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Montag, 18. Januar 2021

Das System ist am Ende: Meinhard Miegels Kolumnen über ein ausgebranntes System und die Angst vor einer ehrlichen Politik

Von Ralf Julke

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    Eigentlich kennt man den Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel noch als Lobbyist des bis 2008 bestehenden Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft (IWG), „dessen Hauptanliegen darin bestand, die Öffentlichkeit von der Überlegenheit privater Altersvorsorge zu überzeugen“ (Lobbypedia.de). Doch in den vergangenen Jahren zeigte er sich als recht kritischer Autor, schrieb Bücher wie „Hybris. Die überforderte Gesellschaft“ (2014) oder „Exit. Wohlstand ohne Wachstum“ (2010). Ihm war schon früher klar, dass wir so nicht weitermachen können. Weit vor Corona.

    Dieses neue Buch versammelt Kolumnen von ihm, die er in den Jahren 2017 bis 2020 geschrieben hat. Jeden Monat eine. Sehr nachdenklich, immer auf sehr aktuelle Tagesereignisse bezogen. Die ja auch vor drei Jahren schon frustrierend genug waren, als das Gelärme der heutigen Menschenfeinde den Hallraum der Medien zumüllte und Europas Regierungen allesamt nur noch bemüht waren, Flüchtlinge am Mittelmeer abzublocken und zu vergraulen.

    Eine im Grunde feige und verantwortungslose Politik, die den heimischen Wählern suggerieren sollte, man sei handlungsfähig und habe „verstanden“. So, wie ja nach der Bundestagswahl 2017 auch zu hören war. Und nicht nur Miegel, mittlerweile immerhin ein Senior von 81 Jahren, war verwundert über diese Töne.

    Denn entweder meinten die vermeintlichen Wahlsieger irgendwelche anderen Wähler – oder es war wieder bloß einer der hohlen Sprüche, mit denen sie kaschierten, dass sie weder ein Programm noch den Mut hatten, den Wählern wirklich etwas zuzumuten. Schon gar nicht die Wahrheit.

    Also wird auch drei Jahre später noch vor sich hingewurstelt und die politischen Statements suggerieren, dass alles so bleiben könne, niemand auf etwas verzichten müsse und der Wohlstand weiter wachsen werde.

    Alles Themen, die Miegel in seinen kurzen Texten immer wieder aufnimmt. Und natürlich versuchte er gerade im Oktober 2017, als diese ganzen Sprüche wieder durch die Nachrichten waberten, für sich zu klären, woran das liegt. Warum wählen die deutschen Wähler/-innen – obwohl sie es besser wissen müssten und die letzten fünf Jahre zusehen konnten, wie die lebenswichtigsten Themen nicht angepackt wurden – doch wieder in Mehrheit Parteien und Politiker, die ihnen das Blaue vom Himmel versprechen, während alle wissen, wie teuer das bezahlt ist?

    Es ist ja nicht so, dass die Brisanz der Klimaerwärmung uns allen erst mit Greta Thunberg aufgegangen wäre. Wer nicht wirklich Tomaten auf den Augen hatte, hat spätestens seit der Konferenz in Rio de Janeiro 1992 gewusst, wie sehr wir dabei sind, unseren Planeten – und damit unsere Lebensgrundlage – zu zerstören. Und dass unser Konsumverhalten ganz zentral das Problem dabei ist. Und damit natürlich das ganze System, in dem wir leben. Ein System, das seine Mitglieder zu Kindern macht.

    Ein Thema, mit dem sich Miegel auch im Dezember 2019 wieder beschäftigte. Auch wenn die Formel von „Muddi Merkel“ nicht fällt. Aber auch in „Vater Staat“ steckt diese kindische Haltung der Bürger mit all ihren Hilfs- und Fürsorgewünschen an einen Apparat, an den man quasi das ganze Wohlergehen delegiert hat, ohne sich selbst darum bemühen zu müssen.

    „Beim Großwerden des kleinen Mannes scheint etwas gründlich schiefgelaufen zu sein“, schreibt Miegel. „Wie manche Eltern nicht erkennen, dass ihre Kinder erwachsen geworden sind und das Hotel Mama nicht nur verlassen können, sondern zum Vorteil aller auch verlassen müssen, so hat ,Vater Staat‘ viel zu lange an einer Vormundschaft festgehalten, de(r) das Mündel längst entwachsen ist. Das ist tragisch. Die Menschen könnten nämlich andere, erwachsenere Leben leben. Das aber haben sie nur unzulänglich gelernt.“

    Deswegen beschäftigen sich einige der Kolumnen auch mit unserem Bildungssystem, das zwar qualifizierte Fachkräfte hervorbringt, aber keine aufrechten, selbstverantwortlichen Bürger und Demokraten. Miegel spricht von „verengten Bildungshorizonten“. An einer Stelle kommt er auf Platon zu sprechen, der sich vor über 2.000 Jahren schon sicher war, dass Demokratie eine Zumutung ist und dass Demokraten Leute sein müssen, die sich den Zumutungen nicht entziehen, sondern bereit sind, sich ihnen zu stellen. Die sich eben nicht einreden, dass die Sache schon gutgehen wird, sondern auch mit dem Risiko, sich unbeliebt zu machen, dafür kämpfen, dass die Sache nicht scheitert.

