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Und raus bist du: Der erste Band der neuen Jugend-Thriller-Serie von Alex Pohl

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    Mit Thrillern für Erwachsene hat der Leipziger Autor Alex Pohl schon bei etlichen Zeitgenoss/-innen für schlaflose Nächte gesorgt. Nun könnte das auch noch Eltern von Jugendlichen passieren, die einfach das Buch nicht mehr zuschlagen können, weil sie unbedingt wissen müssen, ob Adriana alias Adi heil aus dieser Geschichte herauskommt. Wobei jetzt schon klar ist: Es wird nicht die letzte Geschichte mit Adi sein.

    Denn sein erstes Buch um das Mädchen, das mit seinen Eltern in das scheinbar beschauliche Nest Sonderberg zieht, hat Alex Pohl von Anfang an als Beginn einer Serie angelegt: Forever Ida. Wobei Ida Adis Alter Ego ist, dem sie immer wieder Briefe schreibt, ihr anderes Ich, das sie mit der Vergangenheit in Bremen verbindet, wo sie schon Traumatisches erlebt hat. So traumatisch, dass ihre Eltern letztlich entschieden, mit dem Kind lieber wegzuziehen in eine andere Stadt. An einen Ort, an dem niemand die Vorgeschichte kennt. Alles auf Anfang. Doch schon mit der ersten Szene kommt Adi mitten hinein in einen Fall, der gerade erst Sonderberg erschüttert hat. Ihre künftigen Mitschüler sieht sie vom Auto aus als Trauergesellschaft auf dem Weg zum Friedhof, denn an diesem Tag ist die Trauerfeier für Ahmet, der wenige Tage zuvor beim Sturz von einer alten Eisenbahnbrücke gestorben ist. War es ein Unfall? Ein Suizid? Oder doch etwas anderes?

    Schnell merkt Adi, dass da etwas nicht stimmt. Und ausgerechnet Ben, der Schwarm aller Mädchen, steckt mittendrin, benimmt sich seit Tagen schon seltsam, denn Ahmet war sein Freund. Mit ihm war er zuletzt immer wieder losgezogen, um in nächtlichen Aktionen Graffiti zu sprayen und die Aktionen als Youtube-Clip ins Netz zu stellen.

    Aber Alex Pohl macht seine neue Heldin nicht einfach zur neuesten Variante einer frühreifen jugendlichen Detektivin. Das glaubt eigentlich auch kein junger Leser mehr, dass Kinder so sind. Und auch nicht, dass man Polizeifälle löst wie einst Sherlock Holmes. Das macht nicht mal die Polizei, die den Fall eigentlich schon abgeschlossen hat, weil sie mehr als die Hypothese, dass es ein Unfall war, nicht belegen kann.

    Wie sich aber solche Fälle in der Realität darstellen, zeigt Pohl einfach dadurch, dass er das Buch mit Protokollen spickt, in denen mal die Ermittler, mal die Sozialarbeiterin der Schule mit den Kindern spricht. Man erlebt die Schüler/-innen quasi als echte Zeugen, so, wie sie das Leben eben hervorbringt: Jeder sieht die anderen aus einem anderen Blickwinkel, hat seine eigenen Bewertungen und Vorurteile und seine eigene Meinung zu dem, was geschehen sein könnte.

    Was natürlich durchaus widersprüchlich werden kann in so einer typischen Schule, in der immer auch eine Rolle spielt, wer welchen Status in der Klasse hat, wer zu den Coolen gehört und wer zu den Außenseitern, wer mit dem Schwarm der Mädchen abhängen darf und wem dieser Schwarm vielleicht auch nur ein eher verlegenen „Ey!“ wechselt. Was auch für Adi eine elementare Rolle spielt, denn wie sie sich die Anerkennung der Mitschüler/-innen verschafft, entscheidet natürlich mit darüber, ob sie in Sonderberg wirklich ein Leben ohne Mobbing und Ausgrenzung leben kann.

    Dass sie dabei ausgerechnet Ben immer näherkommt, gehört zur Dramatik der Geschichte, auch wenn ihre ersten Freunde ausgerechnet Liz und Kriss sind, das Goth-Mädchen und der picklige Junge aus der ersten Reihe, der eigentlich der Nerd in der Geschichte ist, aber gerade deshalb von den anderen nur zu gern gemobbt wird.

