Wer sich in der schönen westlichen Welt umschaut, sieht, dass diese Welt vor unseren Augen in die Brüche geht. Die Staaten versinken in Schulden, Bildungs- und Gesundheitssysteme funktionieren immer schlechter, wichtige Infrastrukturen gehen vor unseren Augen kaputt. Und das alles hat mit einem Thema zu tun, das in der medialen Öffentlichkeit kaum eine Rolle spielt: Es geht um die seit 30 Jahren praktizierten Steuerpolitik, die dem Staat Jahr für Jahr hunderte Milliarden Euro entzieht, während die Reichen über immer größere Geldvermögen verfügen. Und damit Politik machen. Mit Paula Schwarz schaut man in eine gnadenlos agierende Parallelwelt.
Paula Schwarz ist in dieser Welt der Superreichen aufgewachsen als Tochter einer Familie, der mit dem der Schwarz Pharma AG bis 2006 eines der profitabelsten deutschen Pharmaunternehmen gehörte. Damals wurde das Unternehmen für einen Milliardenbetrag an den belgischen UCB-Konzern verkauft. Die Familie wurde noch reicher. Und Paula Schwarz, die schon bis dahin das Leben eines Kindes aus reichem Hause lebte, zur Millionenerbin.
Auch wenn der zweistellige Millionenbetrag, der ihr einmal zusteht, in diversen Portfolios und Firmen angelegt ist, in denen im Grunde allein ihr Vater das Sagen hat. Etwas, was mit Paulas 18. Geburtstag zu tun hat und ihrer Unterschrift unter einen Packen Dokumente, die ihr Vater sie beim Notar unterschreiben ließ, ohne dass sie wusste, was sie da eigentlich unterschrieb.
Mit dem Thema hat sie sich wirklich erst fast zehn Jahre später beschäftigt, als sie sich endlich die Frage stellte, was da eigentlich in ihrem Namen mit dem angelegten Geld geschah, ohne dass sie den geringsten Einfluss darauf hatte. Aber es geht nicht nur um Geld in ihrem Buch, das sie gemeinsam mit der Journalistin Alexandra Friedmann geschrieben hat.
Es geht auch um die Frage, was Geld eigentlich mit den Menschen macht, die über so viel Geld verfügen, dass sie es im Leben nicht ausgeben könnten. Und das sind nicht wenige Menschen, wenn auch im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine kleine, überschaubare Gruppe. Aber sie besitzt den Löwenanteil des Kapitalvermögens. 10,5 Billionen Euro besitzen die Deutschen inzwischen an Geldvermögen, wie der „Spiegel“ am 2. Januar meldete.
„Das gewaltige Geldvermögen in Deutschland ist nach früheren Angaben der Bundesbank ungleich verteilt. Etwa die Hälfte entfällt auf die vermögendsten zehn Prozent: etwa vier Millionen Haushalte. Dort mehrt sich das Vermögen kräftiger, weil sie im Schnitt stärker in Aktien und Fonds investieren als ärmere Haushalte. Am unteren Ende der Skala finden sich laut Bundesbank etwa 20 Millionen Haushalte, auf die nur acht Prozent des Geldvermögens entfallen“, beschrieb der „Spiegel“ diese Schieflage.
Unter der sich in der Regel niemand wirklich etwas vorstellen kann, auch weil solche Beiträge wie im „Spiegel“ dann immer von Sparen und Konsumzurückhaltung schwadronieren. Was mit Vermögensbildung aber schlichtweg nichts zu tun hat. Und schon gar nichts mit der Anhäufung von Millionen- oder gar Milliardenvermögen.
Die Märchen der Reichen
Was wieder damit zu tun hat, dass die wirklich Reichen nicht über ihre Geldanlagen reden. Außer dass Medien wie der „Spiegel“ alle naselang vorwurfsvolle Artikel darüber schreiben, dass die Deutschen so ungern Aktien kaufen. Deutliches Zeichen dafür, dass man sich auch im Hause „Spiegel“ (und anderen Großmedien) weder vorstellen kann, wie es sich mit mickrigen Einkommen und ohne Vermögen in Deutschland tatsächlich lebt.
