Seit über 190 Jahren grübeln die Forscher: Wer war die „Unsterbliche Geliebte“, an die Ludwig van Beethoven 1812 einen überschwänglichen Liebesbrief schrieb, der von seinem Bruder Johann und Beethovens kurzzeitigem Sekretär Anton Schindler1827 in Beethovens Schreibtisch gefunden wurde? Denn ein Name stand nicht auf dem Brief. Und auch nicht im Testament, in dem der Komponist seinen Besitz der „Unsterblichen Geliebten“ vermachte. Ein echter Musikerkrimi.

Dem nun Hagen Kunze in diesem Büchlein akribisch nachgeht. Denn es gibt einige Frauen im Leben des berühmten Komponisten, die als Briefadressatin infrage kommen könnten. Wobei selbst die Briefdatierung schon Detektivarbeit war, in der sogar beiläufige Äußerungen Goethes und Varnhagens von Ense eine Rolle spielten, sodass heute relativ feststeht, dass der Brief 1812 geschrieben wurde, wahrscheinlich aus dem Kurbad Teplice. Aber wohin? Und an wen? Und warum war er dann doch wieder im Besitz des Schreibers?

Die Forscher scheinen sich bis heute zu streiten. Und Hagen Kunze versucht das, was wirklich belegbar ist, ein wenig zu sortieren, die viel zu spekulativen Namen auszuschließen und sich auf die Frauen zu konzentrieren, die für den temperamentvollen Musiker tatsächlich als Geliebte infrage kommen könnten.

Was eine gewisse Logik hat. Denn Ludwig van Beethoven hat zwar ein nettes „van“ im Namen, war aber nicht adelig. Und bevor er mit seinen Kompositionen Erfolg hatte, galt er selbst für bürgerliche Verhältnisse als aussichtsloser Heiratskandidat. Er lebte nun einmal in einem uralten Ständestaat, in dem der gute Ruf in gewissen Kreisen davon abhing, ob auch standesgemäß geheiratet wurde. Was für eine Type der standesgemäße Heiratskandidat dann war, war völlig egal. Und wir lernen in diesem Büchlein einige Männer kennen, die charakterliche Blindgänger waren und teilweise auch ökonomische Nieten, dem Musikus aber ihren eingeschriebenen Stammbaum voraushatten.

Ludwig van Beethoven – Moonlight Sonata ( 3rd Movement ) Tina S Cover

Pech für Ludwig, denn er war zutiefst davon überzeugt, dass man nur Frauen heiraten sollte, die man wirklich liebte. Fünf von diesen Frauen, denen Ludwig möglicherweise nähergekommen sein könnte, porträtiert Hagen Kunze in diesem Büchlein – und erläutert auch gleich alle Argumente, die dagegensprechen, dass einige von ihnen tatsächlich die „Unsterbliche Geliebte“ gewesen sein könnten.

Darunter auch die berühmte Bettina Brentano, die auch schon mal Liebesbriefe möglicher Verehrer selber schrieb, um mit ihnen in den Ruhmeshimmel der berühmten Männer zu kommen. Berühmt ist ihr – hochgradig artifizieller – Briefwechsel mit Goethe. Und zu dem einen Liebesbrief von Beethoven hat sie gleich noch zwei weitere erfunden.

Eine heiße Kandidatin auf Beethovens verborgene Liebe wäre auch Therese Malfatti, der möglicherweise das berühmte Klavierstück „Für Elise“ gewidmet war. Das originale Autograph ist verschwunden, sodass auch hier die Forscher streiten: Hieß die Widmung tatsächlich „Für Therese“? Oder kommt hier gar noch eine geheimnisvolle Elise ins Spiel?

