Das Untertan-Projekt: Der Untertan begegnet seinem Kaiser

Für alle LeserIn der Erinnerung ist das einer der Höhepunkte im Roman „Der Untertan“, wenn Diederich in Rom wieder die Absperrung durchbricht und versucht, dem Kaiser unter die Augen zu kommen und dabei unentwegt brüllt und den Hut schwenkt. So ähnlich wie bei der ersten „Begegnung“ in Berlin, nur dass es ihm diesmal gelingt und die beiden sich in die Augen sehen: „Diederich und sein Kaiser“.

Dass das diesem völlig aus dem Häuschen geratenen Diederich in den nächsten Tagen noch mehrmals gelingen würde und wie – das war völlig verschwunden. Ausradiert. Vielleicht gerade deshalb, weil es so unvorstellbar ist, dass sich ein Mensch mitten in seiner Hochzeitsreise, die ihn mit Guste zum Flittern nach Zürich gebracht hat, unversehens aufmacht, dem Kaiser nach Rom hinterherzureisen.

Na gut: Man kennt es von Stars der Musikszene, denen die „Fans“ und Groupies von Stadt zu Stadt nachreisen, ihnen am Absperrband zujubeln und dann vor lauter Begeisterung ohnmächtig werden, wenn sie auch nur einen Blick ihrer Helden erhaschen. Dazu braucht man wahrscheinlich eine bestimmte Veranlagung. Aber genau so verhält sich Diederich.

Und noch viel verwirrender ist, dass Guste sich das gefallen lässt. Wir wissen ja, dass Diederich eigentlich in tiefen finanziellen Kalamitäten steckt. Es ist Gustes Geld, für das sie sich jetzt mal eine Hochzeitsreise gegönnt haben. Und bloß weil Diederich in Zürich in der Zeitung liest, dass der Kaiser zu Amtsgeschäften nach Rom reist, lässt er sofort die Koffer packen und eilt mit dem nächsten Zug Richtung Rom.

Ein Wettrennen, weil ja der Kaiser auf derselben Strecke sein muss. Und in Rom stellt sich dann schnell heraus, dass er wohl sogar im selben Zug war – der Vorplatz wird abgesperrt, das gewöhnliche Volk der Reisenden wird abgedrängt. Und statt einfach bei Guste zu bleiben, lässt Diederich sie stehen und stürzt sich seinem Kaiser zu Füßen.

Und das könnte es eigentlich sein. Aber dann kommt Szene auf Szene, in denen Diederich auf das Erscheinen des Kaisers wartet, ihm in gemieteter Droschke hinterherrast, um am Ankunftsort sofort ein Häuflein Jubler um sich zu sammeln und dem Kaiser zuzujubeln. Und immer wieder kommt es zu Blickwechseln, in denen der Kaiser seinem Jubler in die Augen schaut und Heinrich Mann die beschwörende Formel vom „Kaiser und sein Untertan“ anbringen kann. Was vielleicht auch deshalb so verstört, weil er seinen Helden in diesen Szenen eigentlich in seiner ganzen Lächerlichkeit zeigt. Oder das karikiert, wofür sich Diederich so begeistert – die „nationale Sache“.

Und tatsächlich zeigt uns der Autor hier, wie schnell er seinen Helden Karriere machen ließ. Denn noch während der Tage in Rom erfährt die Welt, dass der Kaiser den Reichstag aufgelöst habe, weil die Ablehnung seiner Heeresvorlage drohe. Tatsächlich hat nicht der Kaiser den Reichstag aufgelöst, sondern der Reichskanzler Leo von Caprivi. 1893 war das, am 6. Mai.

So genau lassen sich Diederichs Flitterwochen terminieren. Auch wenn es eigentlich keine sind und man die ganze Zeit nur an die arme Guste denkt, denn während Diederich vorm Hotel des Kaisers patrouilliert oder ihm mit der Droschke nachjagt oder in der Sonnenglut ausharrt und dann in der nächsten Trattoria patriotische Reden schwingt, kommt Guste aus dem Hotel gar nicht heraus. Sie sieht nichts von Rom und kann nur am letzen Tag, wenn genauso überstürzt abgereist wird wie man ankam, ihr Bedauern äußern über die Ruinen, die sie nicht sehen durfte.

