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Extremismus in deutschen Schulbüchern

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    Unsere Nachrichten sind voll davon. Wenn man der dort getroffenen Auswahl folgt, wird unsere Welt nur noch von Extremisten und Terroristen in Angst und Schrecken versetzt. Die Wortwahl hat sich seit 2001 deutlich radikalisiert. Und das sorgt nicht nur für völlig falsche Gewichte in den Medien. Selbst in den Schulbüchern hat oft eine erschreckend simple Sicht auf diese Phänomene Einzug gehalten, stellt das Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung fest.

    Was kein Zufall ist. Es wird zwar emsig diskutiert, wie politikfrei Schule eigentlich sein soll. Aber spätestens wenn es an die Einordnung von Geschichte und Zeitgeschehen geht, wird es hochpolitisch. Die Schulbuchautoren leben ja in keiner abgeschotteten Welt. Und sie müssen die Heilserwartungen diverser Kultusministerien erfüllen, die die Lehrbücher absegnen. Und allein schon die Existenz solcher Abhängigkeiten sorgt dafür, dass auch brisante Themen in den Schulbüchern durch eine zumeist sehr eindeutige politische Brille betrachtet werden.

    Am 14. Dezember 2018 präsentierte das Georg-Eckert-Institut – Leibniz-Institut für internationale Schulbuchforschung (GEI) in Berlin die Ergebnisse einer Analyse von Schulbüchern und Lehrplänen zum Thema Extremismus. Geschichts- und Sozialkundebücher aller 16 Bundesländer wurden daraufhin analysiert, ob darin Extremismus thematisiert ist, welche Formen präsentiert werden und was problematisch ist und verbessert werden könnte. Die entstandene Publikation „Preventing Violent Extremism through Education (PVE-E)“ von Dr. Eleni Christodoulou und Dr. Simona Szakács, Wissenschaftlerinnen am GEI, ist als Open-Access-Veröffentlichung verfügbar.

    Wie thematisiert man Gewalt im Schulunterricht?

    Der Bildungsbereich spielt bezüglich der Prävention von extremistischer Gewalt eine wichtige Rolle. Insbesondere Lehrpläne und Schulbücher können Inhalte, Ziele und Methoden umfassen, die spezifisch dafür entwickelt wurden, das Aufkommen von Extremismus zu verhindern, der zu Gewalt führen kann. Darstellungen von gewalttätigem Extremismus kommen am häufigsten dort vor, wo die Rede von „Terrorismus“ oder von „Extremismus“ in ihren unterschiedlichen Kontexten ist.

    Die Behandlung des Themas in den Schulbüchern erfolgt daher in zwei „Begriffswelten“. Und schon da wird sichtbar, wie sich die Sichtweise verschiebt.

    Die Wissenschaftlerinnen des GEI fanden heraus, dass das Thema „Terrorismus“ überwiegend international verortet und nur sporadisch auf Deutschland bezogen wird. Auf der inhaltlichen Ebene steht die Bedrohung der globalen Sicherheit, manchmal auch der inneren Sicherheit im Zentrum; die Erörterung selbst ist für die Schülerinnen und Schüler oft zu abstrakt und von ihrer Alltagswirklichkeit abgehoben.

    „Unter den verschiedenen Formen wird am häufigsten der islamistische Terrorismus angesprochen, dessen Komplexität und interne Differenzierung sowie die umstrittenen Begrifflichkeiten jedoch weder diskutiert noch problematisiert werden“, erläutert Dr. Eleni Christodoulou. „Wir haben festgestellt, dass Extremismus ausnahmslos als eine Bedrohung der inneren demokratischen Ordnung angesehen wird. Dabei werden häufig Verbindungen zwischen Geschichte und Gegenwart hergestellt und das Thema mit Blick auf die Relevanz für die Schülerinnen und Schüler aufbereitet. Am häufigsten wird Extremismus in Form von Rechtsextremismus thematisiert. Spezifische Formen wie die Islamfeindlichkeit werden jedoch weitgehend ausgespart.“

    Und wie schützt man die Gesellschaft vor extremistischer Gewalt?

    Darüber hinaus zeigte die Analyse, dass der Ausdruck „Prävention von gewalttätigem Extremismus“ in keinem der ausgewerteten Lehrplandokumente und Schulbücher auftaucht. Es gibt jedoch Inhalte, um die Prävention von gewalttätigem Extremismus durch Bildung voranzubringen. Verschiedenen Formen von Extremismus, die zu Gewalt führen können, z. B. rechtsradikaler, linksextremistischer und islamistischer Extremismus, werden entweder separat oder in Kombination ausführlich thematisiert. Im Fach Geschichte sind die häufigsten PVE-relevanten Inhaltsthemen der Nationalsozialismus, Deutschland im Kalten Krieg und die Welt nach dem Kalten Krieg.

