Von Mehlwürmern, Räubern und Visionären: Die Leipziger Zeitreise geht weiter (2)

Achtung: In der Lützener Straße kann man wieder Mehlwürmer kaufen. Als diese Nachricht noch von Wert war, ist es westlich von Leipzig schon vorbei mit der Landromantik. Ortsteile wie Schleußig, Plagwitz, Kleinzschocher, Knauthain oder Lindenau wachsen immer näher ran an die unheimlich wachsende Großstadt direkt vor ihnen. Doch Leipziger sind diese Gemeinden im Jahr 1886 noch nicht. Sie meistern die Herausforderungen des Bevölkerungszuwachses und der Verstädterung (noch) alleine, und verschulden sich dabei auch. Und ihre Bewohner versuchen den Alltag der neuen Zeit zu meistern. Sie drängen auf einen Kinderhort, turnen an den Reckstangen der hiesigen Turnvereine, bieten Schlafplätze, Mittagsessen, ja sogar Mehlwürmer an und verfolgen die Fahndung nach brutalen Räubern, die den Großraum Leipzig in Atem halten.

Die Messestadt Leipzig ist im Jahr 1886 mit Wachsen beschäftigt. 170.340 Einwohner drängen sich auf 17,7 km². So eine Personendichte gibt es heute nicht mal bei bestem Sonnenschein im Clara-Park. Leipzig ist voll und von außen drängen immer mehr Dörfer Richtung Stadt. Gohlis, Eutritzsch, Neureudnitz, Neuschönefeld, Sellerhausen oder Thonberg werden 1890 allesamt zum Stadtgebiet gehören. Dann sind es schon 295.025 Menschen in der großen Stadt, deren Wachstumstempo Zeitgenossen unwahrscheinlich vorgekommen sein muss.

Und doch wird überall gewachsen, der Leipziger Westen wächst auch, angestoßen von diesem Rechtsanwalt namens Karl Heine, der das Sumpfgebiet bewohnbar macht, verbunden mit der großen Stadt durch die Leipziger Pferde-Eisenbahn. Hier gibt es keine Gärten wie in vielen Teilen der naheliegenden Stadt, hier gibt es viel Arbeit, viele Wohnungen und viel Elend. Das Wochenblatt für Lindenau und Plagwitz und Umgegend, das 1885 erstmals erscheint, ist voll mit Anzeigen für Schlafgänger, Eheleute bieten ihre Mittagstische feil. Kinder aus Arbeiterfamilien lungern tagsüber auf der Straße herum und es bestehen Bedenken, dass sie „moralisch verkümmern.“

Kein Wunder, dass man 1886 eine Schule in Schleußig und Plagwitz noch vergebens sucht. Erst 1891 wird das Gebäude der heutigen Leipzig International School eröffnet. Und das lag nicht daran, dass es zu wenige Kinder gab. Das Kaiserreich prosperiert auch im 16. Jahr seines Bestehens, mit fast 50.000 Personen bilden die 1 bis 15-Jährigen die größte Altersgruppe in der naheliegenden Stadt Leipzig.

Der Karl-Heine-Kanal, fertiggestellt 1864, im Jahr 2014. Foto: Marko Hofmann.

Der Karl-Heine-Kanal, fertiggestellt 1864, im Jahr 2014. Foto: Marko Hofmann.

Aber die reine Tristesse ist der Leipziger Westen auch nicht. Im Felsenkeller wird zum Parforceritt geladen, „Atleten“ stehen sich dort regelmäßig zum Boxkampf gegenüber, die Turnvereine von Plagwitz und Kleinzschocher schwingen sich tüchtig über die Geräte, ja und im Plagwitzer Rathaus wird der Fußabtreter geklaut.

Eine Reise durch diese Gegend mit den Artikeln eines Wochenblatts in der Hand, wird nie vollständige Aufklärung über alles geben. Jeder muss sich seine Geschichte selbst konstruieren, Aspekte jeweils wichten und daraus sein Geschichtsbild vom Leipziger Westen anno 1886 zimmern. Der Zeitpunkt ist dabei wahllos ausgewählt, das Hilfsmedium nicht. Die Ausgaben des Wochenblatts liegen vollständig gebunden im Stadtarchiv vor. 129 Jahre altes Zeitungspapier.

Dreimal wöchentlich erschien das „Wochenblatt“, herausgegeben und zum Großteil geschrieben von Otto Hübler: dienstags, donnerstags und sonnabends jeweils am Abend. Es blieb dabei nicht nur auf die lokalen Nachrichten beschränkt, sondern berichtete auch – wie auch immer – über den Deutschen Reichstag, ausführlich aus dem sächsischen Landtag, über Geschehnisse in Frankreich, Großbritannien, „Egypten“, die Balkanhalbinsel, Spanien oder Österreich-Ungarn.

Das Dorf Lindenau Ende des 19. Jahrhunderts. Quelle: Stadtarchiv

Das Dorf Lindenau Ende des 19. Jahrhunderts. Quelle: Stadtarchiv

Wer es heute liest, kann ganz gut in das Gebiet westlich von Leipzig abtauchen, obgleich Bilder selbstverständlich in dem Wochenblatt fehlen, damalige Straßennamen nicht mit heutigen zu verwechseln sind. Nach der Eingemeindung werden einige Straßen umbenannt. Doch jeder Leser wird bei einem Streifzug durch den heutigen Leipziger Westen ein paar Gebäude, Orte, Wege aus den Berichten wiedererkennen: die Karl-Heine-Villa etwa oder Reste der von Karl Heine maßgeblich vorangetriebenen Bahnverbindung zwischen Plagwitz und Connewitz, den Standort des damaligen Felsenkellers sowieso, die Nathanaelkirche oder den Kanal.

Die Schlagbäume zwischen Lützner und Zschocherscher Straße, an der Reisende bis 1885 ihr Chausseegeld entrichten mussten, sind verschwunden. Sie wurden damals meistbietend versteigert. Und auch die einzelnen „Dörfer“, die zum Teil schon Kleinstadtgröße überschritten hatten, verschwinden mit der Zeit ebenfalls. Sie gehen in der Großstadt Leipzig auf. 1891 werden Plagwitz, Schleußig, Lößnig, Lindenau, Kleinzschocher und Connewitz eingemeindet. Leipzig bekommt damit noch mal 64.000 Einwohner dazu und so manche Gemeinde wird ihre Schulden los, die die schnelle Entwicklung verursacht hat.

Noch mehr Zeitreise in der Artikelserie Leipzig 1914

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