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Warum „Erziehung für die Demokratie“ und „demokratische Werte“ blühender Unsinn sind

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    KommentarWenn Ministerinnen Quatsch erzählen, dann deutet das in der Regel auf eine Bildungslücke hin. Was umso erstaunlicher ist, wenn eine sächsische Bildungsministerin damit wieder Löcher stopfen möchte: diesmal Bildungslöcher in der sächsischen Schule. Es geht um „Erziehung für die Demokratie“. Ein Expertengremium soll das jetzt mal klären. Ein Ding der Unmöglichkeit.

    Sensiblere Gemüter sind wahrscheinlich schon bei diesem seltsamen Ansatz verzweifelt aus dem Raum gerannt. „Mit dem Ziel, die politische Bildung und Demokratieerziehung an Sachsens Schulen zu stärken, hat Kultusministerin Brunhild Kurth heute ein Expertengremium berufen. Das Gremium soll dazu bis zum Sommer dieses Jahres ein Handlungskonzept erstellen“, formuliert das Kultusministerium in seiner Pressemitteilung am Donnerstag, 19. Januar, dazu. Das könnte man also auf den Azubi in der Presseabteilung schieben, der das vielleicht mal so geschrieben hat.

    Aber die Ministerin meint es wirklich so.

    „Erziehung für die Demokratie ist eine zentrale Aufgabe für Schule. Kinder und Jugendliche müssen Demokratie und demokratisches Handeln erlernen. Sie sollen die Vorzüge, Leistungen und Chancen der Demokratie erfahren und erkennen. Demokratische Grundwerte wie Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sowie Toleranz dürfen niemals zur Disposition stehen. Diese Werte muss Schule Kindern und Jugendlichen vermitteln“, so Kultusministerin Brunhild Kurth.

    Das ist der gestelzte Stil, mit dem Sachsens CDU sich nun seit 26 Jahren um das Thema herumschlawinert und alles durcheinanderbringt. Wer aber nicht klar denkt, der kommt auch nur zu verfilzten Ergebnissen. Das ist das Besondere an der Demokratie: Sie ist eine vernünftige Regierungsform, hat aber mit Werten und Gefühlen rein gar nichts zu tun.

    Gäbe es noch einen handfesten Geschichtsunterricht, der die Kapitel Griechenland und Rom nicht einfach überfliegt, dann wüssten es vielleicht auch unsere Bildungspolitiker. Demokratie funktioniert auch völlig ohne Werte oder irgendwelche Ideale. Das ist so. Ich kann nicht mal „leider“ schreiben, weil es vernünftigerweise so ist. Die alten Griechen wussten das noch, dass Demokratie das bestgeeignete Mittel zum gesellschaftlichen Interessenausgleich ist. Und damit der nicht wie bei einer wilden Prügelei ausartet, haben sie dazu klare Regeln, Wahlmodi und sogar Riten definiert, die Römer sogar noch eine Nummer schärfer mit einem ganzen System von Ämtern, begrenzen Wahlzeiten und Regeln gegen Ämterhäufung, Ämterkäufe und zu lange Amtszeiten. Kann man alles nachlesen. Bei Cicero zum Beispiel.

    Aber auch die Fächer Griechisch und Latein haben sich ja aus dem sächsischen Bildungskanon zurückgezogen. Sonst müsste man über so etwas Elementares nicht diskutieren.

    Man kann Menschen nicht zur Demokratie erziehen.

    Sondern man muss ihnen beibringen, was Demokratie ist. Warum die Griechen sie erfunden haben und warum die französischen Aufklärer der festen Überzeugung waren, dass sie nicht die beste, sondern die einzig mögliche Regierungsform für eine aufgeklärte Menschengesellschaft ist. Sie ist nämlich die einzig vernünftige.

    Da müsste man nämlich über Vernunft, Logik, Ratio und ihre Anwendung in modernen Gesellschaften reden. Und würde um den aufregenden Cicero nicht herumkommen, der in seinen Reden ja exemplarisch überliefert hat, wie man eine gut austarierte Demokratie zerstört. Er hat es ja leibhaftig miterlebt, wie Pompejus und Cäsar das gemacht haben. Leute wie Cicero wussten es noch, wie man Demokratie mit Unvernunft zerstören kann – nämlich, indem man nicht an die Vernunft der Wahlbürger appelliert, sondern an ihre Leidenschaften, Vorurteile und – jawohl – Werte.

    Und wovon redet Brunhild Kurth?

    „Unsere demokratischen Werte zu leben und zu verteidigen ist nicht allein Aufgabe von Schule. Alle gesellschaftlichen Kräfte, die in Vereinen, Verbänden, Kirchen, Wirtschaft und Politik Verantwortung tragen, haben eine Vorbildfunktion und tragen damit Verantwortung für eine demokratische, tolerante und solidarische Gesellschaft. Die Sozialisation vor dem Schulbesuch und das soziale Umfeld außerhalb von Schule prägen junge Menschen fast noch stärker als politische Bildung und eine demokratische Schulkultur.“

    Das ist gequirlter Quark. Aber genau das, wovon unsere verirrten Christdemokraten die ganze Zeit reden.

