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Kaisertage: Was die Aufzeichnungen der Kammerdiener und Adjutanten über die letzten Regierungsjahre Wilhelms II. verraten

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    Kaisertage – das klingt wie Kaiserwetter und Kaiserschmarrn. Darum geht es aber gar nicht in diesem Buch – oder besser: nur indirekt. Und es geht auch eher nicht um die Kammerdiener und Adjutanten Kaiser Wilhelms II., auch wenn ihre Aufzeichnungen den Hintergrund bilden für diesen konzentrierten Blick auf Wilhelm II. in den Jahren 1914 bis 1918. Es erklärt einiges von dem, was damals geschah.

    Dr. Paul Schönberger ist Historiker und Politikwissenschaftler, Stefan Schimmel Kunsthistoriker. Gleichzeitig ist er Kunstberater des Hauses Preußen. Deshalb ist das Buch reich gespickt mit Fotos, Gemäldereproduktionen und vielen, vielen Bildern von Wilhelms Uniformen und Orden. Das Problem der Forscher war immer, dass die persönlichen Aufzeichnungen und Briefe Wilhelms aus der Kriegszeit komplett vernichtet wurden – von seiner Gemahlin Auguste Viktoria persönlich, die die Dokumente verbrennen ließ, weil sie fürchtete, die könnten den Revolutionären in die Hände fallen.

    Was es gibt, sind spätere Erinnerungen Wilhelms, die aber – so schätzen die Autoren wohl zu Recht ein – darunter leiden, dass der ins Exil Gegangene darin vor allem versucht, seine Rolle zu rechtfertigen. Das hilft in einer Analyse der tatsächlichen Ereignisse nicht viel weiter.

    Umso mehr helfen die Tagebücher jener Menschen, die Wilhelms Alltag zu organisieren hatten – eben seiner Kammerdiener und Adjutanten. Die wurden jetzt transkribiert und sind dem Band kapitelweise beigegeben. Wer freilich deftige Zitate und Sprüche Wilhelms und gar Notizen zu seinen Gesprächen etwa mit dem Generalstab sucht, wird sie nicht finden. Oder nur in ganz wenigen Fällen einmal ein Blitzlicht auf die Ereignisse, die die Welt bewegten.

    Aber gerade das ist das Frappierende: Gerade deshalb bestätigen diese Notizen zum Tagesablauf, zu Turnen, Friseur, Kirchbesuch, Ausreiten, Frühstück, Bad und Empfängen, was die Historiker schon seit Jahrzehnten so verblüfft: Dass ausgerechnet der Mann, dem man lange die Alleinschuld am 1. Weltkrieg zuschrieb, selbst in den dramatischsten Wochen ein Leben lebte, als hätte es keinen Krieg gegeben. Oder – noch im Jahr 1914 – keinen Grund, wirklich aktiv zu werden, einen Krieg zu verhindern.

    Es war ja nicht nur Wilhelm II., der bis in den Sommer 1914 hinein so lebte, als wäre Krieg überhaupt kein Thema. Selbst britische Schlachtschiffe waren bei der Kieler Woche zu Gast. Wilhelm selbst nahm am 28. Juni an einem Bootsrennen teil. Das war der Tag, an dem der österreichische Thronfolger in Sarajevo einem Attentat zum Opfer fiel. Doch erschüttert war Wilhelm vor allem deshalb, weil er noch kurz zuvor mit Franz Ferdinand auf der Jagd gewesen war. Kein Mensch dachte zu dem Zeitpunkt, dass das Attentat in irgendeiner Weise zum Anlass eines Krieges werden könnte.

    Deswegen sind die Beiträge zu Beginn jedes Kapitels wichtig: Sie ordnen das, was Wilhelm II. in diesen vier Jahren tat, ein in die historischen Ereignisse, beschäftigen sich mit seinem Umfeld und den damaligen Akteuren auf dem politischen Schachbrett.

    Und mehrere heutige Historiker haben ja schon akribisch untersucht, wie die europäischen Staaten 1914 regelrecht schlafwandlerisch in den Krieg stürzten. Wobei beide Worte den Kern wohl nicht treffen. Hinter jeder politischen Katastrophe stehen Menschen, die ganz persönlich versagt haben. Und es verblüfft: Es entsteht ein Tableau von Akteuren, die in dieser Julikrise von 1914 augenscheinlich völlig überfordert waren, die Folgen ihres Tuns einzuschätzen. Obwohl sie alle wussten, dass ihre möglichen Gegner in einem ganzen System von Allianzen und Beistandsverträgen steckten.

