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Wie man Schafe erzieht, die zweite Lektion

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    LeserclubZumindest das kann man an dieser Stelle verraten: Dem großen Zittern kommt man mit Alkohol nicht bei. Mit Kraftmeierei auch nicht, ein bisschen mit Liebe, das schon. Aber am besten mit einer von Maschas Schnell-und-saftig-Pizzen. Dazu muss man auch keinen Pizzaservice anrufen.

    Nur die Initiative muss eine übernehmen, die sich in der Küche der Diva noch genauso gut auskennt wie zu den Zeiten, als hier junge Leute mit leuchtenden Augen zuhauf saßen und von einer Zeit träumten, in der ihnen Alles möglich sein würde: angehende Doktoren, feinsinnige Dichter und Maler, Erbauer schöner Utopien, Planer fröhlicher Städte, junge Lehrerinnen und mittendrin Herr L., der sich damals das Herr dringend verbeten hätte. Er glaubte auch, nun kämen Tage aus purem Himmelsblau und voller mutiger Anfänge.

    Von denen, die damals in der Küche der Diva mit ihren rustikalen Großmuttermöbeln saßen und ihr übermütiges Lachen genossen, war fast keiner mehr in der Stadt. Und die, die dageblieben waren, saßen in trüben, grauen Büros und baten L., wenn er denn mal anrief und etwas erfahren wollte, bitte nicht wieder anzurufen. Das möge man höheren Ortes nicht. Er solle sich dorthin wenden.

    Auch daher dieses Zittern. Espenlaub war nichts dagegen.

    Und jetzt sah sich L. auch wieder hemdsärmelig auf der nächtlichen Straße vor dem Zeitungshaus stehen. Ja, hemdsärmelig waren sie damals alle. Die Alten noch hemdsärmeliger als die Jungen, die erst ihr Handwerk lernen wollten, so wie L. Sie hatten ihren Spruch aus der ersten Stunde auf einem großen Transparent über den Flur gespannt: „UNABHÄNGIG UND FREI!“

    Einmal waren sie damit sogar durch die Straßen gezogen – und hatten verdutztes Schweigen geerntet. Seit wann kamen Redakteure in dieser Stadt auf die Idee, sie könnten sich von ihren alten Herren einfach befreien? War es nicht Zeit für eine neue Zeitung?

    Sie versuchten es wenigstens. Einen kurzen, aufregenden Moment lang, in dem auch der Anfänger L. das Gefühl hatte: So darf man Zeitung machen, eine Stadt jeden Morgen in Spannung halten, weil keiner ahnte, was es Neues geben würde. Denn das stand jetzt in ihrer Zeitung, die sie tatsächlich zum ersten Mal die ihre nannten.

    Für einen kurzen Moment, den niemand historisch nannte, weil alle glaubten, es würde jetzt immer so sein.

    Aber es blieb nur bis zu dem Tag so, an dem der neue Besitzer entschied, dass es so nicht bleiben konnte. Zeitungen sind nicht dazu da, Menschen ihre Stadt zu erzählen. „Das interessiert niemanden.“ Er schickte einen Revisor vorbei, auch wenn der wohl einen anderen Titel hatte, eindrucksvoller, so, wie sich die grauen Männer der neuen Zeit immer pompösere Titel zulegten und sich kameradschaftlich gaben, dass man darauf hereinfiel, wenn man so vertrauensselig war, wie damals fast alle.

    Hinterher sah die Zeitung bunter aus, hatte mehr Bilder, mehr Feste, mehr Einkaufstipps und etwas weniger Platz für den „ganzen Quark, der sowieso keinen interessiert. Glauben Sie mir. Ich hab in dem Business meine Erfahrung“, sagte der in elegantes Grau Gekleidete, der ihnen in flott organisierten Sitzungen immer sehr aufmerksam zugehört hatte. Aber von ihren Vorstellungen, was man in einer Zeitung alles erzählen könnte, blieb eigentlich nichts über.

    „Ist ja schön, dass sie alle so eifrig träumen. Aber eine Zeitung hat so zu sein, wie sie der Leser gut findet. Das sollten Sie eigentlich gelernt haben.“ Und dann war sie so. Und die meisten älteren Herren, die eben noch mit träumender Begeisterung von ihren Ideen für eine solche Zeitung geschwärmt hatten, bekamen nahegelegt, mit einer erklecklichen Abfindung lieber in ruhigere Gefilde zu entfleuchen. „Hier wird jetzt richtige eine Zeitung gemacht“, sagte der graue Sendbote, dessen Namen L. sich nicht mal gemerkt hatte, weil er sowieso nicht gefragt wurde.

