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Poesiealbum Nummer 356: Die unbeirrbaren Gedichte von Jürgen Fuchs in einer einfühlsamen Auswahl

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    Verdient hatte es Jürgen Fuchs schon lange. Jetzt hat Utz Rachowski ein Poesiealbum mit seinen Gedichten und Poemen zusammengestellt, die dem Herausgeber auch deshalb sehr vertraut sind, weil er Ähnliches erlebt hat. Gefängnis und Verhöre sind auch an Jürgen Fuchs nicht spurlos vorübergegangen, der 1999 im Alter von 48 Jahren starb. Auch weil ihm die Stasi auch noch im Westen zusetzte. Einige der Gedichte stammen direkt aus den Stasi-Unterlagen.

    Sie erzählen von der Einsamkeit und Zerrissenheit des Eingesperrten, dessen Gefühle mit den erfahrenen Widersprüchen nicht zurechtkommen – draußen geht das ganz normale Leben weiter, spielen die Kinder, läuft die Geliebte, steht noch immer „dieses Haus, aus dem sie mich holten“, an das er später wieder denkt „In einer Fremde / Die meine Sprache spricht /“. Und doch nicht spricht.

    Die Dissonanz bleibt. Denn weg wollte er genauso wenig wie seine Freunde Gerulf Pannach und Christian Kunert. Sie wurden zwangsausgebürgert. 1976. Dem Jahr, als das Ende der DDR begann, weil ihre Machthaber damit auch jene Generation endgültig verrieten, die in diesem Land aufgewachsen war und es (mit)gestalten wollte. Und natürlich das immer wieder gepredigte Recht in Anspruch nehmen wollte, mitreden und mitgestalten zu dürfen.

    Auch so kann man die DDR und ihr Scheitern betrachten: als Verrat an den eigenen Idealen und der eigenen Jugend. Jürgen Fuchs gehörte zu jenen, die dieses Land verändern wollten – und auch deshalb in die SED eintraten. Und die dann die stupide Wucht eines Apparates erlebten, der längst in seinen Rastern der Feindbilder erstarrt war und so professionalisiert in der Kriminalisierung jeder menschlichen Regung, dass dieser Widerspruch für fühlende Menschen eigentlich nicht mehr zu fassen und auch nicht mehr zu beschreiben war.

    So unmöglich zu beschreiben, dass Fuchs auch nach der Ausreise immer wieder vor dem leeren Blatt Papier sitzt und nicht aufschreiben kann, was er doch will und muss. Denn das Land, das er verlassen musste, lässt ihn nicht los, hat sich eingebrannt in seine Erinnerung. Und deshalb wirkt gerade sein Poem „Die Schule“ so wuchtig. Gerade weil es so nüchtern aufzählt, wie das war in der Schule, die Fuchs als ganz normales DDR-Kind durchlief.

    Mit all ihren Stereotypen, Fahnenappellen, Schweigen und Kichern, dem Kleinen Trompeter, Kartendienst, Patenbrigade, dem Hausaufgabenheft im „grünen, abwaschbaren Umschlag“. Auf einmal weht die ganze optimistische Tristesse aus den Seiten des Heftes, dieser ganze inszenierte Schöne-Zukunft-Traum in einer abgeschabten und ritualisierten Kulisse.

    Wer den Traum ernst genommen hat …

    … der landete im Widerspruch, in Akten und einer Welt voller Misstrauen. Der spürte sehr bald, wie ihm selbst im Alltäglichen misstraut wurde. „Ich war ein guter Schüler“, schreibt Fuchs.

    In dem Vers steckt mehr Wahrheit als alle Versuche, das Land aus den Wahlergebnissen von 1990 begreifen zu wollen, als sich auch die vielen Mitmacher und Wegducker trauten, „Wir sind das Volk“ zu rufen. Als es nichts mehr kostete und man mit einem Kreuzchen dafür sorgen konnte, dass man sich nicht einmal mehr mit den Brüchen im eigenen Leben beschäftigen musste. All den Verkrustungen, die das Herz verhärtet haben. Nicht nur bei den Apparatschiks. Aber wer hätte darüber schreiben sollen?

    Wer hatte diese Distanz? Die im Osten erwachsen Gewordenen ja auf keinen Fall. Und so erzählen viele der Gedichte, die Fuchs nach der Ausweisung schrieb, von der Unmöglichkeit, das Erlebte loszuwerden. Selbst „Die Fassade meiner Straße“ ist ihm noch so präsent, dass er sie aus der Erinnerung detailliert beschreiben kann. Und was er vergessen glaubte, schicken ihm die Eltern mit der Post.

    Und auch die Erinnerungen an Worte und Großmäuligkeiten sind noch präsent. Der kleine, allgegenwärtige Faschismus („Wir haben den Krieg verloren …“) und der ebenso alltägliche Rassismus, verbunden mit einer groben, zutiefst verletzenden Sprache („Polacken / Grobzeug, Proleten“) sind noch da. Sie lassen den Mann vor dem leeren Blatt Papier nicht los, so wenig wie dieses Land, an dem er (Stichwort „Heimat“) noch immer mit allen Gefühlen hängt.

