Weimar, das ist nicht nur Bauhaus: Das ist auch das „Mechanische Ballett“ von Kurt Schmidt von 1923, der ebenso zum Bauhaus-Kreis gehörte wie Lászlo Moholy-Nagy, der mit Synthesen von Form, Bewegung, Ton, Licht und Farbe experimentierte. Alles ganz lang her, könnte man sagen. Die Bauhäusler mussten ja bekanntlich in Weimar ihre Zelte abbrechen. Doch ganz vergessen war ihr Wirken auch 1980 noch nicht. Eine Gruppe von vier jungen Musikern knüpfte an die verschüttete Tradition an und machte Weimar zu einem richtigen Brennpunkt moderner, experimentierfreudiger Musik.
Die vier nannten sich Ensemble für Intuitive Musik Weimar (EFIM). Und bis heute sorgen sie – nicht nur in Weimar – für das Erlebnis spannender Klangerfahrungen mit ungewöhnlichen Instrumenten. Dabei knüpfen sie auch an Dada an, nehmen Anregungen von Ernst Jandl auf und haben vor allem in DDR-Zeiten schon die Kontakte zu Karlheinz Stockhausen geknüpft, der im deutschsprachigen Raum ja geradezu zum Synonym für moderne, experimentelle Musik geworden ist.
Leipzig hat ja bekanntlich in der Intendanz von Udo Zimmermann am Opernhaus zwei Inszenierungen von Stockhausen-Kompositionen erlebt. Aber auch das ist schon Geschichte.
Freilich umso ausgefallener ist es natürlich, das Ensemble EFIM durch die DDR-Zeit zu begleiten, wo diese Art, Musik intuitiv zu organisieren und bis zu den Wurzeln des sinnlichen Musikerlebens zurückzugehen, nicht wirklich gern gesehen wurde.
Das Kunstverständnis der Funktionäre war ja bekanntlich ein zutiefst klassisches. Und Experimente wie die von Michael und Matthias von Hintzenstern sowie Hans Tutschku und Daniel Hoffmann, die 1980 EFIM gründeten, wurden – um es vorsichtig zu benennen – sehr argwöhnisch betrachtet. Und überwacht sowieso. Auch wenn die Zuträger der Stasi mit dem, was die vier Musiker da anstellten, in der Regel nichts anfangen konnten.
Fäden zum Bauhaus
So gesehen war auch das ein wenig von jenem Geist der Widerständigkeit, mit dem kreative DDR-Bewohner den herrschenden Kanon infrage stellten und Weimar zu einem – auf neue Art – besonderen Ort machten. Dass sie auch damals schon durch die DDR reisten und vor allem in Kirchen ihre Musik zu Gehör brachten, kann man dem Anhang entnehmen.
Es ist ein sehr persönliches Buch, das Michael von Hintzenstern hier zusammengestellt hat – nicht nur mit ausführlichen Kapiteln zur Entstehung von EFIM und zur Kontaktaufnahme mit Karlheinz Stockhausen, dessen Kompositionen sie als Erste in der DDR zu Gehör brachten. Er wurde auch zu einer Art Mentor und Partner für das Weimarer Musikprojekt, mit dem ein modernes Musikverständnis auch im kleinen Ländchen DDR Fuß fassen konnte. Natürlich eher ein wenig abseits der offiziellen Musikpflege. Aber wer in den 1980er Jahren die Parkkonzerte am Schloss Belvedere erlebte, dürfte sich tatsächlich ein wenig gefühlt haben, als hätte jemand ein Fenster in die Welt geöffnet.
Und in die Vergangenheit natürlich. Denn hier wurde ja erlebbar, dass die Gedanken der Bauhaus-Künstler mehr waren als nur das Schaffen architektonischer Räume. Und wie das so ist, machten sich auch in der DDR am Ende Veränderungen bemerkbar, die 1988 z.B. den Beginn des Weimarer Festivals „Tage Neuer Musik“ ermöglichte, das die Klassikerstadt bis 2021 erfreute.
Und nahe bei Weimar – in der Kirche von Denstedt mit ihrer schon von Liszt gespielten Orgel – fand EFIM eine Art Heimstatt und Werkstatt für Experimente. Das vergisst sich alles so schnell in Zeiten, in denen scheinbar alles (wieder) möglich ist und kein staatliches Reglement die Musik in erwünscht und nur geduldet teilt.
