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    LeserclubWer da glaubt, in Sicherheit zu sein, nur weil die scharfen Augen der Gesetzeshüter tränen und zu tun haben, einer nicht ganz einsichtigen Zeitgenossin zu entkommen, der irrt sich manchmal. Mächtig gewaltig. Meistens dann, wenn er - wie unser Herr L. - mit weiten Schritten vom Bahnsteig verschwinden und mantelwehend um die Ecke hinter der Brezelbude entkommen will. „Ach, der Herr L.! Wer. Hätte. Das. Gedacht.“ Ein blasser Mann und eine geölte Stimme.

    Klebrig wie Vogelleim. Oder ein echter Fliegenfänger. Kaum kommt das Insekt um die Ecke geschwirrt, verwirrt von süßem Geruche, und – klatsch – klebt das Tierchen am Streifen, zappelt mit den Beinchen, summt verzweifelt. Aber die Flügel hängen fest. Nichts geht mehr. Ein Schub von Verzweiflung direkt aus dem Magen herauf. Weiterrennen ist nicht. Flehen wäre ein Verhängnis. Also bremst Herr L. aus vollem Lauf, reißt die Arme hoch und zieht ein mordsfröhliches Gesicht, als er sich noch halb im Lauf umwendet zu der blassen Figur, die ihn aus dem Schlagschatten mustert.

    „Was haben wir denn da, mein Lieber? Ist er unter die Flaschensammler gegangen? Zeig mal her, L. Oder hast du was zu verbergen?“

    Und weil L. noch zögert, weil er bei dem blassen Mann nie weiß, woran er ist, ob der nur schäkert oder gleich die Werkzeuge rausholt, spielt er lieber den Clown, die beliebteste Rolle in seinem Metier. Denn wenn die Leute glauben, dass man die Dinge nie ernst meint, sondern nur Spaß macht, dann sind sie auch mit halben Antworten zufrieden. Oder ein paar Scherzen auf Kosten anderer.

    „Lang nicht gesehen“, sagt er mit breitem Lächeln.

    Und sieht es breit erwidert, auch wenn es ein wenig blitzt zwischen den Zähnen, wie der Blasse lächelt. Denn dass L. ein Päckchen in der Manteltasche hat, ist nicht zu übersehen. Ein kaffeebekleckertes noch dazu. Aber wie sagt man dem Haifisch, dass das keine Beute für ihn ist? Erst recht, wenn es nicht wie eine Flasche aussieht.

    „Also, was ist es?“

    „Was“, fragt L. und passt auf, dass er dem Blassen ja nicht zu nah kommt mit der Manteltasche.

    „Das da, mein Freund. Das sieht mir wie ein Päckchen aus. Eins mit Liebesbriefen. Bist du verliebt?“

    „Seh’ ich so aus?“

    „Natürlich nicht. Ich seh sowas. Also ist der Herr L. hier in geheimer Mission. Darf ich raten?“

    Ein Moment Stille. Ein Rascheln. Ein rasselnder Atem im Nacken.

    „Wollen die Herren nun was bestellen oder ist das hier James Bond? Brezel hab ich, Sandwich, Brötchen, Kaffee. Wenn Sie nichts verzehren wollen, blockieren Sie bitte nicht die Kundschaft.“ Ein mächtig beleibter Mann im Kittel hat sich über die beiden gebeugt. Sein ist die Brezelbude. Vielleicht ist er auch nur angestellt, um hier die Brezeln eines anderen zu verkaufen. Mit Würde bitte. Nur sein Atem ist schlecht.

    „Da nehm’ ich doch glatt einen großen Topf Kaffee. Oder zwei. Ich lad dich ein L. Wie ich dich kenne, bist du wieder blank.“

    „Och, es geht“, sagt L. Weiß aber, dass er im Augenblick ein kleines Loch in der Manteltasche hat. So eins, durch das die Taler einfach verschwinden. Also nickt er lieber. Und sieht den dicken Mann etwas unzufrieden in sein Lädchen zurücktauchen. „Milch? Zucker? Die Herren?“

    „Ich nehm’s mit“, sagt der Blasse. „Mein Kollege will’s bestimmt wieder schwarz. Der steht auf schwarz.“

    Auf einen Kommentar aus dem Kiosk-Inneren hat er wohl nicht gerechnet.

