Vor 130 Jahren (5): Eine Zeitreise in den Leipziger Osten des Jahres 1886

Es riecht nach Boulevard im Reudnitzer Tageblatt, denn ein gesellschaftliches Ereignis kündigt sich an. Damals wie heute mit großen Worten und ohne Quelle für die wichtigen Insiderinformationen gepriesen. Gleichzeitig steigt der Fleischverzehr, was die „lokale Schlachtsteuer“ steigen lässt. In Sellerhausen haben derweil die Bürger die Nase gestrichen voll und rufen nach mehr Transparenz des Gemeinderates. Gleichzeitig werden Erfindungen verkündet, während der Handel noch sehr stark reguliert ist. Und eine bekannte Leipziger Zeitung klopft perspektivisch an die Tür.
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„Von wohl unterrichteter Seite wird uns in bezug auf den am 13. in den ‚Deutschen Reichshallen‘ in Volksmarsdorf (in der Elisabethstraße/Anm. d. Autors) stattfindenden Maskenball die Mitteilung zuteil, daß die Damenwelt für diesmal ganz besonders großartige Anstrengungen macht in betreff der Ballkostüme, aller Voraussicht nach muß der Ball ein brillanter werden.“

Leider findet sich anschließend keine Information, wer mit wem tanzte, wer Ballkönig/in oder eines einzelnen Schuhs auf rascher Flucht verlustig geworden ist.

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Kontrolle bei der Fleischzufuhr von Gemeinden. Was heute unvorstellbar ist, ist 1886 Normalität, der Ortsteil Neustadt erhebt eine sogenannte Lokalschlachtsteuer auf hereingebrachtes Vieh, welches zum Verzehr vorgesehen ist. Und jemand muss das Geld eintreiben. Fein getrennt nach Ortsteilen übrigens, so also auch in Neustadt. „Neustadt. Als Lokalschlachtsteuer-Einnehmer für hiesigen Ort fungiert von heute ab Herr Friedrich August Hüttner, Hedwigstraße 3, 1 Treppe wohnhaft, was zur Nachachtung hiermit öffentlich bekannt gemacht wird. Neustadt b. Leipzig, den 11. Januar 1886, Der Gemeindevorstand Dietrich“

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Der Ruf nach mehr Offenheit erschallt im ausgehenden 19. Jahrhundert auch im Leipziger Osten. Der Gemeindeverein Sellerhausen ist erbost über bis heute bekannte Ausreden in Sachen Transparenz in beschließenden Zirkeln. Diese lauten verkürzt: zu teuer, interessiert doch die Bürger gar nicht und wenn doch, wird auf stur geschalten. Das wollen sich die Sellerhausener nicht mehr gefallen lassen.

1886 liest sich das so: „An den Gemeinderat in Sellerhausen. Schon vor Jahren sah sich der Gemeindeverein hierselbst veranlaßt den Gemeinderat um Wiedereinführung öffentlicher Gemeinderatssitzungen zu bitten. Diesem Gesuche wurde nicht entsprochen, vielmehr wurde in der Entgegnung angeführt, daß einesteils das nötige allgemeine Interesse hierorts nicht walte, andernteils der hierdurch verursachte Kostenpunkt als ein zu hoher zu betrachten sei. Obwohl der Gemeindeverein dies zu widerlegen und positive Vorschläge sich zu erlauben wagte, wurden die Verhandlungen doch kurzweg abgebrochen und ad acta gelegt. Die Gemeinde Sellerhausen ist durch Zuzug im rapiden Wachsen begriffen, wie auch die jüngste Volkszählung aufweist und folgert daraus, daß auch in den bestehenden kommunalen Einrichtungen einer, der Zeit angepaßten Reform im Gesamtinteresse des Gemeinderats sowie der Gemeindemitglieder stattgegeben werden.“

