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Die Hohenzollern und die Nazis: Stephan Malinowskis großes Buch über die Geschichte einer Kollaboration

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    Es ist das Buch zu einer großen Diskussion, die seit 2019 so richtig Feuer bekommen hat, seit der Versuch der Hohenzollern, einstige Besitztümer wieder zurückzubekommen, öffentlich wurde. Seit Jahren verhandeln sie darüber schon mit den Landesregierungen im Osten. Mit Gutachten versuchen sie, ihr Recht auf diese Rückgabe durchzusetzen und zu belegen, dass die Enteignungen im Osten nach 1945 unbegründet waren. Aber wenn es um geschichtliche Tatsachen geht, helfen auch nur belegbare Fakten.

    So gesehen ist dieses Buch von Stephan Malinowski das grundlegende Buch zur Debatte, die sich die ganze Zeit um die Frage dreht: Inwieweit waren die Hohenzollern in der NS-Zeit verstrickt, haben dem Nationalsozialismus zum Aufstieg verholfen und waren gar selbst Träger des Systems? Im Mittelpunkt der Debatte: Kronprinz Wilhelm von Preußen, mit dessen sportlicher Rückkehr nach Deutschland im Jahr 1923 Malinowski sein Buch beginnen lässt – als Parallelereignis zum Hitlerputsch in München. Akribisch verfolgt er anhand der verfügbaren Quellenlage das Leben des Kronprinzen, aber auch des in Doorn im Exil lebenden Ex-Kaisers und all der anderen Mitglieder der Hohenzollern-Familie, die eben auch in der Zeit der Weimarer Republik ganz und gar kein beschauliches Leben auf ihren stillen Landgütern führten.Gerade der Ex-Kronprinz steht exemplarisch für die Annäherung der Hohenzollern an die Nazis. Und zwar nicht erst zum „Tag von Potsdam“ 1934, als die eben zur Macht gekommenen Nazis in der Garnisonskirche von Potsdam den Schulterschluss inszenierten mit dem alten Preußen. Da saß nicht nur Reichspräsident Hindenburg in voller kaiserlicher Feldmarschallsuniform in der Kirche, sondern auch Ex-Kronprinz Wilhelm in seiner Husarenuniform.

    Im Fokus der republikanischen Presse

    Und da saß er nicht zufällig, denn über Jahre davor schon kann Malinowski Wilhelms Annäherung an die führenden Köpfe der NS-Bewegung nachzeichnen. Und diese Annäherung vollzog sich ganz und gar nicht im Geheimen. Denn die Hohenzollern standen auch in dieser Zeit immer im Fokus der in- und ausländischen Presseberichterstattung. Die Presse verfolgte sehr aufmerksam, was der abgedankte Kaiser in seinem niederländischen Exil trieb und was seine Kinder und Enkel in Deutschland trieben.

    Die Presseartikel über die Familie und ihre Auftritte sind Legion. Und daran ändern auch alle von den Hohenzollern beauftragen Gegengutachten nichts. Nichts widerlegt die These vom ach so unbedeutenden Ex-Kronprinzen so sehr wie alle diese Presseberichte, die Wilhelm spätestens 1932 als öffentlichen Unterstützer für Hitlers Präsidentschaftskandidatur zeigen.

    Und diese mediale Präsenz des Ex-Kronprinzen hörte auch nach 1934 nicht auf, auch wenn die Berichte über die Hohenzollern in der gleichgeschalteten Presse Deutschlands ziemlich bald zur Seltenheit wurden. Denn mit der Inszenierung in Potsdam hatte Hitler eigentlich erreicht, was er wollte: Öffentlich den Schulterschluss mit den alten Eliten Deutschlands zu zelebrieren. Und sie damit letztlich auch zu vereinnahmen.

