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Was man bei der Jagd auf Große Tiere falsch machen kann

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    LeserclubEs brauchte dann doch zwei große Tassen schwarzen, heißen, überdosierten Polizeikaffees, bis Herr L. zumindest das Gefühl hatte, dass es sein eigener Kopf war, mit dem er dachte. Und seine eigenen Augen, mit denen er den kleinen, faltigen Kommissar im Ruhestand musterte, der ihn selbst aus Augen anschaute, die ihn geradezu aufzufordern schienen, alles zu gestehen. Wenigstens alles, was er in der Nacht angestellt hatte.

    Wenigstens das mit dem sektlaunigen Anruf mitten in der Nacht.

    „Es war deutlich nach Mitternacht, junger Mann.“

    „Ach so? Tschuldigung …“

    „Sie sollten einen alten Mann nie wieder mitten in der Nacht …“

    „Tschuldigung. Aber …“

    „Es gibt keinen Grund“, sagte der Alte. „Verstehen Sie mich?“

    „Das heißt: Sie haben nichts? Gar nichts für mich?“

    „Ich hätte schon. Ein paar vorsichtige Vermutungen, wenn Sie die überhaupt hören wollen …“

    „Ich dachte …“

    „Das ist nicht gesund. Aber das wissen Sie ja …“

    „Ich dachte wirklich …“

    „Sie sind wirklich noch nicht in Form, heute Morgen. Sollten sie jetzt nicht etwas schärfer fragen? So wie ihre Kollegen da oben, diese ganzen harten Hunde, die einem Löcher in den Bauch tackern: Fragen Sie doch!“

    „Aber ich hab doch alles gefragt. Sie haben doch …“

    „Ob die hübsche Belinda schwanger war? Das war’s doch gestern Abend, oder? Und wie war das mit dem Unfall, auf der Landstraße? War das Zufall? War der Tod im Hotelzimmer Zufall? Und der Tote im Zoo, nicht wahr …“

    „Aber ich dachte …“

    „Trinken Sie Kaffee. Ruhig noch einen. Ich möchte, dass sie wach werden, Sie verdammter Träumer. Ich habe Ihnen nicht versprochen, dass es auch nur auf eine einzige Frage eine Antwort gibt. Vielleicht zu dem Toten im Zoo, diesem Herrn …“

    „Miller.“

    „Vielleicht.“

    „Was heißt hier vielleicht?“

    „Weil es bis vorgestern noch eine Akte zu dem Fall gab. Eine richtig dicke Akte. Vielleicht mit Phantombild. Vielleicht auch nicht. Aber ich denke schon. Ich war ein gründlicher Polizist, wissen Sie? Ich habe alles notiert, jeden Verdacht, jedes Fitzelchen. Auch jeden verdammten Anruf aus irgendeiner quietschfidelen Redaktion. Alles.“

    „Und das Phantombild?“

    „Sie haben da vorgestern einen kleinen Artikel veröffentlicht, stimmt’s?“

    „Ja doch. Das ist doch mein …“

    „Kann sein, junger Mann. Früher wussten Leute wie Sie noch, was sie anrichteten.“

    „Die Leser lesen es, regen sich auf …“

    „Kein Mensch regt sich auf. Oder ist bei ihnen der Chef vom Verkauf schon angerannt gekommen und hat ihnen eine Prämie verpasst, weil ihre verdammte Auflage explodiert?“

    „Na ja …“

    „Vergessen Sie es. Die Leute heute sind so abgefüttert mit Skandalen, dass es mittlerweile völlig egal ist, ob der Tote wirklich echt ist oder nur eine Filmleiche. Der kann vor ihrer Haustür liegen und es interessiert sie nicht. Vielleicht, wenn auch noch ein bisschen Sex und Mafia dabei ist. Und ein paar Ausländer …“

    „Nichts gegen …“

    „Hören Sie auf mit dem Quatsch. Muss ich Ihnen wirklich Ihren eigenen Job erklären? Kein Mensch interessiert sich wirklich für Tote. Keiner. Sie müssen schon sowas wie Blutorgie hinschmieren, damit überhaupt noch einer reagiert. Die Leute sind satt. Sie haben alles an Blut und Schrecken, was sie brauchen …“

    „Und wer, glauben Sie, liest dann noch, was wir schreiben? Arbeiten wir hier für nichts und niemanden? Sind wir überflüssig, ist es das, was Sie mir sagen wollen?“

    Nun ja, ein bisschen laut wurde Herr L. an dieser Stelle. So richtig lang war seine Nacht ja nicht gewesen. Und auch wenn er das Meiste auf der Fahrt durch die rotglühende Stadt mehr im Halbdämmer wahrgenommen hatte, geisterte es dennoch in lauter Fetzen durch sein Gehirn. Da half auch der dritte Polizistenkaffee nicht wirklich. Schon gar nicht bei dem vagen, müffligen Gefühl, das sich da eingeschlichen hatte.