    Österreich wusste, dass Serbien ein solches Versprechen von Russland hatte. Und trotzdem forcierte Österreich einen Vergeltungsschlag gegen Serbien, obwohl die serbische Regierung auf die österreichischen Bedingungen weitgehend eingegangen war. Man denkt nicht ganz falsch, wenn man ähnlichen politischen Blödsinn auch in jüngerer Zeit geschehen sah und sieht. Ein einziger Mann genügt, der sich völlig überschätzt und die Folgen seines Tuns nicht mal erfassen kann – und eine Kette fataler Ereignisse nimmt ihren Lauf.

    Die Österreicher holten sich in Berlin die Versicherung, dass Deutschland dem Verbündeten beistehen würde. Russland mobilisierte. Deutschland schrieb Ultimaten. Die Österreicher schlugen los und bevor die Russen losrollen konnten, schlug auch Deutschland los, marschierte durch Belgien und versuchte den überholten Schlieffen-Plan umzusetzen. Und es war mit gnadenlosem Automatismus genau der Krieg ausgelöst, den alle nun seit gut 20 Jahren befürchtet hatten.

    Und das ist vielleicht das erhellendste Kapitel in diesem Buch, in dem erzählt wird, wie Wilhelm sich in dieser Julikrise verhielt. Als Kaiser war er nicht nur Staatsoberhaupt, sondern wurde im Kriegsfall auch sofort oberster Heerführer. Doch kein einziger Tagebucheintrag deutet darauf hin, dass er tatsächlich aktiv wurde, diesen Krieg zu verhindern. Er überließ das – wie gewohnt – seinem Kanzler und den Generälen.

    So hatte er es eigentlich seit seinem Machtantritt gehalten. Er war ein glücklicher Kaiser, schätzen die beiden Autoren ein. Denn seine Regierungszeit fiel in eine Zeit, in der Deutschland wirtschaftlich erblühte und zu einem Staat heranwuchs, der im Konzert der damaligen Großmächte respektiert wurde.

    Doch während der von Wilhelm entmachtete Bismarck noch wusste, dass Stärke auch Angst machte und Respekt zur Vorsicht gemahnte, hatte sich Wilhelm mit kriegerischen Tönen nie zurückgehalten. Die Diplomatie überließ er anderen. Das Befehlen übrigens auch. Mit Krisen konnte er zeitlebens nicht umgehen. Probleme konnten ihn tagelang in Depressionen stürzen.

    Und sein Beraterstab hatte über Jahre gelernt, ihn abzuschirmen, ihm unangenehme Nachrichten und Aufgaben vom Hals zu halten. Und an diesem umsorgten und abgeschirmten Leben änderte sich auch im Krieg nichts. Auch dann nicht, als er dem Generalstab an dessen jeweilige Stationierungen näher an den Fronten folgte. Das war nicht mal Etappe. Das war so geborgen hinter der Front, dass Wilhelm sein wohlversorgtes Leben einfach fortsetzen konnte mit Holzhacken, Ausfahrten, Tee und zwischendurch auch mal „Vortrag des Generalstabs“.

    Die eindrucksvollen Gemälde, die ihn scheinbar bei Beratungen mit den grimmigen Herren Generälen zeigen, entsprechen nicht der Wirklichkeit. Für die Generalstabsarbeit in einer modernen Armee fehlte dem begeisterten Reiter schlicht die Ausbildung.

    Also ließ er – als die Kettenreaktion im August 1914 den großen Weltkrieg auslöste – seine Generalstabschefs einfach agieren, griff nur widerwillig ein, wenn sich die großen Strategen völlig verrannten und ihre Strategie in einer blutigen Niederlage endete. Und nach 1916 – so können auch die beiden Autoren feststellen – wurde er zunehmend zum Spielball der beiden egomanischen Generäle Hindenburg und Ludendorff. Schönberger und Schimmel schreiben von einer faktischen Militärdiktatur, die seit 1916 bestand.

