Der Untertitel dürfte für ein paar Irritationen sorgen. Denn man findet in Elmar Schenkels großer Tour-de-Nietzsche natürlich keine 80 Übermenschen. Und es geht auch gar nicht darum, welchen Kunstfiguren Nietzsches Übermensch als mögliche Vorlage gedient haben dürfte. Wenn man allein das Hollywood-Kino der letzten 30 Jahre betrachtet, kommt man schnell auf deutlich mehr als 80 solcher Supermänner und Superfrauen. Nur dass sie eigentlich nichts mehr mit Nietzsches Idee zu tun haben. Und schon gar nicht mit der weltweiten Rezeption des Pfarrerssohns aus Röcken.

Dafür gibt es derzeit wohl auch niemanden, der so fundiert die ganze Wirkungsgeschichte von Nietzsches Büchern und Gedanken seit 1862 nachzeichnen kann wie den emeritierten Professor für Englische Literatur der Uni Leipzig, der auch Gründungsmitglied des des Nietzsche Vereins Röcken ist und zuletzt Nietzsches „Die fröhliche Wissenschaft“ im Kröner Verlag herausgegeben hat.

Aber natürlich gehört der Übermensch zum Kernbestand dessen, womit Friedrich Nietzsche seit über 150 Jahren für Gesprächsstoff sorgt, für immer neue Interpretationen, Irritationen und Missverständnisse. Der Mann regt noch immer auf. Ge- und missbraucht wurde er ebenso. Das fing ja bekanntlich schon mit seiner Schwester Elisabeth an, die ihren Bruder geradezu zum deutschen Kriegstreiber, Nationalisten und am Ende gar zum Vorbild der Faschisten stilisierte. Obwohl Nietzsche nichts ferner lag als ein deutscher Nationalismus.

Anreger Nietzsche

Nur ist sein Werk gespickt mit Steilvorlagen, die den Diktatoren und Herrenmenschen des 20. Jahrhunderts willkommene Slogans für ihr mörderisches Tun waren. Elisabeth Förster-Nietzsche diente das Werk ihres Bruders den beiden Diktatoren Mussolini und Hitler geradezu an. Im ersten wie im Zweiten Weltkrieg galt Nietzsche dann geradezu als der Verursacher dieser Katastrophen. Und fand trotzdem auf beiden Seiten immer auch Verteidiger.

Denn – wie so schön gesagt wird: Bei Nietzsche kann wohl jeder das passende Zitat für seine Ansichten finden. Und das liegt weniger daran, dass Nietzsche so etwas wie eine praktikable Philosophie geschaffen hat. Was er schuf, ist im Grunde ein riesiges poetisches Werk, in dem er nicht nur immer wieder auch moralische Grenzen überschreitet, sondern auch versucht, sein Unbehagen an seiner Zeit, dem späten 19. Jahrhundert und ihrer vorherrschenden Moral zu artikulieren.

Denn das ist ja die Welt, die sein Zarathustra völlig angeekelt verlässt, die gestürzt werden soll, deren Werte allesamt umgewertet werden sollten. Woran sich dann ja bekanntlich die wildesten Denker des 20. Jahrhunderts in immer neuen Anläufen versuchten. Gerade die französischen Denker von Foucault bis Deleuze waren von Nietzsches Ideen beeinflusst. Sie bedienten sich in diesem kolossalen Bergwerk genauso emsig, wie es die amerikanischen Essentialisten taten.

Aber selbst Sartre und de Beauvoir wurden durch das Lesen von Nietzsche angeregt. Und Simone de Beauvoir stellte eine Frage, die garantiert auch den Bärtigen aus Sachsen verblüfft hätte: Kann es sein, dass in diesem Übermenschen nicht nur der Über-Mann steckt, sondern auch die Über-Frau? Die sich emanzipierende Frau, die sich aus den Fesseln alter, hemmender Konventionen befreit?

Nietzsches Liebe zur lebendigen Welt

Es ist nicht die einzige Stelle in Schenkels Reise durch die weltweite Nietzsche-Rezeption, an der deutlich wird, dass Nietzsches Werke vor allem dazu anregen, aus erstarrten Denk-Konventionen auszusteigen, die Welt einmal anders zu sehen – für gewöhnlich aus der Position des Außenseiters, der die gelebten Selbstverständlichkeiten seiner Zeit infrage stellt.