    Die konservativen Eliten und die Republik

    Es ist nicht ganz zufällig, dass Malinowskis Buch auch eine Analyse des Verhaltens der damaligen monarchistischen Eliten in der Weimarer Republik und danach wurde. Und zu Recht stellt er fest, dass das Thema bis heute völlig unterbelichtet ist. Was kein Zufall ist. Denn wenn man den „Sündenfall“ Faschismus einfach den radikalisierten Parteien der Weimarer Republik in die Schuhe schieben kann – eine Sichtweise, die bis heute in der sogenannten „Hufeisentheorie“ ihr zähes Geisterleben führt – muss man sich nicht mit der Rolle der konservativen Eliten beschäftigen, die alles andere waren, aber ganz gewiss keine Verteidiger der Weimarer Republik.

    Und so zeichnet Malinowski auch ein Bild der Weimarer Republik, das so eben nicht zu den heute üblichen gehört – mit ganz und gar nicht heimlich zelebrierten Aufmärschen und militärischen Inszenierungen, in denen sich hunderttausende deutsche Männer zusammenfanden, die die Republik für etwas Vorübergehendes hielten und von einer Wiederherstellung der alten Zustände träumten. Die intensive Berichterstattung über das Treiben der Hohenzollern erzählte auch davon, dass die Sehnsucht nach der Monarchie 1918 ganz und gar nicht einfach gestorben war, auch wenn viele Monarchisten die Flucht des Kaisers ins Exil als Verrat empfanden.

    Manch ein Geschichtsinteressierter wird verblüfft sein, was für eine Welt Malinowski hier sichtbar macht. Eine Welt, die sich deutlich unterscheidet von den platten Erklärungen für den Aufstieg der Nationalsozialisten, die man für gewöhnlich vorgesetzt bekommt. Denn ohne die Kollaboration der alten Eliten und ihren ebenso zelebrierten Hass auf die Republik ist der Aufstieg der Hitlerpartei nicht denkbar.

    Fotos sprechen eine eindeutige Sprache

    Malinowski stellt zu Recht die Frage: Wie verhielten sich eigentlich die alten Adelsfamilien? Gerade jene aus dem Hochadel, die bis 1918 regiert hatten und nun auf einmal ihre alte Rolle einbüßten. Nicht alle dienten sich den Nationalsozialisten an. Und nur wenige Familien gingen so weit wie die Hohenzollern, sich tatsächlich derart öffentlich für die Nationalsozialisten zu engagieren. Zufällig ist der Ex-Kronprinz nicht auf all die Fotos gelangt, die ihn mit Hitler, Göring und Goebbels in vorderster Reihe zeigen. Fotos, die auch nach 1933 nicht einfach aufhörten, auch wenn sich die Nazi-Zeitungen hüteten, ebenso intensiv über die Hohenzollern zu berichten wie die Zeitungen der Weimarer Republik.

    Dafür berichteten die Zeitungen in England, Frankreich und den USA weiterhin sehr umfassend, denn dort wusste man sehr wohl, dass die Hohenzollern zumindest ein mögliches Gegengewicht zu den Nazis hätten sein können, wenn sich auch nur einer aus dieser Familie ermannt hätte, wirklich Widerstand zu zeigen, öffentlich Position zu beziehen und damit auch zu zeigen, dass es tatsächlich konservative Alternativen zu Hitler gegeben hätte

    Aber all das ist nicht vor und auch nicht während der Nazi-Zeit passiert. Die Reporter der westlichen Staaten warteten vergebens. Dafür bekommen sie jede Menge Storys mit Kronprinz und Kronprinzen-Söhnen in Nazi-Uniform und mit Hakenkreuzbinde.

    Und auch der Verweis der von den Hohenzollern beauftragten Historiker und Gutachter auf das scheinbar noch völlig unerschlossene Hohenzollern-Archiv zündet nicht mehr, wie Malinowski feststellt. Es ist nicht zu erwarten, dass dort nach all den Jahren noch Dokumente auftauchen könnten, die die Hohenzollern-Geschichte im Nazi-Reich anders erzählen könnten, gar im Stil einer Widerstands-Erzählung, wie es nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geschehen ist, als Wilhelms Sohn Louis Ferdinand zum Oberhaupt des Hauses wurde und seinerseits versuchte, die öffentlich erzählte Geschichte der Hohenzollern zu beeinflussen.

