Wie findet man eigentlich echte Freunde, wenn man schüchtern ist wie ein Igel? Oder wie Uno, der Held in dieser Geschichte der schwedischen Kinderbuchautorin Elin Lindell? Ein Junge, wie es eigentlich ganz viele gibt. Der mit seinen Gefühlen kämpfen muss, mit Abweisungen ganz schlecht umgehen kann und auch in der Schule lieber die große, laute Meute meidet. Lieber spielt er allein.
Aber eine Freude gibt es jeden Samstag: Da spendiert sein Papa nämlich jedes Mal zehn Süßigkeiten. Diesmal sogar zwölf.
Denn Roffe liegt im Krankenhaus und wird bald sterben. Roffe ist Unos Stiefopa. Was heuzutage ja auch fast schon das Normale ist: Wer als Kind in modernen Familien aufwächst, erlebt oft mehrere Großväter. Erst recht, wenn die Oma lebenslustig ist und nach und nach mit verschiedenen Männern zusammenlebt.
Nur waren die Männer nach Roffe zwar alle viel jünger. Aber wirklich in guter Erinnerung geblieben ist nur Roffe.
Weshalb Unos Papa den Jungen überredet, mit ins Krankenhaus zu kommen, um Abschied zu nehmen, solange Roffe noch da ist. Es ist also auch eine Geschichte übers Abschiednehmen und Sterben. Auch wenn das Uno eigentlich noch zu viel ist.
Weshalb er lieber ins Wartezimmer geht und dort spielt, während sein Vater an Roffes Bett sitzt. Wie gehen wir mit unseren Gefühlen um? Wie lernen wir, damit umzugehen? Braucht es einfach nur mehr Süßigkeiten, also zwölf statt zehn?
Die Gefühle der Kleinen und der Großen
Oder vielleicht einen Moment, in dem uns andere Menschen überraschen, weil sie uns nicht nur wahrnehmen, sondern so nehmen, wie wir sind? So wie Katjes, die eigentlich Katja-Jessica heißt. Aber alle nennen sie nur Katjes. Und irgendwie geht es ihr genauso wie Uno. Sie ist mit ihren Eltern im Krankenhaus., weil auch ihre Oma hier liegt.
Nur ein paar Zimmer weiter. Aber manchmal sagt einem dann eben der Kopf: Es ist besser, im Wartezimmer zu gucken, ob es da etwas als Abwechslung gibt. Damit die Gefühle einen nicht umhauen.
Und da trifft sie dann eben Uno. Und es passiert, was manchmal in so einer Kindheit eben passiert: Auf einmal merken zwei, dass sie sich prima verstehen, dass da gar nicht die dicke Wand ist, die einen bei anderen Kindern lieber auf Sicherheitsabstand bleiben lässt. Die beiden richten ein richtiges Tohuwabohu an.
Und darüber ist dann der Pfleger Ibrahim überhaupt nicht begeistert. Er schimpft. Im Krankenhaus richtet man nicht so ein Durcheinander an und macht nicht so einen Lärm.
Aber deshalb muss man ja nicht so knurrig sein. Und siehe da: Von Krankenschwester Saynaz erfahren die beiden Kinder, dass bei Ibrahim daheim gerade der Haussegen schief hängt. So ist das manchmal, wenn man wütenden und verärgerten Menschen begegnet. Manchmal ist es ein ganz anderer Ärger, der in ihnen brodelt.
Da geht es den Kindern wie den Erwachsenen. Man muss es nur wissen, dann versteht man es besser.
Unsichtbare Freunde
Und Uno hat Glück: Auch am nächsten Tag besucht er mit Papa Roffe im Krankenhaus. Und wieder ist auch Katjes da. Und beide hinterlassen ein regelrechtes Chaos im Wartezimmer. Nur dass Unos Papa immer so spät kommt, dass er Katjes nicht mehr sieht. So dass Uno jetzt vor dem Problem steht, seinen Eltern zu erklären, wer Katjes ist.
Vieleicht doch nur eine Einbildung? Bilden sich einsame Kinder nicht öfter mal unsichtbare Freunde und Freundinnen ein?
Das tun sie wohl. Aber eigentlich geht es in dieser Geschichte um etwas, was gerade stille und schüchterne Kinder erleben: Dass ihr Selbstwertgefühl sie eigentlich betrügt. Und sie trotzdem für andere Kinder richtig gute Freunde sein können. Nur der erste Schritt muss getan werden.
Und Katjes scheint damit kein Problem zu haben. Vielleicht geht es ihr genauso. Jedenfalls klingt es am Ende so, wenn die zwei sich auf der Beerdigung von Roffe wiederfinden, nachdem Uno schon verfzweifelt versucht hat, Katjas Wohnung in der großen Stadt zu finden.
Manchmal rennt man ja wie blöde durch die Welt und sucht. Und dann genügt ein Zufall, und alles wird wieder gut. Und auch Papa und Mama sehen, dass Katjes keine Einbildung ist. Und ihr Sohn ganz und gar nicht in Phantasiewelten lebt. Und so wird das Ganze – mit einfühlsamem Blick für kindliche Verwirrungen – vor allem eine Geschichte über das Freundefinden.
Also in diesem Fall: Freundinnenfinden. Ein Thema, das auch sensible Erwachsene umtreibt und verrückt oder einsam machen kann, wenn sie die Momente verpassen, in denen eine Katjes oder ein Uno ihren Weg kreuzen.
Freude und Trauer
Und damit steckt in dieser scheinbar kleinen Geschichte eigentlich auch eine große Geschichte, die nicht nur die Schüchternen unter uns betrifft, denen fast immer die Sprache versagt, wenn sie mit neuen Menschen zu tun bekommen. Denn auch für alle anderen gilt ja, dass man im Leben richtige Freundinnen und Freunde finden muss, sich nicht blenden lassen darf oder sich auf den schönen Schein verlassen.
Denn am Ende sind es doch nicht ganz so viele Menschen, bei denen wir – wie Uno – sofort merken, dass sie mit uns tatsächlich auf einer Wellenlänge sind. Und wir nichts erklären müssen, weil alles gut so ist, wie es ist.
Es sei denn, wir verlieren sie, wie es Uno beinah passiert. Und dann hilft nicht mal eine verzweifelte Suche in der großen Stadt, wo einem Menschen verloren gehen können wie eine Nadel im Heuhaufen. Und nicht immer hilft dann der Zufall nach, dass am Ende alles gut wird.
Aber in dieser Geschichte geht es gut aus. Nur für Roffe und Katjes’ Oma nicht. Auch das ist das Leben: Freude und Trauer liegen oft ganz dicht beieinander. So dicht, dass auch Süßigkeiten nicht mehr helfen. Nur kleine Wunder.
Elin Lindell „12 Süßigkeiten und 2 Todesfälle“, Klett Kinderbuch Verlag, Leipzig 2026, 16 Euro.
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