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Klasse und Kampf: Ein herzhaftes Manifest über die feinen Unterschiede, die unsere Gesellschaft in Oben und Unten spalten

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    Es soll kein Manifest sein und ist dennoch eines. Gerade weil es von Autor/-innen geschrieben wurde, die ihr Schreiben beherrschen. Die zu den besten gehören, die wir haben im Land, weil sie Geschichten erzählen, die nichts (mehr) zu tun haben mit den ganzen öden Professorenromanen unserer Großdichter, die für ein Feuilleton schreiben. Welches gern so tut, als wäre es nicht privilegiert. Was Privilegien bedeuten, das wissen nur die, die keine haben. Und die sich alles allein erkämpfen müssen. Zu einem hohen Preis.

    Das Buch, zu dem 14 unserer talentiertesten Autor/-innen Beiträge geliefert haben, erinnert daran, dass unsere Gesellschaft nicht nur irgendwie schematisch in reich und arm gespalten ist und die Kluft immer weiter auseinandergeht. Solche Statistiken tauchen auf und werden wieder vergessen. In der Politik spielen sie eh keine Rolle. Denn dort sitzen mehrheitlich Leute, die nie erfahren haben wie sich das lebt, wenn das Geld schon am Monatsanfang knapp wird und Jobcenter-Mitarbeiter sagen: „Da sind Sie ja wieder.“Die nicht wissen, wie sich das anfühlt, ohne Rückhalt durch reiche Eltern zu starten und immer nebenbei jobben zu müssen, um überhaupt das Studium finanzieren zu können. Und dann hinterher trotzdem zu merken, dass man den falschen Stallgeruch hat bei der Bewerbung um die wirklich lukrativen Stellen.

    In Deutschland wird nicht nur der Reichtum vererbt, sondern auch die Beziehungen und damit der Zugang zu den Stellen, wo entschieden wird. Wo dann auch nur das Bild geschaffen wird, das die Deutschen von sich haben sollen – in den sogenannten Leitmedien, wo Armut bestenfalls mal als „reality show“ auftaucht, aber nicht als gelebter Alltag von Millionen Menschen, die bei Umfragen mit gutem Recht sagen: „Ich habe keinen Einfluss.“ Nicht auf die Politik, nicht auf die Wirtschaft, auf nichts. Und: „Ich habe keine Stimme.“

    Denn sie tauchen nicht in der Politik auf. Dafür haben sie überhaupt keine Zeit und keine Kraft. Wer jeden Monat mit seiner Familie am finanziellen Limit ist, der hat keine Zeit für Ehrenamt, Politik, Wahlkonferenzen und den Kampf gegen Leute, die das Reden an der Uni gelernt haben und schon von Haus aus wissen, wie man sich präsentiert und „Eindruck schindet“.

    Die Autor/-innen erzählen von dieser Welt da unten, zu der weit mehr Menschen gehören, als sie in den üblichen Armutsgefährdungsberichten auftauchen. Doch erzählen können nur die, die es geschafft haben, die Klassenschranken überwunden zu haben – wenigstens für gewisse Zeit. Autor/-innen wie Christian Baron, der 2020 mit „Ein Mann seiner Klasse“ einen Bestseller landete, oder Clemens Meyer, der seine Jugend im Leipziger Osten in „Als wir träumten“ zum Bestseller machte.

    Oder Anke Stelling, die mit ihrem realistischen Buch über das Leben einer Schriftstellerin in Berlin in „Schäfchen im Trockenen“ ihre Freunde und Bekannten so tief verärgerte, dass es zu einem kleinen Berliner Skandal wurde. Denn sie merken es nicht.

    Sie begreifen es auch nicht, was es für einen Unterschied macht, ob man von seinen Eltern gleich mal das komplette Startkapital für Studium und eigene Wohnung mitbekommt und die Visitenkarte zu den begehrtesten Arbeitgebern, oder ob man von zu Hause nichts mitbekommt als die Erfahrung, dass man sich allein durchbeißen muss und niemand einem etwas schenkt. Schon gar keine Wohnung. Eher flattern die Kündigungsdrohungen ins Haus, wenn man die Miete nicht pünktlich überweisen kann.

