Reclam hat Eva Ladipos Essay zur „Erfindung toxischer Männlichkeit“ in die Taschenbuch-Reihe „Was bedeutet das alles?“ aufgenommen. Der Text hätte auch ein Hardcover verdient. Denn die Journalistin Eva Ladipo legt in ihrem Essay die Wurzeln der Phänomene frei, die derzeit dabei sind, die Demokratie des Westens gnadenlos zu zerstören. Die Wurzeln der völlig enthemmten Wut, die Parteien der Wut mit all ihren zerstörerischen Rezepten in die Parlamente spült. Und die Wut macht blind dafür, woher eigentlich der ganze Zündstoff kommt.

Am Ende geht es um Männer. Es sind vor allem wütende Männer, die den populistischen Parteien ihre Stimme geben. Es sind vor allem Männer, die in deren Fraktionen sitzen. Es ist ein wütender Männerkult, der die Netze überschwemmt. Man kommt gar nicht umhin, sich mit den wütenden Männern zu beschäftigen, wenn man das Phänomen begreifen will.

Und mit den Ursachen der Wut. „Das wahnsinnige Element der Krise, ihr emotionaler Zündstoff, wurzelt also – was später noch offensichtlicher werden wird – in Sex“, schreibt Ladipo gleich zu Beginn ihrer geradezu lustvollen Analyse.

Sex? Natürlich. Es geht um Emotionen, Selbstbilder und Fremdbilder. Und es geht um Ökonomie, alte und neue. Es geht um Feminismus und erfolgreiche Frauen. Und um etwas, was linke Parteien fast völlig vergessen zu haben scheinen: dass Sex und Ökonomie immer zusammengehört haben. Sie begründen Machtfragen und Selbstverständlichkeiten.

Sie begründen erfolgreich und scheiternde Lebensentwürfe. Jeder weiß das, der eine Familie gründen will. Es geht nicht ohne Frauen. Eigentlich auch nicht ohne Männer. Jahrhunderte lang galt: Sie sorgen für den Lebensunterhalt, gehen arbeiten und bringen das Geld heim, um die Familie zu ernähren.

Darauf fußt auch heute noch das Selbstverständnis der meisten Männer und vieler Frauen. Der Job bringt nicht nur Geld, sondern auch Anerkennung. Und er war in der Vergangenheit immer notwendig, um die Familie zu ernähren.

Doch in den vergangenen Jahren haben sich zwei Dinge gravierend verändert, wie Ladipo akribisch beschreibt: Frauen sind nicht mehr die Heimchen am Herd. Im Gegenteil: Sie haben in den vergangenen 50 Jahren Karriere gemacht, sind in die Arbeitswelt eingetreten.

Und zwar nicht als kleine graue Maus, sondern erfolgreich. Sie haben die besseren Bildungsabschlüsse. Sie sind flexibel. Und sie erwerben immer häufiger die Qualifikation für hochbezahlte Jobs, die ihnen auch die Freiheit geben, auf Mann und Kinder völlig zu verzichten.

Bessere Jobs für Frauen, weniger Jobs für Männer?

Nur so nebenbei: Hier liegt einer der Gründe für die drastisch zurückgegangenen Geburtenzahlen in den Ländern des Westens. Frauen brauchen Familie, Kinder und gutverdienenden Ehemann nicht mehr, um ihren Status in der Gesellschaft zu begründen.

Logisch, dass das gerade die Alphamännchen verwirrt. Was ist da los? Mit solchen Frauen haben sie nie gelernt umzugehen.

So weit noch ganz friedlich. Denn diese Kämpfe werden zumeist auch friedlich ausgekämpft. Auf politischer Bühne, wo – hochqualifizierte – Frauen nicht nur besser dotierte Jobs erlangen, sondern auch immer mehr Rechte erkämpfen.

Ohne diese Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt hätte der Feminismus nie solche Erfolge gefeiert. Eigentlich eine positive Entwicklung, auch wenn dahinter ein Fakt steht, der gern vergessen wird: Es ist auch eine vom Markt getriebene Mobilisierung der Frauen, die auf dem Arbeitsmarkt dringend gebraucht werden.

Aber noch etwas ist passiert. Und das schildert Ladipo sehr ausführlich: Denn während die moderne, zunehmend digitalisierte Wirtschaft immer mehr Frauen attraktive Berufsfelder eröffnete, wurden gleichzeitig die Arbeitsfelder von Männern – insbesdondere solcher, die ordentliche Knochenarbeit verlangten – systematisch abgebaut, ausgelagert, abgeschafft wurden.

Millionen einst gut bezahlter Industriearbeitsplätze, die einfach abgewrackt und oft genug nach Fernost verlagert wurden, weil man dort billiger produzieren konnte. Männer, die ordentlich anpacken konnten, wurden immer weniger gebraucht, letztlich zu Millionen freigesetzt.

