Ein Geschenk der Freude: Beethovens Lebensweisheiten und eine ganz besondere 9. Sinfonie

Für alle LeserEr gehört zu den großen Geburtstagskindern in diesem Jahr: Ludwig van Beethoven. Im Dezember jährt sich seine Geburt zum 250. Mal. So mancher will gar nicht so lange warten und legt sich jetzt die kompletten Einspielungen des Komponisten auf, der die Hörgewohnheiten seiner Zeit revolutionierte. Vielleicht auch, weil er mittendrin lebte in der Revolution des Kontinents, die die Armeen Napoleons ausgelöst haben. Auch der St. Benno Verlag würdigt den Jubilar mit Buch und CD.

Es steht auch nicht grundlos „Geschenk“ auf dem Buchtitel, denn hier werden die Leser/-innen auf kurzweilige Art einfach mit dem Menschenfreund Beethoven bekannt gemacht. Einem Mann, der Sätze schrieb wie: „Der Mensch besitzt nichts Edleres und Kostbareres als die Zeit.“ Oder: „Doch wahre Kunst ist eigensinnig, lässt sich nicht in schmeichelnde Formen zwängen.“

Volker Bauch hat für diesen Band lauter solcher Beethoven-Zitate zusammengestellt, die den Künstler sichtbar machen, den Mann, der seine intensive Freude am Leben in mitreißende Musik komponierte. Und der sich dabei immer als Dienender empfand, als einer, der „dem Schicksal in den Rachen“ greift, auch dann, wenn er selbst niedergedrückt ist.

Seine Musik: ein einziges Aufstehen gegen das Entmutigtsein, das Sichfügen und Banalsein. Die Intensität des Lebens in Noten gesetzt. Und bis zum Gipfelpunkt getrieben: die 9. Sinfonie, die er als Spätwerk 1824 fertigstellte und mit der er endgültig das Verständnis von Sinfonik revolutionierte.

Auch wenn das mit der „Schicksalssinfonie“ und der 7. Sinfonie von 1812 schon angedeutet war, Sinfonien, die hörbar machten, wie ein begnadeter Komponist die Stürme der Zeit in Noten zu verwandeln verstand. Wer sich hineinhört, fühlt sich wie in einem Film. Das ist auch bei der 9. Sinfonie noch so, die hörbar macht, wie ein phantasievoller Musiker die Aufregungen, die Euphorie seiner Zeit mit Instrumenten zu fassen versteht. Nicht nur die eigenen. Davon erzählen ja auch die Zitate im reich bebilderten Buch, das in sonnenfreudigen Fotografien die Lebensstätten des Musikers zeigt, vor allem Bonn und Wien.

Denn Beethoven wusste, dass große Kunst nicht entsteht, wenn der Künstler selbst sich wichtig nimmt. Wenn er nur in sich hineinlauscht und seine kleinen Problemchen zu Werkchen macht. Beethoven war einer, der ein sehr genaues Gespür hatte für seine Mitwelt, für das Brodeln und die Unsicherheiten, die damals schon dazugehörten. Denn gerade die napoleonischen Kriege standen ja für eine erste spürbare Beschleunigung einer Gesellschaft, die es bis dahin eher noch geruhsam angegangen war.

Und diese Beschleunigung machte sich auch im Politischen bemerkbar. Die Geister begannen ja selbst zu brodeln. Was eben noch als gottgegeben und immerwährend galt, veränderte sich, zwang selbst die stockkonservativen Fürsten in Wien und Berlin dazu, zu reagieren, das „Volk“ zu den Waffen zu rufen, Verfassungen zu versprechen und ein paar mehr Freiheiten.

Es ist nicht allein Beethovens Unruhe, die in der 9. Sinfonie zu hören ist, die der Verlag diesem Büchlein beigegeben hat. Übrigens eine besondere Aufnahme: Es ist die Einspielung des Leipziger Gewandhausorchesters unter Leitung von Kurt Masur zum Eröffnungskonzert des neu errichteten Gewandhauses am Augustusplatz vom 8. Oktober 1981.