    In den Sozialkundefächern sind die Themen mit PVE-E-relevanten Inhalten meist Demokratie, Menschenrechte und die grundlegende Verfassungsordnung, Konfliktlösung sowie Frieden und Sicherheit.

    In einigen Fällen eröffnen Lehrpläne und Schulbücher Schülerinnen und Schülern die Gelegenheit, sich aktiv mit den Mitteln der Terrorismusbekämpfung oder mit dem Argumentieren gegen extremistische Sichtweisen zu befassen. Um dies anschaulich zu machen, werden in der Studie Beispiele guter und problematischer Praktiken aus den insgesamt 137 analysierten Schulbüchern vorgestellt.

    Die eigentliche Studie ist dann mal wieder auf Englisch gefasst, eine Unsitte, die einen wirklich langsam fragen lässt: Für wen schreiben eigentlich deutsche Forscher? Für die eigentlich in diesem Fall betroffenen Lehrer, Schulbuchautoren und Ministerien ganz bestimmt nicht.

    Die Studie selbst wird noch deutlich differenzierter, etwa wenn sie die guten Ansätze, den Schülern Phänomene wie Extremismus und Terrorismus zu erklären, neben schlechte Beispiele stellen. Eine gute Praxis ist es zum Beispiel, diese Phänomene in den historischen Kontext zu stellen und eben nicht in willkürlich ausgewählten Einzelbeispielen abzuhandeln. Und vor allem, die Schüler darüber debattieren zu lasen und ihnen nicht alles aus einer dominanten Position heraus überzuhelfen.

    Geht es wirklich nur um individuelle Faktoren als Auslöser?

    Wobei am Ende auch ein nicht allzu leiser Zweifel bleibt, ob die Studienautoren wirklich selbst objektiv sind, wenn sie versuchen zu erklären, wie jemand (in jungen Jahren) zum Extremisten werden kann: „There are many factors, individual and societal, that can increase propensity towards violent extremism: family values, media depictions, peers and many grievance-causing issues such as economic deprivation, feelings of exclusion and mental illnesses, to name but a few.“

    Da begegnet einem wieder die heute in Medien und Politik herrschende Auffassung, extremistisches Verhalten werde durch einzelne, vor allem persönliche „Faktoren“ ausgelöst. Als wäre es nur das Problem ein paar desorientierter junger Leute und nicht das ganzer Gesellschaften, die – wie man so schön sagt – den „Nährboden für Extremismus“ bieten, also gesellschaftliche Grundlagen für Radikalisierung, Ausgrenzung, Abwertung und Gewaltaffinität. Denn es sind komplexe Phänomene, die eben nicht nur mit persönlichen Affinitäten zu tun haben, sondern mit sehr konkreten Bedingungen, die Radikalisierungen geradezu befördern. Die Entstehung des IS im Nordirak war geradezu ein Musterbeispiel dafür.

    Und in Deutschland gehört das Wissen um extremistische Einstellungen in weiten Bevölkerungsteilen (siehe Leipziger Autoritarismus-Studien) unbedingt dazu.

    Solange Lehrbücher Extremismus als die „Krankheit“ einiger weniger anfälliger Persönlichkeiten behandeln, wurde das Phänomen wohl wirklich noch nicht begriffen. Was eigentlich schon deutlicher wird, wenn man die wirklich sachkundigen Bücher zu einzelnen „Terrorzellen“ liest – die konnten nämlich allesamt nicht operieren ohne ein größeres Unterstützernetzwerk im Hintergrund. Extremismus ist immer nur die Spitze des Eisbergs, das, was für Schlagzeilen sorgt. Der Rest verschwimmt im Grau einer Gesellschaft, die gern so tut, als sei sie gar nicht radikal – nur ein bisschen homophob, rückwärtsgewandt und im Ernstfall bereit, auch mal „ein bisschen Gewalt“ zuzulassen. Oder wie wäre es mit dem sogenannten „Trauermarsch“ in Chemnitz und der für alle sichtbaren und durchaus seltsamen Kuschelnähe „besorgter“ Bürger zu lauter gewaltbereiten Rechtsradikalen?

    Das unglückliche Innere unserer Gesellschaft

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