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Die 5. Passion: St. Benno legt den beinah apokalyptischen Krimi von 2009 wieder auf

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    Da haben wir aber noch mal Schwein gehabt, dass sich der schreckliche Padre in diesem Krimi derart gründlich verrechnet hat und die Apokalypse am 16. November 2008 nicht stattfand. Keine Schale des Zorns, keine siebte Posaune, kein jüngstes Gericht. Krimileser kennen Oliver Buslaus „Die 5. Passion“ schon aus der Erstveröffentlichung 2009. Der St. Benno Verlag hat sie jetzt in seine wachsende Reihe von Krimis mit durchaus biblischen Bezügen aufgenommen.

    Mit der 5. Passion ist die mutmaßlich fünfte Passion aus der Feder von Johann Sebastian Bach gemeint, die sogenannte Weimarer Passion, eigentlich die vermutete erste Passion, schon 1717 in Weimar entstanden. Überliefert sind ja nur die beiden bis heute beliebten Passionen nach Johannes und Matthäus. Von einer Markuspassion existiert noch das Libretto, bei der Lukaspassion vermuten die Forscher, dass Bach sie nur von einem anderen Komponisten kopiert habe. Und dann ist da noch der lapidare Satz bei Wikipedia: „Das fünfte Werk dürfte eine einchörige Variante der Matthäus-Passion sein.“

    Genug Anlass zum Rätselraten für Generationen von Forschern und Knoblern – und für Berge von Büchern, die sich mit den Chiffren und versteckten Botschaften in Bachs Kompositionen beschäftigen. Dass etliche dieser Autoren weit über das Ziel hinausgeschossen sind und numerische Geheimnisse in das Werk des Leipziger Thomaskantors hineingedeutet haben, die den Komponisten geradezu zum Alchimisten der versteckten apokalyptischen Botschaften gemacht haben, ist dann eher kein Zufall. Der menschliche Geist ist irgendwie so angelegt, dass er von solchen geheimnisvollen Geschichten und Deutungen regelrecht angeregt und aufgeregt wird.

    Nicht ganz grundlos kommt auch Faust in diesem Krimi vor (der Gounod’sche Faust, in dem die Heldin eigentlich singen soll), denn Fausts Erkenntnisproblem steht ja in auffälligem Gegensatz zum wissenschaftlichen Denken. Der wissenshungrige Doktor will ja eigentlich die Weltformel bekommen, den Stein der Weisen, das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“.

    Wer wirklich von modernen Naturwissenschaften fasziniert ist, fragt sich im kompletten Faust, der Tragödie zweiter Teil, was der Kerl da eigentlich treibt. Mit Wissenschaft hat das alles nichts zu tun. Selbst die Haltung ist nicht wissenschaftlich, war es schon bei der Begegnung mit dem schwarzen Pudel in Teil 1 nicht, denn dieser komische Faust möchte eigentlich das Wissen gleich fix und fertig serviert bekommen. Denn all seine Studien sind ja eindeutig keine Forschung. Es ist eher Trockenschwimmen, so wie Gelehrsamkeit ja tatsächlich bis ins Spätmittelalter verstanden wurde.

    So eine Art Forschung lebt vom „Geheimnis“, davon, in alten Schriften (und Kompositionen) versteckte Botschaften zu finden. Oder sie hineinzulesen, weil man felsenfest davon überzeugt ist, dass sie darin stehen. Und mit so einer seltsamen Forschung scheint sich auch der Vater der Heldin, der Sängerin Gwendolyn, beschäftigt zu haben, bevor er auf rätselhafte Weise ums Leben kam.

    Und da sich die Sängerin die letzten Jahre ganz auf ihre Karriere in der Opernwelt konzentriert hatte, war der Kontakt zu ihrem Vater völlig abgerissen, wird ihre Reise nach Leipzig, wo ihr Vater ganz in der Nähe von Bachs einstiger Wirkungsstätte an Bachs Kompositionswerk forschte, auch zu einer Begegnung mit ihrer Kindheit und Jugend – und mit dem letzten Geheimnis ihres Vaters, das dieser mit ins Grab nahm, das aber nicht verborgen bleibt, weil ein etwas übereifriger Kriminalkommissar namens Brandt den Selbstmord des alten Mannes seltsam findet und die Leiche exhumieren lässt.