    Aber wir leben in einer Gesellschaft, die sich quasi selbst infantilisiert hat. Die jede Menge Energie und Werbe-Geld darauf verwendet, allen Bürgern einzureden, dass sie sich Glück, Schönheit und Erfolg einfach kaufen können, dass alles mit Geld zu kaufen ist und das überflüssigste Produkt noch dabei hilft, die eigene Wirkung zu verstärken.

    „Was braucht der Mensch?“, fragt Miegel. Was braucht er wirklich? Was macht ihn tatsächlich glücklich und erfüllt sein Leben mit Sinn und nicht nur mit überflüssigen Produkten, die unsere Welt in eine Müllhalde verwandeln? Und warum werden doch immer wieder Politiker gewählt, die den Wählern nichts mehr zumuten? Ihnen also ebenfalls – wie in der Werbung – eine schöne Show liefern, jede Menge Schein, aber keine Veränderungen. Die aber überfällig sind.

    Das wussten alle auch schon 2017 – dass unsere Art zu wirtschaften in die Katastrophe führt. Und dass wir alle daran beteiligt sind. Wir können die Verantwortung eben nicht einfach auf die Politiker/-innen abschieben, die wir zwar alle gewählt haben – aber die wir dann in riesigen Shitstorms verdammen, wenn sie auch nur daran denken, uns zu einem ehrlicheren Verhalten zu bringen.

    Natürlich wirkt das. Natürlich verwandeln sich Politiker in Clowns, wenn sie bei einer ehrlichen Politik – die es ohne Zumutungen nicht geben kann – mit dem Geplärre einer komplett infantilen Gesellschaft rechnen müssen. Also machen alle weiter – kaufen sich immer fettere Autos, immer größere Eigenheime und Wohnungen, fliegen jeden Urlaub in die Welt, packen sich mit umweltschädlichen Produkten den Einkaufswagen voll …

    Na gut, nicht alle. Denn zur Lüge der Gegenwart gehört eben auch, dass es eine ziemlich kleine Schicht reicher Menschen ist, die das schon deshalb so macht, weil sie sich dazu berechtigt fühlt. Sozusagen die gepamperten Rotzlöffel in unserer Gesellschaft. Während auch hierzulande Millionen Arme gerade so über die Runden kommen und gar nicht das Geld verdienen, sich klimaschädlich zu verhalten.

    Und Miegel hat recht: Die ehrliche Beantwortung der Frage nach dem, was der Mensch wirklich braucht, „würde nämlich die historisch gewachsenen Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft zum Einsturz bringen. Statt einer ehrlichen Antwort ist deshalb nur zu hören: Die Wünsche und Begierden der Menschen sind unendlich, und deshalb muss es unendlich weitergehen wie bisher.“

    Nur dass unser Planet begrenzt ist. Wenn wir ihn ausgeplündert haben, gibt es keinen Ersatz. Dann kollabiert das Ganze von ganz allein.

    Aber der Irrsinn ist ja tatsächlich eingebaut. Die ganze Vernarrtheit in das wachsende Bruttoinlandsprodukt (BIP), über das Miegel auch ein paar deftige Sätze zu sagen hat, sorgt dafür, dass wir aus dem irren Wachstumsdenken nicht herauskommen, dass sofort Panik ausbricht, wenn einmal weniger Produkte (die kein Mensch wirklich braucht) hergestellt und verkauft werden. Obwohl alle wissen, dass diese immerfort gesteigerte Ressourcenverschwendung das Ende nur beschleunigt.

    Natürlich hat Miegel recht, wenn er schreibt: Das System ist am Ende. Und die Verantwortlichen verhalten sich genauso wie die Funktionäre des einstigen Ostblocks, und leugnen die Tatsachen, helfen uns Kindern dabei, die Tatsachen zu ignorieren und so zu tun, als könnten wir einfach immer so weitermachen.

