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Immer mehr Seiteneinsteiger in Sachsens Schulen und immer mehr Lehrer im schulartfremden Einsatz

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    Während in den letzten Tagen die Zahlen zu Neueinstellungen von Lehrern Anfang 2016 die Runde machten, wollte die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Petra Zais, von der Kultusministerin erst einmal wissen, welcher Art die Lehrer waren, die Anfang des Schuljahres eingestellt wurden. Eigentlich eine recht gemeine Frage, denn die Antworten machen deutlich, dass in Sachsen die "passenden" Lehrer für die jeweiligen Fächer mittlerweile rar sind.

    Oder um es mit Petra Zais zu formulieren: „Wird die Ausnahme zur Regel?“

    Denn eigentlich hatte es Kultusministerin Brunhild Kurth als Ausnahme verkündet, dass auch Bewerber ohne pädagogischen Abschluss eingestellt werden, um die Lücken im Lehrplan zu stopfen. Was nicht nötig gewesen wäre, hätte der Freistaat in den vergangenen Jahren die Lehramtsanwärter eingestellt, die direkt aus den eigenen Hochschulen kamen. Doch bis 2013 tat man einfach so, als brauche man sie gar nicht. Und selbst 2014 ließ man viele von ihnen in andere Bundesländer abwandern, die sie natürlich mit Kusshand nahmen, denn Probleme beim Lehrernachwuchs haben mittlerweile auch die westlichen Bundesländer.

    Als Sachsens Kultusministerium dann in letzter Minute die Löcher stopfen musste, waren die richtigen Lehrer fürs richtige Fach natürlich rar. Da wurde man dann eben kreativ.

    „2015/16 wurden mehr Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger als je zuvor in den sächsischen Schuldienst eingestellt. Auch der schulartfremde Einsatz von Lehrerinnen und Lehrern bei Einstellungen und Abordnungen erreicht neue Höchstwerte“, stellt nun Petra Zais fest, nachdem sie alle Antworten und die seitenlangen Anhänge aus dem Kultusministerium durchstudiert hat.

    Insgesamt wurden zum Schuljahr 2015/16 345 Personen (278,8 VZÄ, das sind Vollzeitäquivalente, d. Red.) ohne abgeschlossene Lehramtsausbildung eingestellt, davon 227 Personen unbefristet und 118 befristet (Vorjahr 165 Personen (143,6 VZÄ), davon 73 unbefristet und 92 befristet).

    Insbesondere im Bereich der Chemnitzer Regionalstelle (umfasst die Kreisfreie Stadt Chemnitz sowie die Landkreise Mittelsachsen und Erzgebirgskreis) wurden viele Bewerberinnen und Bewerber ohne Lehramtsabschluss eingestellt (121 Personen bzw. 92,4 VZÄ). Bei den Schularten waren vor allem Grundschulen (127 Einstellungen bzw. 111,5 VZÄ) und Oberschulen (118 Einstellungen bzw. 106,1 VZÄ) betroffen, in deutlich geringerem Umfang die Berufsbildenden Schulen (59 Personen bzw. 33,8 VZÄ), Förderschulen (23 Personen bzw. 19 VZÄ) und Gymnasien (18 Personen bzw. 8,4 VZÄ). Bei den Unterrichtsfächern scheint der Mangel insbesondere in den Fächern Sport und – wenig überraschend – Deutsch als Zweitsprache (DaZ) besonders groß zu sein.

    „Ob es sich bei den Seiteneinsteigern tatsächlich, wie von Kultusministerin Brunhild Kurth verkündet, um diplomierte Naturwissenschaftlerinnen handelt, ist aus der Antwort des Ministeriums nicht erkennbar. Anders als noch im Schuljahr 2014/15 wurde nur der Abschluss der Bewerberinnen und Bewerber genannt, dagegen verzichtete man auf die Angabe der Fächer. Die Bezeichnung ‚Sonstiger Abschluss‘ taucht häufig auf, wird aber nicht weiter aufgeklärt“, ärgert sich die Abgeordnete.

    Neben den sogenannten Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern wurden 247 Lehrkräfte (227,2 VZÄ) für eine Schulart eingestellt, die nicht ihrer Lehrbefähigung entspricht. Im Vorjahr waren das noch 175 Lehrkräfte gewesen. Erneut sind davon insbesondere die Oberschulen (142 schulartfremde Einstellungen bzw. 132,9 VZÄ) und Grundschulen (51 schulartfremde Einstellungen bzw. 45,7 VZÄ) betroffen. Dahinter folgen die Förderschulen (36 Personen bzw. 36 VZÄ) und Berufsbildenden Schulen (17 Personen bzw. 14,5 VZÄ).

