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Heißes Pflaster: Dramatische Ereignisse in Connewitz, ein dubioser Bauunternehmer und der seltsame Tod eines Amtsleiters am Zwenkauer See

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    Ein dicker fetter Aufkleber machte darauf aufmerksam: Das Buch erscheint erst am 9. März. Vorher schreibt man dann normalerweise keine Rezension. Aber in diesem Fall hatte es noch einen zweiten Grund: Die Handlung setzt am 10. März ein. Einem nicht ganz beliebigen 10. März in Leipzig, einem Leipzig, das Alex Pohl in diesem zweiten Leipzig-Krimi mit Hanna Seiler und Milo Novic stark verfremdet hat. Aus gutem Grund.

    Denn „Heißes Pflaster“ ist – noch stärker als „Eisige Tage“ – ein Krimi, der auf aktuelle Ereignisse in Leipzig und ihre mediale Darstellung reagiert. Und damit gerät auch ein Krimi-Autor in den Bereich, in dem man Leuten auf die Füße treten kann, die sich gemeint und falsch dargestellt fühlen könnten. Und dann ihren Anwalt schicken oder gleich mal die Verbreitung des Buches versuchen zu untersagen. Denn all diese Vorgänge sind ja nicht geklärt.

    Nicht die diversen Anschläge auf Baustellen in Leipzig oder gar einzelne Immobilieninvestoren, die einige Politiker und einige Medien schon mal kraft ihrer Wassersupppe den „Linksextremisten“ zuschreiben, obwohl die Ermittler auch nach Monaten noch im Dunkeln tappen und auch die sehr speziellen Ermittlungen im „linksalternativen“ Milieu in Connewitz fruchtlos bleiben.

    Was auch mit dem sehr speziellen sächsischen Klipp-Klapp zu tun hat, denn immer dann, wenn einmal rechtsradikale Gewalttaten wieder für Schlagzeilen sorgen, kann man drauf warten, dass ein ach so zutiefst besorgter Politiker mit dem Finger auf die „Linksterroristen“ zeigt. Die seien doch mindestens genauso schlimm.

    Zur Aufwiegelung der Gemüter und die Entfesselung einer Sicherheitsdebatte reicht das dann regelmäßig. Bei den Ermittlungen jedenfalls scheint das nicht die Bohne weiterzuführen. Und praktisch nie wird die Frage tatsächlich diskutiert: „Cui bono?

    Eine Frage, die sich Pohls Ermittlerduo Seiler und Novic immer wieder stellt. Auch dann noch, als sie von ihrem Vorgesetzten zurückgepfiffen werden. Denn ihre Ermittlungen im Fall des scheinbar an einem Herzinfarkt am Zwenkauer See gestorbenen Leiter des Leipziger Liegenschaftsamtes führen in höchst sensible Bereiche.

    In Bereiche, in denen es um durchaus begehrte Leipziger Liegenschaften geht, die kleinen Machtspielchen in der Verwaltung, ob man dem Drängen eines nur zu gut bekannten Baulöwen nachgibt, und natürlich das sehr innige Verhältnis der Herren aus Verwaltung, Polizeiführung und Immobilienwelt zueinander. Also so ein richtiger Fall, der von Anfang an ein bisschen riecht.

    Nur sind solche Ermittlungen bei den hohen Herren manchmal höchst unerwünscht, weil sie entweder bei diversen Geschäften stören oder den Ruf ankratzen, um den meist gerade diejenigen höchst besorgt sind, die tatsächlich etwas zu verbergen haben. Also das Zeug haben zu genau den zwielichtigen Figuren in einem Ermittlungsfall, an dem sich dann solche hartnäckigen Ermittler wie Seiler und Novic die Zähne ausbeißen.

    Und natürlich taucht schnell wieder die Frage auf, die auch in Alex Pohls Krimi „Eisige Tage“ schon schwelte: Wie halten es Menschen in einem solchen Apparat aus, wenn ihnen wichtige Ermittlungen einfach untersagt oder erschwert werden, Beweisstücke verschwinden und Vorgesetzte augenscheinlich lieber politische Spielchen spielen, als tatsächlich hinter ihren Ermittlern zu stehen? Keine so abwegige Frage in Sachsen. Und immerhin wird beiden Ermittlern schon recht deutlich gedroht, dass sie, wenn sie nicht aufhören, mit Sanktionen zu rechnen haben.

    Nur dass sich die Ereignisse in (einem stark verfremdeten) Connewitz bald drastisch zuspitzen, als ein Polizeibeamter bei der Verfolgung eines mutmaßlichen Graffiti-Sprayers in eine Sprengfalle gerät und dabei schwer verletzt wird. Auf einmal scheint die Stimmung in der Debatte um die Hausbesetzer in Connewitz zu kippen, die eh schon am Brodeln war, seit bekannt wurde, dass die Stadt nun ihre Connewitzer Grundstücke just an den Bauunternehmer verkauft hat, der hier schon seit Jahren den Bau von Luxuswohnungen plant, einem Selfmade-Mann, der augenscheinlich auch noch heftige Sympathien für die Rechtsradikalen hat.

