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Spuren des Menschen: Das bilderreiche Buch zum aktuellen Stand der Archäologie in Deutschland

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    Es ist ein Riesenbuch geworden, nicht nur vom Format und Gewicht her, das Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann, Philipp von Rummel hier zusammengestellt haben, alle drei ausgewiesene Archäologen. Sie kennen ihr Metier und wissen, was alles inzwischen erforscht ist aus der nachweisbaren Geschichte des Menschen auf diesem Fleckchen Erde, das heute Deutschland heißt. Sie kennen die Akteure und die großen Sammlungen. Und es ist eine bilderreiche Reise durch 800.000 Jahre geworden.

    So lange gibt es den modernen Menschen noch gar nicht. Dessen Wurzeln liegen irgendwo in Afrika vor ungefähr 300.000 Jahren. Nach Europa kam er, da waren andere längst schon da gewesen. Den Neandertaler traf er noch an. Ein paar Jahrtausende lebte man miteinander, vermischte sich gar.

    Vor dem Neandertaler war der Homo heidelbergensis schon da, dessen Spuren 700.000 Jahre weit in die Vergangenheit reichen, eine Vergangenheit, die von Eiszeiten und Zwischeneiszeiten geprägt war. Und seit 2013 weiß man, dass vorher schon ein anderer da war: der Homo antecessor. Seine Fußspuren haben sich an der englischen Küste erhalten.

    Und auch wenn das Buch an wichtigen Stellen so weit ausholt und auf Geschichten aus anderen europäischen Ländern zurückgreift, steht tatsächlich jener Raum im Mittelpunkt, der heute von der Bundesrepublik Deutschland eingenommen wird. Ein scheinbar kleines Fleckchen Erde, so aus der Erdumlaufbahn betrachtet.

    Man sieht ihm nicht an, wie viel Menschheitsgeschichte hier schon geschehen ist. Und die Menschen, die vor der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten, ahnten es nicht einmal, kannten bestenfalls ihren Homer und ihren Tacitus, hielten sich für Nachfahren der Germanen und hielten Hügelgräber und Menhire für Relikte einer mythischen Vorzeit.

    Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Archäologie zu einer wissenschaftlichen Disziplin, wobei sich insbesondere der Pathologe und Prähistoriker Rudolf Virchow und sein Freund Heinrich Schliemann Verdienste erwarben. Schliemann natürlich mit seiner aufsehenerregenden Ausgrabung des Hügels Hisarlik in der Türkei, wo er das sagenhafte Troia gefunden haben will.

    Zumindest bezweifeln Stefanie Samida und Jürgen Kunow, die diesen Beitrag zum Band geschrieben haben, stark daran, dass man so einfach die legendäre Königsstadt aus der Illias mit einem – wenn auch beeindruckenden – Siedlungshügel in der Türkei gleichsetzen kann. Zu viele Fragen sind offen. Bis hin zu der: Inwiefern erzählt die „Illias“ reale Geschehnisse? Und hat sie nicht viele unterschiedliche Erzählungen aus turbulenten (Vor-)Zeiten zu einem gewaltigen Epos verschmolzen?

    Immerhin führt die „Ilias“ in eine Zeit zurück, in der auch die alten Griechen noch keine Schrift hatten, ihre Geschichte also mündlich weitergeben mussten. Und mündliche Geschichten haben es in sich.

    Was aber von Schliemann blieb, ist die Faszination, die seitdem mit der Archäologie verbunden wird: Archäologen ziehen los mit Hacke und Spaten und graben dann legendäre Städte, Burgen und Kultplätze aus. Und als Lohn finden sie sagenhafte Schätze.

    Der kleine Beitrag zu Schliemann findet sich schon im eigentlichen Abspann des Buches, „Kulturelles Erbe und Wissenstransfer“, in dem sich Autorinnen und Autoren intensiv mit der Frage beschäftigen, wie weit die Interpretation archäologischer Funde gehen darf, wie man die reale Geschichte dem hochinteressierten Publikum erzählt, wie man Millionen Fundstücke archiviert und wie man wertvolle Bodenfunde bewahrt.

    An der Stelle ist das alles nur zu berechtigt, denn auf den 500 Seiten davor blättern die Forscherinnen und Forscher auf, was in den vergangenen 700.000 Jahren nachweisbar geschah. Denn auf deutschem Gebiet stammen die frühesten Funde tatsächlich vom Heidelbergmenschen. Und 700.000 Jahre sind eine verdammt lange Zeit, da hat sich wirklich nicht mehr viel erhalten von den damaligen Menschengemeinschaften.