Überflüssige Männer?

Männer, die gelernt hatten, dass man nur einen „ordentlichen Beruf“ erlernen musste, erfuhren auf einmal, dass sie mit ihrer Muskelkraft gar nicht mehr gebraucht wurden. Das, was ihnen als „Ernährer der Familie“ einmal Stolz und Selbstbewusstsein gegeben hatte, gab es nicht mehr.

Das darf man eine absolute Kränkung nennen. Erst recht, weil sich keiner der Staaten, die dieses Vernichten von Millionen Industriearbeitsplätzen erlebten, je Gedanken darüber gemacht hat, was eigentlich aus all diesen frustrierten Männern wird.

Sie verschwanden einfach aus der öffentlichen Aufmerksamkeit – und kehrten als neues Feindbild wieder: als gewalttätige, lernunfähige, patriarchalische Kerle. Auch noch negativ gelabelt als junge/alte, weiße Männer.

Sie wurden ausgerechnet in der Zeit ausgesondert, als die linken Parteien des Westens dazu übergingen, Identitätspolitik zu ihrem neuen Kampffeld zu machen. Ladipo schildert das alles viel detaillierter.

Aber das Ergebnis lässt sich in allen westlichen Demokratien besichtigen: Die linken Parteien, die – wie die SPD in Deutschland – einmal stolze Arbeiterparteien waren, haben ihre Hauptwählerschaft – die hart arbeitenden Arbeiter – fast völlig verloren.

Und zwar nicht ganz zufällig. Denn die einstigen Malocher fühlten sich nicht mehr vertreten von ihrer Partei. Im Gegenteil: Sie wurden auch noch vor den Kopf gestoßen und fanden sich als Feindbild wieder: ungebildet, sexistisch, gewalttätig.

Die nun wieder!

Selbst schuld?

Ladipo lässt auch die Lügen der Konservativen und Reichen nicht weg, die den derart Aussortierten ja auch noch einreden, sie seien selbst schuld an ihrer Misere, sie müssten sich nur genug anstrengen. Jeder könne Erfolg haben, wenn er sich nur am Riemen reißt. Was natürlich jeder Grundlage entbehrt. Das weiß jeder, der in den Rust Belts des Westens gelandet ist, ohne Job, ohne Rücklagen und – immer öfter – auch ohne Frau und Familie.

Angebote, aus ihrer Misere herauszukommen, gibt es kaum. Sie können sich als Biligjobber verkaufen. Aber damit ernährt man keine Familie. Sie verlieren gerade die beiden Dinge, die für Männer oft das Wichtigste im eigenen Selbstbild sind: einen guten Job und eine attraktive Frau, mit der sie ein Leben aufbauen können.

Ladipo spürt den Gefühlen nach, die all diese aussortierten und abgewerteten (alten weißen) Männer haben müssen. Denn sie haben ja welche. Es sind auch nur Menschen. Doch sie kommen im dominierenden Identitätskurs nicht vor, jedenfalls nicht positiv. Sie sind zum Negativbild geworden. Und zwar als Gruppe, ohne weitere Differenzierung.

Und das hat Folgen. Denn wer sich im gesellschaftlichen Diskurs nicht mehr akzeptiert fühlt, der wird wütend. Und deshalb klassifiziert Eva Ladipo die Parteien, die diese Männer (und in der Regel auch ihre Partnerinnen) dann wählen, nicht als rechtsextreme Parteien, sondern als Wutparteien.

Parteien, die einfach die Wut einer ganz und gar nicht kleinen gesellschaftlichen Gruppe einsammeln, die sich nicht mehr gehört, gesehen und gemeint fühlt. Die eher feststellt, irgendwie auf einmal zu „Bürgern zweiter Klasse“ geworden zu sein.

Wut-Verstärker

Sie sind wütend. Und als Parteien aufkamen, die diese Wut aufnahmen und verstärkten, fanden diese eine dankbare Wählerschaft. Sie brauchen überhaupt keine sinnvollen politischen Programme zu formulieren. Lösungsrezepte für die Krisen der Gegenwart haben sie sowieso nicht.

Was ja Kommentatoren immer wieder verblüfft: In ihren Wahlprogrammen findet man nicht eine belastbare Lösung für die Probleme der Zeit, im Gegenteil: Es sind fast alles Wahlprogramme, die die Reichen und Rücksichts­losen im Land noch reicher machen werden. Also genau jene Leute, die schon davon profitiert haben, dass die so wütenden weißen Industriearbeiter ihre Jobs verloren.

Das gehört zusammen. Eva Ladipo beschreibt es eindringlich: Sex und Ökonomie. Gesellschaftliche Anerkennung im Beruf und die Anerkennung als Mann in einer Welt, in der Frauen immer selbstständiger und unabhängiger geworden sind.

