Nicht jeder Dieter ist so ein Dieter, wie wir ihn in unserem Beitrag „Dieters Leserbrief oder Wie man Kommunikation gezielt zerstört“ geschildert haben. Und mancher fühlt sich angesprochen, obwohl er gar nicht gemeint war. Aber reagiert trotzdem, so wie Dieter Krause, der tatsächlich emsig mitliest bei uns. Und auch eine dezidierte Meinung hat zu den Themen der Zeit. Und zu Medien.

Viele Leipziger, die sich mit Stadtpolitik beschäftigen, kennen ihn. Immer wieder meldet er sich mit Einwohneranfragen und Petitionen im Stadtrat zu Wort. Und wenn er uns Leserbriefe schreibt, dann umfassen sie nicht fünf Zeilen mit komischen Fragen, sondern meist mehrere Din-A-4 Seiten. Denn er begründet seine Anliegen sehr ausführlich, zitiert und erörtert.

Meist können wir darauf nicht eingehen, weil die Themen wirklich weit neben unserer Kernarbeit liegen.

„Was machen wir eigentlich mit den 50 % überflüssigen Bankangestellten, die jetzt auch die Deutsche Bank durch Computer ersetzen will (siehe Anhang)?“, fragt er zum Beispiel in seiner Reaktion auf den Dieter-Artikel. Und kommt wenig später auf ein anderes Thema, das ihn beschäftigt: „Wirtschaftliche Not, Naturkatastrophen, Krieg oder Armut werden nicht als Fluchtgründe im Sinne des internationalen Asylrechts anerkannt. Den durch Krieg oder Verfolgung vom Tode bedrohten Menschen kann jedoch auch ein zeitweiliger subsidiärer Schutz gewährt werden, das sind Flüchtlinge, die nicht um Asyl ansuchen oder nicht die internationalen oder nationalen Kriterien auf Asylgewährung erfüllen (negatives Asylverfahren), aber aus rechtlichen oder faktischen Gründen nicht abschiebbar sind“, zitiert er Wikipedia.

Und wundert sich, warum dann die Linke so auf dem Thema politische Flüchtlinge herumreitet. Tut sie das? Sie merken schon: Jetzt müsste sich einer von uns ransetzen und herausbekommen, wie die Linke und mit welchen Argumenten sie die Flüchtlingsthematik bespricht.

Ich dreh mich dann immer um und sehe: Da sitzt kein junges, gut ausgebildetes Wesen, das ich schnell mal in die Spur schicken kann. Journalismus aber lebt von „manpower“. Von echten Menschen, die entweder da sind und bezahlt werden können, wenn wir sie mit Neugier gegenüber unserer Gesellschaft beauftragen. Oder sie sind nicht da. Dann passiert ein Großteil von dem, was gefragt und erkundigt werden müsste, einfach nicht.

Übrigens ein Thema, das Dieter Krause auch anspricht. Auf seine Weise: „PS.: Wer in der Redaktion der L-IZ verfügt eigentlich über ein objektives Bewusstsein, um alle auf ihn einströmenden Fakten richtig zu beurteilen? Ich bitte da mal um Namen, damit ich das mal überprüfen kann. Vielen Dank!“

Was er halt für eine Vorstellung davon hat, wie Journalisten arbeiten und denken.

Aber es geht nicht nur ihm so. Denn was wir bei unserer Arbeit auch immer wieder reflektiert bekommen – egal, ob in Kommentaren, Leserbriefen, aus Anfragen, Foren oder Diskussionen: Die meisten Menschen haben gar keine Ahnung davon, wie Redaktionen arbeiten. Sie wissen es einfach nicht. Sie erfahren es nicht in der Schule. Und die meisten Medien erzählen auch nichts davon.

Aber alle erwarten etwas. Etwas Objektives.

Dass Redakteure ein „objektives Bewusstsein“ hätten, mit dem sie alle auf sie einströmenden Fakten beurteilen können, würde ich nie behaupten. Im Gegenteil. Meine Haltung dazu habe ich schon mehrfach formuliert. Zum Beispiel 2014 in der Besprechung des Katalogs zur Ausstellung Unter Druck. Medien und Politik“ (die Sie hoffentlich alle gesehen haben, weil sie viele Aspekte zum Medienmachen der Gegenwart gezeigt hat). Damals schrieb ich: „Aber auch das ist wichtig, sich dessen immer wieder zu vergewissern: Journalismus ist in gewisser Weise immer subjektiv, die Autoren haben ihre persönlichen Sichtweisen und Einordnungen.“

Was ich für die allerwichtigste Grundlage journalistischen Arbeitens halte. Wer sich seiner eigenen Subjektivität nicht (mehr) bewusst ist, verliert das wichtigste Instrumentarium für seine Arbeit. Ich habe das auch immer wieder mit wissenschaftlichem Arbeiten verglichen. Richtige Wissenschaftler „wissen“ nichts (und glauben tun sie erst recht nichts). Sie sind sich immer dessen bewusst, dass ihre Modelle und Theorien immer nur eine größtmögliche Annährung an das sein können, was wirklich passiert. Und sie entwickeln immer wieder neue Tests, um die eigenen Theorien infrage zu stellen. Nur das, was wirklich guten und immer wiederholbaren Tests standhält, ist ein belastbares Modell zur Erklärung der Welt.