    Etwas, was schon seit Wilhelm II. zur Tradition der Familie gehörte, die immer wieder Historiker und Ghostwriter beauftragte, das Bild der Familie in der Öffentlichkeit neu zu justieren und neu zu legendieren. Wahrscheinlich gibt es keine andere Familie in Deutschland, die so viel Energie und Geld dahinein investiert hat, ihr Bild in der Öffentlichkeit immer neu zu inszenieren und den veränderten Zeitläufen anzupassen.

    Geschichtsinterpretationen der Nachkriegszeit

    Nicht ohne Grund diskutiert Malinowski diese intensive PR-Arbeit im Familieninteresse sehr intensiv und über alle drei Generationen hinweg, die in diesem Buch eine Rolle spielen. Und die dritte Etappe ist ja noch nicht beendet. Davon erzählen ja auch die manifesten Versuche der Familie, die aktuelle Berichterstattung über den Hohenzollern-Streit zu beeinflussen oder gar per anwaltlicher Abmahnung zu unterbinden. Etwas, was auch Malinowski zu spüren bekam.

    Dabei geht es gar nicht nur um die Hohenzollern. Das wird spätestens deutlich, wenn Malinowski die Geschichtsdeutungen der jungen Bundesrepublik schildert, in der sich die alten Adelsfamilien wieder neu positionieren mussten. Nur war jetzt endgültig klar, dass sie Abschied nehmen mussten von einer Wiederauferstehung alter autoritärer Gesellschaftsmodelle, in denen sie als Elite wieder mitzureden hätten.

    Sie arrangierten sich mit der Republik. Auch die Hohenzollern taten das nun und schufen sich ein neues Image, in dem auf einmal auch eine Nähe zum Widerstand des 20. Juni auftauchte, die mit der tatsächlichen Geschichte wenig zu tun hatte. In großen Teilen dreht sich die Debatte eben auch um diese Interpretation der eigenen Geschichte. Aber eben auch um die in den 1950er Jahren in der Bundesrepublik geformte Sicht auf den Widerstand im Nazi-Reich, in dem das Attentat vom 20. Juli 1944 eine zentrale Rolle spielt.

    Eine Geschichtsinterpretation, die auch zeigt, wie sehr es auch in der frühen Bundesrepublik die alten Eliten waren, die ihre Sicht auf Geschichte zur Interpretation der deutschen Geschichte überhaupt zu machen versuchten. Im Ergebnis verschwindet dann jeder andere Widerstand im Nazi-Reich hinter diesem – missglückten – Attentatsversuch der alten Eliten, der viel zu spät kam und auch von einer konservativen Staatsidee getragen wurde.

    Im Grunde kann man an der Stelle immer wieder an William Shirers Studie von 1960 „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ erinnern, in der er schon akribisch analysiert hatte, wie viele Chancen gerade die konservativen (und vor allem einflussreichen) alten Eliten Deutschlands nicht nutzten, als es ihnen tatsächlich möglich war, den Aufstieg Hitlers zu stoppen.

    Der gemeinsame Hass auf die Republik

    Malinowskis Buch macht jetzt einmal mehr eine Facette dieses Versagens sichtbar. Denn eigentlich zeigt er ja hier, dass es in diesen alten Eliten – und in den alten Adelsfamilien erst recht – keinen wirklichen Widerstand gegen die aufkommenden Nazis gab. Man betrachtete sie höchstens als Proleten und Schlagetots. Aber in der Anlehnung der Republik waren sich diese alten Eliten ziemlich einig. Und sie waren auch schon vor Hitlers „Machtergreifung“ dabei, die Republik abzuschaffen.

    Wofür ja ganz zentral eine Figur wie der General Kurt von Schleicher stand, über den Wikipedia schreibt: „Als Vertrauensmann des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg war er maßgeblich am Sturz der Regierung Müller im Frühjahr 1930 und an der Installation der beiden Folgekabinette unter Heinrich Brüning (März 1930) und Franz von Papen (Juni 1932) beteiligt.“

    Man darf nicht nur auf den Januar 1933 schauen, um den Aufstieg der Nationalsozialisten zu verstehen, die selbst in der letzten noch freien Reichstagswahl über 33 Prozent der Stimmen nicht hinauskamen. Figuren wie Kurt von Schleicher höhlten die Republik schon Jahre vorher aus, entmachteten schon weit vor dem Januar 1933 den Reichstag und schufen damit die Voraussetzung dafür, dass Hitler 1933 die Macht einfach „übergeben“ werden konnte.