    Hernach bekam er die Abendvorstellungen auf den Tisch in jenem kurzen Stück Zeit, in dem noch Platz war für eine Seite voller Gefühl. Da war der graue Mann längst weitergezogen. Erzählte wohl anderen, wie das geht mit dem Zeitungmachen.

    Übrig blieb ein schrumpfendes Blatt, in dem immer mehr Platz für Bunt und Spritzig freigeschaufelt wurde. Und Ernst und Nachdenklich schrumpfte zusammen. So wie die Geschichten über die Diva und die wenigen anderen, die noch versuchten, einen Fuß in eine der Türen zu bekommen, die sich eine nach der anderen schlossen.

    Da war L. wohl wirklich der Letzte, der hemdsärmelig und ratlos auf der abendlichen Straße stand, während oben das dreizeilige Restchen seines letzten Artikels über die Diva noch zwischen zwei spritzige Bilder von einer Autohauseröffnung gequetscht wurden.

    „Sei froh, dass sie dich nicht gleich kündigen“, hatte sein Kollege Stachelschwein damals gesagt. Der sich die raspelkurze Frisur gerade erst zugelegt hatte. Und wenn keiner zuhörte, der nicht sollte, hatte er schon mal drauf, seinem jungen Kollegen zu raten, es wie ein gewisser Schwejk zu machen. „Sie wollen es nicht anders.“

    Aber ich will nicht, sagte irgendetwas in L.s tiefer Bekümmernis. Ich will nicht.

    Er blieb. Und lernte zu lächeln, wenn die Arbeit von Tagen oder Wochen in der Endredaktion zusammenschmolz wie Schnee in der Sonne. „Das liest doch keiner!“

    „Wolltest du nicht selbst kündigen?“, frage die Diva, als sie in der Küche darangingen, aus den verfügbaren Dingen eine richtige Mascha-Pizza zu bauen. Sauerkraut war dabei, Zwiebeln und Knoblauch, Oliven nur für ein Eckchen.

    „Natürlich“, sagte er. „Hundertmal hätte ich …“

    „Und du hast nicht …“

    Es waren ein paar von den anderen, die nach und nach ihre Mäntel nahmen und fortgingen. Der Letzte wünschte ihm sogar Durchhaltevermögen. „Vielleicht …“

    Das war kurz nach der nächsten Neuerfindung einer Zeitung, wie sie heutzutage gemacht werden musste. Das besorgte auch wieder ein smarter Mann in Grau, der allen zuhörte und am Ende etwas präsentierte, das nur noch für Analphabeten irgendwie wie eine Zeitung aussah. Die Bilder waren noch größer und noch bunter. Und der Platz für Spaß und Spritziges hatte sich verdoppelt.

    Da hatte L. schon in der Runde der Stammmannschaft gesessen und war öfter geneigt, ein „Was soll d…“ einzuwerfen. Aber Stachelschwein war ihm jedes Mal mit einem polternden Lachen in die Parade gefahren. „Genial“, hatte er gebrüllt. „Das wird eine richtig gute Zeitung!“

    Der graue Herr war geschmeichelt. Sie machten es so. Und ein bedeutungsvoller Blick von Stachelschwein in der überflüssigen Kaffeepause genügte L., um zu begreifen, dass man in solchen Zeiten alles nur prima finden musste, genial am besten, historisch. „Das mögen sie, wenn man ihre hübschen Einfälle historisch nennt.“

    Man kann das zwar lernen.

    Aber an diesem Abend wusste Herr L. zumindest, dass er damals tatsächlich gekündigt hatte. Er hatte es nur niemandem gesagt, hatte „Danke“ gesagt, als ihm auch die Arbeit des Wirtschaftreporters und des Baureporters übertragen wurde. „Keine Leute! Keine Leute!“

    Immerhin hatten ja tausende Leser inzwischen gekündigt. Irgendwann wird man des Wartens überdrüssig, wenn eine Zeitung jeden Tag nur so tut, als wollte sie.

    Lustlosigkeit kann so ansteckend sein.

    Und zumindest in diesen ganzen langweiligen Baugeschichten flackerte ab und zu ein Stück Wirklichkeit durch die Zeitung. Dann und wann in L.s Artikeln, die dann keiner mehr kürzen wollte, weil der Platz irgendwie gefüllt werden musste.