Diederich hat sich dafür mal wieder zum Helden des Boulevards gemacht, als er einen verkrachten Künstler überwältigt, der sich hinter einem Baum versteckt und versucht, eine Bombe zu schmeißen. Die Bombe entpuppt sich nachher als ein Beutel mit Zahnpulver. Aber Diederich kommt in die Zeitung – als Retter und heimlicher kaiserlicher Beamter.

Und man fasst sich die ganze Zeit an den Kopf: Da ist der Kerl in Rom und guckt es sich nicht mal an, ist völlig auf seinen Untertanen-Dienst am Kaiser fixiert. Kann es sein, dass unsere Patrioten alle so ticken? Dass sie die Welt nicht mal sehen, wenn sie hinfahren und dann besoffen in den Kneipen Deutschlandlieder singen?

Dass sie so fixiert sind im „nationalem Geist“ und im „straffen Regiment“, dass sie in ihrer patriotischen Rüstung nur noch voller Verachtung auf alle herabschauen können, die nicht mit ihnen jubeln? Oder gar respektlos sind und „durch ihre abgrundtiefe Respektlosigkeit und Unmoral nur zu wohl die Tendenzen des Umsturzes“ verraten? Weil ein „verkrachter Künstler“ Zahnpulver auf den Kaiser schmeißen wollte? Aber nur Diederich trifft, der nun nach Pfefferminze riecht.

Aber wir haben ja so eine Ahnung, dass Heinrich Mann seinen Helden ganz bewusst in diese Lage bringt und ihn sich bis übers Eichmaß besaufen lässt. Denn was ist dieser fanatische Patriotismus anderes als ein gigantisches Besäufnis? Wie viel Alkohol muss man intus haben, um derart geschwurbelte Phrasen über die „nationale Sache“ von sich zu geben? „Mit einem Ernst, der nicht ohne Drohung war, nahm Diederich für seinen Herrn und die furchtbare Macht seines Herrn die Huldigungen des Auslandes entgegen, worauf er von seinem Stuhl herabkletterte und wieder zum Weine ging.“

Als er dann erfährt, der Besuch des Kaisers in der Botschaft sei beendet, ist er sturzbesoffen und schießt „im Zickzack das Kapitol“ hinab. Den Kaiser erwischt er nicht mehr, wird dafür von den städtischen Wächtern an die Mauer gelehnt in einer Lache gefunden. Aber die ist kein Blut.

Am nächsten Tag dann die Abreise, Gustes Klage und Diederichs patriotische Begründung mit der Auflösung des Reichstags durch den Kaiser: „Der Umsturz hatte sich nicht entblödet, die Militärvorlage abzulehnen! Die Nationalgesinnten gingen für ihren Kaiser in den Kampf auf Leben und Tod!“

Tatsächlich reist Diederich mit seiner zutiefst enttäuschen Guste in 36 Stunden nur zurück ins kleine Netzig. „Damit sie sechsunddreißig Stunden Geduld hatte, mußte Diederich ihr unermüdlich die nationale Sache vorhalten.“

Arme Guste. 36 Stunden Nationalgesülze.

Man möchte lieber in Rom zurückbleiben und sich „das alte Zeug ansehen, das da rumsteht“. Komme heute mal einer auf die Idee, über Nacht schnell mal nach Rom zu fahren …

… gar mit dem Zug …

Schnell noch nachgeschaut, wann Bruder Thomas Mann seinen todesverhangenen „Tod in Venedig“ schrieb. 1911, sagt Wikipedia, veröffentlicht 1913. Aha: Der Bruderzwist geht weiter. Denn was sonst steckt hinter Heinrichs bissigem Seitenhieb auf das „alte Zeug“?

Wir blättern um.

Das „Untertan-Projekt“

Untertan-Projekt
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