Lehrer-Leben (1): Caipi für die faulen Ferien-Säcke

„Lehrer brauchen Liebe“ titelte das evangelische Magazin Chrismon im Januar. Ist dem so? Warum denn ausgerechnet Lehrer? Sie wissen schon, das sind die hier: vormittags Recht, nachmittags Faulenzia, Ferien bis das Badehandtuch stinkt und ein Arbeitszimmer voller Ordner: Hurra, ich unterrichte morgen zum 135. Mal dieselbe Stunde. Die brauchen mehr Liebe? D i e? Ach, ich weiß nicht. Weniger Vorurteile wären schon gut. Mich muss keiner lieben, aber ich will mich auch nicht für meinen Beruf und dessen Vorzüge rechtfertigen müssen. Es kann ja immerhin jeder Lehrer werden. Und was bedeutet schon Vorzüge? Ich gehe gar nicht so gern baden.

Trotzdem habe ich mir schon den sechsten Caipi reingezogen. Der 10-Uhr-Zug ist ja immerhin schon lange durch. Zeit, um auf dem Balkon mal endlich auch vormittags die Beine hochzulegen. Schule am Vormittag kann im Laufe eines Schuljahres regelrecht lästig werden, zumal bei den Temperaturen. Eigentlich habe ich ja nie wirklich Lust. Das Lehramtsstudium war eher so eine Notlösung. Gut bezahlter Job, viel Urlaub, am Ende eine gute Rente und wenig arbeiten.

Im Büro war es mir zu anstrengend geworden. Da gab es kein hitzefrei. Der Chef hat sich während des Jahrhundertsommers 2003 mal herabgelassen, mehrere Sechserpacks feinstes Mineralwasser pro Büro springen zu lassen. Ein echter Gute-Laune-Bär eben. Und dann diese Arbeit, die man nicht mit nach Hause nehmen konnte. Erst um 9 Uhr im Büro sein. Wenn meine Kollegin frei hatte, konnte ich mich sogar erst 09:30 Uhr in Schlafposition schmuggeln. Ein schlimmes Leben war das. Ich habe mich ernsthaft geschämt dafür. Noch heute frage ich mich, was ich an den Abenden gemacht habe.

Die Befürchtung liegt nahe: Ich muss wohl selbst Sonntagabend Freizeit gehabt haben. Keine Ahnung, wie ich den Horror überstanden habe. Urlaub konnte ich ja sowieso immer nehmen. Musste bloß jemand sagen, dass er meinen Muddlich übernimmt. Heute kann ich die Kinderbetreuung ganz selbstbewusst meiner Frau aufs Auge drücken, wenn die Tagesmutter in die Sonne fliegt. Besser geht’s nicht, als liebender Familienvater. Getrennt Urlaub machen. Ein Hochgefühl der Glückseligkeit. Wie war das nur früher: Am Strand liegen, wenn andere nicht fahren können. So konnte es nicht weitergehen. Na ja. Und so bin ich dann eben Lehrer geworden.

Einfach mal die Beine hochlegen. Foto: Marko Hofmann

Einfach mal die Beine hochlegen. Foto: Marko Hofmann

Weil der Staat mich nicht wollte, bin ich nun an einer freien Schule.

Freie Schule? Bin ich echt an einer freien Schule? Ist mir noch gar nicht aufgefallen. Die machen ja gar nicht, was sie wollen. Die sind ja zumindest durchschnittlich interessiert. Keiner tanzt seinen Namen, niemand sitzt lieber auf der Couch oder geht in die Kinderküche statt zu rechnen. Gibt’s bei uns alles nicht. Das machen die Nachbarn in Grünau. Bei uns steht das Kind im Mittelpunkt. So wie es eine italienische Reformpädagogin schon vor 100 Jahren propagierte. Und damit beginnt ja mein Problem.

Diese kleinen Wadenbeißer wollen ja beschäftigt sein. Ja, die nutzen jede kleine Schwäche aus, um den Zwergenaufstand zu inszenieren. „Wie, Herr Hofmann, Sie haben die Klassenarbeiten noch nicht kontrolliert? Wir haben sie doch schon vorgestern geschrieben! Aber wir müssen immer unsere Hausaufgaben haben. Jaja.“ Süß. Sieben Stunden lang vor Kindern stehen und halbwegs glaubwürdig vermitteln, man hätte Ahnung von dem, was man da erzählt, ist nicht leicht.

Im Büro war das irgendwie einfacher geregelt. Grundregel eins: Wer keine Ahnung hat, hält in Besprechungen die Klappe. Das kam mir entgegen. Meins war eher der Keksteller, während die anderen, die noch gar nicht gecheckt hatten, dass sie Grundregel 1 gerade brechen, ihre Profilneurose in den Mittelpunkt rückten. Wie hieß es einst? „Auch keine Lust auf Arbeiten? Dann machen wir eben eine Besprechung.“ Good times. Tja und wenn Pause war, war ich weg. Mittagessen dauert nun mal seine 90 Minuten, man will ja den Magen nicht stressen. So ein Bürojob ist schon anstrengend genug.

Bei uns an der Schule habe ich genau zweimal länger Pause, um mich auch mal zu setzen. Einmal 25 Minuten und einmal 45 Minuten. Zweimal kann ich es mir aber sparen, die Kanapees ihrem Schicksal zuzuführen. Dann darf ich die Tunichtguts „beaufsichtigen“. Der Chef sieht es nicht gern, wenn man da mit Kaffeetasse in der Hand die Jungs aus den krudesten Körperteilverflechtungen befreien will. Brandwunden lassen sich auch schwer erklären. Doch selbst wenn ich Pause habe, kommen sie noch angerannt und wummern an die Lehrerzimmer-Türe. „Ist Herr Hofmann da?“. Nun der Kollegin an der Tür zuzubrüllen: „Ich bin schon weg“, ergibt irgendwie keinen Sinn. Da hilft eigentlich nur ein „Habt ihr ’ne Macke? Ich hab jetzt Pause.“

Waren das noch Zeiten, als der Chef Beifall klatschend die Tür hinter sich schloss, während ich den Azubi rundnutschte. Heute heißt das „Mobbing“, damals hieß es „Für Ruhe sorgen.“ Aber die Zeiten haben sich eben geändert.

Apropos: Wann muss ich mich eigentlich nicht mehr für meinen Beruf rechtfertigen?

Weiter gehts in Teil 2: Die Mär von den faulenzenden Lehrern

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