Klare Worte des Gemeindevereins, zumal der Schriftführer, der einst aus dem Kreis des Gemeindevorstands kam und bislang ehrenamtlich Protokoll schrieb, mittlerweile sogar bezahlt wird und Mitschriften nicht mehr veröffentlicht werden. „Daher fragt der Gemeindeverein mit Recht, was veranlaßt den Gemeinderat, den Gemeindemitgliedern die Beratungen zu verheimlichen resp. die Protokolle nicht einmal zu veröffentlichen? […] Der Gemeindeverein bittet daher unter Zurückhaltung weiterer Begründung: Der Gemeinderat wolle beschließen a) daß die Gemeinderatssitzungen öffentlich sind, b) im Falle der Verneinung aber dahin wirken zu wollen, daß bei Gemeinderats- und Schulvorstandssitzungen die Protokolle baldigst öffentlich bekanntgegeben werden.“

Ein Zustand, welcher heute in Leipzig flächendeckend gegeben ist. Auch wenn der Besucheransturm zu Gemeinde- oder Ortsteilratssitzungen ebenso ausbleibt, wie zu den monatlichen Ratsversammlungen kann doch jeder Bürger diesen beiwohnen.

Das Eckgebäude links ist das Haus Eisenbahnstraße 1. Unten im Gebäude sieht man die ,,Kaiserhallen“ mit Eck-Cafe in der ersten Etage, in der zweiten Etage das Fotoatelier ,,Brüggemann“ (später, nach dem Krieg, an der stadtauswärtigen Straßenbahnhaltestelle an der Einertstraße zu finden). Bild / Postkarte von Harald Stein

Das Eckgebäude links ist das Haus Eisenbahnstraße 1. Unten im Gebäude sieht man die ,,Kaiserhallen“ mit Eck-Cafe in der ersten Etage, in der zweiten Etage das Fotoatelier ,,Brüggemann“ (später, nach dem Krieg, an der stadtauswärtigen Straßenbahnhaltestelle an der Einertstraße zu finden). Bild / Postkarte von Harald Stein

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Auch der sächsische Erfindergeist findet meist im Kleinen statt. So auch auf dem Gebiet der Pferdefuhrwerke. „Eine für Geschirrbesitzer sehr wichtige Vorrichtung haben die Herren Dito Hiersemann, Leipzig, welcher dieselbe in den Handel bringt und Richard Taubert, Rochlitz, erfunden und sich bereits vor einiger Zeit patentieren lassen. Dieser höchst einfache und aufs sicherste funktionierende Apparat, welcher an Wage und Deichsel angebracht ist, ermöglicht dem Fahrenden durch einen einzigen Zug oder Druck die Pferde vom Wagen urplötzlich vollständig zu lösen, bietet somit große Ersparnis an Zeit und Mühe beim Aus- und Anschirren und beseitigt für die Insassen jede Gefahr beim Durchgehen und Stürzen der Pferde oder ähnlichen Unfällen.“

Sicherlich sehr nützlich, doch die Verkündung der Neuerung fällt in einer schneller werdenden Zeit in das gleiche Jahr, wie eine andere, welche das Transportwesen ganz grundsätzlich ändern wird. 1886 bringt Carl Benz den „Benz Patent-Motorwagen Nummer 1“ mit einem Verbrennungsmotor auf den Markt.

Apropos Markt, der Handel ist nicht nur in Neusellerhausen noch ein gänzlich anderer als heute. So verkündet das Reudnitzer Tageblatt Handelszeiten, die heute allesamt obsolet sind.