    „Ich schweige nicht / Ich sitze vor leeren Blättern / Das ist kein Schweigen / Ich sitze vor leeren Blättern / ich schreie nicht mehr“.

    „Vielleicht gibt es viele Zuhaus“, schreibt er. Und der Zweifel ist nicht zu überlesen. Denn wer einen Menschen so rabiat aus allem herausreißt, was bisher sein Leben war, der greift die Wurzel all dessen an, was Zuhause ist. Der macht ihn für immer heimatlos, entzieht ihm den festen Boden unter den Füßen. Was vorher nur im Hintergrund, im Hinterzimmer waberte, wird zur existenziellen Not. Eine, die nicht zu Unrecht an Kafkas Geschichten erinnert. Man weiß nicht wirklich, was genau man falsch gemacht hat. Hat man sich denn nicht an alle Anweisungen gehalten, nur angesprochen, was einem wesentlich war? Welche ungeschriebenen Gebote hat man übertreten? „Aber / die Worte / in uns / Wohin / Mit ihnen?“

    So leise, so vorsichtig und tastend diese Gedichte sind – hier sprechen sie den Riss an, der durch das Land geht. Bis heute. Das Ungesagte und manchmal Unsagbare. Dieser kleine Verrat, der heute selbst in diesem „Wir sind das Volk“ steckt, in dem jetzt das alte, wohlvertraute „Wenn du nicht für uns bist …“ mitschwingt. „Wer mitmacht / Wer tötet / Wer schweigt / Lebt länger, wir muckten auf“.

    Der ganze Widerspruch auf den Punkt gebracht. „,Zersetzungsmaßnahmen‘ stecken in uns“.

    Den Gedanken nur noch ein wenig weitergedacht, merkt man, was da 1976 implodiert ist, aufgerissen ist und nie wieder verheilt. Man kann es wirklich so sagen: Der Verrat der Alten an den Kindern. (Weshalb Bettina Wegners Lied „Sind so kleine Hände“ auch so eine Kraft entfaltete, als es leise durchs Land ging.)

    Und auch Fuchs schreibt: „Wir sind die Kinder / Wir sind dran“.

    Aber weder die Kinder noch die Enkel kamen dran. Die „Kinder“ wurden gemaßregelt und eingeschüchtert oder aus dem Land gedrängt. Mundtot gemacht. Und sie wurden auch nicht gefragt, als der Laden in sich zusammenfiel.

    Ein bisschen schade ist, dass nicht alle Texte eine Jahreszahl tragen. Wenn Jürgen Fuchs das Gedicht „Papier, keine Angst“ schon in den 1970er Jahren schrieb, war er sehr hellsichtig. Auch weil er dieses Volk kannte. „Keine Angst / Das sind nur Kinder / Und Künstler / Die Schönfärber / Kommen später“. Und nicht nur die. Auch: „Die Schwarz-Weißen“.

    Vielleicht werden künftige Leser/-innen die ganze Wucht dieser Verse nicht mehr verstehen, vielleicht nur noch ein leises Bedauern empfinden, wenn sie die Zeilen über das Gefängnis lesen und diesen Moment im Besucherzimmer: „Immer sehe ich dein Gesicht / Als der Blonde hinter dem Schreibtisch sagte / Die Zeit ist um / Verabschieden Sie sich …“

    Dieses Ausgeliefertsein. Dieses Gefühl der völligen Machtlosigkeit. Und daneben das Gegenbild, das alles enthält, warum Menschen wie Jürgen Fuchs sind nicht verbiegen lassen wollten: „Und immer sehe ich dich im Gefängnis / Auf Wiesen / Zwischen Kinderwagen / Und Wäscheleinen / Hilflos, ohne Angst …“

    Es ist eines der treffendsten Bilder für all das, was die jungen Leute fortan ermutigte, sich nicht mehr einschüchtern und mundtot machen zu lassen.

    Natürlich kann man fragen: Was bleibt? Natürlich auch diese Gedichte, die davon erzählen, dass ein Land nicht einfach verschwindet, wenn man es per Staatsvertrag abschafft. Es bleibt in den Köpfen, den Erinnerungen und Gefühlen. Und auch in den Verkrustungen und Verkrümmungen, diesem fatalen „Wir“, das immer ein ausschließendes „Wir“ war. Ein Gruppenzwang-Wir. „Schweigen, Getuschel, Achselzucken / Denken Sie an Ihre Zukunft / Dieser Satz“.

    So lernten Kinder sich zu fügen in die ihnen verordnete Zukunft. Oder die Angst zu spüren nur bei dem Gedanken, sie könnten sich ihre Zukunft selbst denken wollen.

    So etwas hat Folgen. Auch 30 Jahre später noch, auch wenn Jürgen Fuchs nicht mehr da ist. Aber seine Gedichte sind noch da, sehr nachdenkliche, fast knisternde Gedichte über die verordnete Sprachlosigkeit eines Landes, das niemandem so sehr misstraute wie den eigenen Kindern.

    Poesiealbum 356 „Jürgen Fuchs“, Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2020, 5 Euro.

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