    Nein. Wir haben keine demokratischen Werte. Die Demokratie an sich ist ein Wert an sich.

    Aber die Werte, die uns wichtig sind, sind keine demokratischen. Sie sind nämlich nicht verhandelbar oder wählbar oder Frage einer Volksabstimmung.

    Dass die Kultusministerin so redet, sagt eine Menge über den desolaten Zustand des sächsischen Bildungssystems. Es ist so desolat, weil Sachsens Schule dem Spiel von Leidenschaften und Unvernunft geopfert wurde. Und immer auch noch so ein religiöser Weihrauch hineinweht, weil sächsische Bildungspolitiker der Meinung sind, die Theologie müsste als Wertmaßstab auch irgendeine Rolle spielen.

    Aber was für Werte haben wir dann, von denen diese Halbgläubigen die ganze Zeit reden?

    Ganz einfache, menschliche. Mit dem lateinischen Wort zusammengefasst: humanistische Werte.

    Was einen daran erinnert, dass auch das Kapitel Humanismus im sächsischen Geschichtsunterricht augenscheinlich völlig unterbelichtet ist.

    Deswegen kommen tausende junge Leute jedes Jahr aus diesem ach so vorbildlichen Schulsystem und glauben, in der Demokratie stünde auch die Demokratie zur Wahl. Geht ja nur um Werte. Und Werte haben sie ja alle, auch die Holzhacker aus dem braunen Lager, die derzeit alle möglichen Vokabeln der Demokratie umkrempeln, sinnentleeren, entwerten. Und dafür ihren Quark von Volk, Nation und „Kultur“ daherreden. All diese altertümlichen Gebrauchsgegenstände der Unvernünftigen, die sich des Gebrauchs ihres Verstandes zum Verlassen der selbstverschuldeten Unmündigkeit tunlichst enthalten. Denn Rechtsradikalismus ist ja erst einmal keine politische Haltung, sondern das propagierte Recht auf totale Un-Vernunft.

    Was die sächsischen Rechtsradikalen mit allen Fundamentalisten und Populisten dieser Welt übrigens gemeinsam haben. Deshalb sind die Grenzen da draußen im Land der Ahnungslosen so fließend. Sie waten alle im selben Brei. Und: Sie verachten die Vernunft. Und deshalb auch die Demokratie. Sie bevorzugen Regierungssysteme, in denen Emotionen regieren: Stolz, Vorurteil, Gier, Hass, Arroganz. Nicht zu vergessen: die Angst.

    Deswegen funktioniert das ganze Gerede von „unseren Werten“, „unserer Kultur“ oder was des Schmackes mehr ist, nicht. Es ist nur Wasser auf die Mühlen der Leute, die glauben, dass die losgelassenen Emotionen das beste Mittel sind, Macht zu zeigen und zu regieren.

    Cäsar hat ja gezeigt, wie das mit blutiger Erpressung und feiner Bestechung geht.

    Da hilft tatsächlich nur: Vernunft. Und nicht das anerzogene, sondern begriffene Wissen  junger Staatsbürger, warum Demokratie so gemacht ist, wie sie ist, warum es all diese scheinbar so schwerfälligen Sicherungssysteme gegen den Aufstand der entfesselten Emotionen gibt. Schule ist eigentlich der Ort, wo man lernen sollte, wie Vernunft funktioniert und wie man die Welt vernünftig gestaltet. Dafür ist in diesem Schulwesen aber, wie man weiß, kein Platz vorgesehen.

    Vielleicht macht ja die berufene Kommission Vorschläge, wie das geändert werden könnte. Aber wenn sie wirklich sinnvolle Vorschläge machen sollte, bin ich mir jetzt schon sicher, dass sie nicht umgesetzt werden. Denn sie würden mit der eingebauten Un-Vernunft des sächsischen Schulwesens aufs heftigste kollidieren. Ein bisschen „Demokratie spielen“ macht noch keine Demokraten.

    ***
    Das von der Ministerin berufene Gremium setzt sich zusammen aus Vertretern der Wissenschaft, Schulverwaltung und -praxis, des Landeselternrates und Landesschülerrates sowie aus der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung und des Sächsischen Bildungsinstitutes.

    Mitglieder des Expertengremiums:

    – Prof. Dr. Anja Besand, Professorin für Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden,
    – Michaela Bausch, Referentin für politische Bildung in der Sächsischen Bildungsagentur,
    – Béla Belafi, Direktor Sächsische Bildungsagentur,
    – Prof. Dr. Alfons Kenkmann, Professor für Geschichtsdidaktik an der Universität Leipzig,
    – Winfried Kühner, Abteilungsleiter im Kultusministerium,
    – Peter Müller, Lehrer und Fachberater für Gemeinschaftskunde/Rechtserziehung/Wirtschaft,
    – Thomas Paul, Lehrer und Fachberater für Geschichte,
    – Marion Reimann, Sächsisches Bildungsinstitut, Expertin für Qualitätsentwicklung an Schulen,
    – Werner Rellecke, stellv. Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung,
    – Friedrich Roderfeld, Vorsitzender Landesschülerrat Sachsen,
    – Michael Becker, Vorsitzender Landeselternrat Sachsen,
    – Ralf Seifert, Moderator

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