Experiment und Provokation
Michael von Hintzenstern hat das Buch mit lauter Fotos aus der Geschichte der vier Musiker gespickt, dazu auch zahlreiche Berichte aus Zeitungen der DDR gepackt, die trotz alledem auch über dieses ganz besondere Musikprojekt berichteten, auch wenn das eher nur in nicht so parteinahen Zeitungen geschah. Oder erst viele Tage nach einem Konzert, wenn sich die Redaktion endlich traute, den Erlebnisbericht mit in den Kulturteil zu rücken.
Und die Vier blieben in Weimar auch nicht allein, sondern fanden auch Partner, die ihrerseits Wege suchten, den Provokationen moderner Musikexperimente nachzuspüren – so wie der Absurde Chor Weimar oder die beiden von Michael von Hintzenstern mitgetragenen Projekte Duo Klangzeichen und Trio Klangzeichen.
Das ganze Buch ist auch eine Erinnerung daran, dass es in der DDR ganz verschiedene Versuche gab, den starren Formenkanon der offiziellen Musikpolitik aufzubrechen. Und dass es dafür auch ein aufnahmefreudiges Publikum gab. Und das Buch erzählt eben auch davon, dass mit dem Ende der DDR ganz und gar nicht Schluss war, sondern Weimar auch in den folgenden Jahrzehnten ein Ort für experimentelle und – wenn man an die Dada-Rezeption denkt – auch provokante Musik war. Es war auch die Zeit, in der dann die Zusammenarbeit mit Karlheinz Stockhausen intensiviert werden konnte und das Goethe-Institut den Musikern Reisen um den ganzen Globus ermöglichte.
Und immer im Kern der Arbeit der Vier: die intensive Beschäftigung mit elektronischer Musik, die ja das Spektrum dessen, was man mit Musik alles ausprobieren konnte, gewaltig erweiterte. Und einige Projekte überschritten dann folgerichtig auch die Grenzen hin zur Literatur und zur bildenden Kunst. Womit sich ja der Kreis schloss zu den Ansätzen der Bauhaus-Künstler, die immer grenzüberschreitend gearbeitet haben und dieselben Prinzipien, mit denen sie den Kunstkanon aufbrachen, auch auf Text und Musik ausdehnten.
Ungewöhnliche Orte
Für die Weimarer wird das alles nicht neu sein. Sie waren ja die ganze Zeit im Brennpunkt des Geschehens, konnten EFIM direkt vor ihrer Nase erleben. Aber auch sie werden mit einem gewissen Staunen durch die reicxe Materialsammlung blättern, die Michael von Hintzenstern hier aufgetan hat. Denn diese 44 geschilderten Jahre erzählen nicht nur von einem außergewöhnlichen Durchhaltevermögen, sondern auch von der Intensität, die vier Musiker in ein gemeinsames Projekt stecken konnten, das ganz bewusst eine der wichtigsten Weimarer Traditionen aufgriff und fortsetzte.
Und nicht nur bei Dada andockte, sondern auch bei Fluxus. Die kleine DDR also in die aktuellen Kunstströmungen des Westens einklinkte. Und dabei auch Aufführungsorte fand, die das Ungewöhnliche dieser Musik erst recht spürbar machten – ob nun in der Parkhöhle im Weimarer Goethepark, auf einem Lavafeld in Mexiko oder im Kalibergwerk Sondershausen.
Immer ging es um das – neue – Wahrnehmen von Klängen, Sound-Landschaften. Für viele Jüngere dürfte das Buch eine echte Entdeckung sein, dass es auch so etwas gab in der DDR. Und wie sehr es verbunden war mit dem Beharrungsvermögen von vier Musikern, die von Anfang an der Überzeugung waren, dass man den frühen Beginn in Weimar nicht vergessen dürfe und eine Musik ermöglichen muss, die erst im Moment der Aufführung entsteht und gerade deshalb sehr persönliche Entdeckungen ermöglicht.
Ein Segeln mit Klangschiffen, wie es Stockhausen nannte, der sich bei EFIM bestens aufgehoben fühlte.
Michael von Hintzenstern „Klänge des Augenblicks“, Klang Projekte Weimar e.V., Weimar 2024, 44 Euro.
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