    Und Personen wie Ex-Kronprinz Wilhelm gaben dafür auch noch eine medienwürdige Staffage ab, zelebrierten öffentlich den Schulterschluss mit den Nationalsozialisten. Und es ist egal, ob sie das taten, weil sie vielleicht Angst um ihre Besitztümer hatten. Um die Wirkung ging es. Und die NS-Spitze wusste sehr genau, was sie da inszenierte. Es ging mindestens noch 1934 auch um die Okkupation eines Kapitals, das damals im konservativen Teil der deutschen Gesellschaft noch virulent war und durchaus mobilisierbar: die Rolle des alten Kaiserhauses als mögliche Alternative zu den Nazis. Presseberichte über die durchaus populäre Wirkung des Kronprinzen belegen diese Möglichkeit. Doch dieses Kapital nutzten die Hohenzollern nie.

    Einschüchterung und Opportunismus

    Tatsächlich erzählen gerade die Handlungen ihrer führenden Personen von einer Kollaboration mit der NS-Bewegung. Träumten sie gar davon, dass Hitler die Monarchie wieder aufrichten würde?

    Gut möglich.

    Aber damit wird nur noch deutlicher, dass sie in der ganzen Zeit nie für die junge Republik standen, sondern stets aufseiten derer, die die Republik schnellstmöglich wieder abschaffen wollten. Darin waren sich die konservativen Kräfte in der Weimarer Republik so ziemlich einig. Nur dass sich die Nazis von ihnen nicht vereinnahmen ließen, sondern schon früh und deutlich ihre Instrumente zeigten.

    Denn der sogenannte „Röhm-Putsch“ im Sommer 1934 war ja kein Putsch, sondern neben der Ermordung aller möglichen Gegenspieler, die Hitler noch hätten gefährlich werden können, vor allem ein Signal an die konservativen Eliten des Landes, dass dieses neue Regime nicht zögern würde, mit Mord und Totschlag zu reagieren, wenn es auch nur den geringsten Widerstand witterte.

    Natürlich ein Punkt, an dem man sich überlegt: Wie handelt man da? Zieht man den Kopf ein? Verlässt man lieber das Land? Bringt sich in Sicherheit? Denn eines war ganz und gar nicht notwendig: Sich dann trotzdem – auch mit Glückwunsch-Adressen an Hitler – diesem blutigen Regime anzudienen. Nun schon deutlich unterwürfig und anbiederisch.

    „Bekanntlich war es der NSDAP in den letzten freien Wahlen im November 1932 nicht gelungen, mehr als 33,1 % der Stimmen auf sich zu vereinen“, schreibt Malinowski. „Und bekanntlich war die Machtübertragung an Hitler im Januar 1933 nicht die Folge eines Wahlsieges, sondern von Entscheidungen eines kleinen Kreises von Entscheidungsträgern, die, basierend auf Interessenkalkül und ideologischen Gemeinsamkeiten, den NS-Staat aus einer Koalition von konservativen und nationalsozialistischen Machtgruppen erschufen. Hitler wurde zur ungeplanten Endstufe der seit 1918 in vielen Formen geplanten ‚Überwindung‘ der Republik.“

    Die alten Eliten und ihr Verhalten in der Weimarer Republik

    Da scheinen gleich mehrere Aspekte einer geschichtlichen Realität auf, die in der Geschichtserzählung der späteren Bundesrepublik meist ausgeblendet wurden. Denn hier wird die Rolle der alten Eliten sichtbar, die auch in der jungen Bundesrepublik die tonangebenden Eliten waren und das konservative Selbstverständnis der Bundesrepublik prägten. Ein Selbstverständnis, in dem sowohl die hochbelastenen einstigen Juristen, Professoren, Beamten und Polizisten wieder einen Platz fanden, als auch die schwer belasteten alten Konzernchefs und die alten Adelsfamilien, die seitdem scheinbar nur noch ein buntes Leben in Hochglanzmagazinen führen.