    Doch der Dicke will’s auch gern sagen: „Ich steh auf blond. Die sind am besten.“

    „Wobei“, fragt der Blasse verblüfft.

    „Im Geschmack, der Herr. Dann sind sie schön leicht und zergehen auf der Zunge. Wenn sie schwarz sind, sind sie angebrannt. Dann kann ich das ganze Blech wegschmeißen und krieg’s vom Lohn abgezogen. Einmal mit, einmal schwarz. Wohl bekomm’s, die Herren.“ Und er stellt die Pappbecher hin, als wäre er ein bisschen beleidigt, weil niemand seine blonden Brezeln bestellt. Der Blasse zahlt. Und nutzt die Gelegenheit, an dem länglichen Ding in L.s Manteltasche zu zupfen.

    Doch L. hält fest.

    „Nix da, Kollege. Hier wird nicht geillert.“

    „Ich krieg ja doch alles raus.“

    „Mag sein.“

    „Und ich weiß auch, was drin ist.“

    „Das würde mich wundern“, sagt L. jetzt und genießt die heiße schwarze Brühe.

    „Ich hab dich beobachtet. Du sammelst gar keine Flaschen. Aber du ärgerst ein paar Leute, die wir beide gut kennen.“

    „Manchmal“, sagt L., „ärgern wir sie beide. Wenn sie sich ärgern lassen.“

    „Kommt drauf an, wie man’s macht“, sagt der Blasse und zieht jetzt selbst ein Päckchen aus der Tasche, eine frisch zerknitterte Zeitung. Die, für die der Blasse immer die großen Skandalgeschichten schreibt. Und seit einer Woche, das weiß L., sind sie beide an derselben Geschichte dran, an der mit dem Fisch. Und manchmal sieht es so aus, als sei der Blasse dichter dran an der Geschichte und an den „gewissen Kreisen“, die in dieser Stadt mit den großen Grundstücken jonglieren. Ohne dass einer sagen kann, wie sie da drangekommen sind. Und mit wessen Geld. Von ein paar namhaften Briefkastenfirmen hat L. geschrieben. Der Blasse hat viel größere Buchstaben genommen: „Die Panama-Boys im Rathaus“, steht da auf seiner Zeitung, die er genüsslich aufgeschlagen hat vor L. „Die ganze Wahrheit. Exklusiv.“

    Das schreit so laut, dass L. ein wenig zittert. Dabei war er doch so nah dran. Und er weiß, dass sein Informant im Rathaus nichts ausplaudern will. Woher hat der Blasse dann die Namen? Hat er die Namen? – Als L. nach der Zeitung greifen will, nimmt der Blasse sie wieder an sich. „Denkste“, sagt er. „Illern ist nicht.“

    Und sie schauen sich an wie zwei Cowboys auf einer staubigen Straße, die beide nicht wissen, ob der andere treffsicher ist oder daneben schießt, wenn man ihm Angst macht.

    „Lass mich raten“, sagt der Blasse. „Du hast die Liste.“

    Warum fragt er nach der Liste? Hat er sie also doch nicht? Was steht dann in seiner Zeitung?

    L. ist beinah geneigt, sich breitbeinig hinzustellen. Aber zum Schießen hätte er nur das kaffeebekleckerte Paket, von dem er noch immer nicht weiß, was drin ist. Soll er flunkern? Oder sich dumm stellen. Oder den Blassen behandeln wie einen Kerl, mit dem man Kühe stehlen kann? Könnte man wahrscheinlich. Das traut er ihm schon zu. Durch dick und dünn, mit Sporen und Galopp. Aber wenn’s ans Beuteteilen ginge, was dann? Er weiß genau, dass man mit dem Blassen keine Beute teilen kann. Das hat er schon einmal durch. Und am Ende die Rechtsanwaltskosten an der Backe gehabt. Schönen Dank auch. Da lässt er den Colt lieber stecken.