    Ab da gerät Gwendolyn in eine immer atemlosere Hatz, in der sie nicht so recht weiß, wer da eigentlich welche Rolle spielt. Ein drohender Anrufer verlangt von ihr die Auslieferung der geheimnisvollen Partitur, die ihr Vater mit ins Grab genommen hat, ihr Liebhaber wird ermordet, ihr Mailänder Engagement durch dunkle Machenschaften einfach vereitelt und ein seltsam undurchsichtiger Bursche drängt sich ihr auf, um ihr dann weitschweifig zu erklären, was hinter den Zahlengeheimnissen in Bachs Kompositionen steckt.

    Und das ausgerechnet an Stellen, an denen man normalerweise lieber die Polizei anrufen würde und ganz bestimmt nicht bereitwillig zu irgendwelchen dunklen Treffpunkten irgendwo im Leipziger Stadtgebiet (egal, ob Völkerschlachtdenkmal oder Zschochersche Straße) spazieren würde.

    Aber Gwendolyn kann irgendwie nicht anders. Und der Grund ist möglicherweise ein Ereignis in ihrer frühen Jugend, von dem wir spät erfahren, aber das zumindest erklären würde, warum sie sich dem unterschwelligen Drohen der diversen Männer in dieser Geschichte nicht erwehren kann und wie automatisch funktioniert und gehorcht und nicht einmal innehält, als sie vom Tod ihres Geliebten erfährt. Stattdessen jettet sie nach Paris und wieder zurück – und die Finsterlinge, die von ihr unbedingt die alten Schriftstücke haben wollen, sind ihr immer auf den Fersen. Was sowieso schon verblüfft. Mit rechten Dingen kann das nicht zugehen.

    Und auch Brandt scheint keine Rolle mehr zu spielen, während Gwendolyn sich von den Finsterlingen immer weitertreiben lässt und auch jener komische Mensch, der sich ihr als Matthias Lenau vorgestellt hat, irgendetwas von ihr will, ohne dass recht klar ist, worum es ihm eigentlich geht. Alles nur verrückte Leute, die in der geheimnisvollen 5. Passion Bachs eine besondere Formel vermuten? Oder tatsächlich Gestalten aus einer Welt, für die auch die Bibel voller Verheißungen und ernst zu nehmender Prophezeiungen steckt, die denen, die sie entschlüsseln können, Macht verleihen?

    Hat ihr Vater so eine Botschaft bei Bach gefunden und musste er deshalb sterben? Geht es tatsächlich um die Apokalypse, die auch der seltsame Herr Lenau aus einem Notenfragment herausliest, das wie ein Schlüssel wirkt für das ganze Werk. Und: Wie kam ausgerechnet ein protestantischer Komponist in den Besitz des allergrößten Geheimnisses? Denn so interpretieren ja dann diese finsteren Gestalten das, was sie am Ende als Zahl präsentieren, die den Weltuntergang ausgerechnet auf den 16. November 2008 terminiert.

    Und während die Polizei durchaus etwas unkoordiniert agiert, kommt die Heldin nicht einen Moment zur Ruhe, hin- und hergerissen zwischen den Forderungen des unbarmherzigen Padres, die sie zu immer neuen Treffpunkten hetzen, den Katastrophen in ihren Engagements, den langatmigen Erklärungen des immer wieder unverhofft auftauchenden Herrn Lenaus, und ihrem Wunsch, die ganze Sache endlich loszuwerden.

    Erst am Ende erfahren wir, dass auch dieser seltsame Lenau etwas loswerden will, etwas noch viel Bedrückenderes. Eigentlich geht es die ganze Zeit um ihn und seine brennende Hoffnung, dass Bach tatsächlich das Geheimnis gelüftet hat und dass es tatsächlich einen Jüngsten Tag gibt. Denn dann erfahren wir erst: Er ist der arme Kerl, der in den christlichen Volkssagen des 13. Jahrhunderts zum ersten Mal auftauchte: Ahasver, der ewige Jude, der nicht sterben darf, weil er Jesus auf seinem Kreuzgang verspottet hat.

    Einerseits ein Motiv, das gerade vom Antisemitismus immer wieder missbraucht wurde. Andererseits aber für Oliver Buslau eine Figur, die elementare Fragen aufwirft – denn wie hält ein Mensch das eigentlich aus, wenn er nicht sterben darf, wenn also sein Leben kein Ende und kein Ziel hat? Zu Recht merkt er an, dass ein Leben ohne Ende auch keinen Sinn haben kann. (Just das Leben, das sich der Goethesche Faust ja gewünscht hat, was das Faustsche Anliegen ja noch ungenießbarer macht).

