Bildungspolitikversagen in Zahlen

Sozialdezernat will sozial flicken, Linke fordert Schulerfolge unabhängig vom Geldbeutel der Eltern

Für alle LeserAm 17. Januar veröffentlichte die LVZ ein paar Zahlen, die so eigentlich längst bekannt waren. Das "Bildungsdezernat" habe "mit Blick auf die Jahre 2015 bis 2017 einen Mittelwert für alle kommunalen Grundschulen berechnet", und zwar zur Quote der Bildungsempfehlungen in den 66 Leipziger Grundschulen. Es läuft auf das hinaus, was die L-IZ immer wieder zu den veröffentlichten Zahlen der Bildungsempfehlung resümieren kann: "Chancen fürs Gymnasium sind in reichen Stadtvierteln vier Mal höher als in armen". Sachsen hat ein elitäres Schüler-Auslese-System. Und die Stadt Leipzig kann wenig daran ändern.

Auch wenn das im LVZ-Beitrag dann etwas anders klingt, weil sich Leipzigs Sozialdezernat ja wirklich bemüht und insbesondere mit Schulsozialarbeitern versucht, in den Schulen in den betroffenen Ortsteilen gegenzusteuern.

Die Spreizung der Bildungsempfehlungen sei nicht so schlimm, wird auch noch die Bildungsagentur zitiert – die mittlerweile „Landesamt für Schule und Bildung“ heißt. Symptomatisch für Sachsen, wo die Bildungsreförmchen der letzten Jahre meist nur Kosmetik waren.

Das Problem selbst wurde immer wieder umschifft.

In Leipzig weiß man zumindest, dass es mit der sozial unterschiedlichen Mischung in den Ortsteilen zu tun hat: Je höher Armutsniveau, Arbeitslosigkeit und Ausländeranteil sind, um so geringer sind die Quoten für die Bildungsempfehlung. Während Grundschulen in gutbürgerlichen Quartieren (wie dem Waldstraßenviertel) bis zu 80Prozent Bildungsempfehlungen fürs Gymnasium aussprechen, sind es in Ortsteilen wie Neusstadt-Schönefeld eher 10 bis 20 Prozent.

Ursache: Die Kinder kommen dort meist schon mit einem Rückstand in der Bildungsentwicklung in die Schule und können das in den viel zu knapp bemessenen vier Jahren nicht wirklich aufholen.

Für Sören Pellmann, Fraktionsvorsitzender der Linken im Leipziger Stadtrat, ist die Erklärung dafür naheliegend: „Das hat nach Auffassung der LINKEN verschiedene Ursachen. Zum einen fordern wir seit Jahren – und werden dazu auch mit verschiedenen Initiativen aktiv werden – dass wir in Sachsen ein längeres gemeinsames Lernen brauchen. Es ist viel zu früh, nach vier Jahren Grundschulzeit eine lebensweise Entscheidung zu treffen. Zumal diese Entscheidung durch die Eltern zu treffen ist, für eine aktive Mitsprache sind die Kinder noch zu jung.“

So, wie das sächsische Schulsystem gestrickt ist, produziert es ganz systematisch Bildungsverlierer. Und es sortiert die Kinder stark nach dem Einkommen der Eltern. Wer von zu Haus aus keine Extra-Unterstützung auf dem Bildungsweg bekommt, hat schlechtere Karten – selbst dann, wenn auch Kinder aus armen Familien mal ein Abitur schaffen.

„Außerdem muss endlich Schluss sein damit, dass der Geldbeutel der Eltern über den Bildungsweg der Kinder entscheidet. Bei dieser Untersuchung wurde ein direkter Zusammenhang zwischen sozialen Faktoren und der jeweiligen Bildungsempfehlung festgestellt. In Gebieten, wo es eine sehr hohe Kinderarmutsquote, eine hohe Arbeitslosenquote und eine hohe Quote von Sozialleistungsempfängern gibt, sinkt der Anteil der gymnasialen Bildungsempfehlungen“, stellt Pellmann fest.