    Logisch, dass die Autorinnen und Autoren auch erzählen, mit welchen modernen Methoden sie mittlerweile forschen, wie sie das Alter von Fundstücken ermitteln, selbst aus Pollenanalysen und Sedimentablagerungen Erkenntnisse über menschliches Wirken gewinnen, wie sie sich über Abfallgruben und Moorfunde freuen.

    Denn 150 Jahre Archäologie in Deutschland bedeuten auch einen Lernprozess. Immer bessere Techniken wurden erfunden, um wirklich aus den unscheinbarsten Fundstellen noch jede Menge Informationen ablesen zu können. Gerade die moderne DNA-Forschung hat ja einige überraschende Entdeckungen ermöglicht und den jüngeren Stammbaum der Menschheit um einige Äste bereichert.

    Natürlich wundert man sich nicht wirklich, dass die Erzählungen über all das, was in den ersten 650.000 Jahren geschah, relativ knapp ausfallen. Die Funde aus dieser Zeit sind logischerweise selten. Immer wieder drangen Menschen zwar nach Mitteleuropa vor. Aber immer wieder mussten sie den vordringenden Eismassen weichen. Und damit verschwanden auch wieder ihre Siedlungsplätze.

    Dichter und greifbarer wird die Präsenz der frühen Menschen vor 50.000 Jahren, werden ihre (Stein-)Werkzeuge fassbar, tauchen die ersten Kunstwerke auf, wird der Mensch der Altsteinzeit als jemand sichtbar, der sich Gedanken machte über seine Welt und mit wirksamen Waffen auch die großen Tiere der freien Landschaft jagte.

    Die Autoren der Texte können oft ihr professionelles Staunen über die Fähigkeiten dieser Menschen nicht verhehlen, die damals in kleinen Gruppen durch die nacheiszeitlichen Landschaften zogen, erfolgreiche Wildbeuter, die aber auch schon etwas erlebten, was spätere Geschichtsepochen ebenso abrupt unterbrechen sollte – nachweisbar als ein Kulturbruch um das Jahr 10.950 vor Christus herum, den die Forscher mit dem Ausbruch des Laacher See-Vulkans am Mittelrhein in Verbindung bringen.

    Die Menschheitsgeschichte nimmt Fahrt auf

    Andererseits bildet diese Zeit auch den deutlichen Übergang von einem noch recht kalten Klima zu einem mild-feuchten, wie es nicht nur in Bohrkernen aus dem Grönländischen Eispanzer, sondern auch in den Wuchsringen von Bäumen nachweisbar ist. Die Menschheitsgeschichte nahm Fahrt auf und die Wildbeuter in den Landschaften zwischen Rhein und Oder bekamen rege Austauschkontakte mit südlichen Zivilisationen.

    Denn das berühmte Atlantikum als Klimaoptimum beschleunigte die Entwicklung zuallererst im Fruchtbaren Halbmond, wo die Landwirtschaft und der Städtebau ihren Ursprung nahmen. Rund 5.000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung begegnen sich die Kulturen, wandern die Bauern aus Richtung Balkan ein und es entstehen faszinierende Zivilisationen, die sich immer mehr Kulturtechniken aneignen. Aus der Steinzeit wird die Bronzezeit, aus dieser die Eisenzeit.

    Dörfer und Ringwälle werden greifbar. Tongefäße werden zum Lieblingsforschungsgebiet der Ausgräber, weil sich damit Zeitschichten und Zugehörigkeit zu großen Kulturgruppen sichtbar machen lassen. Und natürlich warnen sie immer wieder. Denn 150 Jahre Archäologie erlebten auch ihre Sackgassen und Übertreibungen, wenn mit den Ausgräbern die Phantasie durchging.

    Es war nur zu verführerisch, in solchen Fundgruppen gleich mal Germanen oder Kelten ausmachen zu wollen. Oder später gar konkrete germanische Stammesverbände, ein Versuch, der selbst für die römische Zeit noch fast unmöglich ist.

    Denn das Problem bleibt bis weit ins Hochmittelalter: Es fehlen die schriftlichen Quellen von diesseits des Limes. Und was Tacitus und Cäsar schrieben, war immer nur der Blick durch die römische Brille – mit allen möglichen Zuschreibungen und Namensgebungen, die sehr wahrscheinlich wenig mit den tatsächlichen Verhältnissen in jenem Germanien zu tun haben, in das die Römer immer wieder vorstießen, das sie aber – anders als die linksrheinischen Gebiete – nie ihrem Reich einverleiben konnten.