    „Und wenn“, fragt er deshalb, als wäre es völlig schnurzegal.

    „Gegen den Kaffee“, sagt der Blasse. So sind die kleinen Erpressungen, die L. so gut kennt. Er schaut auf den Schaum auf seinem Becher, der einfach nicht zerplatzt. Der Schaum sieht so aus, wie das Zeug schmeckt. Vielleicht ist tatsächlich Koffein drin. Denn munter ist er. Auf scheußliche Art. Denn er merkt, wie der Schweiß im Nacken läuft und wie der Blasse immer wieder näher kommt. Der will das Päckchen. Der hat sich festgebissen. Oder festgeklebt. Und L. ist die Fliege. Völlig beschäftigt damit zu überlegen, wie er aus der klebrigen Situation rauskommt, ohne dass es morgen in allen Zeitungen steht. Während er über die Schulter des Blassen hinweg zwei stramme Polizisten hinter einer quirligen Damen herlaufen sieht. Die scheinen zu wissen, wo sie hinwollen.

    „Na gib schon“, sagt der Blasse. Und greift tatsächlich zu, während L. die beiden Polizisten zielgeschwind in den großen Imbiss laufen sieht, sich nicht mal umschauend, als hätten sie alle anderen Missetaten einfach vergessen. Und kaum sind sie hinter der schwingenden Tür verschwunden, hört man schon  ein gellendes Geschrei.

    „Gib her.“

    „Bist du verrückt, was soll das ..“

    „Du hast gesagt, du willst es mir zeigen.“

    „Ich hab gar nichts gesagt …“

    „Ich hab den Kaffee“, sagt der Blasse und schaut nun doch ziemlich wütend von oben in L.s Augen. Fast steht er ihm auf den Zehen. Und er zerrt an L.s Päckchen, als wolle er es sich jetzt mit Gewalt holen. „Gib her“, bläst er ihn an. Und L. riecht: Der Kaffee des anderen war auch nicht besser als seiner.

    „Nnnnn …“, versucht er zu sagen. Und hält fest, so gut er kann.

    „Das merk ich mir“, schnauft der andere. „Ich hab dich gesehn. Ich hab alles auf Kamera.“

    „Ach?“ L. tut erstaunt. Und hält fest, während der Blasse noch einmal zerrt, noch einen Schritt nach vorn geht. Und im Imbiss die Scheibe zerbirst, als hätte jemand eine Kofferbombe entzündet. Ein Schrei gellt. Und dann klirren Tausende Scherben über die Steine, während L. auf einmal fast hintenüber kippt. Denn unverhofft hat der Blasse seinen Mantel losgelassen. Der Stehtisch kippt um. Und schon wieder hat L. den Mantel voller frisch verspritztem Kaffee.  Und als er nach dem Päckchen greift, fasst er in klebriges Nass.  Und heiß ist es auch noch. „Sch …“, schreit er auf.

    Und irgendjemand jubelt: „Jetzt hab ich dich!“

    Sie haben den Anfang verpasst?

    Hier ist Teil 1, in dem Herr L. eine heiße Geschichte vergießt und aufbricht zu einem noch viel heißeren Termin
    Warum Herr L. immer wieder aus seiner Arbeit gerissen und eine Geschichte wieder nicht geschrieben wird

    In Teil 2 geht es um ein Knappdaneben, über das sich Herr L. gewaltig ärgern dürfte.
    Entgleitet Herrn L. auch diese Geschichte wie ein Fisch?

    Und in Teil 3 wurde die höchst misstrauische Staatsmacht aufmerksam auf sein Treiben.
    Die nicht ganz unwichtige Rolle von Zerstreutheit und Koffein im Leben des Herrn L.

    Und in Teil 4 gab’s auf einmal Ärger für zwei misstrauische Beamte
    Eine ziemlich frustrierende Begegnung auf Bahnsteig 7 – aber für wen eigentlich?

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