„Daher hält DIE LINKE daran fest, dass es wichtig ist, die Arbeit von Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeitern auch in den Grundschulen auszubauen. Diese Untersuchung sollte auch in die Evaluierung des Einsatzes und der Verteilung in den einzelnen Schulen einbezogen werden. Im Ergebnis erscheint es uns als wichtig, dass in Grundschulen, wo es einen hohen Bedarf an Unterstützung gibt, auch mit einer größeren Anzahl von Sozialarbeitern reagiert wird.“

Aber damit kann Leipzig nur ein paar Probleme reparieren, nicht aber das Grundproblem. Das ist das Auslese-Denken in der sächsischen Schulpolitik. Statt Kindern möglichst lange ein hochwertiges gemeinsames Lernen zu ermöglichen, wird von Anfang an gesiebt und aussortiert – natürlich nach bundesdeutschem Vorbild, wo man das Ergebnis dieser Praxis schon seit den 1980er Jahren kennt: Die aussortierten Kinder gleiten in eine Null-Bock-Haltung ab.

Entsprechend miserabel sind die Lernbedingungen auf den Oberschulen. Der systematisch organisierte Mangel an Lehrern und Lehrerinnen kommt noch dazu.

„Eine Anforderung in Richtung Freistaat ist es, die Schulen mit sehr gut qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern auszustatten und dafür Sorge zu tragen, dass die verbindlich festgeschriebenen Förderstunden auch wirklich stattfinden. In der Realität sieht es an unseren Schulen leider anders aus“, sagt Sören Pellmann.

„Um die Kinderarmut auch in Leipzig deutlich zu reduzieren, bedarf es entsprechender Förderinstrumente der neuen Bundesregierung. In den Sondierungsgesprächen von Union und SPD hat dieses Thema eine Rolle gespielt und soll zu einem entsprechenden Förderprogramm führen. Wir werden als DIE LINKE sowohl im Leipziger Stadtrat als auch im Bund wachsam sein und die Entwicklung weiterhin kritisch begleiten. Dabei stehen für uns das Wohl und die Zukunft der Kinder im Vordergrund. Alle Kinder müssen die gleichen Bildungschancen haben, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft.“

Ein Thema, das auch Petra Zais, die bildungspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Landtag, beschäftigt. Sie äußerte sich am Donnerstag, 18. Januar, zur dramatischen Lehrkräftesituation an einer Chemnitzer Grundschule.

„Die Grundschule Siegmar ist bei Weitem kein Einzelfall. Sie steht exemplarisch für die prekäre Situation insbesondere an den Grundschulen in Sachsen und hier speziell die im Raum Chemnitz. Nirgends sonst ist die Absicherung selbst des Grundbereichs an den Grundschulen so schlecht wie in der Chemnitzer Regionalstelle des Landesamtes für Schule und Bildung (LaSuB). Daran ändert offenkundig auch die überdurchschnittlich hohe Zahl von Abordnungen nichts“, sagt sie.

Und geht dann darauf ein, wie solche Zustände dafür sorgen, dass Kinder den Sprung in die bessere Schulart nicht schaffen. „Statistik ist das eine. Das andere ist die Realität in den Klassenzimmern. Man muss sich klarmachen, was auf dem Spiel steht: Konkret geht es für die Schülerinnen und Schüler der 4. Klassen um den anstehenden Wechsel an die weiterführenden Schulen. Trotz Entschärfung der Bildungsempfehlung bleibt dies in unserem gegliederten Schulsystem eine Zäsur mit entscheidender Weichenstellung für den weiteren Bildungsweg der Kinder. Natürlich haben deren Eltern Sorge, dass der fehlende Unterrichtsstoff nicht nachgeholt werden kann und den Kindern wichtiges Rüstzeug fehlt, um die steigenden schulischen Anforderungen zu bewältigen. In der jetzigen Dimension steht jedoch mehr auf dem Spiel: nämlich die Zukunftschancen einer ganzen Schülergeneration.“

Das Wort Zäsur darf durchaus auffallen, denn hier steckt der eigentliche Fehler im System. Es gibt keinen wirklich nachvollziehbaren Grund, warum Kinder nach der 4. Klasse in qualitativ völlig unterschiedliche Schulsysteme sortiert werden müssen. So wird nicht nur Null-Bock produziert, sondern auch systematisches gesellschaftliches Unwissen – ganze Generationen von Menschen, die von den technischen und gesellschaftlichen Anforderungen überfordert sind. Sie haben das Lernen nicht gelernt, sondern nur das Abarbeiten von Wissensklötzern, die ihnen nach der Schule nichts mehr nützen.

Die Schule ist reif für eine richtige Reform, eine, die den neugierigen jungen Menschen endlich wieder in den Mittelpunkt stellt.

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