    Wobei das Schöne ist: Die ganze Sache mit der Staatsgeschichtsschreibung lassen die Autoren und Autorinnen in diesem Buch weg. Sie sind nicht die großen Geschichtenerfinder und schreiben das Buch auch nicht, um jetzt die offizielle Geschichtsschreibung zu kritisieren.

    Sie sind eigentlich die Korrektoren, die ganz Genauen und Unerbittlichen, die überhaupt keine offizielle Geschichte für fertiggebacken nehmen. Und die gern auch mal so eine sensationelle Geschichtserzählung zerplatzen lassen, wenn sich dafür keine archäologischen Spuren finden lassen oder der Befund am Ereignisort etwas völlig anderes erzählt.

    Andererseits feuern Grabungen auch wieder die Phantasie an, wenn sie auf einmal Orte offenlegen, die von einer reichen Zivilisation erzählen, von der es aber nicht die geringste schriftliche Nachricht gibt. Man nehme nur die Ausgrabungen auf der Heuneburg, die zum ersten Mal in beeindruckender Fülle zeigten, dass sich die Zivilisationen nördlich der Alpen im Jahr 600 vor unsere Zeitrechnung nicht verstecken mussten vor dem, was südlich der Alpen vor sich ging. Und längst sind ja auch alte Handelswege und -beziehungen nachgewiesen.

    Und nicht nur auf solche Funde achten die Ausgräber. Sie sind regelrecht aus dem Häuschen, wenn sie auch noch Werkzeuge finden, Werkstätten, frühe Ton- und Schmiedeöfen, sodass auch die wirtschaftlichen Grundlagen der Zivilisation sichtbar werden. Man sucht nach Spuren bäuerlicher Arbeit, untersucht die vorgefundenen Nahrungsreste, freut sich über jedes Stück erhalten gebliebenen Stoffes, rekonstruiert Kleidung, Frisuren, Schmuck.

    Die Zeit rast

    Mit modernsten Methoden kann die Herkunft der verwendeten Rohstoffe nachverfolgt werden. Denn schon weit vor dem Versuch der Römer, am Rhein ihre Kastelle zu bauen, haben wir eine technologische Zivilisation vor uns. Die Bergwerke in Hallstatt haben einer ganzen Kultur ihren Namen gegeben. Eher hat man, wenn die Römerzeit in die Zeit der Merowinger übergeht, das flaue Gefühl: Jetzt geht es immer schneller. Jetzt rast die Zeit.

    Obwohl wir doch eigentlich mitten im „dunklen Zeitalter“ stecken, jener Zeit nach dem Niedergang des Römischen Reiches, als sich in Europa die ersten Konturen jener Länder abzeichneten, in denen wir heute leben. Wahrscheinlich war die Zeit gar nicht so finster – nur eben schriftlos. Und dass außerhalb der römischen Städte von Köln bis Trier kaum ein fester Ort greifbar ist, hat natürlich damit zu tun, dass die Stämme jenseits des Rheins natürliche und damit vergängliche Baustoffe verwendeten, die im Boden schwer nachweisbar sind.

    Kein Wunder, dass sich in der frühen Archäologie oft die festen Bauwerke der Mächtigen in den Fokus drängten, dass lange Zeit Kirchen, Klöster und Steinburgen unser Bild vom Mittelalter prägten, obwohl diese Bauten der Macht nicht einmal für 1 Prozent der damaligen Bevölkerung stehen.

    Viele Möglichkeiten für Ausgrabungen

    Auch deshalb freuen sich die Archäologen, wenn sie alter slawischer oder späterer Dörfer im Boden habhaft werden, die Häuser der Bewohner und die Viehhaltung rekonstruieren können oder gar – wie auf Rügen – auch einmal ein slawisches Heiligtum ergraben können.

    Von alten Häfen wie in Rostock-Dierkow, beim alten Reric oder gar der berühmten Handelsstadt Haithabu ganz zu schweigen. Oft bietet sich gerade an solchen Orten Ausgrabungsstoff für Generationen, erst recht, wenn wirklich so akribisch gearbeitet wird, wie das heute Standard ist.

    Wobei die Neuzeit für die Archäologen ja eine Zeit voller Freud und Leid ist. Die Freude – das sind die vielen Möglichkeiten für Ausgrabungen, von denen zuvor nur geträumt werden konnte. In alten Stadtkernen konnte im Vorfeld neuer Bauvorhaben jede Menge ganz früher Stadtgeschichte ausgegraben werden.