Und wo diese lieber auf Mann und Kinder verzichten, wenn sich das mit ihren Vorstellungen von Karriere nicht (mehr) vereinbaren lässt. Und Lapipo lässt da Deutschland gar nicht außen vor, auch Ostdeutschland nicht, wo der Männerüberschuss in vielen Gegenden unübersehbar ist, weil es in den vergangenen 30 Jahren immer zuerst die gut ausgebildeten jungen Frauen waren, die ihre Koffer gepackt haben und weggezogen sind. Das Verschwinden der Kinder ist dann der nächste Effekt.

Und natürlich steht da die Frage: Welche Partei fühlt sich eigentlich noch für diese abgehängten Männer verantwortlich? Männer, die auch politische Vorbilder suchen. Solche mit Charisma. Die es in der heutigen Politik kaum noch gibt.

Grüne und Sozialdemokraten, so stellt Ladipo fest, „sind noch trockener und sittenstrenger geworden als die Konservativen. Postheroisch nennt man diesen Politikstil, der nicht auf Charisma und Mut, sondern auf betont sachliches Argumentieren setzt, auf Abwägen, Kompromisseschmieden und Bedenkenträgerei.“

Toxische Männlichkeit

Das ist ein Politikstil, der letztlich niemanden begeistert. Erst recht, wenn er rund ein Drittel der potenziellen Wähler einfach ausblendet, weil man dort vor allem das zu erkennen glaubt, was man derzeit als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet, ohne auch nur darüber nachzudenken, dass der Begriff einmal geprägt wurde, um zu beschreiben, wie falsche Männerbilder vor allem Männer gesundheitlich schädigen.

Was die englischsprachige Wikipedia wesentlich deutlicher sagt als die deutschsprachige: Es geht um Depressionen, psychischen Stress, Drogenmissbrauch, weil Männer diesem Bild vom „harten Mann“ nicht genügen.

Auch die harten Männer nicht, um das hier anzumerken. Statt andere, „weiblichere“ Strategien der Konfliktlösungen einzuüben, greifen sie zu – schädlichen – Vermeidungsstrategien. Das war mal mit toxischer Männlichkeit gemeint: ein selbstschädigendes Verhalten, das mit einem falschen Selbstbild verbunden war.

Da könnte man ja dran arbeiten. Aber lieber wird ausgegrenzt und ausgesondert. Und so getan, als würden die so Ausgesonderten dann keine Rolle mehr spielen im gesellschaftlichen Diskurs.

Nur dummerweise melden sich die Ausgesonderten zurück: als Mitglieder und Wähler radikaler Wutparteien.

Fehlende Vorbilder

So leuchtet Eva Ladipo im Grunde in einen Teil unserer Gesellschaft hinein, in dem alte Männerbilder nach wie vor gepflegt und befeuert werden, die aber keine einzige Lösung für die tatsächlichen ökonomischen Realitäten der Gegenwart bieten.

Zum Schluss geht Eva Ladipo auch noch darauf ein, dass inzwischen auch in den demokratischen Parteien die Politiker verschwunden sind, mit denen sich auch männliche Wähler identifizieren können. Es geht um Gefühle und um Identifikation. Meist auch um Heldenbilder und Vorbilder.

Ob wir nun neue Helden brauchen, wie Eva Ladipo andeutet? Man könnte mal drüber nachdenken. Denn wovon populistische Parteien ganz offensichtlich profitieren, sind Gefühle. Entfesselte Gefühle, entfesselte Wut, die sich gegen alles richtet – gegen Frauen, Gesellschaft, Minderheiten, Feminismus, Demokratie, Establishment und was der Feindbilder mehr sind.

Alles wird in einen Topf geschmissen. Hinter völlig entfesselten Typen versammeln sich die Wütenden. Auch wenn sie nicht wissen, wie das alles gelöst werden soll, wer da vielleicht mal eine rettende Idee haben könnte.

Dazu wären – das stellt Ladipo mehrfach fest – eigentlich die ursprünglich linken Parteien prädestiniert. Wenn sie sich denn wieder als Sachwalter auch der Männer (und letztlich auch Frauen) verstehen würden, die sich in der wirtschaftlichen Entwicklung immer öfter als Verlierer wiederfinden.

Im doppelten Sinn, wie Ladipo mit Verweis auf die zunehmend souveränere Rolle der gut gebildeten Frauen feststellt. Ein Essay, der zum Nachdenken anregt und dabei deutlicher wird als so viele andere Bücher zu den rumorenden Geschlechterverhältnissen der Gegenwart, die meistens die Ökonomie ausblenden.

Die eben alles bestimmt, auch das Selbstverständnis von Männern, die morgens aus dem Haus gehen, um Geld für ihre Familie zu verdienen. Nichts entzieht ihrem Stolz derart die Grundlage, wenn sie genau das nicht mehr können.

Eva Ladipo Not am Mann Reclam, Stuttgart 2026, 8 Euro

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