Für die Leipziger natürlich eine ganz besondere Erinnerung, auch wenn die meisten damals gar nicht im Saal saßen. Und da hat man natürlich die wichtigen Persönlichkeiten in der ersten Reihe vor Augen. Im Unterschied übrigens zum Vortag, da hatte es an gleicher Stelle ein Sonderkonzert für die Bauarbeiter gegeben.

Aber wie wirkte das Konzert damals? In diesem so hübsch politbürokratisch verwalteten Land, in dem Kunst auch dienstbar sein musste. Es gibt ja unzählige Einspielungen der 9. Sinfonie und insbesondere des Presto mit dem Lied an die Freude, das eigentlich ohne richtig Dampf dahinter nicht funktioniert. Denn hier geht es ja um umschlungene Millionen. Und damit waren ganz bestimmt nicht die verwalteten 17 Millionen gemeint, sondern die ganze Welt. Schon Schillers Urtext ging über das kleine Provinzielle hinaus, versuchte das Gefühl zu fassen, dass das Kosmische weit größer ist als der verwaltende Kleinmut auf Erden. Der Text sprengte die DDR.

Aber gut vorstellbar, dass die sich selbst feiernden Funktionäre in der ersten Reihe das durchaus genossen und den Widerspruch nicht spürten zwischen ihrer Kontrollwut und dem Beethovenschen Drängen auf die Öffnung des Himmels: „Such‘ ihn überm Stenenzelt! / Über Sternen muss er wohnen“. Gerade der Chor trägt das, steigert sich ja regelrecht hinein in dieses fast erzwungene „Milli-onen“! Mitten im Wort selbst das mit Macht Angehaltene: Das darfst du jetzt nicht sagen! Das ist zu groß für dieses winzige Erdenreich. Und dann kommt es doch.

Vielleicht hört man ja die Aufnahme heute anders. Hineinversetzen in die Zuhörer von damals kann man sich sowieso nicht. Man war nicht dabei. Weiß auch nicht, ob Kurt Masur am Pult nicht doch lieber bremste. Die Wucht der Komposition kannte er ja. Und er kannte unter Garantie auch Beethovens Worte über sein Schaffen: „Was ich auf dem Herzen habe, muss heraus, und darum schreibe ich.“

Das war auch in der DDR ein heikles Unterfangen. Damals stand übrigens auch Klingers Beethoven noch im Foyer des Gewandhauses. Hier hatte die Skulptur – seit das am selben Ort stehende Bildermuseum zerbombt worden war – sein zeitweiliges Unterkommen gefunden, bis es im neuen Museum der bildenden Künste wieder einen eigenen Saal bekam. Beethoven war den Gewandhausbesuchern immer präsent, seit 1918 erst recht, seit Arthur Nikisch begann, die 9. Sinfonie jedes Jahr zum Jahreswechsel zu spielen.

Damals in einer krisenhaften Zeit, was gern vergessen wird. Die junge Republik war noch längst nicht fest im Sattel, der Krieg verloren, der Hunger war allgegenwärtig. Nikisch empfand gerade die Neunte als Mutmacher, als Erinnerung daran, dass dem Menschen große Kräfte wachsen, wenn er nur seine Begeisterung wiederfindet, seine Verängstigung verlässt und den Mut findet, die Welt bei den Hörnern zu packen.

Das vergisst man zuweilen, wenn so ein Konzert zum Ritual wird. Und man überhört das Dissidentische, wenn man nur die Professionalität der Künstler bemerkt. Denn so ein Werk bleibt dissidentisch, weil es dort ansetzt, wo der Mensch sein Menschsein entdeckt und merkt, wie es herauswill aus seinem Panzer. Etwas, was in allen Diktaturen mit höchstem Misstrauen gesehen wird.

Aber höre jede/-r selbst. Buch und CD gibt es zusammen. Quasi ein doppeltes „Geschenk der Freude“. Wenn man zumindest noch weiß, wie man sich richtig freuen kann. Und gerade dieser Beethoven wusste es.

Ludwig Van Beethoven Ein Geschenk der Freude, mit CD, St. Benno Verlag, Leipzig 2020, 16,95 Euro.

Beethoven und die Liebe: Wer war die „Unsterbliche Geliebte“ des berühmten Komponisten?

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