    Nicht zu Unrecht lässt er seinen Lenau darüber klagen, dass man bei einem solchen langen Leben irgendwann wirklich alles gesehen hat, was es zu sehen gibt, die Menschen bis ins Innerste kennt, so sehr, dass man sie auf leichteste Art manipulieren kann. Und daran natürlich keine Freude mehr findet, weil ja das immer wieder und immer mehr vom doch so Gleichen irgendwann nur noch zutiefst ermüdet.

    Logisch, dass so eine Figur sich danach sehnt, dass der Fluch einmal aufgehoben und die Sache beendet wird.

    Und dann das: Das Datum, auf das scheinbar alles hineilt und hinjagt, beruht auf einer Fälschung. Der Schlüssel ist kein Schlüssel. Gerade der schäbigste Akteur in der ganzen Sache, der Padre, hat seine eigene Fiktion zur Grundlage eines ganzen Berges an Täuschungen werden lassen ohne es zu merken. Miserabel benommen hat er sich sowieso.

    In den Anmerkungen zählt Buslau noch einmal all jene kühnen Bücher auf, in denen sich die Autoren ernsthaft und akribisch mit den versteckten Botschaften in Bachs Kompositionen beschäftigt haben, einige durchaus ernsthaft, weil sie damit die mathematische Präzision des Bachschen Komponierens sichtbar machen konnten, andere tatsächlich geradezu besessen davon, dass der Thomaskantor seine Werke mit geheimnisvollen Chiffren gespickt haben könnte.

    Ein gar nicht so unzeitgemäßes Thema, wenn man sieht, wie viele Menschen sich von allerlei Verschwörungsmythen, die heutzutage durchs Internet wabern, einfangen und narren lassen. So sehr, dass für sie diese Fiktionen realer sind als die Wirklichkeit, in der sie leben. Denn wenn Menschen erst einmal anfangen, von der Existenz geheimer Verschwörungen zutiefst überzeugt zu sein, verändert sich ihre Sicht auf die Welt völlig. Erst recht, wenn diese Mythen gespickt sind mit massiv geschürtem Misstrauen in Politik, Wissenschaft und Medien. Da gibt es dann kein Korrektiv mehr.

    Die Lösung dieses Krimis ist also diesmal keine klassische Krimi-Lösung. Eher eine mythische, in der Buslau dann doch sehr pointiert das Drama des Ahasver, der nicht sterben kann, thematisiert. Und unterschwellig auch die tatsächliche Grundlinie unseres Lebens: dass es nur deshalb einen Sinn hat, weil es ein Ende hat. Und dass wir es selbst komponieren, während wir es leben.

    Und dass die Frage eher ist: Werden wir gelebt (also von Typen wie dem Padre manipuliert)? Werden wir von den Verletzungen unserer Kindheit ein Leben lang daran gehindert, uns aus den Albträumen zu befreien? Oder schaffen wir es – wie Gwendolyn am Schluss – diesen Berg an fremden Forderungen und Erwartungen abzuwerfen und uns für ein Leben zu entscheiden, mit dem wir wirklich im Einklang stehen?

    Womit wir natürlich Bach und der lebendigen Gewalt seiner Kompositionen viel näher sind als mit allen angestrengten Dechiffrierungen versteckter Botschaften, die sich im Licht des Tages letztlich als völlig belanglos erweisen. Beschäftigungstherapien für Stubenhocker, denen das pralle (und oft erschütternde) Leben in der wirklichen Welt fremd und beängstigend ist.

    Eins zumindest wird garantiert so sein, wie es Buslau zuletzt andeutet: Wer zum ewigen Leben verdammt ist, wird daran verzweifeln. Es ist kein Geschenk, auch wenn uns die Technokraten von heute das gern weismachen wollen. Es ist die bitterste Strafe. Bitterer als alle Last im kurzen Leben, das kaum einer so vollgültig in Musik verwandelt hat wie Johann Sebastian Bach. Und selbst wenn die Weimarer Passion doch noch irgendwo auftauchen sollte, wird sie garantiert nicht diese apokalyptische Stimmung entstehen lassen, die diesen Krimi zum Höhepunkt treibt in einer verlassenen Burg irgendwo bei Nebra.

    Oliver Buslau Die 5. Passion, St. Benno Verlag, Leipzig 2020, 16,95 Euro.

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