Und wie die wirklich Reichen ihren Reichtum verstecken, in undurchsichtigen Anlagekonstrukten anlegen und vor allem nur ein Interesse dabei haben: Es immer weiter zu vermehren.
Was schon lange dazu führt, dass man aus eigener Kraft in Deutschland in der Regel nicht reich werden kann. Reich wird man – statistisch betrachtet – geboren. So wie Paula Schwarz, die damit keine guten Erfahrungen gemacht hat. Auch deshalb hat sie sich mit Alexandra Friedmann zusammengetan, die sie ermuntert hat, auch zu erzählen, was der Reichtum ihrer Familie eigentlich mit ihrer Kindheit gemach hat.
Und das Bild, das sich ergibt, ist das Bild eines einsamen Kindes, das zwar in einer Welt aufwächst, in der mit Geld alles möglich gemacht wird. Das aber im Grunde keine Geborgenheit erlebt, dafür die rigiden Ansprüche einer Gesellschaftsschicht, in der die Kinder zu funktionieren haben.
Es ist nicht nur eine kalte Welt, in der oft die Hausangestellten die einzigen Bezugspersonen für die Tochter waren. Es ist auch eine Welt der umfassenden Kontrolle. Etwas, was sich Paula Schwarz erst in der Rückschau so richtig erschließt, wenn sie an die vielen – von ihren Eltern durchgesetzten – Schulwechsel denkt, die immer neuen Verluste gerade kennengelernter Schulkameraden.
Erst in der Distanz erlebt die Heranwachsende, wie es sich ohne die permanente Kontrolle durch die Eltern lebt. Aber sie entwickelt auch Strategien, mit denen sie sich körperlich gegen den Druck der Eltern wehrt, und die sie begleiten bis zu dem Tag, an dem sie beschließt, sich aus dem Korsett ihres Elternhauses zu befreien. Und eben auch herauszufinden, was da eigentlich in ihrem Namen mit ihrem Geld gemacht wird.
Wie man einen Staat plündert
Aber gleichzeitig hat sie sich nach und nach auch eine Welt aus sozialen Initiativen geschaffen, mit denen sie versucht, Unternehmensgründungen zu unterstützen, in denen es nicht um Profit geht, sondern um die Verwirklichung von Ideen, die unsere Gesellschaft besser machen. Und da gibt es jede Menge zu tun. Das wird im Verlauf dieses Buches immer deutlicher. Denn mit ihren Milliardenvermögen nehmen die Superreichen auch seit Jahren immensen Einfluss auf die Politik. Es sind ihre Lobbyisten, die den Ministern auf dem Schoß sitzen und teilweise auch gleich noch die Gesetze schreiben, die von willfährigen Parteien im Bundestag durchgewinkt werden.
Unsere wichtigsten Infrastrukturen sehen nicht deshalb so kaputt aus, weil der Staat mal gerade nicht so viele Einnahmen hat, sondern weil ihm auch das Profitdenken der Superreichen übergestülpt wird. Heißt: Personal einsparen, alles „effizienter“ machen, Gewinne erzielen.
Das hat unser Gesundheitswesen längst schon zu einem Zwei-Klassen-System gemacht, in dem sich die Versorgung der normalen Kassenpatienten immer weiter verschlechtert hat und Kommunen ihre einst bestens funktionierenden Krankenhäuser verloren haben, verkaufen oder schließen mussten.
Auch im Bildungssystem hat das Profitdenken längst Einzug gehalten. Während sich die Lernbedingungen für die Kinder immer weiter verschlechtert haben. Die deutschen Ergebnisse im PISA-Vergleich schmieren nicht grundlos ab: Kinder, die in ihren Lehrerinnen und Lehrern kaum noch vertrauensvolle Führung erleben, schalten ab, vereinsamen und erleben Schule immer mehr als einen Durchlaufbetrieb, in dem es nur noch um eingepaukte Wissensbausteine geht. Aber so lernt kein Mensch. So wird Schule auch nicht zum Erfolgserlebnis.