    In unseren Leitmedien redet fast niemand mehr über Klasse. Aber alle, wie sie hier versammelt sind, können aus ihrem Alltag berichten, wie der Klassizismus trotzdem in den Köpfen steckt. Er ist systemimmanent. Das beginnt schon im Kindergarten, wo die Schmuddelkinder ganz selbstverständlich gemieden werden und seltsame Erfahrungen machen, wenn sie mal die Kinder der reicheren Eltern besuchen.

    Das geht in der Schule weiter, wenn Lehrer/-innen den Kindern aus den „bildungsfernen“ Schichten von Anfang an schlechtere Noten geben und ihnen Faulheit unterstellen. Diese Kinder bekommen seltener eine Bildungsempfehlung fürs Gymnasium. Und wenn sie in der zehnten Klasse im Jobcenter sagen, dass sie Abitur machen wollen, wird ihnen trotzdem der Vermittlungsbogen vorgelegt. „Wir vermitteln dich lieber sofort in einen Job“, zitiert Francis Seeck, was sie selbst erlebt hat. Sie weiß, wie eng Klassizismus und Rassismus miteinander verwandt sind.

    Slavoj Žižek hat recht: Identitätspolitik lenkt vom Grundproblem ab, denn die Abwertung von Hautfarbe, Herkunft und Geschlecht gehört zum Grundbestandteil bürgerlicher Verachtung für „die da unten“. Die es immer noch gibt, trotz Günther Wallraff. Wer aus einer Familie kommt, in der das Geld nie reicht, um auch nur einen Puffer für unvorhersehbare Notfälle anzusparen, der weiß, wie das ist, wenn man immer nur Zweite Wahl ist, wenn andere smarter sind, weil sie die Codes ihrer Klasse kennen, wenn man in der Warteschleife befristeter Verträge feststeckt und die angestrebten Posten dann doch mit Leuten besetzt werden, die besser vernetzt, verschwippt und verschwägert sind. Oder einfach die smartere Show abliefern.

    Da kann man sich – wie Anke Stellung in „Schäfchen im Trockenen“ erzählt – mit diesen freundlichen und coolen Bekannten im Kindergarten, im Café und auch in gemütlicher Runde nach Feierabend treffen. Aber spätestens, wenn sie in ihre eigenen Wohnungen ziehen und sich wundern, dass die Heldin immer noch in ihrer alten Wohnung vor sich hinrotiert und auf keinen grünen Zweig kommt, schleicht sich die stille Verachtung ein. Ist die zu doof, was aus sich zu machen?

    Sie merken es wirklich nicht mehr, was es bedeutet, wenn man das Kind einer wirklichen Mittelstandsfamilie ist, wo immer genug Geld da ist, mehr als genug. Letztlich so viel, dass die Zeitungen dieser Klasse mittlerweile sogar berichten, welche Not diese ach so cleveren jungen Anwälte, Jungunternehmerinnen und Ingenieure haben, ihr Geld irgendwo anzulegen „und für sich arbeiten zu lassen“. Sie decken sich ja auch in Leipzig mit Häusern und Wohnungen ein. Spätestens da merken die Erbelosen, wie ihre Altersgefährten an ihnen vorbeigezogen sind und ihnen jetzt die Miete abknöpfen.

    Manche Geschichten in diesem Buch lesen sich wie kleine Manifeste, manche sind einfach – wie bei Anke Stelling, Arno Frank oder Christian Baron – Geschichten aus ihrem eigenen Leben. Denn Barankow und Baron erwähnen zu Recht, dass so ein Buch ein Seiltanz ist. Denn die Erfahrung sagt, dass auch und gerade diese nüchterne Wahrheit gegen einen ausgelegt wird. Arm zu sein ist ein Makel in Deutschland.