    Nur hat es Adi irgendwie drauf, wirklich wissen zu wollen, was los ist, und bringt möglicherweise genau dadurch ins Rollen, was die Handlung am Ende immer aufregender macht. Von der Beschaulichkeit der ersten Tage ist bald nicht mehr viel zu merken. Und natürlich will sie wissen, was Ahmet für ein Mensch war, und entdeckt schnell, dass es ihm in mancher Beziehung genau so erging wie ihr selbst.

    Es sind nicht immer die Mitschüler, die einen mobben und ausgrenzen. Das kriegen auch Lehrer/-innen fertig, die ihre Verachtung für Jugendliche, die nicht ihren Erwartungen entsprechen, in rigiden Erziehungsversuchen austoben. Eigentlich all das schon nervenaufreibend genug für die ersten Tage in einer neuen Klasse.

    Aber was Adi da aufgewühlt hat, merken die Leser erst so richtig mit den zunehmend eingestreuten Rückblenden, mit denen Pohl nacherleben lässt, was vor und nach dem Vorfall auf der Brücke geschehen ist. Auch Bens Hadern mit dem Weg, den sein Vater und sein Trainer für ihn vorgesehen hatten, wird so sichtbar. Auch die Rolle des Supersportlers an der Schule bekommt so einen Knacks.

    Dieser Ben ist zumindest nicht der coole Boy, wie man ihn vorwiegend in Jugendfilmen aus Hollywood findet. Denn ihm gefällt diese Rolle nicht wirklich. Und dabei spielt Ahmet mit seinem eindeutigen künstlerischen Talent eine wesentliche Rolle. Kann man auch ein tolles Leben haben, wenn man den Erwartungen von Eltern und Lehrern nicht entspricht? Wenn man die geebneten Wege verlässt?

    Aber ist es wirklich eine echte Freundschaft, die ihn mit Ahmet losziehen lässt? Eingestreute Whatsapp-Chats machen zumindest deutlich, dass dieser Ben genauso wenig über das zu sprechen weiß, was er wirklich denkt und fühlt, wie dieser Ahmet, dessen beiläufige Geschäfte auch Ben nicht so recht zu durchschauen vermag. Ist das wirklich ein tolles neues Geschäft, das Ahmet da aufgemacht hat? Oder hat er in Wirklichkeit einen Weg gewählt, der – wie ja selbst Bens Vater meint – zwangsläufig ins Verderben führen muss?

    Und gerade Adis Eltern erleben ja eine Berg- und Talfahrt der Gefühle, die Eltern wirklich ungern erleben.

    Eins weiß man jedenfalls am Ende, wenn es für Adi und ihre Freunde tatsächlich nur um Haaresbreite noch einmal gutgegangen ist, dass auch in Sonderberg nicht nur alles Friede, Freude, Eierkuchen ist und die Idylle trügt. Ganz zu schweigen davon, dass sich ganz am Ende schon ankündigt, dass Adi auch ihre alte Geschichte nicht losgeworden ist.

    Aber eins weiß sie ja nun: Man wird mit solchen Dingen nur fertig, wenn man sie bei den Hörnern packt und nicht lockerlässt, bis man weiß, wo der Hund begraben liegt. Manchmal muss man dazu auch über den eigenen Schatten springen. Aber das hat Adi gelernt inzwischen. Sie will nicht mehr das kleine naive Mädchen sein, das sich alles gefallen lässt.

    Was sich ja viele junge Menschen wünschen, ohne zu wissen, wie sie es anstellen sollen. Und manchmal lernt man so auch erst die Geschichten der anderen Kinder kennen, denn die wenigsten sind unter einem Glücksstern geboren oder haben einen finanzstarken Vater wie Ben. Und manchmal (oder wohl meistens) ist das coole Auftreten auch nur Show, damit die anderen nicht merken, was einen belastet und warum man eine solche Last mit sich herumschleppt.

    Wann zeigt man seine Verletzungen? Und wie gewinnt man daraus die Kraft, sich nichts mehr gefallen zu lassen? Das sind wirklich Fragen, die junge Menschen umtreiben. Gut möglich, das Alex Pohl gerade dabei ist, sich eine neue Leserschaft zu erschließen, die nach dem Wörtchen ENDE gleich mal die Frage losschickt, wann der nächste Band von „Forever Ida“ erscheinen wird.

    Alex Pohl Forever Ida. Und raus bist du, cbj verlag, München 2021, 13 Euro.

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