    „Was wir brauchen, sind Wachstumsstrategien, die ohne jedes Wenn und Aber in Einklang mit Umwelt und Mensch stehen“, schreibt Miegel. „Von solchen Strategien ist jedoch nur wenig zu sehen. Kurzfristiges und Vordergründiges haben stets Vorrang.“

    Der Schein triumphiert über das Sein. Was er nicht wirklich tut – er macht uns nur blind, dumm und infantil all dem gegenüber, was längst geschieht. Aber egal, wo Miegel hinschaut – ob bei der Migrationspolitik, dem Ressourcenverbrauch, der Familienpolitik – überall herrscht der Selbstbetrug, werden Fakten nicht zur Kenntnis genommen, wird einfach weitergemacht, ohne überhaupt die realen Entwicklungen zur Kenntnis zu nehmen.

    Der Infantilismus einer Gesellschaft, die aus ihrer Kinderstube nicht heraus will, trifft auf eine Politik, die die Bürger nur zu gern wie infantile Hosenscheißer behandelt. Widersprüche werden weggesessen oder einfach ignoriert, statt sie mit durchdachten Konzepten anzugehen. Und den Deutschen wird weiter eingeredet, dass sie sich auch künftig billig an den „Rosinen im Globalisierungskuchen“ bedienen können. Bestimmt werden die ausgeplünderten Länder immer weiter mitspielen …

    „Was in den vergangenen Wochen an geballter Naivität, an Widersprüchen und Ungereimtheiten zu besichtigen war, geht über bislang Gewohntes hinaus“, schreibt Miegel 2017 in einer Kolumne. „,Es ist Zeit‘, plakatierte eine der Parteien. In der Tat. Es ist Zeit, dass die Politiker dem Wahlvolk sagen: ,Wir verstehen dich nicht länger. Dein Begehren ergibt immer öfter keinen Sinn.‘“

    Was aber passiert mit einer Gesellschaft, in der die Mehrheit mit Händen und Füßen daran festhält, infantil bleiben zu dürfen und alle Spielzeuge behalten zu dürfen und von „der Politik“ ja keine Zumutungen erfahren zu müssen? Die weiter um den Popanz Wachstum tanzt? Und die dabei von infantilen Medien auch noch befeuert wird?

    Miegel: „Will sie überhaupt ihren wirklichen Zustand ergründen, oder ist es ihr ganz recht, sich mit Themen zu beschäftigen, von denen sie weiß, dass sie irrelevant sind?“ Die sich also – überbezahlt und im Geschäftsanzug – die ganze Zeit einredet, nicht infantil zu sein, sich aber genauso benimmt?

    Dass eine solche Haltung des Nicht-gemeint-sein-Wollens Entwicklungen bestärkt, in denen immer lauter nach einem „starken Führer“ gerufen wird, ist ziemlich naheliegend. Infantile Gesellschaften bekommen die infantilen „Führer“, nach denen sie rufen. Da muss man nicht erwachsen werden und auch zum eigenen Leben und Handeln eine verantwortliche Haltung einnehmen. Aber das „erwachsene Leben“ haben ja die meisten nicht gelernt. Auch nicht in der Schule.

    „Damit bewahrheitet sich eine Befürchtung, die bereits Platon vor annähernd 2.500 Jahren hegte: Demokratie erfordert Menschen, die sich zu begrenzen wissen.“

    Und was macht das mit dem System?

    So oder so wird es scheitern. Dazu muss man nicht mal studiert haben, um das zu sehen. Mit seiner grenzenlosen Verschlingung aller Ressourcen entzieht sich das System sämtliche Grundlagen. Miegel sieht drei Möglichkeiten, wie das enden könnte. Die klügste wäre die erwachsene – nämlich bewusst auf alles zu verzichten, was unsere Welt zerstört. Die Chancen dafür hält er selbst für sehr gering.

    Da müssten ja erst einmal Millionen Wohlstandsbürger lernen, wie Erwachsene auch Verantwortung zu übernehmen. Am wahrscheinlichsten ist aus seiner Perspektive, dass alle einfach so weitermachen. Blind für die eigenen Bedürfnisse. Denn die meisten werden in diesem Galopp nicht glücklich, führen auch kein Leben, das sie als erfüllt ansehen würden. Sie leben am Reichtum der Welt vorbei.

    „Ein System ist am Ende“, schreibt Miegel. „Doch jetzt ist es ausgebrannt. Etwas Neues entsteht, und dieses Neue kann besser sein als das nunmehr Vergehende. Dieses Neue zu gestalten ist eine Chance, die sich nicht jeder Generation bietet.“

    Meinhard Miegel Das System ist am Ende. Das Leben geht weiter., Oekom Verlag, München 2020, 18 Euro.

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