Die eisigen Visionen der reichen Männer
Aber Paula Schwarz zeigt noch mehr. Denn sie kennt ja die gefühllose Welt ihrer Familie, in der es nur um den schönen Schein und das gut angelegte Geld geht. Sie kennt die Strukturen in den Managements und Aufsichtsräten der großen Konzerne. Auch in Davos durfte sie schon einmal Mäuschen spielen und hat die Herren kennengelernt, die dort ihrer Zukunftsvisionen ausbreiten.
Und es sind keine warmherzigen Visionen, auch wenn Politiker sich hier als „Vertreter der Macht“ inszenieren können. Doch im Grunde zeigen alle Weltwirtschaftsforen, dass die Macht schon lange nicht mehr in den gewählten Regierungen liegt, sondern bei den Reichen und Superreichen.
Und diese Welt ist nicht nur von Männern in Business-Anzügen dominiert. Sie vertritt auch zutiefst patriarchalische Ansichten, die in letzter Zeit nicht grundlos immer mehr Bereiche der Politik durchdringen und ganze Parteien auf einen erzkonservativen Kurs gebracht haben. Milliardenvermögen und Patriarchat gehören zusammen.
Was Paula Schwarz auch als Mädchen früh verinnerlicht und spät begriffen hat. Denn dass ihr Vater mit ihr als Mädchen so umging, hat auch mit den verkrusteten patriarchalischem Strukturen zu tun, die das große Geld um sich errichtet hat. Es sind keine schönen Strukturen. Es sind Strukturen, die krank machen. Paula Schwarz hat es am eigenen Körper erlebt.
Und sie kann mit Alexandra Friedmann eben auch die Fakten aufblättern, wie dieses patriarchalische Denken unsere ganze Gesellschaft krank macht. Eben weil es Menschen auch nach ihren Geschlechtenr sortiert und entsprechend benachteiligt. Man ahnt beim Lesen, dass es mit dieser unheimlichen Macht des schwerreichen Patriarchats im Hintergrund niemals gelingen wird, tatsächliche Gleichberechtigung der Geschlechter zu erreichen. Und auch keine Gesellschaft, die wieder ihren Fokus auf jene Aspekte legt, „die unbezahlbar sind“.
Konkurrenz statt Fürsorge
Also eine Gesellschaft, die wieder Fürsorge betreibt und vor allem auch vorsorgt. Stichwort: Klimawandel. Die heftigen Rollbacks in der deutschen Klimapolitik haben genau hier ihre Ursachen: in einer gnadenlos auf Profit orientierten Schicht von schwerreichen Menschen, denen die Zukunft und der Frieden der Gesellschaft, die sie ausplündern, völlig egal ist. Aber dieses Denken ist kurzsichtig, unfähig, die Vorteile einer Wirtschaftsweise zu begreifen, in der Menschen ihre Chancen verwirklichen können und auch noch gesünder sind.
Ein sehr aktuelles Thema, wie alle Alarmmeldungen der Krankenkassen bestätigen. Nicht nur, dass Frauen nicht die Versorgung bekommen, die sie brauchen. Immer mehr Menschen im überhitzten Wirtschaftsalltag brennen aus, erkranken psychisch, auch weil sie in Jobs feststecken, die keinen Sinn ergeben. Oder in den starren Hierarchien von Unternehmen, in denen die Angestellten wie Verschleißmaterial behandelt werden.
Es erstaunt natürlich, wie auf einmal die vielen Krankheitssymptome in unserer Gesellschaft in ein Bild passen, das die Bürger meist nur als politisches Versagen erleben. Ohne zu sehen, wie dieses Versagen System hat und einer in Wirklichkeit nach wie vor erfolgreichen Wirtschaft die Substanz entzieht.
Auch mit Phrasen, die einem fast täglich in den großen Medien begegnen, wo von Entbürokratisierung, Kosteneinsparung, Steuersenkung usw. geredet wird, ohne dass die Autoren auch nur einen Hinweis darauf geben, dass dahinter die Agenda der Superreichen steckt. Während der Staat mit immer mehr Folgekosten dieser „Sparpolitik“ allein gelassen wird.
Gespaltene Gesellschaft
„Es sollen Kosten gespart, Stimmen gesammelt, Wirtschaftszweige angekurbelt werden – leider wird dabei leicht übersehen, welchen Preis wir als Gesellschaft tatsächlich zahlen. Es geht um Solidarität, Freiheit und Würde – je mehr wir diese Grundfesten verraten, desto teurer wird uns das zu stehen kommen“, schreiben die beiden Autorinnen.
