Ich will es gleich vorwegsagen: Dieser Text ist alles andere als objektiv. Er ist beeinflusst durch meine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Durch die Erkenntnisse, die ich im Laufe der Jahre für mich persönlich gesammelt habe und aus denen sich mein persönlicher Umgang mit dem Leben, unserer Gesellschaft und meinem Platz in ihr gefestigt haben.

Zunächst ist es wichtig, zu fragen: „Was ist Meinungsfreiheit?“ In diesem Text verstehe ich darunter: Die Freiheit, eine eigene Meinung zu einem Sachverhalt zu haben und äußern zu dürfen. Das ist ein hohes Gut.

Sie bedeutet für mich ebenso, die Freiheit zu besitzen, seine Meinung zu Themen, Sachverhalten, Personen und allem anderen nicht zu äußern. Auch, wenn es in manchen Situationen vielleicht sogar helfen könnte, kann es nicht verboten sein, eine Meinung kundzutun. Dann wäre es vorbei mit der Freiheit.

Das bedeutet, dass die Nicht-Äußerung ganz in unserer eigenen Verantwortung liegt. Ebenso in unserer Verantwortung, ja sogar in unserer Pflicht, liegt, eine Meinung, die von unserer abweicht, zu respektieren, oder zumindest zu akzeptieren. Meinungsfreiheit ist schwer, wenn man sie ernst nehmen möchte.

Heißt es doch, davon auszugehen, dass eine andere oder ein anderer genauso überzeugt ist von seinem jeweiligen Standpunkt wie ich von meinem. Ich muss meinem Gegenüber zugestehen, dass er an das glaubt, was er meint – und wenn es in meinen Ohren noch so abstrus klingt.

Natürlich, es gibt Ausnahmen, zum Beispiel, wenn eine Meinung menschenfeindlich oder demokratiefeindlich ist. Wobei ich die steile These aufstellen möchte, dass die Grenzen, in denen sich diese Begriffe befinden, auch für nahezu jede Person individuell sind.

Wie betrachte ich die Meinungen anderer? Sind sie nur wertvoll, wenn sie meinem persönlichen Wertesystem entsprechen? Wie setze ich mich mit Personen auseinander, die mich seit längerer Zeit begleiten, nun aber auf einmal eine Meinung zu einem bestimmten Thema (nennen wir es zum Beispiel Corona) an den Tag legen, die ich nicht ertragen kann? Ist es erlaubt, mich über die Meinung einer anderen Person hinwegzusetzen?

Muss ich versuchen, diese Person von meiner eigenen Meinung zu überzeugen, damit wir weiterhin miteinander umgehen können? Muss ich mich überzeugen lassen? Was bezwecke ich überhaupt in diesem expliziten Moment damit, meine Meinung zu äußern? Und beantworte ich mir diese Frage ehrlich?

Der Titel der 101. Ausgabe der LZ, seit 29. April 2022 im Handel. Foto: LZ

Meinungsfreiheit und die freie Meinungsäußerung kann schädlich sein, für die Verbindung zu anderen beispielsweise. Das heißt absolut nicht, dass sie abgeschafft gehört, niemals. Das bedeutet aber, dass wir für dieses Recht, das wir genießen, auch gewisse Pflichten wahrnehmen müssen, um das hohe Gute der Meinungsfreiheit weiterhin genießen zu dürfen.

Andernfalls schaffen wir uns selbst die Meinungsfreiheit ab. Viele Menschen, vielleicht vermehrt ältere Menschen (wobei ich dabei über keinerlei Statistiken verfüge, das ist eher ein Gefühl), trauen sich bereits jetzt in manchen Situationen nicht, ihre Meinung frei zu äußern.

Weil sie Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Auch mir ging es schon so. Nur, wie kann etwas falsch sein, wenn es doch um subjektive Wahrnehmung und Empfindung geht? Wie kann eine Meinung überhaupt falsch sein? Wie gesagt – ich bewege mich bei diesen Gedanken immer im Rahmen der Gesetzesmäßigkeit und der Achtung von Menschen und Tieren, ich möchte es hier nur nicht immer wieder explizit erwähnen.

Wobei es einen Unterschied gibt zwischen der Hemmung, die eigene Meinung zu äußern, weil man befürchtet, dafür kritisiert zu werden, und der bewussten Entscheidung, die eigene Meinung auch einmal für sich zu behalten. Meinungen sind wichtig, sie einen uns und sie fordern uns heraus. Es kann schwierig sein, sich eine Meinung über ein bestimmtes Thema zu bilden und es kann umso schwieriger sein, zu dieser Meinung dann auch zu stehen. Manchmal ist es wichtig, unsere Meinungen zu verteidigen. Es ist jedoch genauso wichtig, sie nicht als unumstößlich zu betrachten. Sie dürfen nicht zur Festung werden, hinter der man sich auch dann noch versteckt, wenn man längst nicht mehr so voller Inbrunst überzeugt ist von seinem Standpunkt.

Meinungen ändern sich, auch das ist Freiheit. Indem wir mit sofortiger Kritik an den Aussagen oder Taten anderer reagieren, nehmen wir uns diese Freiheit jedoch manchmal selbst. Hey, ist nur meine Meinung, kann ich doch wohl äußern!? Ja, aber mit welchem Mehrwert?

Meinungsäußerung scheint ab und an eine egoistische Sache zu sein, die eher die eigene Bestätigung zum Ziel hat, als die Perspektiveröffnung anderer. Und genau dann greift doch die Pflicht, darüber zu reflektieren und, salopp gesagt, einfach mal die Gusche zu halten. Es geht nicht darum, alles und jeden in Watte zu verpacken und kritische Meinungen nicht mehr zuzulassen. Doch es geht auch nicht darum, mit seiner Meinung den Satirepreis auf Twitter zu gewinnen – ohne Rücksicht auf Verluste.

Die Aussage „Das ist eben meine Meinung“ birgt ein Ende der Debatte. Das muss nicht immer schlecht sein, schließlich gibt es auch noch die Einigkeit darüber, dass man sich nicht einig ist. Eine Meinung aber ist etwas so Individuelles, dass sie zum Totschlagargument werden kann. Die Frage ist ja auch: Seit wann halten wir unsere Meinung für so unglaublich wichtig, dass wir sie der Welt nicht vorenthalten können? Brauchen wir diese Plattform der unbegrenzten Meinungen, um uns zu definieren und darzustellen?

Meinungen sind kraftvoll, sie können viel bewegen, jedoch auch in die falsche Richtung. Sie haben ebenso zerstörerische Kräfte und werden (vielleicht liegt das am Tempo unserer Zeit) des Öfteren zu schnell gefasst. Meinungen sind immer durch eigene Erfahrungen und Standpunkte geprägt, wie können sie uns also helfen? Indem wir diese Hintergrundinformationen mitliefern.

Indem wir zuhören und uns ab und an unsere Meinung verkneifen. Indem wir die Meinungen anderer behandeln wie unsere eigenen. Indem wir ehrlich und kritisch mit uns selbst sind. Indem wir unsere Pflichten wahrnehmen, genauso wie unsere Rechte.

Wie viel Meinung ist zu viel?“ erschien erstmals am 29. April 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 101 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

*Vom 3. bis 10. Mai 2022 wird es sie wieder geben, die „Woche der Meinungsfreiheit“. Mit dieser Ausgabe 101 beginnend wird sich die Leipziger Zeitung mit ersten Beispielen, wie diesem Beitrag, mit den verschiedenen Aspekten, persönlichen Sichtweisen unserer Journalistinnen und Einblicken in die eigene Arbeit befassen. Und ab 3. Mai online auf L-IZ.de.

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