    Doch der Alte blieb gelassen, beschaute sich den übernächtigten Burschen an seinem Arbeitsplatz eher mit der ernsthaften Neugier eines alten Insektensammlers, der ein besonders schönes Nachtfalterexemplar vor sich hatte. Leider nicht mehr ganz lebendig, zu Studienzwecken auf eine Nadel gespießt.

    „Ich weiß zumindest, dass all ihre nächtlichen Bekannten eifrig mitlesen. Jede Zeile und jeden versteckten Hinweis. Deswegen hab ich Sie ja gefragt: Wissen Sie noch, was Sie tun?“

    „Da wissen sie zumindest, an welcher Sache wir dran sind. Heute ruf ich noch ein paar von denen an …“

    „Das wird nichts mehr nützen.“

    „Was soll denn das heißen?“

    Dabei war L. tatsächlich aufgesprungen. Dieser selbstgerechte Alte brachte ihn auf die Palme. Was wollte der denn eigentlich?

    „Das kann ich Ihnen genau sagen. Wenn Sie die Pfütze aufgeputzt haben. Ich schätze, das ist gar nicht gut für die Tastatur.“

    Das ist die gewohnt, wollte L. schon sagen, eilte dann aber lieber doch nach trockenen Tüchern. Denn einen Hinweis, dass seine Computertastatur besonders tauch- und kaffeefest wäre, hatte er ja beim letzen Mal nicht gefunden. So dass er nun putzte und wischte und wrang, während ihm der pensionierte Kommissar erklärte, warum er schon „zu seiner Zeit“ (und glauben Sie mir, das galt auch schon in der Zeit davor) nie alles an die „vorgesetzte Stelle“ weitergab, was er wusste. Jedenfalls nicht, bevor er fertig war und den Täter mit handfesten Beweisen festnageln konnte. Nicht einen Moment früher. Denn wenn auch nur ein Fitzelchen Unklarheit blieb, „dann, junger Mann, dann rollten ganz bestimmt nicht die Köpfe im Olymp.“ Sondern die der kleinen Schnüffler, die zu viel wussten, was sie eigentlich nicht wissen sollten. „Das hab ich mir ganz schnell abgewöhnt. Und das gewöhnen Sie sich schnell ab, wenn Sie den berechtigten Verdacht haben, dass der Bursche, den Sie gerade festnageln wollen, mit den großen Ordensträgern auf Du und Du steht …“

    „Das war früher“, warf L. dazwischen.

    „Glauben Sie wirklich, dass sich das geändert hat?“

    „Was soll das verdammt noch mal heißen?“

    „Das, was ich Ihnen eben erzählt habe. Sie haben doch zugehört? Sie sind vielleicht kein großer Jäger. War ich auch nie. Aber ich habe gemerkt, wenn ich es mit ganz großen Tieren zu tun habe. Das erkennen Sie an den Spuren …“

    „Jetzt werden Sie aber romantisch.“

    „War ich schon immer. Wir wären sonst alle beide nicht in diesem Beruf gelandet …“

    „Aber ich bin kein …“

    „Sind Sie wohl. Aber Sie haben vergessen, wie man große Tiere jagt.“

    „Aber wir haben die Öffentlichkeit …“

    „Welche Öffentlichkeit? Hab ich da was verpasst? Hallo? Warum rennen Ihnen die Leute dann nicht die Bude ein?“

    „Die schreiben doch eher Leserbriefe …“

    „Haben Sie Leserbriefe gekriegt? Wirklich?“

    „Äh – nein, in diesem Fall nicht.“

    Es war still. So still, dass L. den Chef des Ressorts in seinem Kabuff telefonieren hörte. Recht aufgeregt. Wenigstens einer, dachte er.