Letztlich sieht Hagen Kunze die meisten Indizien auf Josephine von Brunsvik hinweisen, die Tochter einer ungarischen Adelsfamilie, die zwar Beethoven als Klavierlehrer nur zu gern ins Haus nahm, aber zutiefst besorgt war um ihren Ruf. Und wohl auch deshalb den kompletten schriftlichen Nachlass von Josephine, die noch vor Beethoven starb, verbrannte. Manches, so Kunze, deutet darauf hin, dass sie tatsächlich ein Kind des Komponisten gebar, aber auch deshalb wieder zurückging in die Ehe mit ihrem rücksichtslosen Ehemann.

Beethoven „Moonlight“ Sonata, III „Presto Agitato“ Valentina Lisitsa

Man ahnt nur, was für ein Drama es für Beethoven gewesen sein muss, die Frau, die er liebte, nicht heiraten zu können und stattdessen bis zum Lebensende unverheiratet geblieben zu sein. Eine Situation, die in Beethoven-Biografien gern romantisiert wird. So wie die ganze Romantik gern die wirklichen Verhältnisse einer von Standesdenken verblödeten Gesellschaft ins Geheimnisvolle verdreht. Und dann die toten Musiker zu romantischen Helden verklärt, zu edlen Liebhabern, die so zartfühlend waren, ihre Liebschaften vor aller Welt zu verbergen.

Sollte die Geschichte mit Josephine stimmen, wird hier eigentlich das tiefe Lebensdrama des Wiener Komponisten deutlich. Und natürlich erst recht Josephines Drama, die unter ihrem Ehemann litt, möglicherweise auch mit psychischen Folgen, die zu ihrem frühen Tod beitrugen.

Für Kunze ist die Lösung ziemlich eindeutig, auch wenn er am Ende noch einmal beiläufig darauf hinweist: Bewiesen ist es nicht. Die Dokumente, die letztlich hätten Auskunft geben können, sind verschwunden.

Und auch die Widmungen, die Ludwig van Beethoven seinen Kompositionen voranstellte, verraten nichts, jedenfalls nicht über die unbekannte Geliebte, der er am Ende alles vererben wollte. Da aber einige dieser berühmten Stücke („Für Elise“, „Die Mondscheinsonate“ und „An die ferne Geliebte“ in dieser kleinen Recherche genannt werden, lädt das Büchlein natürlich auch wieder ein, sich Beethovens Musik einzuspielen, während man miträtselt, welche Frau es nun gewesen sein könnte, der Beethoven bis an sein Lebensende in Gedanken treu blieb.

Hagen Kunze Beethoven und die Liebe, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2019, 5 Euro.

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 1. Oktober 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

Trotz aller Bemühungen seit nun 15 Jahren und seit 2015 verstärkt haben sich im Rahmen der „Freikäufer“-Kampagne der L-IZ.de nicht genügend Abonnenten gefunden, welche lokalen/regionalen Journalismus und somit auch diese aufwendig vor Ort und meist bei Privatpersonen, Angehörigen, Vereinen, Behörden und in Rechtstexten sowie Statistiken recherchierten Geschichten finanziell unterstützen und ein Freikäufer-Abonnement abschließen.

Wir bitten demnach darum, uns weiterhin bei der Erreichung einer nicht-prekären Situation unserer Arbeit zu unterstützen. Und weitere Bekannte und Freunde anzusprechen, es ebenfalls zu tun. Denn eigentlich wollen wir keine „Paywall“, bemühen uns also im Interesse aller, diese zu vermeiden (wieder abzustellen). Auch für diejenigen, die sich einen Beitrag zu unserer Arbeit nicht leisten können und dennoch mehr als Fakenews und Nachrichten-Fastfood über Leipzig und Sachsen im Netz erhalten sollten.

Vielen Dank dafür und in der Hoffnung, dass unser Modell, bei Erreichen von 1.500 Abonnenten oder Abonnentenvereinigungen (ein Zugang/Login ist von mehreren Menschen nutzbar) zu 99 Euro jährlich (8,25 Euro im Monat) allen Lesern frei verfügbare Texte zu präsentieren, aufgehen wird. Von diesem Ziel trennen uns aktuell 450 Abonnenten.

Alle Artikel & Erklärungen zur Aktion Freikäufer“

- Anzeige -

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar