LeserclubIm Rathaus liefen an diesem Tag die Telefone heiß. Das bekamen Herr L. und sein zunehmend ergrimmter Kollege S. mit, als sie immer wieder versuchten, auf einem der dortigen Telefone durchzukommen und einen der Schwergewichtigen im Amt zu erreichen. Gegen Mittag trudelten dann schon die (Eil-)Meldungen aus Rathaus und Polizei ein, die das aufgeregte Volk beruhigen sollten: Die Staatsmacht kümmere sich, man sei noch ganz am Anfang der Ermittlungen. – „Wahrscheinlich haben sie gerade Kaffee gekocht“, grunzte Kollege S.

Denn die Formeln hatte er gefressen. Dazu war er längst zu lange Tastenknecht bei dieser Zeitung – und auch schon bei ein paar anderen, wie er erzählte, wo die Scheffes genauso eifrig den amtlichen Quatsch übernahmen: ERMITTLUNGEN IM FALL KOSMOS AUFGENOMMEN!

„Da könnten wir auch gleich schreiben: ‚Haben Redaktionsräume betreten. Gedenken jetzt wieder unsere Arbeit zu machen.‘ Oder so ähnlich.“

Aber Herr L. ging auf seine bissigen Tiraden nicht ein, obwohl das manchmal köstliche Stunden füllen konnte, während sie den Sprachkompost des Tages in Kolumnen und Spalten pressten und völlige Belanglosigkeiten zu Aufregern aufpusteten, die dann morgen und übermorgen weitere Aufreger nach sich zogen, obwohl alle, die die Welt nicht nur vom heimischen Schaukelstuhl aus beschauten, genau wussten, dass die Sache sich ein, zwei, drei Mal im Kreise drehen würde, dann hätten wieder alle, die glaubten, etwas dazu sagen zu müssen, alles gesagt, und die Aufregung würde verebben mit einem leisen Pfft. Bis zum nächsten Aufreger, der sich schon finden würde.

Wobei die Sache mit dem „Kosmos“ schon von vornherein aus dem Rahmen fiel, denn mit den wütenden Leserbriefen, die jetzt ein hartes Durchgreifen der Staatsgewalt forderten, unbarmherzigste Bestrafung für die Brandstifter oder „Endlich mal eine Razzia bei den Roten Chaoten in ihrem Verbrechernest da hinten am Bahnhof“, kamen auch bald die ersten Erzählungen älterer Leute, die sich auf einmal erinnerten, wie schön es damals war, damals, als sie im Flackerlicht der Leinwand die Welt entdecken durften (und die heimlichen Kleidungsstücke ihrer Begleiterinnen), wo das „ein kleines Guckloch in die Freiheit war“, „in eine Welt, die uns hier nie und nimmer vergönnt war“.

Voller Dankbarkeit erinnerten sie sich an die nette alte Dame / den jungen blassen Mann / den bärbeißigen Kriegsversehrten / die exotische Schönheit / den Herrn, der in seiner Weste wie Louis Trenker aussah / wie Luis de Funes / wie Ernst Thälmann / wie unser alter Deutschlehrer … die alle hinter dem kleinen Fensterchen an der Kasse gesessen hatten und „uns Bengels auch noch einließen, wenn auf den Plakaten P 18 stand“, „uns Mädels immer nach dem Ausweis fragten“, „uns nie erwischten, wenn wir uns dranvorbeimogelten“ …

Allein mit diesen Briefen, in denen auch noch alte Kinoanzeigen, Eintrittskarten und alte zerlesene Programmhefte steckten, würde Kollege S. die nächsten Tage ganze Seiten füllen können. Es war, als hätten alle diese Leute erst jetzt gemerkt, wie sehr ihnen das alte Kino mit seinen knarrenden Sitzen, den düsteren Toiletten und dem unermüdlichen Gong die ganze Zeit gefehlt hatte.

