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Der Stadtrat tagte: Mindestens drei neue Schulen in Leipzig werden jetzt auf ihre Eignung als Gemeinschaftsschule geprüft +Video

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    Leipzigs Stadtrat hat sich vor der Sommerpause noch einmal die Tagesordnung richtig vollgepackt. In drei Sitzungen werden jetzt noch Dutzende wichtige Richtungsentscheidungen getroffen. Eine gab es am Mittwochabend, 8. Juli. Da kam kurz vorm Schlafengehen noch der SPD-Antrag zur Einrichtung von Gemeinschaftsschulen zur Abstimmung. Denn in der nächsten Woche müsste ja auch die Entscheidung im Sächsischen Landtag dazu fallen.

    Und was die Einführung des Modells Gemeinschaftsschule betrifft, ist Sachsen derzeit noch bei den deutschen Sitzenbleibern. Nur ein paar wenige Modellschulen gibt es, wie Grünen-Stadtrat Dr. Tobias Peter in seiner Rede am Mittwoch erklärte. Und CDU-Stadtrat Carsten Albrecht gab sich alle Mühe zu erklären, warum Sachsen so hinterherkleckert und die CDU Gemeinschaftsschulen auch in Leipzig eher nur als Notbehelf in „dünner besiedelten Gegenden“ sieht.

    Die richtige Antwort bekam er am Ende von Heike Böhm (SPD).

    Aber natürlich sprach zuerst die eigentliche Initiatorin des SPD-Antrags, Ute Köhler-Siegel, bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Leipziger Stadtrat: „Wir legen heute den Grundstein für Gemeinschaftsschulen in Leipzig. Noch bevor der Landtag am kommenden Mittwoch den Weg für die Gemeinschaftsschule im Schulgesetz frei macht, haben wir eine erste Prüfung initiiert.

    Bildungsbürgermeister Thomas Fabian stellt in Aussicht, dass an den Standorten Schraderhaus (Reudnitz) gemeinsam mit der 125. Grundschule am Dösner Weg sowie mit der Quartiersschule Ihmelsstraße Gemeinschaftsschulen in Leipzig entstehen können. Weitere Schulstandorte und die Entwicklungsperspektiven für die Nachbarschaftsschule in Lindenau werden seitens der Verwaltung bis zum Jahresende geprüft.“

    Die SPD-Fraktion möchte künftige Schulstandorte in Leipzig als Gemeinschaftsschulen errichten, aber auch bestehende Schulen zu diesen weiterentwickeln. Um die baulichen Gegebenheit zu schaffen, werden bereits vorhandene sowie künftige Schulhäuser geprüft und an den neuen Erfordernissen ausgerichtet.

    „Mit dem längeren gemeinsamen Lernen eröffnen wir unseren Kindern beste Bildung und einen chancengerechten Start in ihrer Bildungslaufbahn. Daher sollte Leipzig Vorreiter bei der Errichtung von Gemeinschaftsschulen werden. Die Stadt Leipzig als Schulträger ist hier in der Pflicht, eine vollständige Prüfung bis zum Jahresende durchzuführen, damit dann unser Schulbauprogramm angepasst werden kann“, so Köhler Siegel.

    „Mit dem Volksantrag ,Länger gemeinsam Lernen in Sachsen‘ haben das Bündnis ,Gemeinschaftsschule in Sachsen‘ sowie die 50.120 Unterzeichner eine Tür aufgestoßen. Wenn am kommenden Mittwoch im Landtag endlich die Gemeinschaftsschule per Schulgesetz ermöglicht wird, sollten wir die Chance beim Schopf packen und in der Bürgerstadt Leipzig mutig vorangehen. Die Nachbarschaftsschule zeigt seit 30 Jahren erfolgreich, wie längeres gemeinsames Lernen funktionieren kann. Dort wo es Eltern, Schüler und Lehrer möchten, sollte es auch ermöglicht werden.“

    Dabei wurde gar nicht der ursprüngliche Antrag abgestimmt, denn nach dem Vorstoß der SPD-Fraktion hatte die Grünen-Fraktion einen Änderungsantrag geschrieben, der von der SPD wiederum begrüßt und übernommen wurde. Auch ein wenig zum Ärger von Sven Morlok (FDP), der es unverständlich fand, dass jetzt ausgerechnet Neubauschulen prioritär auf die Eignung als Gemeinschaftsschule hin geprüft werden sollen.