Dasselbe gilt für das journalistische Arbeiten. Der Beobachter ist immer subjektiv. Wie also bekommt man eine Berichterstattung, die die Dinge möglichst erzählt, wie sie wahrscheinlich wirklich sind?

Das ist das, was Journalismus erst so arbeitsaufwendig macht.

Was man nicht tun sollte: Nachrichten, egal, von wem sie kommen, ungeprüft in die Vervielfältigungskanäle einzuspeisen. Selbst wenn sie noch so gut klingen. Dann erst recht nicht.

Deswegen kommen dann all die Dinge zum Tragen, die der Nutzer nicht sieht. Augenscheinlich, weil viele wirklich glauben, Journalisten seien irgendwie Leute, die objektiv sind. Sind sie nicht.

Die besseren wissen ziemlich gut, dass sie es nicht sind. Und prüfen lieber stunden- und tagelang all die Dinge, die den heutigen Newsmakern so völlig egal sind:

Wer ist die Quelle? Ist die Quelle zuverlässig? Stammt die Nachricht tatsächlich aus der angegebenen Quelle? Welche anderen seriösen Quellen bestätigen die Nachricht? Stimmen Zeit- und Ortsangaben? Sind Übersetzungen im Text? Sind diese korrekt?

Auf welchen Basissachverhalt bezieht sich die Nachricht? Gibt es dazu Dokumente, die man einsehen kann? Stimmen die verwendeten Zahlen? Und in welchem Zusammenhang stehen die Aussagen? Gibt es weitere Zeugen zum geschilderten Sachverhalt? Haben wir zu dem Thema schon vorgearbeitet? Ordnet sich die Nachricht ein oder zeigt sie Abweichungen, die nicht erklärt werden können? Woher stammen diese Abweichungen? Wer ist der Handelnde? Lässt der sich auch verifizieren? Usw.

***

Das rattert die ganze Zeit im Kopf ab. Richtig ist: Bei der Flut von Nachrichten, die täglich hereinfluten, kann man dabei verrückt werden. Denn das ist mit einer kleinen Mannschaft nicht zu schaffen. Selbst dann nicht, wenn man den Müll (90 Prozent) sofort löscht. Bleiben noch 10 Prozent relevante Stoffe. Von denen dann vielleicht 1 bis 2 Prozent überhaupt noch bearbeitet werden können. Objektiviert werden können, um das mal so aufzugreifen. Erst wenn man so viele Fakten, Daten und Quellenbestätigungen hat, dass die Geschichte in sich stimmig ist, also mit größtmöglicher Sicherheit den wirklichen Ereignissen entspricht, dann kann sie auch veröffentlicht werden.

Was dann immer noch nicht heißt, dass dann alle glücklich sind damit. Denn manchmal bedeuten die Schlussfolgerungen aus all dem durchwühlten Material auch, dass man honorigen Leuten aufzeigt: Da habt ihr Bockmist gebaut.

Dann ist aber manchmal die Hölle los, weil nicht nur einige Journalisten glauben, sie hätten die objektive Wahrheit gepachtet, sondern auch ziemlich viele Leute in Verantwortung. Man arbeitet auch immerfort gegen etwas an, was die Psychologen den Backfire-Effekt nennen. Worüber Harald Lesch in einem Youtube-Video hier sehr schön erzählt.

Auch dessen ist man sich als Journalist irgendwann bewusst: Wie sehr man andere Menschen sogar regelrecht verstört, wenn man den Dingen auf den Grund geht und tiefsitzende Überzeugungen nicht nur infrage stellt, sondern sogar zeigt, dass sie falsch sind. Im besten Fall sogar, warum.

Natürlich sind dann wir Journalisten die Doofen. Wie können wir denn infrage stellen, „was alle Leute denken“?

Aber bevor wir damit in das neue Thema hineinrutschen, halte ich einfach fest: Es ist gut, sich dessen auch als Journalist immer bewusst zu sein, dass man weder objektiv noch frei von Vorurteilen ist. Und dass es sogar richtig spannend wird, wenn man die eigenen Überzeugungen infrage stellt und Geschichten so unvoreingenommen anpackt, dass man anfangs selbst nicht weiß, welches Ergebnis man am Ende bekommt.

Nur die oben genannten Fragen müssen gestellt werden. Immer wieder. Und am Ende ist man meistens selbst überrascht, was man alles herausfinden kann.

Und wie heißt nun das objektive Gehirn in unserer Redaktion, das Dieter Krause so unbedingt kennenlernen will? Geduld heißt es, Zweifel auch, Suchen und Fragen natürlich, und letztlich: ewige Unzufriedenheit.

Die Serie „Medien machen in Fakenews-Zeiten“.

Die Frage ist ja auch, warum nicht mehr Kollegen bei der L-IZ.de anheuern können & woher die “Zeit” kommt. Hier ist ein Teil der Antwort. Werde Freikäufer.

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