Denn all das führt längst zur Spaltung der Gesellschaft. Die Glaubwürdigkeit der Politik ist im Keller. Und die um ihre schiere wirtschaftliche Existenz bangenden Normal- und Wenigverdiener werden aufgehetzt, die Ursache für ihre Ängste bei den Noch-Ärmeren, Abgehängten und sozial Bedürftigen zu suchen. Die Gesellschaft ist längst gespalten.
Die großen Medien machen eifrig mit, die Ressentiments gegen Bürgergeldempfänger und Migranten zu schüren, deutliches Zeichen dafür, wie verantwortungslos in den Redaktionen dort längst gedacht und geschrieben wird. Ohne Rücksicht auf die Folgen. Denn mit den geschürten Ressentiments wird das Wertesystem unserer Gesellschaft zerstört. „Das Spiel mit Ressentiments ist ein Spiel mit dem Feuer, und wir sind bereits dabei, uns ordentlich die Finger zu verbrennen.“
Auch weil dahinter ein mit Geld gefüttertes Patriarchat seine Regeln setzt. Und das sind sehr alte, rücksichtslose Regeln. Es sind toxische Werte wie „Stärke, Konkurrenz und Schmerzresistenz“, die vor allem Männern eingebläut werden. Ohne dass die meisten ahnen, was für ein kaputtes Männerbild das ergibt. Und wie sie selbst darunter leiden, weil dieses Bild vom Mann kein Vertrauen zulässt, keine Geborgenheit, keinen Moment der Schwäche.
Ohne dass sie dann tatsächlich dafür belohnt werden, dass sie auf menschliche Nähe so völlig verzichtet haben. Aber mit dem Blick in die unheimliche Welt der Schwerreichen wird deutlich, warum uralte Gesellschafts- und Familienvorstellungen wieder auf dem Vormarsch sind: „Geld und Patriarchat gehören zusammen wie ein paar alter, abgetragener Männerschuhe.“
Vergiftete Rezepte
Und so regt die Geschichte von Paula Schwarz gleich auf mehreren Ebenen an, über die aufklaffenden Wunden unserer Gesellschaft nachzudenken, über falsche Machtverteilungen und die Hilflosigkeit einer Politik, welche die „Wert“-Vorstellungen einer schwerreichen Elite zum Inhalt hat.
Und so ist auch die „Hilfe“, die die schwerreichen Teilnehmer der Konferenzen von Davos anbieten, vergiftet. Es sind die giftigen Rezepturen einzig auf Profit bedachter Männer, die nichts ohne Gegenleistung tun. Und ihre eigenen „irrationalen Ziele“ als Allheimittel für eine Welt verkaufen, in der diese Ziele längst unheilvolle Folgen zeitigen.
So wird das ein Buch, das anregt auch darüber nachzudenken, in was für einer Gesellschaft wir eigentlich leben wollen.
Was tatsächlich unsere eigenen Erwartungen sind und nicht die falschen Versprechen einer neoliberalen Ideologie, die uns nun seit 40 Jahren als Allheilmittel angedreht wird, obwohl sie unsere Gesellschaft verarmen und verschleißen lässt, während der gemeinsam erwirtschaftete Reichtum immer nur zu den „Einfluss-Reichen“ und Vermögenden fließt, die ihre geballte finanzielle Macht lediglich dazu nutzen, der Gesellschaft ihr eigenes verbissenes Konkurrenz- und Profitdenken einzuimpfen.
So gehört Paula Schwarz – so wie die österreichische Millionärstochter Marlene Engelhorn – zu den immer öfter sich zu Wort meldenden Millionärskindern, die das Spiel ihrer Familien nicht mehr mitspielen wollen und vor allem eine gerechte Besteuerung der Reichen und Vermögenden fordern. Oft auch einfach die Wiedereinführung von Steuern, die im Sinne der Superreichen von willigen Regierungen abgeschafft wurden.
Alexandra Friedmann, Paula Schwarz „Unbezahlbar“, Ariston, München 2025, 22 Euro.
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