern daran verzweifeln, weil sie es nicht (mehr) verstehen.

    Und es nicht mehr akzeptieren können, dass ihr Kind Widerstand leistet, wo sie selbst schon so mit den eigenen Widerständen zu kämpfen haben. Aber Ninas Eltern wissen, dass die Kleine auch einfach nur akzeptiert und abgeholt werden will. Wir erleben Nina zwar anfangs tief frustriert auf dem Baum, aber damit gehen die Abenteuer ihres letzten Jahres in der Bärengruppe der Kita erst los. Wer denkt, das Leben eines Kita-Kindes könnte langweilig sein, der war wohl nie Kita-Kind. Hat nie riesige Wünsche gehabt, die garantiert kein Mensch je erfüllen kann – jedenfalls keiner, der keine Phantasie hat, und auch nie mit Papa den Geburtstag getauscht hat.

    Die Nina-Geschichten der 1971 geborenen Emi Gruner sind eigentlich lauter Aufmerksamkeits-Geschichten. Geschichten, die davon erzählen, was alles für abenteuerliche Sachen in so einem Kindergartenjahr passieren können. Das Abenteuer liegt eigentlich direkt auf dem Tisch, manchmal auch unterm Bett oder im Wasser. Die Kleinen entdecken ja nicht nur ihre eigenen explosiven Gefühle (und damit eben auch so langsam, wie man diese ganzen Gefühle gebändigt kriegt), sie lernen auch, dass auch ihre Lieblingsfreundinnen Gefühle haben und dass das manchmal nicht zusammenpasst.

    Oder dass eine manchmal nicht merkt, dass sie in ihrer Fröhlichkeit die andere verletzt. Und wie ist das mit der großen Phantasie in Ninas Kopf? Sie kann auch sich ohne Kraftanstrengung immerzu neue, tolle Geschichten ausdenken, noch tollere Geschichten als die beiden Zwillinge aus Schottland. Darf man aus lauter Prahlerei überhaupt solche Geschichten erzählen? Oder ist das schon Lüge?

    Wahrscheinlich ist das letzte Kita-Jahr wirklich eins, in dem man solche komplizierten Sachen lernt über sich selbst, Dinge, die man vorher gar nicht gemerkt hat und die nun auf einmal für richtige Dramen sorgen. Oder für ganz peinliche Situationen, in denen man vor Scham einfach platzen möchte – zum Beispiel, wenn Nina ausprobiert, wie sich das anfühlt, wenn man mal was klaut. Ehrlich? Es fühlt sich gar nicht gut an. Es ist nicht auszuhalten, wenn man ein Mensch mit großem Herzen ist wie Nina. Was sie natürlich von ihren Eltern hat, was man spätestens in der Geschichte mit den Walderdbeeren erfährt, eine Geschichte, die für Nina böse endet, weil sie einen Moment lang nicht aufgepasst hat und zu fröhlich war. Da lernt sie ihre Eltern auch mal von der verzweifelten Seite kennen.

    Es sind lauter kleine Geschichten, die Nina passieren. Eigentlich lauter große Geschichten, die sie so beschäftigen, dass sie manchmal auch gar nicht einschlafen kann. Oder beim ersten Übernachtungsbesuch bei ihrer besten Freundin erlebt, dass man sich tatsächlich gruseln kann, wenn alles ganz neu und anders ist.

    Und eigentlich geht es ja Adam, dem Rüpel aus der Kindergartengruppe, auch nicht anders, auch wenn er aus lauter Übermut beinah Schneeweißchen, ihren geliebten Schneeleoparden, ersäuft. Da wird Nina aber zur Heldin. Eigentlich zum zweiten Mal, denn so richtig ans Leben ging es bei ihr ja auch schon in der Schwimmstunde. So richtig ungefährlich ist so ein Leben als Kind tatsächlich nicht. Und manche Abenteuer kommen natürlich überraschend. Nur eines nicht: der erste Schultag, an dem Nina früh auf der Matte steht, denn da will sie ganz bestimmt nicht zu spät kommen.

    Eigentlich lernen wir mit Nina ein kleines Menschlein kennen, wie es von ihnen ja ganz viele gibt. Jedenfalls da, wo noch viele Kinder sind. Und wir schauen mit den aufmerksamen Augen der Autorin auf das Kind, das noch jeden Tag mit lauter unverfälschten Gefühlen zu tun bekommt, die wir als große Leute schon lange gefiltert und gebändigt haben. Oder einfach weggeschlossen, weil wir nicht (mehr) wissen, wie wir mit ihnen umgehen sollen – mit unbändiger Freude, großer Traurigkeit, tiefem Verletztsein oder dem zornigen Angepieptsein von Dingen, die wir jetzt überhaupt nicht wollen, aber machen müssen. Ein Gedanke, den man eigentlich seit der ersten Szene auf dem Baum gar nicht mehr aus dem Kopf bekommt: Was wäre eigentlich, wenn wir jetzt einfach nicht mehr mitmachen wollen, weil wir lila Joghurt scheußlich finden, und jeden Morgen aus dem warmen Bett kriechen noch viel scheußlicher?

    Oder ist es nur Ninas tiefsitzender Wunsch, endlich lauter Sachen machen zu dürfen, die richtig verboten sind?

    So manche Leser werden sich wiederfinden in den Geschichten, das Kind, das sie einmal waren und irgendwann nicht mehr sein durften, oder auch das Kind, das sie in sich bewahrt haben, weil man es braucht. Weil man die eigenen Kinder nur ein bisschen verstehen kann, wenn man das Kind in sich selbst noch versteht. Und damit auch den kindlichen, phantasievollen Blick auf die Welt.

    Vielleicht ist das Buch so manchen Eltern auch ein kleiner Trost: Es geht allen Kindern so. Und richtig zu erzählen hat man hinterher auch nur, wenn wirklich mal was schiefgegangen ist. Auch wenn’s wehgetan hat. Oder beinah ganz doll schlimm geworden wäre. Es ist nicht nur ein Kindergartenbuch. Es ist auch ein Papa-Mama-lies-mal-vor-Buch. Eins, bei dem sich hinterher alle angucken können und sagen können: Das kommt mir irgendwie bekannt vor.

    Sage keiner, dass Kindsein kein Abenteuer ist.

    Emi Guner Nina, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2019, 14 Euro.

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