Obwohl es ja die ganze Zeit dagestanden hatte, freilich mit abblätterndem Putz, nur provisorisch geflicktem Dach, mit Ketten verschlossener Tür und Aushangkästen, in denen schon lange keine Filmplakate mehr hingen, dafür schichtenweise die Wahlplakate unzähliger Wahlen mit scheinbar immer denselben optimistisch in die Linse lächelnden Herren jüngeren und mittleren Alters, seltener einer Frau, als wäre Regieren ein männliches Handwerk. Oder vielleicht auch eher eine Schiffsreise in Wetter und Sturm, bei der man immerzu lauter Unbilden begegnen musste, boshaften Gegenwinden, Wasser im Schiffsbauch oder einfach den Folgen des Tuns höherer Mächte, die alles menschliche Steuern und Rudern immer wieder zunichte machten … Oh ja.

Und auch dazu gab es Berge von Briefen, die meisten recht renitent, so wie brave Bürger nun einmal gern werden, wenn ihnen keiner beim Briefeschreiben zuschaut und sie dann hinterher Meier auf den Umschlag schrieben, wenn sie eigentlich Schulze hießen. Das war früher schon so und das war wohl auch in heutigen, eher brieflosen Zeiten so, da die braven Schulzes und Meiers sich in flackernden Netzwerken als Meiers und Schulzes ausgaben und fluchten und wetterten, wie sie es sich daheim in der Küche nie getraut hätten.

Andere Leute hätten das ganze renintente Geschreibe an die Polizei weitergeleitet, Kollege S. aber sortierte es mit stoischer Ruhe auf verschiedene Häuflein, jedes ein Stück weiter entfernt von der möglichen Gewährung auf eine teil- oder auszugsweise Veröffentlichung in der Leserbriefecke. Oder in der Spalte, mit der er seinen politischen Kommentar umrahmen wollte, in dem er mit launiger Spritzigkeit fragte, warum es die ehrenwerten Väter und Onkel dieser Stadt nun seit einer ganzen Generation nicht fertiggebracht haben, dieses Kleinod unserer Kultur vor dem endgültigen Verfall zu retten. Beim Schreiben seines Kommentars hatte er den armen, zunehmend in Nebelwolken abtauchenden Herrn L. regelrecht gequält mit kleinen, bösartigen Spitzen gegen den rundlichen Herrn Bürgermeister und den geschäftstüchtigen Herrn Stadtrat, „der doch sonst immer so eifrig ist bei intimen Gesprächen mit unseren kleinen und großen Baulöwen“ …

Herr L. hatte zwar versucht, den übermütig Gewordenen ein wenig zu bremsen in seiner Spitzigkeit, aber sowie er auch nur versuchte, die Botschaft an seinen Sprachapparat zu senden, meldete sich ein dickes wolliges Ungetüm im hinteren Teil seines Gehirns und erinnerte ihn daran, dass augenscheinlich etwas mit seinem Temperaturregler nicht stimmt.

Und dabei versuchte er ja auch noch mehrmals, irgendwie Oleg ans Telefon zu bekommen. Doch der ging genauso wenig an den Apparat wie Margarita, die bestimmt noch eine Menge mehr über diesen Abend würde erzählen können. Denn mit dem Kino war ja ihr großer Traum in Flammen aufgegangen. Und wohl nicht nur Herr L. hatte das dumme Gefühl dabei, dass da jemand mächtig nachgeholfen haben wird.

Vielleicht der berüchtigte „Feuerteufel“, mutmaßten einige Leser, die auch gleich noch die Lösung für den Fall mitlieferten, nebst dem Hinweis auf die „faule Polizei, die die Täter auch in diesem Fall nicht finden würde“. Natürlich nicht. Denn dazu waren die Machenschaften in dieser Stadt ja wohl zu bekannt, das wisse ja jeder, dass man den Leuten nicht über den Weg trauen könne. „Aber wer es ist, verrate ich nur unter vier Augen. Wenn Sie folgende Anzeige in Ihrer Zeitung veröffentlichen, verrate ich Ihnen einen Treffpunkt, an dem wir uns GARANTIERT unbelauscht über dieses Thema unterhalten können.“