    Und das war nicht nur in Leipzig so – Köln und Zwickau werden im Buch besonders gewürdigt, weil hier regelrechte alte Stadtquartiere ausgegraben werden konnten. Auch beim Bau von Flughäfen oder bei der Aufschließung neuer Tagebaue konnten die Archäologen Grabungen in einer Dimension ausführen, die sie ganz gewiss gefreut hätten, wären es nicht Notgrabungen gewesen, die letzte Chance, unersetzliche Bodenfunde zu sichern, bevor die Bagger alles verschlangen.

    Aber die Vielzahl dieser Ausgrabungen gerade in den letzten Jahrzehnten hat auch die Archive gefüllt mit Millionen Fundstücken, für deren wissenschaftliche Auswertung aber die Leute fehlen. Es gibt zwar mittlerweile über 100 archäologisch-thematische Museen in Deutschland, die bei Besuchern einen enormen Zuspruch finden. Aber wer wertet all die Fundstücke in den Magazinen aus?

    Und es wird auch nicht alles ausgegraben. Oft ist es viel wichtiger, die Bodenfunde einfach zu vermessen und dafür zu sorgen, dass sie für künftige Generationen bewahrt werden. Denn eines sind Archäologen nicht: sensationsgierig. Sie freuen sich zwar, dass das ZDF viel gesehene Sendungen zur Archäologie produziert – aber die sensationelle Aufmachung bereitet ihnen Bauchschmerzen.

    Auch weil sie Geschichte nur zu gern heroisiert und personifiziert. Das ist wohl das Erbe der Romantik, jener Zeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich das Bürgertum eine neue, heldenhafte Geschichte mit einem glorifizierten Mittelalter bastelte, ein Mittelalter, das sich die Reichen und Mächtigen in einer regelrechten Burgenmanie zurechtbastelten, ganz vorneweg die Hohenzollern. Also gibt es auch ein ausführliches Kapitel zur tatsächlichen Geschichte der Burgen, ihrer Rolle und den Ausgrabungsbefunden, die sie vor allem als Wirtschaftsorte sichtbar machen.

    Aber viel wichtiger ist wohl, dass man erfährt, was Gräber und Brunnen alles erzählen können, Kloaken und alte Abfallhaufen. Dazu gab es ja einige sehr aufregende Untersuchungen an den Wirkungsstätten Martin Luthers. Wenn sich schon einmal die Gelegenheit ergibt, auch berühmten Leuten nachzuforschen, tun das Archäologen auch – freuen sich über Spielmurmeln, Hühnerknochen und zerbrochenes Geschirr, an dem sich dann gar noch die Herkunft ablesen lässt.

    Forschungswelt der Archäologie

    Das ist ja das Glück der Archäologen: Menschen hinterlassen Spuren – vergängliche und haltbare. Und diese Spuren erzählen lauter Dinge über das wirkliche Leben, die die berühmten Chronikschreiber meist nicht einmal einer Erwähnung für wert halten.

    Das dicke Buch mit seinen 500 faszinierenden Abbildungen nimmt seine Leser wirklich tief mit hinein in die Forschungswelt der Archäologie, man schaut tatsächlich mit ihren Augen auf einige der schönsten Ausgrabungsorte der jüngeren Vergangenheit, freut sich mit ihnen, wenn sie einmal etwas ganz Besonderes ausgraben dürfen, und staunt auch, wie wichtig sie selbst die jüngere Geschichte nehmen – denn auch die letzten 150 Jahre sind ja wieder zu einer neuen Fundschicht geworden, die zuweilen auch mahnt.

    Denn was wir im Medienrummel gern vergessen, vergisst die Erde nicht. Im Gegenteil: Sie bewahrt auch die Spuren menschlicher Verbrechen und politischer Vertuschungsversuche. Archäologen mögen nüchterne Menschen sein. Aber was sie ausgraben, erzählt vom menschlichen Sein auf Erden oft in einer Weise, die gerade deshalb berührt, weil sie nicht sensationell ist und nicht raunt und wispert. Die nackten Fakten sehen manchmal zerbeult und schäbig aus. Aber was da geschah, ist sofort augenfällig.

    Was trotzdem auch immer wieder die Frage neu stellt, wie man die Funde den interessierten Museumsbesuchern präsentiert. Oder ob man sich da mal etwas Besonderes ausdenken muss – wie die Arche Nebra zum Beispiel oder das zum Landschaftspark gewordene Römerkastell Eining an der Donau. Denn irgendwie möchten Menschen Geschichte ja doch begreifen, erlaufen, mittendrin stehen, wenigstens für einen Moment. Das ist oft schon Faszination genug.

    Eszter Bánffy, Kerstin P. Hofmann, Philipp von Rummel (Hrsg.) Spuren des Menschen, wbg Theiss, Darmstadt 2019, 50 Euro.

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