    Natürlich ist es ein stark überzeichnetes Connewitz. Auch wenn Pohl seine Sympathien deutlich macht. Und die liegen ganz eindeutig nicht bei den smarten Karrieristen im Liegenschaftsamt und auch nicht bei dem rabiaten Bauunternehmer, der nicht mal merkt, mit wem er sich eingelassen hat, um endlich an die begehrten Häuser in Connewitz zu kommen. Auch Pohls Ermittlerduo steht – wie so viele eindrucksvolle Helden in jüngeren Kriminalromanen – für unser aller gequältes Gewissen, unseren tiefsitzenden Wunsch, dass Gerechtigkeit auch mal einen Sieg feiern sollte und nicht immer nur Rücksichtlosigkeit, Gier und Geld bestimmen, was aus unserer Welt (und unserer Stadt) wird.

    Die emotionalsten Worte dazu legt Alex Pohl einem seiner Verdächtigen in den Mund, der den größten Teil der Erzählung über eine sehr undurchschaubare Rolle spielt, was auch daran liegt, dass er hin- und hergerissen ist zwischen den primitiven Weltansichten der Neureichen und der kritischen Sicht seiner Freundin Annie, die sich bei den Hausbesetzern in Connewitz mehr zu Hause fühlt als am Tisch im Nobelrestaurant.

    Dieser Mark Wenger schreit es an der Stelle, an der die Geschichte sich immer mehr zum dramatischen Finale verdichtet, seinem Vater ins Gesicht: „Ich geh nicht mehr auf die Uni! (…) Dort bringen sie einem eh nur Scheiße bei, das sind alles verdammte Lügen! So wird Geld gemacht! (…) Indem man anderen was wegnimmt und sie drangsaliert, und … und wenn das nicht reicht, lässt man sie eben beseitigen. Wer kann dir schon was anhaben, hm? Dem großen Gerd Wenger?“

    Das klingt schon heftig, vor allem, weil man an der Stelle schon so langsam merkt, wie der aufgeblasene Stolz des Bauunternehmers zusehends bröckelt, weil er ahnt, dass er diesmal tatsächlich mit den Falschen angebandelt hat, Leuten, die deutlich skrupelloser sind als er.

    Natürlich steht der Rechtsruck in unserer Gesellschaft genau mit diesem Denken in Beziehung, das sich – munitioniert mit den falschen Wirtschaftslehren und dem Dünkel der sogenannten „Leistungsträger“ – über die Rechte der Schwächeren hinwegsetzt. Denn genau so funktioniert Rechtsradikalismus: Er entwertet Menschengruppen. Und er nutzt diese Vorurteile, um „brave Bürger“ gegen all jene aufzuhetzen, die nicht in das Weltbild der Rechtsradikalen passen.

    Was eignet sich dafür besser, als all die falschen medialen Vorstellungen über die „alternative Szene“ in Connewitz zu nutzen und das Misstrauen anzuheizen?

    Und auch Milo Novic, der sowieso schon einen erstaunlichen Riecher hat für das, was da gerade vorgeht, läuft lange im Dunkeln, überschreitet immer wieder auch seine Befugnisse, um einem Verdacht nachzugehen, den er noch nicht benennen kann. Aber ihn stören Unlogik und unbeantwortete Fragen. Wenn ein Fall einfach nicht zu einem stimmigen Bild werden will, schlägt er sich auch schon mal die Nächte um die Ohren, läuft dem leisesten Verdacht hinterher, reißt auch Hanna Seiler mit, die so etwas wie die Erdung in ihrem Ermittlerteam ist, aber riskiert auch, von ihrem aalglatten Vorgesetzten kurzerhand kaltgestellt zu werden.

    Am Ende wird es knapp, fügen sich erst spät alle Puzzle-Teile zu einem Bild, das auf einmal höllische Konsequenzen impliziert. Der Leser wird darauf ja schon durch das Eingangskapitel eingestimmt. Und muss dann freilich lange mitzittern, weil es eben auch lange braucht, bis Seiler und Novic die ersten belastbaren Fakten in die Hand bekommen, während die miteinander gut bekannten Herren aus den Entscheidungsetagen alles tun, um die Ermittlungen zu unterbinden.

    Manchmal erkennt man sein Leipzig dann wirklich nicht wieder. Aber die Stimmungslage und die oft schrillen Missklänge kennt man aus der medialen Berichterstattung ja zur Genüge, auch wenn sie einem hier in verwandelter Form und extremer Überspitzung begegnen. Und trotzdem bleibt die Vermutung im Kopf: Was wissen wir wirklich über die Hintergründe all der fetten Schlagzeilen? Und wem nützen die medial so aufgeblasenen Geschichten tatsächlich?

    Man merkt schon, dass auch Alex Pohl sich solche Fragen stellt und auch deshalb unbedingt Leipziger Krimis mit einem sehr markanten Ermittlergespann schreiben musste. Auch wenn ein Krimi natürlich trügerisch ist: Er verspricht eine Lösung. Während die Wirklichkeit weiterhin voller Schatten und diffuser Ereignisse ist, von denen überhaupt nicht klar ist, wem sie im Einzelnen tatsächlich nützen. Und was sie tatsächlich bewirken sollen.

    Alex Pohl Heißes Pflaster, Penguin Verlag, München 2020, 13 Euro.

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