Das waren harte Zeiten für den Handel, alles ist stark reguliert. „Neusellerhausen. Die Sonn- Fest- und Bußtagsfeier betreffend. Der öffentliche Handel im hiesigen Ort ist, soweit nicht in §3 des Gesetzes vom 10. September 1870 Ausnahmen gestattet sind, an den Sonn-, Fest- und Bußtagen und zwar im Sommerhalbjahre vom 1. April bis Ende September während der Vormittagsstunden von ½ 9 Uhr bis ½ 11 Uhr vormittags und im Winterhalbjahre vom 1. Oktober bis Ende März in den Vormittagsstunden von 9 bis 11 Uhr, im ganzen Jahr aber in den Nachmittagsstunden von ½ 2 bis ½ 3 Uhr verboten.“

So weit so gut, aber es kommt noch dicker: „… und es sind insbesondere auch während dieser Stunden die Thüren und Fenster der Kaufs- und Gewerbeläden in der Weise vollständig geschlossen zu halten, daß ein Einblick in diese Räume von außen durchaus nicht stattfinden kann.“ Von wegen mal einen „Schaufensterbummel“ machen gehen – irgendwie alles in allem noch nicht die Konsumgesellschaft von heute.

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Manchmal ist sich jemand auch 1886 nicht so ganz sicher, ob die Information nun wirklich wichtig genug ist, um sie zu drucken, also wird direkt an die Zielgruppe adressiert. „Für Schlittschuhläufer ist die Nachricht gewiß interessant, daß die Pleiße bis nach Connewitz zugefroren und dem Verkehr übergeben ist.“. Heute wäre es durchaus eine kleine Sensation, denn dafür muss der Frost schon gehörig knacken, auch bei dem Fließgewässer, welches durch den Auwald führt und nicht grundlos den slawischen Namen für „das Sümpfe bildende Wasser“ trägt.

Doch noch ist dies keine Meldung für eine „Leipziger Zeitung“. Denn Connewitz wurde erst 1891 eingemeindet und die Leipziger Volkszeitung gab es da noch nicht. Doch nach den (siehe Teil 4) massenhaften Eingemeindungen rund um Leipzig und dem weiteren Erstarken der SPD im Rücken einer wachsenden Arbeiterschaft in der Messestadt in den Jahren um 1886 war es wohl nur eine Frage der Zeit.

Und so erschien am 29. September 1894 die erste Ausgabe der LVZ als Probenummer, mit einer Auflage von 50.000 Exemplaren, die gratis verteilt wurden. Sagt zumindest Wikipedia in einem Artikel, an dem noch viele Details zu fehlen scheinen. Maßgeblich war die Gründung jedenfalls durch die Leipziger SPD und bald von einem neuen Stil geprägt.

Ab dem 1. Oktober 1894 wurde die LVZ in der neu gegründeten Buchdruckerei und Aktiengesellschaft G. Heinisch in der Mittelstraße Nr. 7 (heute: Hans-Poeche-Straße) im damaligen und heutigen Graphischen Viertel hergestellt. Also im Osten Leipzigs, was zeigt, wie wichtig Reudnitz und Co. für Leipzig schon vor dem 20. Jahrhundert und heute waren. Die LVZ erschien übrigens anfangs in einem Umfang von 12 bis 14, mitunter auch 28 Seiten.

Die Leipziger Polizei soll, nachdem bald die Redaktionsgeschäfte in Bruno Schönlank’s (SPD) Hand lagen, registriert haben, dass es eine „geschickte Leitung der Zeitung“ gebe, die zwar „eine ungemein scharfe und aufreizende“ Sprache führe. Aber eben auch geschickt und vorsichtig gehalten sei, dass eine gerichtliche Verfolgung bis auf eine Ausnahme nicht möglich sei.

Nach Konflikten mit Karl Liebknecht bei dem bis heute als SPD-Parteizeitung erscheinenden „Vorwärts“ gilt der erste wirkliche Chefredakteur in Leipzig als der Erfinder der „sozialdemokratischen Presse“. Was letztlich bedeutete, nicht allzu offen Parteizeitung, wie der ebenfalls in Leipzig gegründete „Vorwärts“ zu sein und Informationen gleichberechtigt aufzunehmen. Der gebürtige Thüringer Schönlank verstarb mit 42 Jahren in Leipzig im Jahr 1901. Die LVZ gibt es bis heute, mit Ursprung im Leipziger Osten.

Weitere Artikel zur Zeitreise Westlich von Leipzig 1886

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