    An Gymnasien wurde nur in einem Fall schulartfremd eingestellt. Dafür müssen sich die Gymnasiallehrkräfte besonders häufig selbst umorientieren: 178 Lehrerinnen und Lehrer, die auf Lehramt an Gymnasien studiert hatten, kommen nun an anderen Schularten zum Einsatz. Erneut werden viele Lehrkräfte weiterführender Schulen an Grundschulen im Anfangsunterricht eingesetzt. Weiterhin dominieren bei den schulartfremden Einstellungen die Fächer DaZ und Wirtschaft-Technik-Haushalt/Soziales (WTH). Bei letzterem werden häufig Berufsschullehrkräfte für die Arbeit an Oberschulen eingestellt.

    Der Freistaat stopft die Lücken in Grund- und Oberschulen damit, dass sie Lehrkräfte mit einer Befähigung fürs Gymnasium umlenkt in diese Schulen. Und viele junge Lehrerinnen und Lehrer gehen darauf ein – wohl in der Hoffnung, dass ihnen so ein Weggang aus Sachsen zumindest erspart bleibt.

    Bei den schulartfremden Abordnungen ist ein Anstieg um über 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen.

    622 Lehrkräfte werden im Schuljahr 2015/16 teilweise oder vollumfänglich an eine Schulart abgeordnet, für die sie keine Lehrbefähigung nachweisen können. Im Vorjahr waren das noch 384 Lehrkräfte gewesen. Ähnlich wie bei den Einstellungen von Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteigern ist die Region Chemnitz besonders betroffen: Hier sind allein 231 Lehrkräfte schulartfremd abgeordnet (Leipzig: 152, Dresden: 90, Bautzen: 84, Zwickau: 65).

    „Es wäre fahrlässig, auf Rettung aus anderen Bundesländern zu hoffen. Auch dort wird die Personaldecke dünner“, zeigt sich Zais überzeugt.

    Und so attraktiv wirkt Sachsen nicht mehr, wenn man in anderen Bundesländern entweder bessere Konditionen bekommt oder sogar im erlernten Fach am richtigen Schultyp unterrichten kann.

    Zwar haben sich zum Schuljahr 2015/16 immerhin 556 Lehrerinnen und Lehrer mit einem Lehramtsabschluss aus einem anderen Bundesland beworben. Im Vorjahr waren es dagegen noch 575 Bewerbungen, obwohl weniger Stellen ausgeschrieben waren.

    Und nicht einmal da greift der Freistaat zu: Nicht einmal jeder Zweite (223) wurde in diesem Jahr tatsächlich in den sächsischen Schuldienst übernommen. Wichtig bleiben die Lehrerinnen und Lehrer aus anderen Bundesländern dennoch, wenn es um die Unterrichtsabsicherung an Oberschulen (zuletzt 109 Einstellungen) und Grundschulen (72 Einstellungen) geht.

    Die Zahlen zeigen also schon recht deutlich, wie das sächsische Kultusministerium die über Jahre entstandenen Lücken insbesondere an Grund- und Oberschulen jetzt auf jede mögliche Weise zu schließen versucht. Aber dahinter wird logischerweise die zunehmende Not sichtbar, überhaupt noch genügend Lehrernachwuchs für diese Schultypen zu finden.

    Petra Zais: „Insgesamt wird deutlich, dass sich die Personalsituation weiter zuspitzt. Wo bleibt eigentlich das im Koalitionsvertrag angekündigte ‚Lehrerpersonalentwicklungskonzept 2020‘?“

    Die Frage stellte sich dann auch die Linksfraktion. Am 9. Dezember hat diese einen entsprechenden Dringlichkeitsantrag gestellt: „Unverzügliche Vorlage eines ‚Lehrerpersonalentwicklungskonzeptes 2020‘ für den Freistaat Sachsen“.

    Antrag der Linken zum Lehrerpersonalentwicklungskonzept.

    Antwort des Kultusministeriums auf die Kleine Anfrage Petra Zais: „Einstellung von SeiteneinsteigerInnen und schulartfremder Lehrereinsatz im Schuljahr 2015/16“ (Drs 6/2521).

    Die Ergänzung dazu.

    Antwort des Kultusministeriums auf die Kleine Anfrage „Einstellungen von LehrerInnen und AnwärterInnen aus anderen Bundesländern zum Schuljahr 2015/16“ (Drs 6/2520).

    Der Anhang dazu.

    Und die Ergänzung dazu.

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