    Meist gab es dann ärgerliche Anrufe in der Anzeigenabteilung. Und eine Rüge für die Redaktion. Was dann wieder dafür sorgte, dass die nächsten Geschichten über die Baufirmen und Immobilienhaie von L. nicht gedruckt wurden. „Liest doch keiner.“

    Herr L. wusste inzwischen zumindest, dass es immer Leute gab, die sehr genau lasen und die Direktdurchwahl zum Herausgeber hatten. Oder gleich ihren Anwalt beauftragten.

    Knistern und Blubbern.

    Sie schauten den beiden Blechen mit ihrer Ladung Seelenfrieden genüsslich durch die Scheibe des Backofens zu, alle drei auf der Küchenbank, rechts die Diva, links Mascha. In der Mitte ein nur noch leicht fröstelnder L.

    „Lassen Sie euch wenigstens jetzt in Frieden?“

    „Ich glaube, es ist ihnen jetzt egal. Sie haben alles rausgeklopft, was lebendig gewesen war. Vielleicht krempeln sie es auch noch einmal um. Aber …“

    „… dir ist es auch egal …“

    „Ich nehme es mir nicht mehr so zu Herzen. Es ist egal.“

    „Aha“, sagte die Diva.

    „Das musst du wohl sagen“, sagte Mascha.

    „Muss ich nicht“, sagte L. Er könne auch über Möhrchen, Schafe oder die Träume von gestern reden. Also redeten sie. Und kamen auf Belinda zu sprechen und ihren stillen Verehrer. Den es tatsächlich gegeben hatte. Die Diva hatte ihn oft genug gesehen. Er saß immer wieder in ihren Vorstellungen und ließ riesige Blumensträuße liefern. „Für die herzlichsten Frauen der Welt.“

    Wie sah er aus?

    Unscheinbar, sagte die Diva. Vielleicht ein Russe. Er sprach mit Akzent, hatte Manieren, rauchte viel und verschaffte den beiden Sängerinnen gut bezahlte Auftritte.

    „Zu Autohauseröffnungen?“

    „Eher weniger. Firmenpartys, Empfänge. Wo Leute sich auch ein bisschen Kultur gönnten. Richtig reiche Leute, mit Kellnern im Frack und so.“

    „Am Hermannkai?“

    Ein Moment Zögern. Ja, da auch.

    „Ein Russe?“

    „Kann sein. Warum willst du das wissen? Was hat das mit Belinda zu tun?“

    „Och, nur so“, sagte Herr L. „Es kann sein, ich kenne ihn.“

    „Freund von dir?“

    Er merkte schon, dass sich ihr Ton verändert hatte. Da klang jetzt Misstrauen mit. Er hatte es geahnt.

    Aber wozu war er jetzt hier?

    „Nicht mal das. Nur ein toter kleiner Mann in einem Löwengehege. Erinnerst du dich?“

    Im Ofen spritzte und knisterte es.

    „Diese alte Geschichte? Ich glaub’s nicht. Du bindest mir einen Bären auf.“

    „Das darf er gar nicht“, mischte sich Mascha ein. Kümmerte sich aber lieber um die Pizza, damit sie nicht verbrannte und verschmorte, sondern sich in knisternde große Stücke auf großen bunten Tellern verwandelte. So ganz fassen konnte die Diva es denn doch nicht. Noch ein Toter? Warum nur?

    „Das will ich aber genau wissen, ob der das ist. Du kannst mir ja sonst was erzählen!“

    „Sagt dir der Name August Miller was?“

    Und dann war es die Diva, die nichts mehr sagte. So dass man nur die Gabeln klappern hörte und die Messer ratschen auf richtig altem Porzellan. Dem man ansah, wie liebevoll Generationen von Frauen damit umgegangen waren, auch wenn jeder Teller aus einer anderen Serie stammte. Stiefmütterchen, Veilchen, Rosen. Und so ungefähr, als L. endlich das Gefühl hatte, wieder gut durchwärmt zu sein und nicht mehr zu zittern, da sprang die Diva auf und rannte laut fluchend ins Nachbarzimmer. Die Worte, die sie verwendete, zitieren wir hier nicht. Es kamen jede Menge Tiere drin vor, das sei verraten. Eigentlich sogar ein ganzer Bauernhof.

    Nur Mascha fragte mit skeptischem Blick: „Hast du das mit Absicht gemacht?“

    Und ließ ihre dampfende Pizza stehen, um sich um die Diva zu kümmern. Da ahnte L. schon, dass der Abend noch viel länger werden würde als gedacht.

    Die komplette Geschichte zum Nachlesen.

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    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/01/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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