    Aber Malinowski wird recht deutlich, wenn er schreibt: „Die Frage, ob sich die mächtigsten Teile der alten Eliten mit der jungen Republik arrangieren würden, entschied maßgeblich über die Überlebenschancen der Republik. Die Antwort, die von den politisch relevanten Mitgliedern der Familie Hohenzollern auf diese Frage gegeben wurde, lautete: nein.“ Sie haben sich nicht mit der Weimarer Republik arrangiert, sondern mit den Nationalsozialisten.

    Nicht alle Vertreter der Familie so herausgehoben wie der immerfort öffentlich posierende Kronprinz, nicht alle so extrem wie dessen Bruder August Wilhelm, der sich schon seit 1929 bei den Nationalsozialisten engagierte – und das mit hochgnädiger Zustimmung vom Ex-Kaiser in Doorn.

    Aber eine widerständige oder gar nur distanzierte Haltung der Familie zu den Nazis ist nicht wirklich sichtbar. Im Grunde lenkt Malinowski mit dieser Aufarbeitung der Geschichte einer einzelnen Familie den Fokus auf die völlig unterbelichtete Geschichte der alten Eliten in der Weimarer Republik und in der Nazi-Zeit. Und stellt so nebenbei auch wieder die Frage nach der historischen Verantwortung.

    Denn natürlich gibt es auch historische Verantwortlichkeiten. Deutschlands alte Eliten versuchen ja immer, anderen die Schuld für die Entwicklungen in die Schuhe zu schieben. Das war schon bei der Frage nach den Ursachen des Ersten Weltkrieges so, bei der Verantwortung für das (viel zu späte) Kriegsende und erst recht bei der Zerstörung der Republik, die bei diesen Eliten jedenfalls keine Unterstützung fand.

    Eine zentrale Frage der deutschen Geschichte

    „Der sogenannte Preußenschlag vom 20. Juli 1932, in dem die sozialdemokratisch geführte Regierung Preußens gestürzt, wichtige Teile der Republik in Stücke geschlagen und die wichtigsten Voraussetzungen für die Installierung der Diktatur geschaffen wurden, war in der Tat ein Werk der konservativen Eliten und auch mit den Plänen und Wünschen der Hohenzollern eng verzahnt“, schreibt Malinowski.

    Die ganze Hohenzollern-Debatte lenkt den Blick also auf einen Aspekt der deutschen Eliten-Geschichte, der nur zu oft ausgeblendet wird. Man kann den Aufstieg der Nationalsozialisten nicht von ihrer Machtübernahme her verstehen. Ohne die enge Kollaboration der alten Eliten hätten sie diese Macht nicht in die Hände bekommen. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 war genauso wenig das Ergebnis eines „Schlafwandelns“, wie Malinowski pointiert feststellen kann, wie die Machtübergabe an die Nazis ein „Unfall der Geschichte“. Nach Unfall sieht so etwas immer nur aus, wenn man die eigentlichen Akteure der alten Eliten einfach ausblendet, als hätten sie nicht genauso intensiv an der Zerstörung der Republik gearbeitet.

    „So ermöglicht es der bislang vergessene Blick auf den Kronprinzen, konservative Narrative über tatsächliche und vermeintliche Gegenlinien zum Nationalsozialismus erneut zu betrachten“, schreibt Malinowski. „Von hier aus gerät schließlich mit dem Januar 1933 einer der wichtigsten Fluchtpunkte der neueren deutschen Geschichte in den Blick – und fraglos stammt die Virulenz der Debatte um die Ansprüche der Familie nicht zuletzt aus ihrer Verbindung mit einer Frage, die zumindest für die Politikgeschichte Deutschlands zentral bleibt: der Frage nach der politischen Verantwortung für die Machtübergabe 1933.“

    Stephan Malinowski Die Hohenzollern und die Nazis, Propyläen Verlag, Berlin 2021, 35 Euro.

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