Auf einmal entdecken asiatische Denker Nietzsches Nähe zum Buddhismus, arabische eine Chance, den Islam zu öffnen, Umweltschützer Nietzsches tief verwurzelte Liebe zur lebendigen Welt – die sie dann natürlich als Mahnung verstehen, diese Welt zu bewahren. Nietzsche als Umweltschützer?

Warum nicht?

Elmar Schenkel macht etwas, was auf völlig andere Weise faszinierend ist als das Zusammensammeln von 80 möglichen Supermännern: Er erzählt – Jahr für Jahr – die wichtigsten Ereignisse zur Wirkungsgeschichte Nietzsches, stets mit Blitzlichtern auf die Länder, in denen gerade wieder Bedeutsames in Sachen Nietzsche geschah. Oft genug fällt der Blick dabei auf weltbekannte Autoren von Camus und Sartre über Borges und Chesterton bis zu Astrid Lindgren und Thomas Mann, der ja bekanntlich mehrfach Nietzsche zum Thema machte oder – wie im „Dr. Faustus“ – zum literarischen Motiv.

Und während die Nazis den „Herrenmenschen“ Nietzsche für sich reklamierten, lasen die Gegner des faschistischen Denkens „Die fröhliche Wissenschaft“ und entdeckten darin eine Feier von Sinnlichkeit und Freiheit, Lebensbejahung und vor allem ein lebendiges Europäertum. Denn Nietzsche verachtete die Nationalisten, die deutschen ganz besonders.

Dafür liebte er die Franzosen und fühlte sich in Italien besonders wohl, wo seine wichtigsten Werke entstanden. Womit man unweigerlich wieder in Turin landet und bei de Chirico, der sich in seinen traumhaften Platzlandschaften wohl auch von Nietzsche anregen ließ.

Feier des Lebens

Und spätestens in „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ stießen seine Leser auf seine Feier des Dionysischen als Gegensatz zu einer als nur noch rationalen und verklemmten Gegenwart, die alles Lebendige erstickte. Oder in kleinlichem Konsum- und Erfolgsdenken ertränkte. Der eine Nietzsche, der gar die Zucht des Übermenschen propagierte, scheint zu diesem Dichter der dionysischen Lebenslust einfach nicht zu passen.

Und so verändert sich auch die Nietzsche-Rezeption in den über 150 von Schenkel furios durcheilten Jahren immer wieder. Finden sich Skandinavier wie Strindberg und Bergson in Nietzsches Denken wieder, sehen die einen den Wahnsinn des Dichters, der sich zum wilden Propheten aufschwang, andere werden von der kosmischen Lebenslust gefangen genommen, die sie in Nietzsches wuchtigen Bildern finden.

Und etliche Interpreten beschäftigten sich natürlich auch mit diesem Nietzsche selbst, der im „Tod Gottes“ ja auch den unübersehbaren Verlust von Gläubigkeit und Sinnlichkeit in seiner Zeit konstatierte, in der der Protestantismus längst zu einer kalten Religionsausübung geworden war, die nichts mehr mit Verheißung oder Ekstase zu tun hatte. Sein Dionysos war auch ein vehementer Protest gegen eine gefühllos gewordene Epoche.

Und je mehr man sich durch die Jahre liest und die immer neuen Ansätze von Autoren in Ost wie West, umso deutlicher wird, dass sich dieser Friedrich Nietzsche eigentlich mit den moralischen Grundproblemen unserer Zeit beschäftigt hat. Mit der Lebensverachtung und der falschen Moral einer Gesellschaft, die nur noch Konsum und Profit zu ihren täglichen Götzen macht. Und damit eine Art platten und verlogenen Kollektivismus, der nichts, aber auch gar nichts mit gelebter Gemeinschaft zu tun hat.

Umarmung der Welt

Was dann freilich auch wieder Nietzsche vorgeworfen wurde: Wo ist bei ihm die Feier menschlicher Gesellschaft? Eine Frage, die durchaus berechtigt ist, wäre da nicht Nietzsches immer wieder neu formulierte Forderung: Werde du selbst! Werde, der du bist. Werde ein vollwertiges Individuum, das sein Leben bejaht. Und nicht nur das eigene, sondern die lebendige Welt überhaupt.