    Deswegen sieht man die Armut kaum noch. Denn auch die Armen verstecken sich, bleiben lieber unterm Radar. Denn seit die Großmäuler unserer bürgerlichen Politik den auf Hilfe Angewiesenen Hängemattenmentalität, Faulenzerei und Schmarotzertum unterstellen, wirkt es geradezu kriminell, irgendwo um Geld zu betteln, weil das Billigjobeinkommen nicht reicht für die Miete oder den Storm oder die Kinder.

    Und sie erzählen trotzdem, schildern ihre eigene Kindheit und wie es dazu kam, dass ihre Familie immer arm war oder in Armut geriet und nie aus den Schulden herauskam, so wie die Eltern von Martin Becker. Irgendwann versteht man, wie das funktioniert mit den smarten Herren von der Sparkasse und ihrer Hilfsbereitschaft, wenn der Überziehungskredit überzogen ist. Am Ende ist das so lange abbezahlte kleine Häuschen trotzdem weg, der Kredit nicht abbezahlt, auch wenn man die dreifache Summe überwiesen hat im Lauf der Zeit.

    Wer arm ist, zahlt drauf. Auch das ist eine Grunderfahrung in Deutschland.

    Und erstaunlich viele erzählen vom Sterben. Denn wer an der Kante lebt, der lebt ungesund. Der macht die ungesunden Jobs, der hat auch kein Geld, sich gesund zu ernähren oder sich um seine „Fitness“ zu kümmern. Der malocht, um über die Runden zu kommen. Und vor allem: Er oder sie lassen sich nichts anmerken. Denn Schwäche zeigen darf man da unten nicht. Nicht den „Arbeitgebern“ gegenüber, die einen feuern können nach Lust und Laune, weil man in diesen Jobs keine Gewerkschaft hat, aber auch nicht den Kindern gegenüber.

    Denn wer sich so durchschlagen muss, der weiß, wie schnell man untergeht, wenn man nicht Stärke zeigt und sich alles abverlangt. Und untergehen kann man hier schnell, verdammt schnell – mit Alkohol, ohne Wohnung, ohne Job. Wer von der Hand in den Mund lebt, der denkt nicht nach über die systematische Benachteiligung in einem Land, in dem sich eine überbezahlte Klasse darauf verlässt, dass die zur mies bezahlten Arbeit Gezwungenen rotieren und all die Arbeiten verrichten, ohne die der Laden nicht laufen würde.

    Wer sich aus dieser Mühle herausarbeiten will, der muss sich doppelt und dreifach anstrengen, erst recht, wenn er auch noch People of Color ist oder sie sich als Frau gegen die Deutungshoheit weißer Männer in Führungspositionen durchsetzen muss.

    Deswegen sind Erfolgsgeschichten solcher Klassenaufsteiger/-innen immer noch eine Sensation und bringen selbst die Cleverles zum Staunen, die gar nicht wissen, wie leicht sie zu ihrer Position gekommen sind und dass ihre Bezahlung für ein Drittel der Erwerbstätigen nicht die Norm ist, sondern eine Vollversorgung aus einer anderen Welt.

    Man taucht manchmal tief hinein in die Welten, die die hier versammelten Autor/-innen öffnen, manche mit nur zu begreiflichem Trotz, denn irgendwann hört man auf, den Erfolg als Gnade zu betrachten, da schaut man genauer hin und merkt, dass der Erfolg stets die Ausnahme ist. Spätestens 2020 merkten es dann auch viele am eigenen Leib, wie das läuft in Deutschland, wenn die Hilfsmilliarden verteilt werden.

    Wer so dumm war, als Musiker/-in oder Schriftsteller/-in den Erfolg zu suchen, merkte ganz schnell, dass die Hilfsprogramme wieder von cleveren weißen Männern gemacht wurden, die sehr wohl wissen, wie sie ihren Kumpels was Gutes tun können, die aber nicht die mindeste Ahnung davon haben, wie man als Solo-Selbstständiger ums Überleben kämpfen muss.