    Die Bevölkerung erhielt sowieso keine Informationen über den tatsächlichen Kriegsverlauf. Die Presse war komplett zensiert. Und nicht nur der Reichstag blieb im Dunkel über die Entwicklungen an der Front – selbst Wilhelm, obwohl fast immer in nächster Nähe zum Generalstabsquartier – erhielt keine Informationen über die tatsächlichen Verluste und Kräfteverhältnisse. All das war Teil jener bis zum August 1918 wirksamen Legende von einem möglichen Siegfrieden über die Alliierten.

    Die sich dann freilich mit dem Überrennen der deutschen Truppen in Luft auflöste. Die schiere Übermacht an frischen Truppen und Material auf Seiten der Alliierten demoralisierte ganze Truppenverbände. Die Revolution begann zwar faktisch erst im November mit dem Aufstand der Kieler Matrosen gegen den Kamikaze-Befehl, mit der Flotte noch einmal zu einem (Selbst-)Vernichtungsgefecht auszulaufen. Aber all die Ereignisse, die im November zum Kaisersturz führten, nahmen im August ihren Anfang. Erst da fanden Ludendorff und Hindenburg den Mumm, den Kaiser aufzufordern, um einen Waffenstillstand zu bitten.

    Und das, nachdem Wilhelm mehrere Gelegenheiten einfach hat verstreichen lassen, den Gegnern ein Friedensangebot zu machen. Im September 1918 fühlte er sich logischerweise regelrecht verraten und schickte auch Ludendorff endlich in die Wüste. Aber da war der Zug längst ins Rollen gekommen. Die Revolution war nicht mehr zu verhindern.

    Von Wilhelm II. schon gar nicht, der in diesem Buch nicht nur auf dem Cover in Uniform zu sehen ist. Er versuchte mit einem ganzen Reigen unterschiedlichster Uniformen sein Außenbild als Oberster Befehlshaber aufrechtzuerhalten, obwohl er selbst genau wusste, dass er in diesem Krieg gar nichts entschied. Nicht einmal das, was ihm als Staatsoberhaupt möglich gewesen wäre. Auch der Halbsatz taucht wieder auf, der in jüngster Zeit ja wieder öfter diskutiert wird: Hat er damit die Monarchie verspielt?

    Das wäre – den ganzen Kriegsschauplatz Europa betrachtet – wohl eine Fehlinterpretation, denn die Kronen rollten damals zu Dutzenden. Ein ganzes System hatte sich überlebt und hat im entscheidenden Augenblick – und der war 1914 – versagt, weil die Bremsen und Gegengewichte fehlten. Die alte Kabinettspolitik kam mit den neuen Rahmenbedingungen nicht mehr zurecht. Deswegen wirkt Wilhelm II. am Ende wie ein Schauspieler, den seine Rolle völlig überforderte. Fotos und Gemälde inszenieren ihn zwar noch als großen Strategen.

    Aber gerade die lakonischen Tagebucheinträge seiner Adjutanten zeigen ihn eher als einen, der bestens abgeschirmt von den wirklich entscheidenden Entwicklungen das Leben eines gut versorgen Privatiers führt, der eigentlich gar nicht weiß, was er mit sich anfangen soll die ganze Zeit. Und wenn es was zu unterschreiben gab, wie am 1. August 1914 die Mobilmachungserklärung, dann machte er das, hielt hernach eine Rede im Lustgarten und danach eine Abendtafel im Garten.

    Man mag ihm wohl glauben, dass er den Krieg nicht gewollt habe. Aber über die Funktionsweise seiner beiden Kabinette für Militär und Zivil wurde ja auch schon mehrfach geschrieben. Sie bestärkten Wilhelm in seiner Gewissheit, die Dinge noch zu steuern, während die Entscheidungen längst woanders fielen.

    Das letzte Kapitel beschäftigt sich zwangsläufig mit Wilhelms Weg ins holländische Exil. Da waren dann schon ganz andere Prozesse ins Laufen gekommen, mit denen der Ex-Kaiser erst recht nichts mehr zu tun hatte.

    Paul Schönberger; Stefan Schimmel Kaisertage, Südverlag, Konstanz 2018, 24,90 Euro.

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