    „Sie haben die großen Fußstapfen gesehen und wollten endlich wieder ein großes Tier fangen, stimmt’s?“

    „Aber die haben es doch verdient.“

    „Möglich. Ich weiß jedenfalls nur eins.“

    Pause. Schweigen. Telefongespräch im Kabuff.

    „Und das heißt?“

    „Dass alle Akten zu den Fällen, die wir so klamm und heimlich in aller Stille besprochen haben, fort sind. Entfernt und aus der Welt …“

    „Die wird sich jemand …“

    „Welcher Jemand?“

    So eine Ahnung hatte L. schon, wie er dastand mit kaffeetropfendem Lappen, noch immer etwas nebelig im Kopf, auch etwas neben sich, so wie man sich völlig deplaziert fühlt nach manchen zu erfüllten Nächten. Da passt dann freilich auch noch ein etwas müde aussehender Ressortchef hinein, der aus seinem Kabuff geschlurft kommt. Der irgendwie wie ein geprügeltes Schaf aussah. Gar nicht mehr so tatendurstig wie – ja, gestern noch.

    „Wärst du so freundlich, unseren Besucher …“

    „Ich war schon im Aufbrechen“, sagte der Alte. Der es damit freilich gar nicht so eilig hatte. Geruhsam knöpfte er seinen Mantel zu.

    „Aber ich …“, wollte L. ihn noch zurückhalten.

    „Machen Sie sich nichts draus. Wir können uns ein ander Mal gern über Großwildjagd unterhalten. Das ist ein aufregendes Thema. Ich weiß. Aber Ihr netter Kollege S. wird Ihnen sowieso gleich sagen, dass Sie die Finger von der Geschichte lassen sollen …“

    „Kennen wir uns?“, fragte Stacheltier, der nicht so recht zu wissen schien, wohin er den Alten sortieren sollte.

    „Sicher“, sagte der Alte. „Aber Ihren alten Chef kannte ich besser. Mit dem habe ich öfter …“

    Und dann war er fort und die beiden Zurückgebliebenen schauten sich an. „Woher kann der das wissen? Gehört der zu denen?“ Und sein Blick wanderte zur Decke, dorthin, wo die etwas geräumigeren Büros der Geschäftsleitung untergebracht waren.

    „Eigentlich nicht“, sagte Herr L. „Eher zu uns Fußlatschern. Eigentlich.“

    „Und woher …“

    „Ich hab das dumme Gefühl, dass wir was falsch gemacht haben …“

    „Wir machen keine …“

    „Ich glaub doch.“

    Und wo er schon mal beim Putzen war, wischte er auch noch den Rest der Tischplatte. Den Stapel mit Kopien, alten Zeitungsausschnitten und Notizzetteln, die er in den letzten fünf Tagen vollgeschrieben hatte, steckte er in einen Ordner, auf den er mit einem großen roten Filzstift „Katzenbilder“ schrieb. Und dann dachte er ein paar Momente darüber nach, wie sehr ein solcher Ordner die Neugier fremder Leute auf sich ziehen könnte. Dann strich er „Katzenbilder“ durch und schrieb mit dunkelblauen Filzer darüber: „Kleingartenvereine usw.“

    Und den legte er zu den Ordnern ins Regal, die er schon ganz ähnlich beschriftet hatte: „Autohäuser“, „Spendenaktionen“, „Volksfeste“, „Karneval“ …

    „Hat er sonst noch was gesagt?“

    Stachelschwein schwieg. Und das sagte genug.

    „Das heißt …“

    „Natürlich heißt es das“, knurrte Stachelschwein, den L. immer für einen Fels in der Brandung gehalten hatte. Aber der Fels hatte den Kopf eingezogen und schlurfte ohne weitere Worte zurück in sein Kabuff. Wo er sich in seinen Stuhl fallen ließ und sich in eine Salzsäule verwandelte. Zumindest ziemlich blass. So, wie einer blass aussieht, der sich nach langen Jahren des Duldens endlich auf ein richtig schönes Weihnachtsfest gefreut hatte. Und erst beim Anruf des Chefs gemerkt hatte, dass es auch ganz zum Schluss keine Geschenke geben würde.

    1. hätte sich auch nicht gewundert, wenn an diesem Tag niemand mehr in der Redaktion angerufen hätte.

    Solche Nachrichten verbreiteten sich oft viel schneller, als man es für möglich hielt.

    Aber es rief doch einer an.

    Die ganze Serie „Und was passiert jetzt …“

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