    Oder als alleinerziehende Mutter, die zwei Jobs braucht, um ihre Kinder durchzubringen. Meist ohne helfende Oma oder Eltern, die noch die Kraft haben, sich um die Kleinen zu kümmern.

    Es kommt sehr viel Sterben vor in diesem Buch. Denn wer in Deutschland arm ist, stirbt früher, im Schnitt zehn Jahre früher als die Gutversorgten im Mittelstand. Und da ist es schon ein Glück, wenn es ein Sterben in Würde ist und die Kinder dabei sein können.

    Und immer wieder bekommt man ja in den Leitmedien erklärt, was für eine Gnade es sei, dass die einen den anderen Arbeit „geben“, man also für miese Löhne arbeiten darf. Aber es ist keine Gnade. „Neun Prozent aller Erwerbstätigen leben unterhalb der Armutsgrenze, weil Deutschland einen der größten Niedriglohnsektoren Europas hat“, schreiben Barankow und Baron.

    Der Reichtum der einen ist auf der Ausbeutung der anderen aufgebaut. Und Deutschland war wohl noch nie so zerrissen, noch nie waren die Gegensätze zwischen Reichen, die nicht mehr wissen, wohin mit ihrem Geld, und den Malochern, die mit dem Verdienst nicht über den Monat kommen, so groß wie heute.

    Das können gerade die jüngeren Autor/-innen in diesem Band sehr anschaulich erzählen. Sie wissen, wie es sich so lebt und dass es nicht die Schuld derer ist, die so leben müssen. Nur haben sie fast nie eine Stimme. Sie sitzen nicht in Parlamenten und nicht in den Entscheidungsgremien. Es wird über sie hinwegregiert, ohne ihre Sorgen tatsächlich ernst zu nehmen. Die sich dann auch als die Sorgen von Studierenden herausstellen, die ohne Nebenjob ihr Studium abbrechen müssen, weil sie keine Reserven haben.

    Als die Sorgen ewiger Doktoranden auf befristeten und schlecht bezahlten Stellen, die immer das Nachsehen haben, wenn die festen Stellen vergeben werden. Denn die Welt der Armen ist heterogen. Wenn die Bundesagentur für Arbeit ehrliche Statistiken veröffentlichen würde, würde man auch all die Akademiker/-innen sehen, die nach dem Studium aus dem Rennen geflogen sind, weil ihnen die Codes und die Beziehungen fehlten, um tatsächlich Karriere machen zu dürfen.

    Das Buch macht traurig, trotzig und wütend. Weil all das zwar systemimmanent ist, aber weder notwendig noch gerecht. Nur: Wer da unten die Zähne zusammenbeißt und sich durchkämpft, weiß, dass es nicht gerecht zugeht und dass man sich auf nichts und niemanden verlassen kann, bestenfalls auf die eigene Familie, wenn da noch Kraft ist und nicht der Krebs oder der Suff schon zugeschlagen haben.

    Und dabei ist das Ethos von Fleiß, Stolz und Ehrlichkeit da unten viel stärker ausgeprägt als in den oberen Etagen unserer Gesellschaft, wo Gutversorgte ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass sie auf alles den ersten Zugriff haben. Sie glauben tatsächlich, sie hätten es sich verdient, hart erarbeitet, wie sie gern sagen. Sie sehen nicht mehr, wer für sie eigentlich arbeitet und immer das kleinste Stück vom Kuchen bekommt, eigentlich eher nur die Krümel.

    Deutschland ist kein gerechtes Land. Wer da unten war, weiß das. Selbstgerecht aber ist es bis zum Platzen. Höchste Zeit für so ein Buch. Auch wenn die Autor/-innen sich sicher sind, dass ihnen das wieder schaden kann in einer Gesellschaft, in der die Amtsinhaber auf eines den allergrößten Wert legen: den schönen, falschen Schein.

    Christian Baron; Maria Barankow Klasse und Kampf, Claassen, Berlin 2021, 20 Euro.

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