Immer wieder erscheint so auch Nietzsches verzweifelte Umarmung des von seinem Kutscher geprügelten Pferdes. Als stünde dieses Bild für Nietzsches komplettes Schaffen. Genauso wie seine intensiven Beziehungen zu Lou Andras Salomé und Malwina von Meysenburg für etwas, auch für seine Zeit Unerhörtes: die auch intellektuelle Liebe zu geistreichen und unabhängigen Frauen.

Womit man wieder bei Simone de Beauvoir wäre: Steckt in diesem Übermenschen nicht in Wirklichkeit die Sehnsucht nach dem endlich emanzipierten Menschen, der sich nicht mehr von falschen Propheten für dumm verkaufen lässt? Der sich seiner eigenen schöpferischen Möglichkeiten bewusst wird? Ein Punkt, der ja hunderte nicht nur europäischer Künstler seit 1888 angeregt hat, dem Jahr, als vor allem die Arbeit eines Georg Brandes dafür sorgte, dass Nietzsche europaweit wahrgenommen wurde.

Es ist das Jahr, in dem Nietzsche mit seinem „Ersatzvater“ Wagner abrechnete und in dem er an „Der Antichrist“ und „Umwertung aller Werte“ arbeitete.

In lustfeindlichen Zeiten

Am Ende staunt man nur noch, wer alles sich zeitlebens intensiv mit Nietzsches Schriften auseinandergesetzt hat, wie diese Schriften Einfluss auf die Denker des 20. Jahrhunderts nahmen und Perioden der öffentlichen Verdammung des Mannes immer neue Wellen folgten, in denen Teile von Nietzsches Denken eine Flut von neuen Büchern, Streitschriften, Neuansätzen hervorbrachte.

Gerade deshalb, weil Nietzsches Denken eben nicht systematisch war, sondern – so könnte man es betrachten – ein furioser und vor allem literarischer Versuch, dem Unbehagen an seiner Zeit etwas entgegenzusetzen, ein anderes Bild vom Menschsein. Oder von der Selbstbehauptung in verengten und lustfeindlichen Zeiten.

„Sein Denken ist brisant“, schreibt Elmar Schenkel im Vorwort. Gerade weil es mit den für selbstverständlich und ewig erklärten Konventionen bricht. Aber etwas wird deutlicher, je mehr Schenkel den Gründen nachgeht, warum Menschen sich von Nietzsches Schriften anregen ließen: „Der dichtend denkende Nietzsche, der die Menschen in ihrer seelischen Verfassung anspricht, ist jedoch der weitaus wirksamere, und dies gilt insbesondere weltweit.“ Mit euphorischer Zustimmung und vehementer Ablehnung, wenn man etwa an Lew Tolstoi denkt.

Seine Reise, so betont Schenkel, sei natürlich unvollständig und lückenhaft. Auch wenn er in dieser Komplexität erstmals zeigt, wen und was alles Nietzsche im Verlauf der letzten 150 Jahre alles angeregt hat. Immer ein Störenfried, ein Aufstörer und Verstörer, der – oft in aphoristischer Knappheit – Selbstverständlichkeiten einfach so infrage stellte. Einfach so, darf man sagen. Denn im Unterschied zu Hegel und Kant und anderen deutschen Denkern hat er nie versucht, ein komplettes System auf die Beine zu stellen.

Er hat – das darf man sagen – aus tiefster persönlicher Betroffenheit reagiert und dabei manches vorweggenommen, was dann später bei Freud und Jung wieder auftauchte. Weil es ihm eben nicht um ein komplettes Weltbild ging, sondern um ein Erfassen der bis heute oft genug quälenden Tatsache, wie Menschen eigentlich ein eigenes, ganzes und lustvolles Leben leben können in einer Gesellschaft, die alles, aber wirklich alles, zur billigen Ware gemacht hat.

Auch das ein Abschweif, sicher. Aber Schenkels Buch ist letztlich ein kompaktes Angebot an alle, die immer schon wissen wollten, wen dieser Friedrich Nietzsche mit seinen verrückten Werken alle angeregt hat, die alten Denkbahnen zu verlassen und über die Welt mit neuer Unverfrorenheit nachzudenken.

Elmar Schenkel „Nietzsche global“ Kröner Verlag, Stuttgart 2025, 25 Euro.

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