    Im grünen Änderungsantrag war formuliert, dass neue Schulen vorrangig als Gemeinschaftsschulen zu errichten seien. So übernahm es die SPD in ihren neuen Antrag.

    „Die Gemeinschaftsschule bietet eine enorme Chance für die Leipziger Schullandschaft. Angesichts der vielen Schulbauvorhaben, die wir in Leipzig auf den Weg bringen, haben wir in Leipzig die große Chance, ein wohnortnahes Angebot an Gemeinschaftsschulen zu etablieren“, erklärte Dr. Tobias Peter, Fraktionsvorsitzender und bildungspolitischer Sprecher der Grünen-Fraktion.

    „Die auf unseren Vorschlag hin beschlossene Vorrangregelung ermöglicht ein wohnortnahes Angebot an Gemeinschaftsschulen. Diese Chance muss jetzt konsequent genutzt werden.“

    Dem Beschluss zufolge soll künftig der Erwerb von Flächen und Immobilien für neue Schulen vorrangig für Gemeinschaftsschulen erfolgen. Zugleich wurde beschlossen, dass die Schulen umfassend zu informieren sind, wenn ihre schon bestehende Schule als Gemeinschaftsschule geeignet ist.

    „Auch für bestehende Schulen besteht ein großes Potential für längeres gemeinsames Lernen. Wir wollen die Eltern, Schüler und Lehrkräfte bereits bestehender Schulen ermutigen, sich auf den Weg zu machen. Das beginnt mit umfassender Information“, so Dr. Tobias Peter.

    Aber dieses Potenzial ist begrenzt, wie SPD-Stadtrat Christopher Zenker in Erwiderung auf Sven Molok erklärte. Denn Gemeinschaftsschulen brauchen mehr räumliche Kapazitäten, weil ja eben mehr Jahrgänge unter einem Dach gemeinsam lernen. Er schätzt ein, dass 80 bis 90 Prozent der Leipziger Bestandsschulen für eine Umwidmung als Gemeinschaftsschule nicht geeignet sind.

    Wenn dieser neue Schultyp also bei Neubauten bevorzugt wird, bekommt er überhaupt erst einmal die Chance auf eine Umsetzung in Leipzig. Und richtig emotional wurde Marco Götze für die Linksfraktion, der das in Sachsen nach 1990 eingeführte Modell der Selektion der Kinder schon in der 4. Klasse nicht nur unfair und unmöglich findet, sondern als einen Akt systematischer Benachteiligung für viele Kinder.

    Und als Carsten Albrecht dann auch noch das Lied von den tollen PISA-Test-Ergebnissen der sächsischen Schüler/-innen sang (was nicht die Bohne mit realen Bildungschancen zu tun hat), wagte Götze sogar ein echt lehrerhaftes „HERR Albrecht“, immerhin ist er ja selber Lehrer, der weiß, was das System in der Schule bewirkt. Und er formulierte ganz deutlich: „Dieses Sortieren muss ein Ende finden.“

    Denn nicht nur gibt es von Eltern eine steigende Nachfrage nach einer Schulform, die ihren Kindern ermöglicht, auch nach der vierten Klasse gemeinsam an einer Schule zu bleiben. Schon die Viertklässler zu sieben nach lebenslang gültigen Bildungskarrieren hat mit einer echten Wahl und echter Entscheidungsbasis nichts zu tun. Was dann SPD-Stadträtin Heike Böhm sehr emotional zum Ausdruck brachte, die von ihrer Tochter erzählte, die in der 4. Klasse nur deshalb nicht aufs Gymnasium wollte, weil sie Angst davor hatte, dann eine Brille tragen zu müssen.

    Die Kinder sind schlicht noch nicht so weit, so eine Entscheidung für sich treffen zu können. Und Sinn macht die Wahl nun einmal erst, wenn die Kinder selbst zumindest schon eine Vorstellung davon haben, was sie im Leben vielleicht einmal werden wollen. Da kam dann Albrecht bei Götze auch ganz schlecht an, als er ihm unterstellte, nun ausgerechnet ein bestimmtes altes Schulmodell wiederhaben zu wollen. Dazu gibt es in anderen europäischen Ländern viel zu reale Gemeinschaftsschulmodelle, die allesamt funktionieren – und oft wesentlich besser als das ach so gefeierte sächsische Auslesemodell.

    Die Debatte vom 8. Juli 2020 im Stadtrat

    Video: Livestream der Stadt Leipzig

    Koalitionsvertrag von CDU, Grünen und SPD: Die Gemeinschaftsschule in Sachsen kommt

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