„Jaja“, sagt Herr S. und sortierte diesen sachdienlichen Hinweis auf den rechten, den größten aller Stapel, den er ganz bestimmt nicht in Erwägung ziehen würde, auch nur noch eines Blicks zu würdigen. Das Häuflein ganz links war das niedrigste. Aber auch das kannte S. schon, dass die wirklich hübschen Goldstückchen nun einmal selten sind, was er L. natürlich auch noch fröhlich weit ausholend erzählte, obwohl der eindeutig eher damit zu tun hatte, sich irgendwie aufrecht im Stuhl zu halten und wenigstens den Bericht über den morgendlichen Besuch an der Villa des Abgeordneten fertigzubekommen.

Und warum Margarita nicht reagierte auf die hartnäckigen Anrufe, wurde spätestens klar, als ein freundlicher Anruf aus den Tiefen der Rathausburg sie darüber informierte, dass es jetzt bestimmt ganz erhellend wäre, mit Fotoapparat und Regenjacke zum Rathaus zu eilen. Denn auf dem Rathausplatz war Musik. So viel Musik, wie es der Polizeipräsident niemals erlaubt hätte. Wenn ihn vorher jemand gefragt hätte.

Da konnten dann auch die sachdienlichen Hinweise der Leser warten, selbst wenn es mindestens hundert waren, die sich da noch mitten in der Nacht hingesetzt haben mussten, um alles in Worte zu fassen, was ihnen jetzt auf die Zunge drängte, als sie das Traumschloss ihrer jungen Tage lichterloh in Flammen aufgehen sahen …

Auch Herr L. sprang in seinen noch immer nach Hundefell riechenden Mantel. Oder wäre gestürzt, hätte er noch stürzen können. Aber sein ewiger Besserwisser im Hinterkopf hatte schon auf Schneckentempo geschaltet und drängte ihn mit oberlehrerhafter Beharrlichkeit dazu, nicht linksherum stracks zum Rathaus zu eilen, sondern rechtsherum, heim zu seiner Mascha, um sich endlich als Mensch und Patient verwöhnen zu lassen.

Aber ein Zeilenschinder ist bockig. Wenn er wissen will, wie die Geschichte weitergeht, dann biegt er linksherum ab, schmeißt sich noch drei Mentolpastillen ein, wissend, dass die auch nichts helfen, und versucht wenigstens ein bisschen Atmosphäre zu schnuppern, auch wenn er partout nichts mehr roch, als er im nieselnden Wasser auf dem Rathausvorplatz stand neben lauter sichtlich begeisterten Leuten und direkt vor der verriegelten Rathaustür ein Lautsprecherwagen stand, aus dem nur zu bekannte Lieder gegen die Fassade mit den verschlossenen Fenstern prasselten. Die Lieder hatte er ja gestern Abend erst gehört. Nur unterbrach sich Margarita dabei nicht ständig und brüllte gegen die verschlossene Rathaustür: „Komm raus, wenn du kein Feigling bis! Zeig dich!“

Was den kleinen emsigen Zeilenschinder in seinem Kopf ein wenig aufmerken ließ. Hatte er da ein paar Spuren übersehen, die so unverhofft ins amtliche Dickicht führten? Interessiert mich nicht, sagte das dunkle Gewölle, das zunehmend alle Partien seines aufgeheizten Gehirns überwucherte. So beharrlich, dass seine Füße ganz von allein und willfährig losliefen, kehr um, Richtung Lieblingssessel, Lieblingstasse und Lieblingsmascha. Hoffend, dass heute und morgen und auch die nächsten 100 Tage niemand mehr Ansprüche an ihn und seinen armen Kopf stellen würde.

„Hab ich dich endlich, du Drecksack“, meinte noch ein flüchtig vorbeihuschender Schatten. Dann krachte ihm ein Komet ins Gesicht, ein Schmerz zuckte durch die Nase und verwundert schaute er sich zu dabei, wie er federleicht zu Boden sank. „Na so etwas? Wie kann denn so etwas passieren? Hallo?“

Aber die Verbindung war unterbrochen.

Die ganze Geschichte.

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